Montag, 28. Januar 2013

ZEITUNGSSUCHT (der modernen männlichen Literaten): Von Handke über Johnson zu Goetz


Ein Beitrag von Morel

Am 14. August 1969 erholt sich der Schriftsteller Peter Handke vom "abenteuerlichen Lärm in Berlin" gemeinsam mit der Kleinfamilie im heimatlichen Griffen. "Ich lese viel, vor allem Zeitungen (die Süddeutsche Zeitung kriegt man schon am gleichen Tag), die man so weit genauer und langsamer studiert," schreibt er an Siegfried Unseld. Was studiert er da? Wieso sollte ein Schriftsteller Zeitungen langsamer lesen, wenn überhaupt. Peter Handke hat in einem mir entfallenen Zusammenhang auch das Wort Zeitungssucht aufgebracht. Vor seiner langsamen Heimkehr zu einer eigenen Sprache bearbeitet er in seinen frühen Stücken und Texten sprachkritisch Formen des uneigentlichen Sprechens, des Gesprochenwerdens. Bei dieser Arbeit sind Zeitungen sicherlich hilfreich als Speicher aktueller Sprachformen, aber Werbung und politische Propaganda täten es auch. Die Zeitungssucht der Literaten geht weiter als ein wenig Kulturkritik. Nur wenige Schriftsteller (jedoch einige Schriftstellerinnen) sind in der jüngstvergangenen Moderne ganz frei von ihr. In Wittgensteins Neffe reisen die Helden dieses burlesken und gleichzeitig berührenden Prosastücks von Thomas Bernhard von Wien bis in die Schweiz, um eine Samstagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung mit einem musikkritischen Artikel zu erwerben. Einer der berühmtesten Romane der literarischen Moderne handelt nicht nur von Leopold Bloom, einem Anzeigenverkäufer, der schon zu Beginn auf der Toilette Zeitung liest: ein Kapitel besteht aus nichts anderem als kurzen Zeitungsnachrichten. Was fasziniert moderne, männliche Schriftsteller so an der Zeitung?

Konkurrenz belebt die Kunst. Zunächst einmal: sie kennen sie auch von innen, denn nur von Romanen lässt es sich schwer leben. Viele Schriftsteller schreiben im 20. Jahrhundert Kritiken, Glossen, Kommentare, seltener Reportagen für  Zeitungen oder Zeitschriften. Damit ist die Zeitung eine der wenigen gesellschaftlichen Institutionen, die ein Schriftsteller aus eigener Anschauung beschreiben kann. Aber beileibe nicht die einzige: Schule, Universität und das Militär wurden ebenso von vielen erlebt, erlitten und erschrieben. Und wenn gar nichts mehr hilft, eröffnet der seit Freud unumgängliche Familienroman den Zugang zu einer Wirklichkeit, die von fast allen beurteilt werden kann. Die Zeitung aber ist die einzige Institution, die in Konkurrenz zu einer literarischen Form, dem Roman getreten ist. Wenn dieser, wie Stendhal bemerkt hat, ein Spiegel sei, der eine Landstraße entlang spaziert, kommt die Zeitung einfach durch mehr Straßen. 

Jenseits der Schlagzeilen. Auf diese Konkurrenz reagieren Literaten entweder polemisch oder affirmativ. Karl Kraus führte Zeit seines Leben einen Kampf gegen das Zeitungsklischee - unter weitgehenden Verzicht auf ein eigenes Werk. Anders geartet ist die bewusste Abkehr von Zeitungswirklichkeiten, um unbelastet etwas Neues zu erfahren. Hier wäre natürlich der heimgekehrte Peter Handke zu nennen sowohl mit seinen Romanen als auch in seinen Versuchen die Massenmedien in Serbien vor Ort zu widerlegen. Doch auch hierfür muss er viele Zeitungen lesen und viele Journalisten beschimpfen. Trotzdem: spätestens seit Ende der 70er Jahre versucht Handke, Luhmann zu widerlegen: ""Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Zumindest über die Welt, vermutet Handke, wissen wir aus den Massenmedien gar nichts.

