Dienstag, 25. Januar 2011

FREIKÖRPERKULTUR IST UNEROTISCH

Gestern gab es bei TT eine heftige Diskussion zu einer Photographie Phyllis Kiehls aus der Reihe „Einmal geübt, schon gekonnt“. Alban Nikolai Herbst, der sie durch seinen Kommentar auslöste, nimmt heute in seinem Arbeitsjournal  ausführlich Bezug darauf.

Man möchte doch bitte etwas, das als Geheimnis deklariert ist, weil man daraus den Genuß eines ungefährdeten Miteinanders und Einverständnisses zieht, hinterm Schleier belassen.“, schreibt er über die Mitdiskutanten. Und geht davon aus, diese hätten sich vor allem an den Benennungen Möse und Schamlippen, die er in seiner Interpretation des Bildes verwendete (beide, übrigens, sind im Bild nicht zu sehen), gestört.  Das weise ich zurück. Die Heftigkeit der anschließenden Debatte führe ich  – anders als Herbst – nicht auf die Interpretation des Bildes zurück, die er vorgelegt hat, sondern auf die Einleitung dieser Interpretation mit den Worten: „Es ist schon erstaunlich, wie überskniegebrochen die erotische Aggression dieses Bildes abgewehrt wird, wie geradezu verniedlichend durch Pragmatismus das eine Zentrum des hier trainierten Gehirns weggetan wird...“ 


Heute fragt  Alban Nikolai Herbst in seinem Arbeitsjournal noch einmal, welches Interesse sich hinter dem von ihm unterstellten Wunsch nach „Verschleierung“ (der Blickweise) verbergen mag. Zu diesem Bedürfnis nach der Dunkelkammer, in und aus der belichtet wird, bekenne ich mich. Es ist ein schmaler Grat, der einzuhalten ist, um sich aus diesem Bedürfnis heraus nie und nirgends mit den zensierenden Hütern der Sittlichkeit zu verbünden. 

Um diese Dialektik des „verschleierten Blicks“ noch einmal zu erklären, stelle ich hier einen Auszug  aus  „Die Zähumg des Auges“ ein, eines Textes, den ich ursprünglich für die Veranda von Michael Perkampus schrieb (der vollständige Text: hier).

(...) Der alles durchdringende Blick, die Geste, mit der überall und von allem selbstherrlich der Schleier gezogen wird, sie muss gezähmt werden. Nicht weil sie entblößt, wessen wir uns schämen müssten. Nicht weil unsere Verbrechen nicht ans Licht des Tages gezerrt werden sollen. Nicht weil wir uns verstecken wollen vor der Macht. Aber auch nicht, weil wir uns niemals schämten. Oder niemals Verbrechen begingen. Oder die Macht nicht zu fürchten hätten. Sondern weil wir Unterscheidung brauchen, weil wir keine Waren sind, die sich überall und an jeden verkaufen, weil es ohne Exklusivität keine Intimität gibt. Wenn alles zu sehen ist und alles ausgestellt wird, lohnt es sich nicht  hinzugucken.

(...) Wirklich zur Erscheinung gelangen kann für unsere Augen nur, was aus dem Dunkel ins Licht drängt, hinter dem Vorhang hervorschaut, durch die Lider blinzelt. Verschleierte Blicke. Das Ausleuchten noch des letzten Winkels bringt in Wahrheit alles zum Verschwinden. Im gleißenden Scheinwerferlicht enthüllt sich: Nichts.

(...)
Zu Tode gesiegt  hat sich der aufklärende Blick, wenn auf jedem Illustriertentitel eine laszive Halbnackte sich gut ausgeleuchtet räkelt und von den Dächern der einschlägigen Etablissements die FKK-Reklame rot leuchtet. Freikörperkultur ist unerotisch. Man sieht alles. Und es gibt nichts zu sehen. Wenn sich die Bilder im Abbild erschöpfen, entleeren sie sich. Sie müssen, um wieder Kraft zu gewinnen, zu mehr in der Lage sein, als das Reale visuell zu substituieren. Was wir sehen, sehen wir gewöhnlich nicht. Wir sehen erst, was Sinn schöpft. Der Sinn jedoch entsteht nicht im durchleuchteten Raum. Er speist sich aus der Dunkelkammer. In der belichtet wird.

