Mittwoch, 9. Januar 2013

WHERE ARE WE NOW? (Mit einem Tag Verspätung: Happy Birthday, David Bowie!)

Hätte ich das gedacht? Dass David Bowie noch einmal einen Song (und vielleicht sogar ein Album?) raushaut, das mir gefällt? Ehrlich gesagt: Nein. Trotzdem hatte und hat David Bowie seinen festen Platz in der Musik- und Pop-Geschichte. Wenn der Begriff für irgendjemanden gilt, dann für ihn: lebende Ikone. Schwer sich vorzustellen, wie sich das im Alltag anfühlt. Auch der Mann muss ja mal aufs Klo. 

Als ich in die Oberstufe kam (1981) war er das schon: eine Ikone. Jener, die nicht auf den weichgespülten Charme der Hippies standen, sondern eine etwas schrillere, härtere und schrägere Gangart mochten. The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars - ich kannte später keinen, der das Album nicht hatte (d.h. jene, die es nicht hatten, kannte ich nicht). Dabei war Ziggy schon 1973 von David Robert Haywood Jones für tot erklärt worden. Heroin Heroes. (Harte Drogen probierte ich selbst nie. In mir steckt kein bisschen Selbsthass oder Masochismus.) Bowie hatte mit dem Umzug nach Berlin Abschied genommen von einer bestimmten Phase und war in eine andere eingetreten. Die Berliner Jahre wurden ein Mythos. Ich erinnere mich daran, wie mir ein aufgeregter junger Mann im Sommer 1983 ein Wohnhaus in Berlin-Schöneberg zeigte: "Da hat Bowie gewohnt. Und da Iggy Pop." Was Bowie in den 80er Jahren machte, die Disco-Platten, missfiel in "unseren" Kreisen. 

Ich lasse in meinem PUNK PYGMALION-Roman, der teilweise im Jahr 1984 spielt, den ´rough guy´ Ansgar zum Beispiel an seine geliebte Emmi schreiben: 

"Zuerst zu Bowie (weil du fragst): Ich habe seine neue LP gestern gekauft. Er hatte drei Jahre keine mehr herausgebracht. Stattdessen drehte er ein paar Filme (die kannst du vielleicht demnächst sehen)und spielte Theater. Außerdem hatte er die zwei Disco-Singles. Der Hit war natürlich: „Let´s dance“. Ein Unfall. Auch das Cover der neuen LP macht mich krank. Ich höre sie gerade und es ist DISCO. Aber nicht ganz, trotz allem steckt Bowies Energie und sein spezieller Sound drin. Er schreit nicht rum und ist wütend wie auf „Scary monsters“. (Das ist gut!) Sein Comeback war ein Hit, aber er zahlt auch den Preis dafür. Der Text ist absolut uninteressant: disco lyrics eben. Aber du musst genau hinhören: Er tarnt sich. Er hat Box-Handschuhe an. Er wird wieder kämpfen. Rebellion und Anarchy: LET´S DANCE. Also, ich rate dir: Geh in die Disco mit jemandem, den du liebst und TANZE! (mit mir natürlich!!!)."

Dieser belehrende Ton, der die Briefe Ansgars immer besonders dominiert, wenn es um Musik geht, war meiner Erinnerung nach durchaus üblich damals, wenn ein verliebter junger Mann das Mädchen seiner Wahl in "seine" Pop-Welt einführen wollte. Fast immer begann eine neue junge Liebe damit, dass einer dir eine Kasette aufnahm und viel einführenden Begleittext dazu sprach oder schrieb. Umgekehrt, glaube ich, kam das eher selten vor. Jungen hatten Plattensammlungen, die sie Mädchen zeigten. Alles Klischee. Aber so war es. Oder ich erinnere es so. Jungen erwarteten, dass Mädchen sich für das interessierten, was sie interessierte. Und fanden es schön, sie zu belehren. Aber wehe, wenn sie nicht aufmerksam war und gelehrig! Pygmalion. Ever and again. Wahr ist auch: Es gefiel mir damals (wie anderen) auf diese Weise umworben zu werden. Wenigstens für eine Weile. Dauerhaft war das keine Ebene, auf der sich eine Beziehung halten konnte. Denn für eigene Entdeckungen war in so einem Umfeld kein Platz. Was er nicht kannte, war eben irrelevant.  (Deshalb kannte er es ja nicht.) Oder er musste von einem männlichen Freund darauf hingewiesen werden. Seine Freundin jedenfalls sollte zwar nicht zu doof sein, um ihn zu verstehen, aber selbstverständlich auf keinen Fall was anderes als ihn (und seine Erklärungen der Welt) verstehen wollen. (Na ja, ganz so schlimm war es vielleicht nicht. Es war auch schön, manchmal, und leidenschaftlich. Trotzdem - kein Wunder, dass es keine dieser Beziehungen, die auf dem Pygmalion-Modell beruhten, bis zur Freundschaft geschafft hat.) 

