Mittwoch, 26. Januar 2011

"...was hofftest du auch zu finden unter denen?..." Werner Bräunigs "Rummelplatz"

Über Werner Bräunigs Roman "RUMMELPLATZ"


Deutschland in der Nacht
„Die Nacht des zwölften zum dreizehnten Oktober schwieg in den deutschen Wäldern: ein müder Wind schlich über die Äcker, schlurfte durch die finsteren Städte des Jahres vier nach Hitler, kroch im Morgengrauen ostwärts über die Elbe, stieg über die Erzgebirgskämme, zupfte an den Transparenten, die schlaff in den Ruinen Magdeburgs hingen, ging behutsam durch die Buchenwälder des Etternberges hinab zum Standbild der beiden großen Denker und den Häusern der noch größeren Vergesser, kräuselte den Staub der Braunkohlegruben, legte sich einen Augenblick in das riesige Fahnentuch vor der Berliner Universität Unter den Linden, rieselte über die märkische Sandebene und verlor sich schließlich in den Niederungen östlich der Oder.“

Der Anspruch, den Bräunig mit diesem Einstieg erhebt, ist gewaltig. Er will nichts weniger, als in einem gigantischen Romanwerk literarisch fassen, was in jenen Jahren nach der Niederlage 1945 in beiden Deutschlands geschah. Ein Westwind bläst über die ruinierten Lande, hinweg über Weimar/Buchenwald, die Stätte der deutschen Klassik und des deutschen Verbrechens, bläht die hoffnungsfroh aufgespannten Transparente, die Erneuerung verkünden, auf in dunkler Nacht. Im nächsten Absatz welken im Morgengrauen, wenn die Schichtarbeiter in die Fabriken ziehen, die Plakate dahin. Es ist ein melancholischer Auftakt, den Bräunig wählt, der schon weiß um das Versagen und die Ängste, um die vergeblichen Hoffnungen und um die Gleichgültigkeit der vielen.

Die Wismut - Uranerzbergbau
An dem Tag, der am Ende jener Nacht im Herbst 1949 anbricht, nimmt der Steiger Hermann Fischer „die Neuen“ in Empfang, die zur Arbeit im großen Uranerzlager der DDR als dringend benötigte Hilfskräfte verpflichtet wurden. Unter ihnen sind Christian Kleinschmidt, ein Professorensohn aus Leipzig, und Peter Loose, den man im Westen wenige Jahre später einen Halbstarken genannt hätte. Fischer, Kleinschmidt, Loose – wie diese drei so unterschiedlichen Männer sich in der Wismut bewähren und an dem Staatswesen, dem sie (teils wider-)willig dienen, verzweifeln, ohne die Hoffnung aufzugeben, das erzählt Bräunig in diesem großartigen Roman. Fischer, der Älteste von ihnen, ein verdienter Parteiveteran, der im Widerstand war, ist „müde, sehr müde“ an diesem Morgen. Er kämpft gegen Bürokratie und Stumpfsinn, Gleichgültigkeit und Eigennutz, um das Beste herauszuholen aus einem jeden für den Fortschritt der Gemeinschaft, an den er gegen alle Erfahrung und Wahrscheinlichkeit glaubt, obwohl er weiß:„Das Wichtigste ist immer, was noch zu tun ist.“ Christian Kleinschmidt, als Akademikernachwuchs zum Dienst in der Wismut verdonnert, bevor er ein Studium aufnehmen darf, schleppt sich durch die ersten Tage mit  harter Arbeit, an die sein Körper nicht gewöhnt ist. Aber Christian ist zäh und trotzig; ein zurückhaltender Beobachter:  Er „hatte sich vorgenommen, nur das zu glauben, was er sah. Was er bis jetzt gesehen hatte, besagte wenig. Höchstens: Sie sind hier nicht eingerichtet auf Fisimatenten.“ Ein ganz anderer Kerl ist Peter Loose, der immer ein wenig renitent auftritt und Unterordnung hasst. Doch nötigt es Christian und Fischer Respekt ab, wie Loose gleich am Anfang furchtlos eine junge Kellnerin gegen einen übergriffigen Besoffenen und die Übermacht der Alteingesessenen handgreiflich verteidigt. Sie stellen sich aus unterschiedlichen Gründen der Knochenarbeit in der Wismut und werden durch sie geformt: „Da war der Berg, da war die Arbeit, das war alles. Prometheus war an den Felsen geschmiedet. Sisyphus wälzte den Stein bergauf. Es hatte sich nichts geändert. Es hat einer die Sprache Luthers und Shakespeares studieren wollen und hat nun keine anderen Sehnsüchte als die nach der Waschkaue, wenn sie nebeneinanderstehen und sich den Dreck abschrubben, Dreck aus rissigen Schlünden spucken, Flüche und Schleim und Gelächter. Wenn sie die Schicht in den Knochen haben und vor sich: nichts Nennenswertes.“

