Dienstag, 19. Juni 2012

"Es gibt nur gute und schlechte Literatur." HIER:


I.
kein mensch käme auf den gedanken dass gerda oder ingrid was zu sagen haben wenn sie den mund aufmachen, gerda und ingrid schweigen besser. das reden sollen sie jenen überlassen die es gelernt haben und das sind eine ganze menge. wenn gerda oder ingrid versuchen wie im fernsehen oder kino zu sprechen dann wissen sie gleich nicht weiter und müssen sich schämen. manchmal glauben gerda und ingrid dass es zwei verschiedene arten von sprache geben muss. diejenige die sie sprechen und diejenige die die anderen sprechen. die andren vom fernsehen sind fast so anders wie der herr chef oder die junge frau patrizia.

II.
Er träumte, er drehe sich in seinem Sarg um und habe trotz der vollkommenen Dunkelheit den Eindruck, dass eine Sargwand fehle. Dieser Eindruck war so stark, dass sich eine Hand zu bewegen begann und dahin tastete, wo die Wand fehlen musste. Tatsächlich, sie war nicht da. Sofort folgte, schon rascher, eine Bewegung nach oben. Der Sargdeckel war da. Aber da, wo die Wand fehlte, musste die Hand ängstlich hinaustasten. Sie spürte eine Stufe. Er musste sich hochstemmen und kam außerhalb des Sargs auf die Stufe zu liegen. Da konnte man nicht bleiben. Er rollte, ohne es zu wollen, auf der anderen Seite der Stufe abwärts und blieb lieben. Aber jetzt war klar, dass er sich in einer Halle befand, aus der man hinauskommen konnte. Daran war er interessiert. Er wusste, dass er zurück kommen würde ans Tageslicht, zu den Leuten. Und er wusste, es gab nur eine Bedingung, wenn dich ein einziger erkennt, ist es aus, für immer. Er erwachte vor Angst und dachte: das neue Leben.

III.
„Aber ich bin doch dein Mann!“ hatte er ausgerufen und sich auf das Bett gesetzt. Fallen lassen hatte er sich und im Fallen auf sie. So wie es immer gewesen war. Schon deshalb hätte sie andere Entscheidungen treffen müssen. Aber sie hatte nicht gewusst. Hatte nicht wissen können. Wie hätte sie wissen wollen. Die Kriegswaise hatte ja niemanden gehabt, der ihr diese einfache Tatsache beibringen hätte können. Und sie hätte im Traum nicht vermuten können, dass alles so einfach endete. Dass wenn einer sich auf dich fallen ließ in seinen Taten, dass er das dann auch in der Wirklichkeit am Ende tun würde.

IV.
Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass es ein Sarg ist?“ Der Teufel zuckte zusammen.  Wie satt ich das habe, dachte er. Der Teufel, den ich mir vorstelle, ist schlank und durchtrainiert, hellwach und ein wenig arrogant, kein gemütlicher Fettwanst. Der Dicke legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Unterarm. Sie war feucht. Er fühlte, wie die Wut ihn erneut übermannte. Der Teufel schwitzte. Es war einfach widerlich. „Ich bitte Sie“, flüsterte der Dicke, „Sie haben doch nicht wirklich an die Sache mit dem Fegefeuer geglaubt?“ „Was?“, schnaubte er. „Sie scheinen  anzunehmen, ich müsse gegen die Hitze immun sein.“ Es war tatsächlich grässlich warm in der Halle, wo sich die Luft zwischen den Plastikplanen staute. Hermann fühlte, wie sich auch unter seinen Achseln die Feuchtigkeit sammelte. Unwillkürlich rümpfte er die Nase. „Und jetzt?“ Er sah auf Almuth hinab. Das heißt: auf die Puppe, die Almuth glich. „Das fragen Sie mich?“ „Wen sonst?“ Der Teufel zog ein großes, weißes Taschentuch aus einer Seitentasche seiner Soutane und wischte sich die Stirn. „Es ist ihr Opfer, Hermann. Sie müssen es bringen.“ „Dann wird mein Sohn leben?“ „Was Sie so nennen.“ Hermann wandte sich scharf um. Er packte den falschen Priester am Kragen. „Was soll das heißen?“ 

V.
Also putzt Almeda ihr Haus und hilft die Kirche sauber machen, sie fasst bei Freunden mit an, die tapezieren oder eine Hochzeit vorbereiten, sie backt einen ihrer berühmten Kuchen für das Picknik in der Sonntagsschule. An einem heißen Tag im August beschließt sie, Traubengelee zu kochen. Kleine Gläser Traubengelee geben schöne Weihnachtsgeschenke ab, oder Gaben für die Kranken. Aber sie hat erst spät am Tag angefangen, und das Gelee ist bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht fertig. Sie hat sogar eben erst das heiße Fruchtfleisch in den Käseleinensack umgefüllt, um den Saft durchzuseien. Almeda trinkt ein Tässchen Tee und ist ein Stück Kuchen mit Butter (eine ihrer kindischen Naschereien), und das ist alles, was sie zum Abendbrot will.