Dem Status als Ikone, den David Bowie in den 80ern bei uns genoss, konnte die Ablehnung gegenüber den Platten, die er in diesen Jahren machte, nichts anhaben. Wie Dominique Silvestri (Goncourts Blog) auf Google + schrieb, liefen sogar hier und da "Adorno-Fans" (hihi, das ist selbst schon so schön dialektisch!) rum, die "in dialektischer Diederichsen-Manier auch die späteren, uns weniger begeisternden Bowie-Sachen" anpriesen. "Bowie sei das Chamäleon der Kulturproduktion; deswegen sei das, was langweilig sei, wichtig und interessant." So einer (mindestens einer!) fand sich offenbar Anfang bis Ende der 80er Jahre in jeder mittelgroßen westdeutschen Stadt an jedem Gymnasium. (Man verachtete diesen Typ durchaus nicht genauso wie die Genesis-Fans, aber hielt dennoch auf Abstand.) Ich habe das später dann, während des Studiums, noch öfter erlebt, dass für die Bedeutsamkeit eines Werks auch die Langweile, die es mir verursachte, als Beweis herhalten sollte. (Wenn ich darüber nachdenke, bin ich fast ein wenig stolz darauf, dass ich nicht rachsüchtig den Umkehrschluss gezogen habe: Alles "Bedeutsame" ist langweilig!)

David Bowie also hat zu seinem 66. Geburtstag dem Publikum ein Geschenk gemacht und nach 10 Jahren "Pause" eine neue Single herausgebracht. Ich habe sie erst heute früh gehört, weil ich gestern fast gar nicht im Netz war und vor allem nicht auf Twitter (wo die Nachricht offenbar hoch und runter gehypt wurde) Und siehe da: Ich finde den Song - wider Erwarten? - großartig:



Kommentare:

  1. 1981 kam ich gerade in die erste Klasse, und 1984 hatte ich mich mit der Spider Murphy Gang auseinanderzusetzen, die ich damals verachtete, aber mein Gegenvorschlag (Beethoven) fand damals wenig Widerhall. Und 1990 hörten wir die Stones und Jimi Hendrix und wünschten uns in die Sechziger zurück, bis Oasis und die Breaders diesen Wunsch aufgriffen und uns in der Gegenwart gaben, was wir wollten. Aber David Bowie war nie ein Thema in "meinen Kreisen", das war einfach indiskutabel, da gab es noch nicht mal ein Label dafür, ob das jetzt Disko ist oder nicht. Umso erstaunter bin ich jetzt, dass dieses Lied mir auch tatsächlich gut gefällt, auf Anhieb. Danke.

    (Wird es den Punk Pymalion bald als Buch geben? Ich will das lesen, aber ich kann es nicht am Bildschirm, bin Oldschooler, siehe oben....)

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    1. 10 Jahre Altersunterschied - wenn ich das richtig berechne - ich glaube, dass macht ziemlich viel aus. Gerade, was die Wahrnehmung und den Umgang mit Medien und Pop etc. ausmacht. "Wir" waren die Generation, die - zumindest aus bildungsbürgerlicher Familie (also: ich nicht) stammend - noch vor Comics gewarnt wurde, die sich mit dem Vater stritt, ob "Raumschiff Enterprise" oder die Sportschau am Samstagabend geguckt werden sollte, die Nachmittags am Wochenende ihre Lektion in Filmgeschichte durch die A- und B-Movies der Schwarzen Serie bekam, die Tarzan-Serie und eine fürchterlich durch die Stimme von Theo LIngen verhunzte Version von "Laurel und Hardy". Die sich noch an die Olympiade 1972 und die Fußball-WM 1974 erinnern kann. Solche kollektiven Erinnerungen sind prägend, denke ich. In den 80ern gab es dann schon bald Privatfernsehen, was ich aber erst in den 90ern sah, nachdem ich einen Kabelanschluss hatte - und dann wirklich schockiert war.

