Mittwoch, 10. Oktober 2012

MEIN SEIN (Hoffnungslos) (Entwurf)

Ff. zu "Fabelwesen": 

"Ich muss gestehen, dass wir kaum mehr Hoffnung haben."

Er biss sich auf die Lippen. Das hatte er nicht sagen wollen. Er hatte überhaupt nichts sagen wollen, außer ein paar Floskeln. Seit zehn Minuten brachte ihn dieser sonderbare, zersauste Vogel dazu, ihm Dinge über den Zustand der Patientin anzuvertrauen, die er auf keinen Fall hatte preisgeben wollen. Wie machte dieser Kauz das? Nicht mit den Augen. Mit diesen kleinen, starren Knopfaugen, in die man nicht hineinsehen konnte, jedenfalls nicht.

Sie ist mein. Wohin habe ich sie geflogen? Ich höre ihr Kratzen mit den scharfen Krallen durch alle Ritzen. Wie nur wolltet ihr sie vor mir verbergen? Sie wird sich immer bemerkbar machen, gegen ihren Willen. Wie sonderbar, an ihren Willen zu denken, welch eigentümliche, falsche Wendung. Sie will: mein sein. Unter meiner Fittiche ihre Söhne. Ungeborene. Sie hat keinen fruchtbaren Schoß. Ich verschloss sie: mein Sein. Nur mein.

Der Doktor rieb sich die Augen. Es lag alles an der Arbeitsüberlastung. Seit der Chefarzt an Krebs erkrankt war, hatte er Überstunde um Überstunde dran gehängt. Nicht ganz uneigennützig, denn er spekulierte auf dessen Posten. Wer hätte gedacht, dass die B. noch jemals Besuch bekommen würde? Monatelang hatte sich niemand um sie gekümmert. Und diese Woche gleich zwei Interessenten. Er gluckste unhörbar. Was für ein Wort. Aber es schien ihm passend. Die B. hatte Interessenten. Nicht dass die B. käuflich gewesen wäre, jedenfalls nicht für Geld. So nicht. Aber sie war "zu haben", dachte er, in einem Sinne, der nichts zu tun hatte mit ihrem "Beziehungsstatus", wie man das heutzutage wohl nannte.

"Sie haben nicht mit uns gerechnet. Mit unserem Interesse.", sagte der schräge Vogel. Wie der auf dem Stuhl kauerte. Was für eine verhunzte Kreatur. Woran bemerkte man, dass ein Vogel alt war? Er erinnerte sich an seinen Wellensittich, dessen Federkleid im Alter verblasst und löchrig geworden war. So war der hier. Dabei noch ganz jung. Faltenfreies Gesicht. Ein junger, alter Vogel. Irgendwie unheimlich, trotz dieser Mickrigkeit. Er musste sich schütteln. Der andere nahm es offenbar als "Nein" und nickte. "Kann ich sie sehen?"

MEIN SEIN.

"Die Patientin, müssen Sie verstehen, ist nicht stabil. Nicht so, wie wir uns wünschen."

MEIN SEIN. SIE IST MEIN. 

Beinahe hätte er geschrieen. Was war das? Er hatte "Nein" schreien wollen. Dabei hatte der Vogel nur seine Frage wiederholt. "Nein.", er bemühte sich, es ruhig zu sagen. "Ich denke: Nein." Wie klang seine Stimme? Schrill? Er hatte die S. seit Tagen nicht gesehen. Seit man ihr die Zettel weggenommen hatte, war sie still. Sie wartete. Das hatte er gedacht. Wartete sie auf diesen Vogel? 

NEIN.

Im Erdgeschoss des Gebäudes krümmte sich die S. in ihrem Bett. In ihrem Unterleib trugen die Fabelwesen einen erbitterten Kampf aus. Ihre Eingeweide wurden durchlöchert. 

Der Vogel erhob sich. "Dann eben nicht." "Später. Gern. Wir melden uns bei Ihnen." Er stand auf und eilte zu Tür. Nur raus mit dem Kerl. Er wollte ihm die Hand zum Abschied geben. Aus reiner Gewohnheit. Aber das Geschöpf wandte sich ab. Schlüpfte hinaus. Der wollte nicht, dass ich seine Krallen sehe, dachte er. Was für ein Unsinn. Er schüttelte das ab.

Der alte Vogel flog davon. 

Die B. entspannte ihre Glieder und streckte sich aus.

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