Der Rummel
Und einer hatte gelehrt: ´Des Körpers Arbeit befreit von der Seele Schmerz´.“ Arbeit als Weg zu Freiheit – die Kirchen und zuletzt der Nationalsozialismus hatten dies je auf ihre Weise ideologisch pervertiert, um die von ihnen Ausgebeuteten und Geknechteten noch zu verhöhnen. Doch auch der junge Staat im Aufbau, dessen Führung verspricht, die Arbeitenden selbst zu ermächtigen, hat denen zunächst nichts anderes zu bieten als tägliche Schufterei, die die Körper zerschleißt und die Geister ermüdet. Arbeit kann auch im Arbeiter- und Bauernstaat nicht genügen, damit der Mensch sich als Mensch fühlt: „Uralte Verlockung der Jahrmärkte. Locker sitzen die Fäuste in den Taschen, die Messer, die zerknüllten Hundertmarkscheine, der Rubel rollt.“ Dort treffen sie sich, die Jungen: Loose, Kleinschmidt„und ein paar andere aus ihrer Baracke.“ Sie trinken, sie suchen Kontakt zu den wenigen Mädchen im Tal, sie versuchen zu imponieren und ein bisschen Spaß zu haben. Sie tun, was junge Leute überall auf der Welt machen. Sie treiben es ein wenig zu weit, trinken zu viel, geben zu viel an, raufen zu heftig, nicht alle natürlich, Kleinschmidt bleibt nüchtern; aber Loose tut mit. Loose ist mutiger als die meisten; er hängt in der Luft, mehr noch als die anderen, drum stellt er den Rekord auf der Überschlagschaukel ein: Looping the loop. Peter Loose ist einer, der nicht Zeuge eines Unrechts sein kann, ohne sich einzumischen. Das wird ihm noch zum Verhängnis werden im neuen Deutschland und ihn ins Gefängnis bringen. Bräunig erzählt das mit viel Sympathie für Loose, der keinen Halt findet in seinem Taumel; aber es wird auch klar: einer wie Loose, eckt überall an.

