Donnerstag, 30. September 2010

Kein Sand im Getriebe

Gerade erreicht mich die Mail eines verzweifelten Kollegen. Es gibt Tage, an denen ich genauso entnervt bin, genauso wenig Hoffnung habe, genauso sehr mich gefangen fühle in einem System, das mein Handeln in seiner Wirkung stets ins Gegenteil dessen zu verkehren scheint, was ich wünsche; Tage, an denen ich mir selbst vorwerfe, wie untätig ich demgegenüber bleibe, wie wenig Sand ich ins Getriebe streue.


Der Kollege zitiert:
"Die nächste Diktatur in unserem Land wird weder von rechts noch von links, vielmehr aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft, aus den Beratungsbüros und Lehrgangscentern kommen."

Kommentare:

  1. Egal, wohin ich höre Melusine.... es scheint überall so zu sein. Und woran liegt das? Weil Mitarbeiter nicht am Horizont, sondern schon an der Abteilungstür des Abteilungsleiters scheitern, wenn sie mit eigenen Ideen kommen, weil dieser sich nämlich auf den Schlips getreten fühlt, weil es ja nicht sein kann, daß dieser Mitarbeiter bessere Ideen als er selbst hat. Und wie beginnt die Mannschaft, sich zu verhalten?... es gibt da so ein schönes Gleichnis:

    In einem Käfig sitzen neun Affen. An der Decke hängen Bananen. Was mögen Affen wie nichts auf der Welt? Bananen. Nur ist die Krux an der Geschicht, über den Bananen sind in der Decke Duschen eingelassen, und immer dann, wenn die Affen versuchen wollen, sich die Bananen zu holen, wird das Wasser angestellt. Affen hassen Wasser. Was folgt daraus? Die Affen geben es irgendwann auf, an die Bananen kommen zu wollen. Nun nimmt man einen Affen raus aus dem Käfig, läßt einen neuen hinein. Was macht der? Der sieht die Bananen, will sich wie nichts anderes darauf stürzen.... aaaaaaaaber, was machen die anderen Affen? Die machen ihm klar, daß es nur Ungemach bringen würde, wenn er das versuchen wollte. Sie schaffen es durch ihre Ausdauer tatsächlich, daß dieser Affe nicht nur sein Wollen aufgibt, sondern es auch garnicht erst wirklich ausprobiert. Nun nimmt man zwei der alten Affen aus dem Käfig... zwei neue wieder hinein. Das Spiel wiederholt sich. Fortan werden die Bananen mit schöner Regelmäßigkeit da oben verfaulen, weil jeder neue Affe lernen wird, daß es das Beste ist, es garnicht erst zu versuchen.

    Ich fragte meinen Chef einmal, warum er mich eingestellt hat, die Antwort war: "Ich brauch jemanden der Nein sagt, wenn ich Ja sage...."

    Es gehört ganz schön viel Kraft und auch Mut dazu, morgens früh bei Betreten der Firma eben nicht sein Gehirn am Briefkasten vorn rechts abzugeben.

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  2. Ja, und man muss sich die Kraft gut einteilen. Da kämpfen, wo man gewinnen kann.

    Ich habe den Vorteil, dass ich nicht morgens früh zur "Firma" bzw. ins "Amt" muss; jedenfalls nicht jeden Morgen. Sie machen mir Vorgaben, aber meinen Tag gestalte ich zu einem großen Teil frei. Und ich bin bei meiner Arbeit auch viel unterwegs (in Zügen). Das hilft mir auch: beim Denken.

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  3. @ Syra Stein
    Ich mag's nicht beschwören, aber wenn ich mich recht erinnere, gehen die Affen bei der "Belehrung" des Neuen nicht gerade zimperlich mit ihm um... (Ein Detail, welches vielleicht auf manche Mobbing-Situation übertragen werden könnte)

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  4. @Hans1962
    Ja, dies ist richtig, aber ich ließ es aus. Dieses Verhalten ist für mich nach wie vor das Phänomen von Massenbewegung von angepaßt gemeinsam übereinstimmender Meinung. Denn dieser neue Affe gefährdet nicht nur seinen eigenen, sondern auch den Arbeitsplatz der anderen, weshalb dann gemeinsam gemobbt wird. Entweder beginnt es direkt in der Abteilung, oder es kommt von Oben, weil der Nasenfaktor nicht stimmt, oder die Angst da ist, daß am eigenen Stuhl gesägt werden könnte. Einig aber sind sie sich dann alle: "Der muß weg...." In der Schule hieß das damals: "Der kriegt jetzt Klassenkloppe....."

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  5. bei mir ist gerade wieder einmal ein "Groschen" gefallen...

