Mittwoch, 15. Dezember 2010

PROUST IN NEW JERSEY

von MOREL

Das Vergnügen, Proust zu lesen, erschließt sich nur denen, die sich auch zu langweilen verstehen. Aber während wir dem Salongeplauder lauschen und die Niederschrift des großen Romans immer weiter hinausgeschoben wird, gibt es geschickt angelegte und vorbereitete Schocks zu verarbeiten. Denn Proust hat sich bei einem seiner zahlreichen Vorbilder, Balzac, die Wiederkehr in der Regel schon vergessener Figuren abgeschaut. So kann es passieren, dass ein zuvor verlachter und gedemütigter Provinzmusiker plötzlich, einige Bände und Plaudereien später als berühmter und den Erzähler mit seiner Musik zutiefst erschütternder Komponist wiederkehrt. Ein anderes Beispiel ist natürlich mein Namensvetter Morel. Er ist der Sohn des Kammerdieners eines Onkels des Erzählers. Eine etwas zwielichtige und moralisch zweifelhafte Figur. Gut aussehend und immer perfekt angezogen, tut er alles, um seine Herkunft vergessen zu machen. Sein Aufstieg in die bessere Gesellschaft wird durch sein musikalisches Talent als Violinist ermöglicht. In seinen Affären mit Männern und Frauen ist er skrupellos. So beginnt er eine Affäre mit einem seiner finanziellen Förderer, dem Baron Charlus. Gleichzeitig organisiert er Orgien mit vielen der im „Schatten junger Mädchenblüte“ zu pflückenden Blumen. Zur Tarnung geht er auch noch eine Verlobung mit der Tochter eines Hausmeisters ein. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Morel als Deserteur verhaftet. Da er hierfür fälschlicher Weise Baron Charlus verantwortlich macht, denunziert er ihn als Homosexuellen, worauf dieser, wie Oscar Wilde, verhaftet wird. Unsere Überraschung ist daher groß, wenn wir Morel zum Ende des Romans noch einmal begegnen: er ist verheiratet, aufgrund seiner Tapferkeit im Feld mit einem Militärorden ausgezeichnet und ein respektierter Schriftsteller. An seine Vergangenheit als Stricher und Verräter erinnert nichts.

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Zusammenfassungen wie diese, für die hunderte von Seiten mit ganz anderen Geschichten übersprungen werden müssen, muten anders an, als was wir landläufig mit Proust verbinden (Blumen, schöne Mädchen am Meeresstrand, Nostalgie). Sie können aber beinahe über alle Figuren des vielgestaltigen Romanwerks geschrieben werden (mit der nicht unbedeutenden Ausnahme des Erzählers). Ihnen allen gemeinsam: keine Figur bleibt sich treu, jede ist Wandlungen unterworfen, die sie nicht selbst steuern kann. Proust ist einer der pessimistischsten Romanautoren des 20. Jahrhundert, selbst in den Romanen Kafkas bleibt dem Einzelnen noch mehr Raum zum Atmen. Im Leben verpassen sich alle (wie oft wartet der Erzähler vergeblich auf ein Rendezvous), um dann aufgehoben und verwandelt im Erinnerungswerk wiederzukehren. Im Roman selber sind es die Vergleiche mit der Biologie, etwa die Bienen anlockenden Blütendolden, die diese operettenhafte Macht des Schicksals unterstreichen. Aber im Grunde ist es eine Naturgeschichte der Gesellschaft, die Proust schreibt, gleichzeitig mit der Professionalisierung einer Wissenschaft namens Soziologie. Wer gerne Luhmann liest, wird sich in diesem Werk zu Hause fühlen. Aber anstelle des berüchtigten Systems ist es in ihrer Unerbittlichkeit die Zeit, die den Einzelnen seine Grenzen aufzeigt.

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Wer einem solchem Erzählen in unserem noch jungen Jahrhundert begegnen möchte, könnte sich zum Beispiel die viel gerühmte TV-Serie The Sopranos anschauen. Es ist natürlich nicht der französische Adel, dem wir hier begegnen, sondern die Mafia in New Jersey. Anstelle von Morel begegnen wir hier einem jungen Mann namens Christopher Moltisanti: in den sechs Staffeln der Serie macht er seinen Weg als Neffe von Tony Soprano in der Mafiaorganisation. Wie Morel ist Moltisanti ein Mann mit vielen Gesichtern: Chauffeur für den Boss, Aktienhändler, Drehbuchautor, Liebhaber, Gewalttäter, Drogensüchtiger und zum Schluss, vor seinem Abgang, für einige Folgen auch noch Vater. Die Figuren der Sopranos verändern sich laufend, nie können wir sicher sein, wie sie in einer Situation reagieren können. Aber wie bei Proust können sie nicht aus ihrer Haut, die auch hier keine biologische ist, sondern aus einem eisernen Geflecht von ökonomischen Interessen und Familientraditionen besteht.

Quelle: http://www.streamingepisode.com/thumbs/sopranos_Stern01.jpg



Kommentare:

  1. Lieber Morel,

    ich danke Ihnen für diese großartige Einführung in die „Recherche“. Bitte mehr!!