Die gedruckte Realität. Der andere, ebenso folgenreiche Umgang mit der Beschreibungskonkurrenz durch die Zeitung ist affirmativ. Hier gibt es zwei Spielarten: eine eher naive Affirmation, wie sie zum Beispiel Tom Wolfe und seine deutschen Adepten vertreten. Journalismus ist für sie die bestmögliche Wirklichkeitsbeschreibung, weil nur er mit der blöden Innerlichkeit Schluss macht und auch andere mal zu Wort kommen lässt. Schön wär's und manchmal wird aus diesem Ideal auch Realität. Aber in der Regel endet man auf diesem Weg bei der nun wieder in allen Zeitungen abgefeierten Form von selbstbewusster Dummheit, wie sie gerade für Tom Wolfe typisch ist: meine Klischees sind so wirklich wie mein Weltbild verengt.

Die Zeitung vom nächsten Tag. Vielversprechender ist die kritisch-affirmative Aneignung der Zeitung für den Roman. Der beste deutsche Roman nach 1945 heißt Jahrestage und jedes Kapitel dieses Roman handelt von einem Tag aus dem Leben von Gesine Crespahl in New York. An den meisten dieser Tagen liest sie Zeitung, die New York Times. Manchmal erinnert sie sich an eine Kindheit im Krieg, im Kontrast dazu: die Kindheit ihrer Tochter in New York. Und dazwischen soviel Alltag und Lebenswirklichkeit wie in keinem anderen Roman dieser Jahre. Was soll die Zeitung in diesem Roman, in dem sich Familien- und politische Geschichte spiegeln. Johnson ist sicherlich näher bei Luhmann als Handke. Für ihn ist Gesine Crespahl nicht außerhalb ihrer Zeit zu verstehen. Was in den Zeitungen steht, in einer Sprache, die ihrem von Deutschland geprägten Bewusstsein fremd bleiben muss, kehrt als unerwartetes Ereignis zurück in ihre Biografie. Der Roman endet an einem Ostseestrand am Vorabend des Einmarschs der russischen Truppen nach Prag. Gesine Crespahl sollte im Auftrag ihrer Bank mit der Dubcek-Regierung über einen Kredit verhandeln. Indem er die Innerlichkeit, die Erinnerungen und oft nur angedeuteten Gefühle seiner Hauptfigur dem Kältestrom der Zeitungsnachrichten aussetzt, zeigt Johnson, was dem traditionellen Roman fehlt: die Unabgeschlossenheit des Zeitungsromans, der jeden Tag ein neues Kapitel schreibt. Die Zeitung ist hier nicht der bessere Roman, sondern das, was ihn irritiert.