Schon immer steht das Bild auch für einen Aufstand wider den moralischen Imperativ des  „Du sollst...“ Der unsichtbare Gott verbietet nicht das Schauen, sondern sich vom Geschauten ein Bild zu machen: Das Bilder-Verbot.  Er weiß, dass das Bild auch der Geist ist, der stets verneint: überdeckend, entgrenzend, Formen auflösend, tilgend, bleichend, ausradierend, schwärzend, verwüstend, schwebend. Das Bild negiert die Wirklichkeit, in dem es ein Zeigen eigener Ordnung etabliert: Es mag die Welt geben, sagt das bildgebende Auge, aber es gibt auch mein Schauen in die Welt. Durch das ich mir ein eigenes Bild mache.


Carolee Schneemann: Meat joy

Eva und die Schlange. Der Baum der Erkenntnis. Schau her. Kein Weg zurück ins Paradies. Sich sehen lassen. Und hinschauen. Hinter die Aufklärung zurück kann sich keine Frau wünschen. Denn es war der Körper der Frau, an dem das „Du sollst...“ zuvorderst ausagiert wurde. Dessen sie sich zu schämen hatte. Der entblößt wurde durch die Hand des Besitzers. Dem ein Schleier verpasst oder genommen wurde durch die Macht. Die Schönheit der Frau zur Ware degradiert. Ein Handelsobjekt, durch das der aus dem Paradies verstoßene Patriarch wieder mit seinem Gott handelseinig zu werden suchte. Dagegen: Die Schlange als Schmuckstück. Der Frau fehlt nichts. Sie ist. Im Bild. Das nur zur Erscheinung gelangen konnte durch die Aufklärung hindurch. Doch nun nichts mehr klärt: Meat joy. Meet joy. Yeah.

Das Auge zu zähmen, hatte ich versprochen. Das Auge zu zähmen, heißt nicht, sich die Welt vertraut machen. Wer zu dieser Zähmung antritt, muss sich arg hüten, nicht mit den Hütern der Sittlichkeit an einem Strang zu ziehen. Es darf nicht darum gehen, die Augen zu verbinden. Oder ihr Sichtfeld durch Scheuklappen einzuschränken.

Das Auge zu zähmen heißt vielmehr: die Welt als Unvertraute wahrnehmen. Das Geheimnis der Liebe. Blickwechsel. Die nichts durchschauen. Die nichts aufdecken. Die aber sich erkennen im schimmernden Spiegel des anderen Auges. Das fremd doch immer bleibt. Das Auge soll nicht abbilden, sondern einbilden. Die Freisetzung einer ungeheuren Kraft. Die aus dem Dienst genommen wurde, in den sie ein Jahrtausend gestellt war,  durch den aufklärerischen Impetus: mit den „Augen der Einbildungskraft“ schrieb Loyola in den „Betrachtungen über die Hölle“ sollten „die unermesslichen Feuergluten und die Seelen wie in feurigen Körpern“ gesehen werden. Was der Jesuit beschwor, um zu ängstigen und zu unterwerfen, könnten wir freisetzen, um Lust zu empfinden. Wir kämpfen an zwei Fronten: gegen die Wächter der Sittlichkeit, die unsere Einbildungskraft in Bahnen lenken wollen und gegen die Wächter der Sicherheit, die uns die Schau stehlen wollen durch ihre gleißenden Scheinwerfer, die alles durchleuchten.

„raubvogelgleich mein Herz nach Beute äugend“, schreibt Friederike Mayröcker. Das Herz sieht nicht, hatte ich in meiner Abwehr gegen das moralische Gefühl, das nur mit ihm „gut“ sehen mag, gedacht. Doch mag das Herz zum Auge werden: als beutegieriger Raubvogel.

Adlerauge, sei wachsam.