      Eine Schnittstelle ist jedenfalls Jimi Hendrix :-). Auch die Verachtung gegenüber Disco, die wir damals richtig pflegten, (der ganze Jahrgang war in die Leute aufgeteilt, die in die Glitzerdiscos gingen und jene, die in Poco gingen, ein Schuppen ohne Klimbim, wo Indie und Punk liefen), habe ich heutzutage überwunden. Neulich habe ich zufällig noch mal Culture Club gehört und war überrascht, dass das gar nicht so schlecht war, wie wir es damals machten.

      Rückblickend sieht es so aus, als habe es in der Indie und vor allem der PUNK-Szene auch viel Frauen- und Schwulenverachtung gegeben, die sich eben über die Abwertung von DISCO ausgedrückt haben. Oder es kommt mir jetzt so vor.

      Ich hoffe, dass es den Roman als Buch geben wird. Ja. Es dauert aber noch ein wenig. Die Version im Netz ist unvollständig (der ganze 3. Teil fehlt) und nicht überarbeitet.

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    2. Es müssen ziemlich genau 10 Jahre sein, denn mir haben sich die Fußball-WM 1982 (Horst Hrubesch) und die Olympiade 1984 (Carl Lewis, und der Boykott der Ost-Länder, nur Rumänien war dabei und räumte beim Turnen ab) auf diese Weise eingeprägt als erste kollektive Erinnerungen. Und mein Vater warnte mich nicht vor Comics, sondern drückte mir fünf Mark in die Hand fürs neue Lucky-Luke-Heft. Ich glaube, wegen dieser Entspanntheit konnte er mich später dann auch für seine Helden Beethoven, Mozart und Schubert gewinnen.

      Heute empfinde ich es vor allem als angenehm, das Thema Musik nicht mehr so ideologisch sehen zu müssen. Was ich mir anhöre, definiert nicht mehr meine Identität oder Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe. Deshalb kann ich jetzt sogar Bowie hören und im nächsten Moment wieder Bach oder die Beatles oder Chuck Berry oder John Coltrane oder Chopin oder (langsam ausfadend...)

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    3. Da werde ich ein wenig neidisch. In meinem Elternhaus gab es keine Musik oder jedenfalls keine, an die Erinnerungen habe. Die sogenannte "klassische" E-Musik habe ich erst in meinen Dreißigern entdeckt. Und in die Oper bin ich zum ersten Mal gegangen, da war ich schon über 40. Ich hatte Vorbehalte/Vorurteile, wenn man so will, einen "umgekehrten" Klassendünkel. Ich dachte in so Konzertsälen säßen "die" mit den Perlenketten und Zigarren, die auf "uns" herabsehen. Das war Unsinn! Daher kann ich aber das Gefühl der Entspanntheit sehr gut nachvollziehen, auch ich bin viel offener geworden, was Musik angeht und die Bs und Cs dort oben im Kommentar erweitern die Schnittmenge ( begonnen bei Jimi Hendrix) sehr :-). (Bach kenne ich natürlich schon aus Kinderzeit, nicht aus dem Elternhaus, sondern aus der Kirche. Dafür immerhin kann man dem Protestantismus dankbar sein.)

      (Zu Weihnachten habe ich eine CD von Gudrun Gut bekommen. Und einen Gutschein für die Oper. Verschenkt habe ich eine CD mit dem lustigen Titel BischBosch - von Scott Walker. Und der Morel und unser jüngster Sohn tauschen sich beim Abendessen über Frank Ocean aus - ja mir gefällt das gut, dieses Lockerlassen und sich nicht mehr drüber definieren müssen.)


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  2. Ganz schön streng. Es handelt sich bei Bowie um eine endogene Strenge, mit der man nur zufaelligerweise etwas zu tun hat. Derartige Zufaelle stehen herum wie Eckensteher. Sie sind von einer geradezu epischen Breite. Es koennten auch die drohenden Blicke eines Paukers aus dem 19. Jahrhunderts sein. Ja irgend etwas muss doch dran sein an diesem David Bowie, verdammt!

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