Mittwoch, 21. Dezember 2011

WORTSCHATZ (11): Biedermann

man saget recht, mein guter freund,frembdes geld ist biedermans feind.
(Rollenhagen: Vom Reichen Mann)







Disproportionalität, Krüppelwalmdach, aufgeklebte Fenstersprossen, verdickte Gläser, Pseudoklinker, gestutzter Gefängniszaun – Unverhältnismässigkeit, Duckmäusertum, Verstellung, Angstkultur, Anpasserei – für eine halbe Million Euro kann ein Architekt Gesinnung und Haltung seines Bauherrn ausdrücken. Das ist im vorliegenden Fall auf geradezu beispielhafte Weise geschehen. 

Fakt ist, wenn man sich in der bundesdeutschen Provinz umschaut, dass dieses Haus nicht nur das abstoßende Selbstverständnis einer Schein-Elite repräsentiert, sondern auch den Wunschtraum der Volker, die sich seine Verwirklichung nur ansatzweise oder gar nicht leisten können. Die böse Allianz derer da oben mit denen da unten wird am Bau überdeutlich sichtbar.

Biedermann und Biederfrau wollen herrschaftlich vor Flachbildschirmen sitzen und kleinlich denken. Man nimmt, was man kriegen kann, und bedient sich redlich, wenn man kann. Nur die scheinheilige Empörung des Titten-BILD-Blattes ist an Widerlichkeit nicht zu überbieten. Dass der Sinn für Bedürfnisse und Bedarf, von denen her das Wort „bieder“ ursprünglich kommt, den Bedürftigen und den Besitzenden verlorengegangen ist, daran hat die Redaktion dieses Schandblattes einen unerheblichen, aber nachweisbaren Anteil.

Wulff soll Präsident bleiben. Das Volk hat ihn verdient. Man soll nehmen, wen man kriegen kann. 

Schlussfolgerung:
Bleib nicht bieder und "natürlich", sei anspruchsvoll und kunst-reich.


(meinen Söhnen gewidmet)

Kommentare:

  1. Danke! (Mein eigener Sohn findet das Haus übrigens "ganz o.k.". -Erziehungsversagen. ;-))

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  2. WOW! (das haus). fehlen eigentlich nur noch blaue dachziegel.

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  3. Nach einigen Bildbearbeitungsversuchen (old school - Buntstift) sagt meine vorläufige Analyse: Der blaue Dachziegel ist das Leopardenkunstfell-Täschchen der Einfamilienhausgestaltung. Es passt also nicht exakt zum hier vorliegenden Bauherrentyp. Er hätte das zwar gern, weiß aber schon, dass so was in "gehobenen Kreisen", in die er vordringen will, als prollig gilt. Also verzichtet er. Nicht auffallen ist die Devise. Nach unten absichern - kein extravaganter sichtbarer Luxus, nach oben low profile - erstmal schaun, was geht und ankommt.

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