Die Feier des Jetzt. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts muss ein junger Mann in bayerischen Biergärten gesessen haben, in der Hand einen der Bände von Johnsons Jahrestagen. Rainald Goetz ist der größte Zeitungsjunkie unter Deutschlands Schriftstellern, eine Abhängigkeit, die er wie ein Stigma ausstellt. In seiner Humboldt-Vorlesung waren nicht nur Zeitungsfotos im Stile Warhols (Guttenberg, Amy Winehouse, Charlotte Roche), sondern auch der Kassenzettel über die vielen Presserzeugnisse zu sehen, die trotz Internet noch tagtäglich in gedruckter Form gekauft werden müssen. Wie Johnson, der seinen Roman mit Hilfen von Zeitungsarchiven und von Rudolf Augstein großzügig zur Verfügung gestellten Jahrgangsbänden des Spiegels schrieb, ist die Prosa von Goetz ohne täglichen Zeitungskonsum kaum denkbar. Dabei gibt es genug Äußerungen, in denen er die Zeitung als besseren Roman feiert. Und so wie Johnson, sich bei Augstein einmal sogar als Journalist bewarb, war Goetz mehrfach für Zeitschriften wie Tempo oder Vanity Fair als Reporter unterwegs. Nur lesen sich seine Romane nun gar nicht so wie die Gebrauchsprosa eines Tom Wolfe. Es ist weniger die Sprache, die Goetz an der Zeitung fasziniert, sondern ihre Aktualität. Denn anders als Johnson oder Handke geht es in Irre, Kontrolliert und auch in der Rückkehr zum Roman namens Johann Holtrop niemals nie um die Vergangenheit, sondern immer um Momentaufnahmen. Das Schreiben steht zwar notwendigerweise im Zeichen des Saturns und kommt melancholisch zu spät. Die Zeitung ist für Goetz eine anti-melancholische Medizin, nicht interessant als Chronik der Zeit, sondern als Aufzeichnung von Gegenwart, die dem Schreiber in seiner Klause entgehen muss. Es geht seriell um die Aufzeichnung von Gegenwarten, die auch in ihrer Aneinanderreihung keine stabile Vergangenheit ausbilden. Manchmal als Aufzeichnung des laufenden Schwachsinns (1989) oder Dokument unserer Debilität (der Wirtschaftsseiten-Jargon in Johann Holtrop). Logisch müsste eigentlich das Internet noch viel besser der Ästhetik von Goetz entsprechen, da es Minuten- und Sekundenprotokolle ermöglicht. Wer aber suchtartig auf Neuheiten wartet, wird durch das Internet zum Fall für die Krankenkasse: der tägliche Nachrichtendruck ermöglicht immerhin eine tägliche Reflexionspause. Das ist im kontinuierlichen Nachrichtenstrom des Internet vorbei. Hier wechseln sich Aktion und Reaktion jedesmal ab, wenn wir auf "erneuern" klicken. Daher bleibt Goetz dem gedruckten Wort treu, auch wenn es ihm nicht heilig ist: als einzige Möglichkeit, die eigene Sucht nach Zeitung zu regulieren. In seinen Internetexperimenten Abfall für alle und Klage blieb die Kommentarfunktion folgerichtig ausgeschaltet. Zeitungen und Fernsehen irritieren die Literatur von Goetz, aber nur als Aufzeichnung werden sie produktiv. Soziale Medien dagegen sind für diesen Mönch der Mediengesellschaft die Hölle.

Kommentare:

  1. I recall that when I visited Handke in Berlin in 1969 to discuss my translation of KASPAR and picked him up at the rather somber apartment he had rented from some prince at the Uhland Strasse the apartment was noticeabley full of stacks upon stacks of newspapers. There is that one volume of fond poetry that derives from his then pre-occupation and one or the other text in INNENWELT.

    As to Uwe Johnson's JAHRESTAGE, I value Johnson's first three novels MUTMASSUNGEN, ACHIM, ZWEI ANSICHTEN as nothing else. But living in New York and knowing Johnson - see my interview in the Suhrkamp interview volume - and living in New York at the same time, and seeing how Johnson personally did not involve himself in the life there aside his job as editor at Harcourt Brace, and as a daily consumer of the New York Times myself, the appearance of daily excerpts from that paper in the book, struck me more as evidence of Johnson's personal estrangement than anything else. Goetz I am afraid remains a sheet of blank paper by and large for me so far.

    http://handke-magazin.blogspot.com/2010/06/handke-magazine-is-over-arching-site.html

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    1. Thank you very much for sharing your impressions and experiences.

      In a way, I believe. the fascination or even the addiction to newspapers is often a sign for an estrangement, an opportunity (for men?) not to involve himself in "real life" or let´s say in "society". They like to keep the position of a pure observer (and very often praise himself even therefor, for being n o t involved). (Well, I can´t express myself in English as precise as I´d wih to).

      But probably Morel´s view is very different from mine. I´m looking forward to his response.

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  2. No, my view isn't all so different from Melusine's: die Zeitung ersetzt das Gespräch, aber das Leben ist nicht leicht zu finden, wenn man nur ein Jahr in New York ist. Handke versucht es zu Fuss, das ehrt ihn. Morel

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