Kommentare:

  1. Sie sagen, wenn ich Sie richtig verstehe, Geheimnisse werden gemacht, ANH dagegen sagt, sie seien das, was übrig bleibt, wenn alle Schleier gelüftet sind. Aus der Erfahrung meiner Produktionsprozesse bin ich eher bei Ihrer Haltung: Arbeiten wie die angesprochene Serie stellen Aufladung/Geheimnis her. Ich bin, als Künstlerin, während ich arbeite, nicht darauf aus, ein Medium zu sein, durch das etwas geheimnisvoll Allgemeingültiges zum Ausdruck drängt - das, falls vorhanden, entsteht im Auge des Betrachers. Als Produzentin schnappe ich mir ein Stück meiner Wirklichkeit und verbildliche sie. Dabei lässt mein Filter Lücken, die Andere mit eigenen Vorstellungen auffüllen können. Das Flirren zwischen Entblößung und Verhüllung ist dabei maßgeblich für die Kraft einer solchen Arbeit.
    ANH allerdings unternahm den Versuch –auch für mich ein Moment des Zusammenzuckens – nicht das Bild ansich, sondern die für sein Empfinden laschen Reaktionen anderer mittels seiner eigenen Bildanalyse bloßzustellen. Die Enttarnung der Fotografie war dabei das Mittel zum Zweck.
    Der Diskussion hat das, wie wir wissen, nicht geschadet, es hat sie erst entfacht. Über die grundsätzliche Frage, ob Enttarnungen die Abwertung einer Arbeit bewirken können, will ich noch weiter nachdenken.

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  2. wie lange hast du in deinem leben an fkk teilgenommen, um zu dem schluss zu kommen, fkk ist langweilig, melusine ?

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  3. Es ist im Kontext zu lesen: Erotisch ist es langweilig. Zum Glück. Es ist nämlich sehr entspannend, nackt sein zu können, ohne dass es zu erotischen Spannungen kommt. Und das weiß ich aus Erfahrung - wie lange??? (Stunden, Wochen oder was? Oft genug!)

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  4. @Phyllis "Das Flirren zwischen Entblößung und Verhüllung ist dabei maßgeblich für die Kraft einer solchen Arbeit. " - ja, genau darum geht es mir. Aus meiner Perspektive (wenn Sie so wollen einer "feministischen" Kunstgeschichte) ist das auch deswegen notwendig, weil der Blick auf die Frau, wie er in Kunstwerken traditionell abgebildet wird, sich aus dem Pygmalion-Mythos speist (Oskar Bätschmann hat hierüber sehr erhellend geschrieben, ohne jedoch die geschlechtlichen Implikationen wahrzunehmen): Der Künstler erschafft sich selbst im Bild der Frau, das er schafft. Wir Frauen können diese Geschichte nicht ignorieren (um "von vorne" anzufangen), sondern müssen Wege finden, diese Bilder anzueignen und zum "Flirren" zu bringen.

    Die Frage, die Lobster gestern wegen eines männlichen Modells in Spiel brachte, ist von daher ungeheuer interessant. Weibliche Künstlerinnen (und ich vollziehe das persönlich nach) arbeiten nur selten mit/an/über männliche Körper. Es gibt ein großes Bedürfnis sich "Bilder" vom eigenen, vom weiblichen Körper zu machen. Bei männlichen Künstlern dagegen ist offenbar (von Homosexuellen wie Mapplethorpe und einigen wenigen anderen Ausnahmen abgesehen) die Lust an der Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper wenig ausgeprägt.

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  5. Mir liegt an einer Klarstellung: Ich erhielt Mails zu diesem Text, die ihn für zu "akademisch" halten, zu "intellektuell" oder - wie bei Tainted Talents formuliert wurde - zu "ambitioniert".

    Da ist was dran. Und ich werde das nicht ändern. Einerseits: Weil ich den (sehr deutschen) Affekt gegen Intellektualität nicht nur nicht teile, sondern bekämpfe. Ich bekenne also: dass ich Akademikerin + Intellektuelle und ambitioniert bin. Ganz genau!

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  6. Gut gebrüllt. Ich wäre enttäuscht, ach was, bestürzt, wattierten Sie Ihre Intellektualität zugunsten leichterer Konsumierbarkeit ab.
    Möchte übrigens betonen, dass nicht ich es war auf TT, die über Ihre ambitionierten Ausführungen klagte - nichts läge mir ferner. Im übrigen ist die "Zähmung des Auges" für mich ein Text, in dem die Akademie bei der Poesie studiert, nicht umgekehrt. Falls Sie verstehen, was ich meine. Ich kann's aber momentan nicht besser fassen.

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  7. Ich verstehe. Und es gefällt mir!

    (Die Akademie wär eh´unzufrieden mit den vielen unvollständigen Sätzen ;-)

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