VI.
Susan verfiel sehr rasch in eine häusliche Routine. Sie bereitete Freddy täglich ein üppiges Frühstück und überraschte ihn mit belgischen Walnusswaffeln, verlorenen Eiern und französischem Toast aus Sauerteigbrot. Wenn sie ihn dann am Omni abgesetzt hatte, kaufte sie in den Supermärkten ein, räumte das Haus auf und plante das Abendessen. Einmal gelang es ihr, einen Okeechobee-Wels aufzutreiben, den sie mit Maiskroketten briet, und dazu servierte sie Bratkartoffeln und Kohlgemüse. Freddy mochte den Wels wegen den Gräten nicht, aber was sie sonst kochte, schmeckte ihm vorzüglich. Stets krönte sie ihr Essen mit Torte oder Pastete zum Dessert, etwas Granny-Smith-Apfelkuchen mit brutzelnder Butter, braunen Zucker und Zimt. Einmal tischte sie eine gebackene Truthahnbrust auf, mit allerlei Beilagen, unter anderem Hackfleischpastete, die sie komplett selbst gebacken hatte. 

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Sechs Textauszüge: Gute und schlechte Literatur. Eine weiteres Rätsel, das aber leicht zu lösen sein sollte, weil es ja nur gute und schlechte Literatur gibt ;-).

Das Preis-Rätsel: Mann oder Frau? Autorin oder Autor? geht übrigens weiter. Noch hat keiner und keine eine richtige Antwort gegeben. Der Preis ist also noch heiß: "Fettberg" von Phyllis Kiehl. Das Buch "Politik und Macht sind nicht dasselbe" der italienischen Philosophinnen-Gruppe Diotima wird wohl keine/r gewinnen können, so wie es aussieht (Dazu muss man nicht nur richtig zuordnen, ob Mann oder Frau die Texte geschrieben hat, sondern auch die Namen der Autor_innen richtig nennen.) Ich erhöhe die Chancen ein wenig, indem ich den Preis auch auf dieses Rätsel hier übertrage: Wer mir die Namen der guten und schlechten Autor:innen der obigen Texte nennen kann (was natürlich nur ein dummes und kindisches Spiel ist, denn es ist völlig egal, wer das geschrieben hat, wichtig ist nur - genau!: Gute oder schlechte Literatur? - wird auch wahlweise mit "Fettberg" oder "Politik und Macht sind nicht dasselbe" beglückt. (Gute Literatur!)

***

Meine eigene Einschätzung will ich nicht verschweigen, leider aber ohne über das Selbstbewusstsein anderer Lesefreudiger zu verfügen, die von sich absehend, Kriterien anlegen können, die allgemeingültige Urteile erlauben:

Nr. II ist aus einem Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe, und langweilig finde. Vielleicht ist es schlechte Literatur. Bei Nr. IV bin ich mir nicht sicher. Die anderen Texte stammen aus Werken, die ich für gute Literatur halte. 

Kommentare:

  1. mmmmh !

    ich denke männlich weiblich schubladen bekomme ich verstopft, jedenfalls glaub ich eine ahnung zu haben wie männer und frauen so schreiben, oder eine ahnung von geschlechtsspezifischen stereotypen. selbst wenn ich da bestimmt nicht immer richtig liege, hab ich mir ja was dabei gedacht, warum dies eher männlich oder weiblich wirkt.

    was nun gut oder schlecht anbelangt? kann ich nichts mit anfangen. in welchem kontext denn gut oder schlecht? sind es romane, lehrbücher, sachbücher, bastelanleitungen, groschenromane? will sagen gut oder schlecht ist erstens relativ / zweitens vom kontext abhängig/ drittens kann vom inhalt abhängen/ viertens von der sprachgestaltung


    und
    so
    weiter....undsoweiter

    gut oder schlecht liegt im auge das betrachters

    die Ulysses von james joyce fand ich so langweilig, dass sie in keiner meiner listen auftaucht; es sei denn, ich eröffne mal eine liste derer; weggelegten und nichtzuende gelesenen bücher...

    würde man das als representative umfrage starten käme joyce bestimmt unter die top 50 der unbelibtesten; allerdings auch unter die 100 besten der weltliteratur.

    und das ist typisch für literatur, was gut oder schlecht ist entscheidet der leser, in seiner aktuellen befindlichkeit und aus der situation heraus...