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  6. Zum Mobbing: Mir kommt es vor - aber vielleicht idealisiere ich die Vergangenheit - als habe dies Phänomen zugenommen. Ich erinnere mich in meiner Kindheit, ganz anders als Sie, liebe Syra, an keinen einzigen Fall. Wohl haben wir uns geprügelt, aber nie alle gegen einen und nie geplant. Heute, erlebe ich bei meinen Söhnen, ist das Alltag: das geplante und gemeinschaftliche "Fertigmachen" von einem Einzelnen über Wochen und Monate hin. Aber es geht nicht von den Kindern aus. Auf einem Elternabend wurde zum Beispiel thematisiert, dass eine Gruppe von Kindern Jüngeren vor der Schule auflauere, um diese "Abzuziehen", das heißt Geld von ihnen zu erpressen. Der Vater eines der "Täter" saß neben mir und grinste mich an: "Das haben wir doch alle mal gemacht. Soll sich nicht so haben." Der war dann ein bisschen überrascht, dass ich ihn asozial nannte und mich weigerte weiter neben ihm zu sitzen. (Gegen die Bezeichnung asozial erhob er übrigens mit der Bemerkung Einspruch, er verdiene ja wohl als Zahnarzt genug.)

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  7. @Melusine
    Auch in meiner Kindheit (die ja etwa gleich weit zurückliegt, wie die Ihre) gab es diese brutale Form des "Mobbing" nicht. Ich kann mich sogar erinnern, dass es bei körperlichen Auseinandersetzungen einen allgeḿein beachteten und überwachten Verhaltenskodex gab: schon das "Daumen umdrehen" wurde als verpönt angesehen. Ein Regelverstoß wurde vom "Verletzten" lautstark reklamiert und notfalls von den beiwohnenden Zeugen (Gaffern) auch abgestellt. Ein auf dem Boden fixierter Gegner galt übrigens als besiegt. Der Kampf endete hier. Überschießende Affekthandlungen des Siegers wurden ohne jegliche Vorwarnung von den Beobachtern gewaltsam sanktioniert.

    Was Sie als Erlebnis vom Elternabend berichten, empört mich zwar, überrascht mich aber nicht mehr. Ich erblicke darin das Ergebnis der "weil-ich-es-kann"-Haltung, die an die Jungen weiter geben wurde. Normen stellen keine verbindlichen Verhaltensvereinbarungen mehr dar. Damit geht auch Grundvertrauen in die Umwelt verloren, was der fortschreitenden, sich sicherheitsbedürftig zurückziehenden "Vereinzelung" zusätzlichen Schwung verleiht.

    Das Instrument der "Sozialen Kontrolle", scheint mir, ist einer seltsamen Umformung zum Opfer gefallen. Es ist pervertiert. Anders kann zum Beispiel die Ausweitung des ursprünglich rein poltischen Kampfbegriffs "Gutmensch" in sämtlichen Lebensbereichen auf Menschen, welche die Einhaltung von Verhaltensnormen urgieren, meiner Ansicht nach kaum erklärt werden.

    Fest steht auch, dass in der Verletzung von Normen erhebliche Vorteile zu finden sind. Der eine legitimiert sich dabei mit Geld, der andere mit verliehener Macht. Kurios (und lächerlich) ist die Tatsache, dass immer mehr Mitglieder der unteren Mittelschicht in dieses Spiel einzusteigen versuchen, welches bis vor gar nicht allzu langer Zeit allein der Oberschicht vorbehalten blieb. Als Folge wird es zu einer parteifarben-unabhängigen "Diktatur der Angst" kommen, unke ich jetzt kurzzeitig verdrossen.

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  8. Lieber Hans,
    das gleiche Phänomen, das Sie beschreiben zeigt sich in der "Karriere" des Schimpfwortes "Opfer". Tiefer kann man nicht sinken. "Opfer" finden kein Mitleid, sondern Schadenfreude.

    Dass es so gekommen ist, ist aber unsere Verantwortung, ich meine die unserer Generation.

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  9. Liebe Melusine,

    mein Kurzkommentar zum ersten, frühmorgendlichen, Teil der Diskussion:
    Eine Führungskraft, die ihre Mitarbeiter wie Affen behandelt, braucht sich nicht wundern, wenn sie irgendwann nur noch von Affen umgeben ist.
    @Syra: geniale Affen-Story, kannte ich noch gar nicht!

    Und zu den am [Nach]mittag beschriebenen Phänomenen:
    Die Verantwortlichen, meist die in den sog. Führungspositionen, schauen zu, lassen alles geschehen, greifen weder ein noch durch, gucken lieber weg, weil dieses leichter, wie sich der Verantwortung zu stellen. Kurzum sie werden ihrer Verwantwortung als Führungskraft nicht gerecht. Und das geht quer durch alle Alters-Generationen.
    FaZit:
    Vielleicht sind wir alle "Opfer" unserer Zeit!?
    ABER wer ERNTET dann die Schadenfreude?
    Die Außerirdischen, die sich das "Spielzeug ERDE" anschafften (dieser letzte Satz als schräge und nicht ganz ernst zu nehmende rhetorische Antwort, wir sind ja nicht in USA... wo das nun sicher endlose nächtelange Disc-Strangs auslöste).

    Einen schönen Freitagabend Ihnen und allen,
    herzlich
    Teresa

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