    Seit Jahren besitze ich die gleiche rot-marmorierte Ausgabe des Romans wie Sie. Hin und wieder schaue ich hinein. Es packt mich nämlich nur sehr bedingt. Einmal habe ich ca. 700 Seiten am Stück gelesen, nämlich „Swanns Welt“ und dann noch ein bisschen in den ersten Band der „Mädchenblüte“ hinein. Streckenweise habe ich mich zu Tode gelangweilt (ganz anders übrigens als – überraschend – bei „Zettels Traum“ gerade). Und wenn mich eine (überschaubar kleine) Passage dann doch aus dem Leseschlaf riss (z.B. die schwarzen/blauen Augen der jungen Gilberte in Combray), stellte ich fest, es handelt sich um eine der „berühmten“ Stellen.

    Ihre Darstellung hier dagegen macht mich wieder neugierig. Das Wiederauftauchen von öden oder Nebenfiguren hunderte von Seiten später in anderer und ggf. tragender Rolle – „issn Dink“, nSTARkes=schtükk! Und Ihre Soprano-Verknüpfung nicht minder!

    Bitte mehr!!

    Beste Grüße

    - auch an Melusine (wenn Sie sie sehen)

    NO

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  2. Lieber NO,

    ich freue mich sehr, wieder einmal von Ihnen zu hören. Richtig vermisst habe ich Ihre Beiträge hier und bei ANH, der Die Dschungel ja (zeitweilig?) stillgelegt hat. Morel wird sich auch freuen, allerdings ist er nicht so andauernd im Netz wie ich. Er sieht mich öfter als die "Gleisbauarbeiten" :-). Daher antworte ich schon einmal.

    Herzliche Grüße
    Melusine

    (Sie lesen "Zettels Traum"? Da können Sie sich - denke ich - bald mit Morel austauschen. Ich finde das schwer zu lesen am SCHtükk!!! Arger Alt-Männer-Wahn-Klotz - Alte Frauen wähnen natürlich auch, einiges!)

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  3. Herzlichen Dank, lieber No, für Ihre freundlichen Worte. Proustleser gehören gerne zu den Happy Few und nehmen dafür ein bisschen Langeweile in Kauf. Das Seltsame - gerade die besonders langweiligen Passagen liest man beim zweiten oder dritten Mal ganz anders. Außerdem dürfen Sie Proust überall aufschlagen und lesen, auch über Politik und Geschichte lernt man dabei Einiges. Und viel Vergnügen beim Träumen in der Lüneburger Heide - hoffentlich haben Sie starke Arme oder einen stabilen Tisch zum Lesen.

    Morel

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  4. Komplimente sind langweilig, aber ich habe nun einige "Morel-Besprechungen" hier gelesen und auch wenn sie von Gegenständen, wie zum Beispiel den "Sopranos" handeln, die ich nicht gesehen habe, bin ich von Ihren Beiträgen ganz einfach schwer beeindruckt. Was Sie vor allem hervorragend können scheint mir eine Destillation des Wesentlichen auf knappem Raum. Da kann man keinen Satz mehr weglassen. Nun aber zu Proust. Vielleicht ist bei dem gewagten Gesellschaftsvergleich Mafia und Adel der Belle Epoque die Soziologie der Dekadenz das Gemeinsame und die Rituale geschlossener Gesellschaften. Der Wandel der Figuren in den unterschiedlichen Zeiten bei Proust haben Sie an Morel gut verdeutlicht. Die Herzogin von Guermantes wäre ein anderes Beispiel, wie sehr wird die anfangs Angebetete zum verspotteten Geschöpf einer verfallenden Gesellschaftsklasse am Ende. Interessant wäre es einmal zu untersuchen, inwieweit sich der Erzähler selbst innerhalb des Romans entwickelt oder ob er statisch bleibt. Aber vermutlich hat das die Sekundärliteratur längst getan. Sie haben also zwei Namensvettern, der Morel aus Adolfo Bioy Casares´ "Erfindung" hat auch Pate gestanden. Aus beidem könnte man ableiten, dass ein Mensch niemals statisch festgehalten werden kann, auch mit keinem holographischen Apparat. Lebendig sein bedeutet Entwicklung, Veränderung. Dass Proust gerade diese zwiespältige Gestalt das Violinstück spielen lässt, das ihm den höchsten Kunstgenuss beschert und er später, man hat es mit der Bibel und dem Judaskuss verglichen, zum Verräter an Baron Charlus wird, zeigt doch wie unschematisch und genau er seine Protagonisten psychologisch beschrieben hat. Er schafft es, nicht nur eine ganze Zeit und Gesellschaft festzuhalten, sondern auch zeitlose elementare menschliche Strukturen.
    @NO
    JT adé=ZT parler... Es gibt sogar eine Studie von einem Herrn Eideneier über den Einfluss von Proust auf Arno Schmidt "... das endlos=gezierte Zeug". Wie eine wertvolle Handschrift wurde der geträumte Zettelkasten in meiner Bibliothek im Lesesaal kredenzt, obwohl man ihn doch in keiner Handtasche hätte entwenden können.
    @Melusine
    Das Googlen machte mir heute besonderen Spaß mit dem 235. Geburtstagslogo von Jane Austen. Schön, dass Sie meinem alten Text etwas abgewinnen konnten. HERZ-lichen Gruß an Sie.

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