Sozialistischer Sexismus
Weil die Männer im Berg mehr verdienen können, fehlen sie an den Maschinen in den Fabriken. In Bremsthal, dem Ort nahe der Wismut, gibt es seit Jahrzehnten eine Papierfabrik.  Ruth Fischer, Hermanns Tochter, arbeitet dort. Wie ihr Vater ist sie eine ruhige Beobachterin, die sieht was ist und was fehlt. Mehr als die Hälfte der Arbeiter in der Fabrik sind Frauen. Doch keine von ihnen steht an den Maschinen. Ruth Fischer steht auf bei einer der Betriebsversammlungen und spricht: „Wenn die Männer fehlen an den Maschinen, warum lernt ihr nicht Frauen an? ... Weil sie nicht wollen – aber ihr habt sie nie gefragt, weil sie nicht können – aber ihr habt es nie versucht, weil es immer so war – aber es muss nicht so bleiben; warum?“ Ein Tumult bricht aus. Am Ende bleibt Ruth allein. Sie wird geschnitten. Es sind aber nicht nur die Männer, die Ruth Fischer den Anspruch, Maschinenführerin zu werden, übel nehmen. Es sind vor allem auch die anderen Frauen. Ruth setzt sich durch, aber sie muss dafür bezahlen. Als an ihrer Maschine ohne ihr Verschulden eine Walze bricht, helfen ihr nur wenige, die meisten verhöhnen sie. Ruth fühlt sich als Versagerin und schleicht aus dem Werk, durch die Siedlung und sieht die Frauen: die Witwen beim Dorfklatsch, Frauen am Herd und an den Nähmaschinen, beim Melken und bei der Kinderversorgung, beim Einkauf und beim Putzen: „Plötzlich begriff Ruth das ganze Leben der Frauen des Wolfswinkels (...). Dieses abhängige, enge unveränderliche Leben, indem sich vom fünfundzwanzigsten, spätestens vom dreißigsten Lebensjahr an nichts, nichts mehr änderte, wenigstens nicht zum Guten hin. Indem nichts geschah, auf nichts zu hoffen war, nichts erwartet wurde. Es war ein Älterwerden und Sich-Begnügen, ein Verharren auf dem Erworbenen, dem Vergänglichen und dem Vergangenen, dem Abziehbild irgendeines Glücks. (...) Sie sah das unablässige Kommen und Gehen von Mädchen, Frauen, Müttern und Greisinnen, sah die lange, lange Kette der Tage, der Wochen und Jahre, aus denen sich nur die Sonntage abhoben und die Feiertage, und auch sie fast nur für die Männer, für die ledigen Frauen und kinderlosen; sah alte Frauen von Erinnerungen zehren und Junge Erinnerungen schaffen für das Alter, sah sie einhergehen hinter den Ereignissen, hinter dem Leben, hinter ihren Männern her, ihren Ernährern, ihren Mittelmännern zur Welt – und sie sah im Schicksal dieser Frauen ihr eigenes, festgeschmiedet wie mit Ketten an das, was immer gewesen war, durch die Jahrhunderte hin, unabwendbar, wenn nicht ein Wunder geschah, wenn nicht ein Wunder vollbracht wurde.“  Ruth Fischer ist fest entschlossen, dieses Wunder zu schaffen und sie schafft es. Doch sie verliebt sich in den Parteisekretär Nickel. Auch die Geschichte Nickels, seines Bemühens, seines guten Willens und seines Versagens hat Bräunig so präzise und einfühlsam dargestellt, dass sich jede Besserwisserei der Leserin verbietet. Dass dieser Nickel als Vertreter der Partei, die den Staat lenkt, auch als Liebender versagt, wird dabei weder zum bloßen Sinnbild von deren Irrtümern noch zum rein individuellen Charakterdefekt. Denn Nickels Liebe, die tief und ernst ist, ist nicht genug für eine wie Ruth, die in der Ehe „nicht unduldsam“ sein will, „sondern ungeduldig“: „sie wollte nicht neben ihm gehen, sondern mit ihm. Und sie verlangte von ihm ein Gleiches.“ An diesem Anspruch scheitert Nickel. Denn als er gefragt wird, ob Ruth, seine Verlobte, bereit sei, in die FDJ-Kreisleitung zu wechseln, sagt er zu, ohne sie zu fragen. Für Ruth ist dieser Verrat nicht harmlos. „Wenn aber einer nicht begreift, was das ist: Vertrauen. Wenn er nicht sieht, dass man so nicht weggehen kann, Besitzergeste, einfach verfügen, Eigentum, das es nicht gibt in der Liebe...“ Dass der Mensch nicht dem Menschen zum Eigentum werde, dieses Prinzip gilt es durchzusetzen auch im Geschlechterverhältnis. Dem Roman, der das darzustellen vermag, wurde in einer in den 60er Jahren vom Neuen Deutschland angezettelten Kampagne vorgeworfen, man empfinde ihn „seinem Gehalt nach als eine Beleidigung unserer Frauen.“ Das kann man verstehen: „unsere“ Frauen, also Frauen im Besitz von Männern, könnten sich hier in der Tat gekränkt fühlen, Frauen besitzende Männer erst recht. Das zeichnet diesen Roman – neben vielem – gerade aus; mehr noch: dass Liebesverrat einmal nicht Eifersucht erzeugt. Um in und an der Liebe zu leiden, braucht es keinen Dritten, keine Dritte. Es wird dies nur viel zu selten dargestellt, in einem ideologischen Umfeld, in dem Besitzansprüche als Liebesbeweise gelten.

Aus dem Westen nichts Neues
Bräunigs Roman stellt immer wieder parallel zum Geschehen in der Wismut dar, wie sich der „Wiederaufbau“ im Westen vollzieht. Die Leserin lernt die Hollenkamps, eine Unternehmerfamilie im Rheinland, kennen und eine Gruppe junger Journalisten, unter ihnen den jüdisch-deutsche Emigranten Lewin, der versuchsweise zurück gekehrt ist nach Deutschland. Auf unterschiedlichen Ebenen werden diese vielen Geschichten miteinander verwoben, so dass ein dichtes Gewebe entsteht. Es sind persönliche Verbindungen, aber auch wirtschaftliche, die Bräunig darstellt, Loyalitätskonflikte und politische Strategien, Opportunismus und Individualismus, Aufbruchswille und Beharrungsvermögen: eine Gemengelage von Interessen und Gefühlen, bei der man jede verstehen kann und doch nicht jeder Recht hat. Vom Westen aus wird der wirtschaftliche Aufbau im Osten torpediert. Hollenkamp senior als Vorstandsmitglied der Deutschen Papier AG ist involviert in eine Aktion, durch die alle leitenden Ingenieure und Facharbeiter der ehemalig zum Konzern gehörigen Papierfabrik in Bremsthal über Nacht in den Westen gehen, wo DM und Arbeitsplätze auf sie warten. Im Rheinland, im Umfeld der provisorischen Hauptstadt Bonn, formieren die Industriebosse ihre Lobbys und machen weiter wie bisher: „denn man hat Erbfeind Vaterland Gott, hat Freiheit Demokratie Gerechtesache, hat zu verteidigen das einzig Wahre oder denen zu bringen, die seiner nicht anders teilhaftig werden können noch wollen, also ist so ein Tod ein Tod für etwas.“ Man bereitet die Wiederbewaffnung vor. Der zurück gekehrte Emigrant Lewin findet für sich keinen Platz in diesem deutschen Land. Im anderen, allerdings, wo Fischer, Kleinschmidt und Loose sich mühen, sieht er auch keine Zukunft: „Die Demokratie eines Staates ist auch danach zu bemessen, wie viel persönliche Freiheit er seinen Bürgern einräumt, das nebenbei. Soll ich die Faust heben gegen etwas, wenn ich sehe, was dann kommt, ist auch nicht besser? Nein, das konnte nichts aufwiegen und nichts erklären, aber es war das letzte, das mitteilbar war, dahinter war jeder allein.“ Lewin verlässt Deutschland. Beide.