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    1. So sehe ich es auch - auf lange Sicht, vielleicht, bleiben die Texte von Autor_innen von Bedeutung, die sehr weit an die eigenen Grenzen gegangen sind, also sehr "durchlässig" waren, sprachlich und inhaltlich, so dass sich mehr und länger und immer neue Möglichkeiten finden lassen, anzuschließen und die kulturelle und historische Distanz zu überwinden. Das könnte ein Kriterium für Qualität sein: Wie viele Spielräume eröffnet so ein Text? Aber es bleibt vage. Denn ohne Bestimmtheit, also ohne einen Bezug zu den eigenen Grenzen und Bindungen, dessen oder der, die/der schreibt, bleibt es abstrakt und verwehrt sich auf diese Weise der Durchlässigkeit. Es finden sich eigentlich immer nur Urteile aus der Bestimmtheit (Situation, kulturelle Prägung, Sozialisation) heraus: der des Autors/der Autorin und derjenigen der Lesenden. Ich habe da viel in der Theologie gelernt, wo man über die historisch-kritische Methode versucht das Potential des Textes aus seiner Entstehenssituation zu begreifen. Das ist keine plumpe Reduzierung auf die "Intentionen" der Autor_innen, aber es berücksichtigt den Produktionsprozess und die Rezeptionsgeschichte. Eine textimmanente Interpretation dagegen hat mich nie wirklich interessiert. Vor allem, wenn vorgegeben wird, der Leser/die Leserin könne den Text auf eine Weise erschließen, die von den eigenen Begrenzungen absieht. Deshalb sage ich wie du: ***Für mich*** ist das gut oder schlecht. Und ich finde es auch immer interessant, der Frage nachzugehen, warum ich welche Kriterien anlege. (Auch Langeweile ist ja eine Reaktion, der man nachgehen kann und die nicht zwingend etwas über den Text sagt, sondern auch viel über einen selbst. Ich habe mich beim Ulysees auch immer gelangweilt :-) ).

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  2. Da sich keiner traut, sein unumstößliches Verdikt über schlechte Texte zu verhängen, löse ich mal auf:

    I. Elfriede Jelinek: michael (nicht ihr stärkstes Buch, aber ein gutes)
    II.Martin Walser: Das fliehende Pferd (habe ich nicht bis ans Ende gelesen, wie keines von Walsers Bücher)
    III. Marlene Streeruwitz: Es war nicht wegen...Wie bleibe ich Feministin (dazu habe ich geschrieben: Es war nicht wegen... Tolles Buch und dabei fällt mir ein, dass ich unbedingt "Die Schmerzmacherin" lesen will, das ich schon lange auf den Kindle geladen habe.
    IV. Melusine Barby: unveröffentlichter Auszug aus "Ich küsse mein Leben in dich... Die Martenehen" :
    Ich küsse mein Leben in dich...Die Martenehen

    V. Alice Munro: Der Traum meiner Mutter (Sie ist die Beste!)
    VI. Charles Willeford: Miami (Großartig!)

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    1. Schade, zu spät entdeckt: die Jelinek hätte ich sogar noch identifizieren können. Alice Munro sagt mir erstmal gar nichts: aber sie steht jetzt auf meiner Liste der zu lesenden Bücher.

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  3. Und da fehlt mir dann eben die Begründung: Warum das beste Buch, weshalb ist Nunro die beste? Ich behaupte jetzt einfach das Gegenteil. Es ist das schlechteste Buch! Und Walsers ist das beste.

    Anhand dieser Auszüge aus Texten läßt sich nichts zeigen oder beweisen, was mit diesen Texten zu tun hat!

    Was sich an Walsers Novelle, die mich aus Gründen der Literaturhistorie interessierte, zeigen läßt, ist aber in der Tat eine Form des männlichen Schreibens, dem eine andere Sicht entgegenzustellen wäre. Was Walsers Novelle mißlingen läßt: Er kann diese Sicht nicht selber, innerhalb seines eigenen Schreibens, in ebendieser Novelle entfalten, indem er von einem anderen Pol her schreibt und perspektiviert. (ich kann mich irren, aber dies war vor rund 30 Jahren mein Eindruck beim Lesen.)

    Und um es für die Literatur provokant-maskulinistisch etwas zuzuspitzen: es gibt Bundesliga, 2. Liga, Regionalliga. Walsers Text gehört sicher nicht in die Bundesliga, so wie die meiste deutschsprachige Prosa zu dieser Zeit nicht dort hineingehörte. Doch zugleich erschöpft sich die Literatur nicht darin, indem man sie bloß einordnet: da gebe ich Dir recht.

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    1. Über Alice Munro werde ich noch schreiben, ganz bestimmt. Für mich ist sie die beste lebende Autorin.

      Mich interessiert Walser nicht mal historisch. Es ist einfach nur öde für mich gewesen. Wie eben auch eine Menge, was in die "Champions League" gehören würde, Deiner Meinung nach. Die Zeiten, in denen ich mich durch so ein Zeug selbstverleugnend gequält habe, bloß weil irgendwelche Herren das für bedeutend erklärt haben, sind zum Glück vorbei.

      Seither - Zufall oder nicht ;-)- seit ich meine Lektüre selbst nach meinem Geschmack auswähle, sind übrigens ganz nebenbei mindestens die Hälfte der Texte von Frauen, während früher, als ich mich noch von Literaturheoretikern und ihren Interessen beeinflussen ließ, 90% der Texte, die ich häufig mit großem Missvergnügen oder mit Langeweile las (bitter, bitter, nämlich bis zum Schluss) von Männern waren.

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