Samstag, 15. Januar 2011

KUSS UND SCHLUSS




Weil Elke einige Wochen beruflich im Ausland gewesen war, sahen sich die Freundinnen erst wieder, als die Bestrahlungen schon begonnen hatten. Judith hatte am Telefon nicht über die Krankheit gesprochen. Elke hatte wohl bemerkt, dass Judith ein wenig kurz angebunden war, doch vermutete sie dahinter Eheprobleme. Sie wusste von der Weigerung der Freundin mit ihrem Mann über einen Umzug nach London zu sprechen. Elke nahm an, dass er unter der Fernbeziehung litt. Doch Judith, das war Elke klar, würde über aktuelle Schwierigkeiten erst reden, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte.

Judith hatte sich ganz hinten in eine Ecke des Cafés gesetzt. Ihr Anblick erschreckte Elke. Die Haut war blaß und durchschimmernd wie feinstes Porzellan. Ganz offensichtlich hatte sie, die ohnehin sehr zierlich war, einige Kilo verloren. Spitz zeichneten sich die Brustbeinknochen unter der Bluse ab. Elke küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Judith suchte ihren Blick: „Man sieht es sofort, nicht wahr? Du brauchst nicht so zu tun, als bemerktest du es nicht.“ „Du bist so dünn...“, stellte Elke fest. „Ich habe Krebs." Elke hatte es in dem Moment gewusst, in dem sie das Lokal betreten hatte. Dennoch traf sie das Wort wie ein Schlag.  Sie legte ihre Hand auf Judiths. „Wie schlimm...?“ „Es ist die Gebärmutter. Die OP hatte ich schon. Mit der Bestrahlung haben sie vor einer Woche angefangen.“ Elke biss sich auf die Lippen. Wie soll ich ohne dich weiter machen?  „Ist dein Mann daheim?“ Judith schüttelte den Kopf: „Wir haben uns getrennt. Er bleibt in London. Da war er ohnehin in den letzten Jahren meistens.“ „Weil du es so wolltest.“ „Nicht nur deshalb, aber auch, ja. Und nun...Ich will ihn nicht dabei haben...“  „Er liebt dich. Weiß er es?“ "Nein." "Du brichst ihm das Herz." Judith senkte den Kopf und schwieg. Elke rückte auf die Bank. „Seine Hilflosigkeit, seine Versteifung, all das kostet mich Kraft, die ich nicht habe. Diesmal nicht.“ Da beugte sich Elke zu ihr hin und küsste zum ersten Mal in ihrem Leben eine Frau auf den Mund. 

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Kommentare:

  1. Liebe Melusine, an dieser Geschichte gefallen mir die Kürze, die einfachen, leicht lesbaren Sätze und dass es um eine Frauenfreundschaft geht. Ich hatte gleich Lust, das zu lesen. Jedoch finde ich, Du hast zuviel Inhalt in den Text gepackt.... Es ginge m. E. vielleicht, wenn Du die Handlung nacherzählt hättest statt Dialoge zu schreiben. Kein Mensch erzählt in einer Minute soviel Inhaltsreiches, denke ich. Bisschen hölzern und - ehrlich gesagt - kitschig finde ich es auch. Die Message - wer seine Probleme nicht ausspricht, wird krank - kommt mir zu sehr mit dem Hammer. Unfertig. (Nur meine persönliche Meinung).

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  2. Der Anfang gefällt mir auch nicht richtig. Den finde ich auch "hölzern". Der Dialog dagegen ist für mich so richtig. Gerade auch, weil er so viel "Information" enthält. Wäre ich so krank, sagte ich entweder alles auf einmal oder gar nichts. Wie Judith. Die Botschaft, die du herausliest, teile ich gar nicht. Es ist ja nur Elkes Meinung. Und Elke, wie die anderen Geschichten aus der Serie zeigen, kann keine dauerhaften und ehrlichen Beziehungen führen. Also würde ich mich auf ihr Urteil nicht verlassen...

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  3. Viel besser jetzt. D'accord. "Du brichst ihm das Herz" ist mir noch etwas too much. Viele liebe Grüße.

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  4. Ja, der Satz ist kitschig. Eine abgegriffene Metapher, der "Herzbruch". Dennoch hat mich dieser Satz einmal sehr berührt, als eine Freundin ihn aussprach - und mich dazu gebracht, jemanden n i c h t zu verlassen. Daher stammt er (wie die meisten Sätze aus Dialogen, die ich aus dem Zusammenhang in der sogenannten "Realität" reiße). Fällt mir schwer, mich von dem zu verabschieden. Weil er daran erinnert, dass der Mann, den sie nicht bei sich haben will, auch Gefühle hat?

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