Donnerstag, 27. Januar 2011

DUMME LIPPEN. Neues zur Physiognomik

Georg Christoph Lichtenberg pflegte vielseitige Interessen und dokumentierte diese in seinen heimlich geführten „Sudelbüchern“. Doch ging er auch öffentlichem Streit nicht aus dem Weg. Mit dem Schweizer Prediger Johann Christian Lavater, der berühmt wurde für seine „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“, lieferte er sich einen heftigen Disput, der in den satirischen „Fragmenten von Schwänzen“ gipfelte. Mit derselben Methode, mit der Lavater sich anheischig machte, anhand von ihm zugesandten Scherenschnitten den Charakter der Dargestellten  zu entschlüsseln, decodierte Lichtenberg in dieser Schrift die Umrissabbildungen von (Tier-) Schwänzen. (Lesen Sie das! "Fragment von Schwänzen"Hier: )

So sehr ich Lichtenberg schätze, bin ich in dieser Frage nicht ganz seiner Meinung. Die Lavatersche Methode hat zweifellos erhebliche Schwächen. Nachweislich hat er sich mehrfach fürchterlich geirrt und die ehrbarsten Menschen für Verbrecher gehalten, die scheußlichsten Menschenschinder dagegen für Zierden der Gemeinschaft. Er hatte sich verrannt, indem er behauptete, alles an der Silhouette ablesen zu können. Lavater unterschätzte, denke ich, die Bedeutung der Mimik, die er am Scherenschnitt nicht ablesen konnte. Sie erst gibt dem Gesicht den Ausdruck und verleiht ihm Charakter. Weiterhin, behaupte ich, legte Lavater ein zu großes Augenmerk auf Stirn und Augen. Doch gerade hier täuscht man sich oft. Ein schönes Augenpaar kann viel Bosheit verdecken und hinter einer hohen Stirn viel Dumpfsinn brüten. Die Lippen sind´s, sage ich. Dabei kommt es nicht drauf an, ob der Mund schmal oder breit, die Lippen aufgeworfen oder scharf geschnitten sind. Auch hier ist es vielmehr die Feinheit der Bewegung, ein reizvolles Zucken zum Beispiel – dies ganze zarte Zusammenspiel, das schließlich im fortgeschrittenen Alter auch endlich zu jenen entlarvenden Falten führt...

Man kann – bedenkt man dies alles recht – durchaus von Lavater lernen. Es gibt, bin ich überzeugt, dumme Lippen, d.h. Lippen, an denen sich die Dummheit ihrer Besitzer ablesen lässt. Nicht an ihrer Form, nicht an ihrer Farbe, sondern am unbewegten Ausdruck, der sich allenfalls zum fotogenen „Cheese“-Lächeln zu verformen mag. Träger dummer Lippen können gebildet sein, mehrere Sprachen sprechen, sich jederzeit gut benehmen, niemals bei Tisch kleckern, aus ihrem Homer zitieren. Davon soll man sich nicht täuschen lassen. Ihre Dummheit äußert sich exakt in dieser Perfektion. Sie sind, um es auf den Punkt zu bringen, dumm-dreist in ihrer skepsisfrei vorgetragenen Überzeugung richtig zu sein, am richtigen Platz und selbstverständlich immer oben auf. Sie zweifeln an nichts und leben in der besten aller Welten, nämlich ihrer. Man sollte sich vor ihnen in Acht nehmen. Sie funktionieren gut. Sie treten nach unten und müssen nach oben wenig buckeln, weil sie immer schon oben sind. Sie sind im Recht, weil sie rechts sind. Sie haben Herkunft und setzen ungeniert die Zukunft, derer, die keine Ahnenreihe vorzuweisen haben, auf Spiel. Sie haben keine Berührungsängste gegenüber Waffenhändlern, Steuerhinterziehern und Scientologen, aber sie zeigen mit dem Finger auf jeden, der nicht weiß, bei welcher Gelegenheit man den Stresemann trägt. Wir werden noch viel von ihnen hören. Träger dummer Lippen machen eine gute Figur. Und viele fallen auf sie rein.

Männlich
Weiblich
"Sehr klug, oder sehr kalt, oder sehr dumm, nie aber wahrhaft weise, nie ächt-lebendig, nie fein-empfindsam, nie zärtlich sind diejenigen, deren Gesichtszüge sich nie merkbar verändern." (V. Allgemeine Grundregel aus Lavaters Physiogonimischen Fragmenten)

Kommentare:

  1. Das sind sie, oder? Die von G.s, die beliebtesten Deutschen?

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  2. An den dummen Lippen ist was dran. Allerdings würde ich dann doch wohl eher mit Lavaters allgemeinerer Regel gehen: Unbeweglichkeit der Gesichtszüge. Intelligenz definiert sich schließlich auch über die kompetente Aufnahme von und Reaktion auf Reize. Diese äußert sich dann über die Gesichtsmuskulatur, die ja oft auch unbewusst eingesetzt wird. Allerdings kann es hier natürlich auch wieder Ausnahmen geben: der hochintelligente Poker-Spieler zum Beispiel, der die Unbeweglichkeit der Gesichtszüge durch Training perfektioniert hat.
    Der ist dann vielleicht nicht dumm, in Acht nehmen würde ich mich hier aber trotzdem....!

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  3. Nun ja, ganz ernst ist es ja nicht gemeint. ;-)

    Aber die Dummheit der Unbeweglichen besteht nicht im Gegensatz zur Intelligenz. Ihr IQ kann durchaus normal oder sogar überdurchschnittlich sein. Ihre Dummheit ist ihre zweifelsfrei Überzeugung, immer im Recht zu sein.

    Ich hätte auch schreiben können:
    Es war einmal... ein Mann Verteidigungsminister, der sich vor seine Untergebenen stellte und für ihre Fehler den Kopf hinhielt. Sein Name Georg Leber, Beruf: Maurer. Adel macht eben nicht edel. So gut wie nie. Sie können aber die Finger besser abspreizen und gepflegter lügen.

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