Bräunigs Panoramablick ist keineswegs neutral, sondern von schmerzlicher Trauer darüber erfüllt, wie überall das falsche Alte sich schon wieder eingenistet hat und seine kleinbürgerliche Gesinnung zur Norm aufschwingt im Westen wie Osten. Er zeigt, wie im Westen dieser Aufstiegswille sich schnell trefflich mit dem militärisch-industriellen Komplex, der den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden hat, verbündet. Eine industrielle Entwicklung des Ostens wird von hier aussabotiert. Auch im Osten aber ergreifen die aufstiegswilligen Kleinbürger ohne Ideale und Kompetenzen ihre Chance und erobern sich Parteiposten. Bräunig beschreibt diese Entwicklung nicht als schicksalhaft, sondern stellt ihr Figuren in den Weg, die einfach nicht aufgeben wollen, an eine andere Form gesellschaftlichen Zusammenlebens zu glauben, in der nicht der Mensch sich den Menschen unterwirft und ausbeutet. Gerne hätte man gelesen, wie sie weiterlebten in seinen Texten: Ruth Fischer und Irene Hollenkamp, Christian Kleinschmidt und Peter Loose. Die herbe Kritik, auf die sein Werk in der DDR der 60er Jahre stieß und seine Alkoholprobleme hinderten Werner Bräunig daran, das große Vorhaben zu Ende zu bringen. 


Was er schaffte und was mehr als 30 Jahre nach seinem Tod erstmals vollständig erschien, das fast 500seitige Roman-Fragment „Rummelplatz“, gehört zum Bedeutendsten, was in Deutschland nach 1945 geschrieben wurde. 


Kommentare:

  1. Und wer war 2007 noch für das Erscheinen des Romans verantwortlich? Bernd F. Lunkewitz!
    Beste Grüße
    NO

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  2. Ja, d a s hat er gut gemacht. Lesen Sie den Roman? Oder haben Sie ihn schon gelesen? Auf Ihre Eindrücke wäre ich neugierig.

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  3. figuren, die sich dem vermeintlich unabänderlichen in den weg stellen, kann es nie genug geben und wie sie es beschreiben, sind sie hier sehr gut und genau beobachtet worden. ich werde mir das buch besorgen. danke für ihre gründliche rezension.

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  4. @Elke66 Danke! Und: Ich freue mich, Ihr schönes Blog entdeckt zu haben. - Machen Sie mit bei Kerstin Steins Projekt? Sie freute sich bestimmt sehr.

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  5. Ich habe nun vor zwei Tagen den großen Roman augelesen. Sie schreiben von Bräunings melancholischen Blick, ich gebe Ihnen Recht, und möchte ergänzen dass es ein sehr genauer und liebevoller Blick ist, einer der die Widersprüche aushält. Der an so vielen unterschiedlichen Beispielen darstellt, wie der Mensch sich erschafft, durch die Arbeit und dabei an keiner Stelle wertet, nur sehr genau beobachtet.
    Ich bin sehr froh, diesen Roman gelesen zu haben, weil ich meine viel gelernt zu haben, über diese Zeit nach Kriegsende, über die Menschen, und darüber wie mühsam es ist, immer wieder genau hinzusehen, und wie lohnend trotzdem.

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  6. Ein großartiger Roman, ja. Und: dass hat mich auch am meisten berührt, dass einer hier die Widerstände aushält ohne zu verkitschen oder zu beschönigen. (Sozialistischer) Realismus, wie ich ihn mir wünsche.

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