Mittwoch, 20. Juli 2011

Reisejournal Rom (12): GESCHMACK UND GESCHICHTE(N)

Schon neigt sich die Rom-Reise dem Ende zu. Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Die Stadt ist voll, laut, unfromm, bunt, hart, widersprüchlich, alt, herrlich, großzügig, schlecht gelaunt, (zu?) heiß, (zu?) süß, zu viele Kirchen und zu wenig Schwimmbäder – für meinen Geschmack. Sie hat zwei große Zeitalter gehabt, die dominieren alles: die Antike, das römische Weltreich - caput mundi - und die Wiederauferstehung aus dem finsteren Mittelalter mit einem Umweg über die Renaissance in den überschwänglichen, den süßen Tod verherrlichenden Barock. Das war der erfolgreiche Versuch der christlichen Päpste an die alte Herrlichkeit anzuknüpfen – urbi et orbi. Vom Dazwischen ist wenig geblieben. Die Stadt hat mich nicht mit dem Christentum (in Sonderheit seiner katholischen Variante) versöhnen können, schon gar nicht mit dem Versuch des derzeitigen Papstes Vernunft und Glaube in eins zu setzen. Zu deutlich sichtbar wird, wie sehr der Wunderglaube der einfachen Menschen ausgenutzt wurde und wird, um Geld und Macht zu gewinnen.

Heute war ich in San Giovanni in Laterano  (caput et mater omniam ecclesiam“), beinahe so gigantisch wie St. Peter. Neben der riesigen Kirche residierten bis zum Exil in Avignon die Päpste. In der Mitten ist ein Grab eingelassen (ich habe nicht nachgeschaut wessen), auf das die Gläubigen Scheine und Münzen werfen. Wie die Mitteltür des Hauptportals der Curia Julia auf dem Forum Romanum für die Papstbasilika entwendet wurde, so entlieh das Christentum die Erzählungen des Neuen Testaments Vorgänger-Kulten: eine jungfräuliche Mutter soll auch Zarathustra geboren haben (überall ist die Kontrolle der Sexualität der Frau wichtig für die Gottheit und ihre Priester), auch der fährt in den Himmel und soll am Ende aller Zeiten ein Weltgericht halten. Der Mithras-Kult, der den Sohn des Sonnengottes verehrt, lieferte das Datum für die Geburt Christi, denn die Mithräer feierten den 25. Dezember als Geburtstag des Mithras. Die Dreifaltigkeit sollen seine Anhänger auch schon gekannt haben: ihn umgibt das aufgehende und das untergehende Licht, das – wie später die heiligen drei Könige -  manchmal als C+M+CP dargestellt wird. Als das Christentum weiter nach Norden vordrang, wusste es sich auch dort so manchen alten Mythos einzuverleiben. Das ist nicht weiter tragisch, denn es mag etwas Wahres und Ewiges in den Sagen und an den Orten geborgen sein. Doch wird es verdächtig – und auch, finde ich, peinlich - wenn die Schriftgläubigen, die sich die alten Geschichten, Gesichte und Bilder anverwandeln, die Behauptung aufstellen, jene Deutung, die sie ihnen nun gäben, sei einzig wahr und vernünftig. Es liegt immer Bosheit in der Luft, wenn sich der Logos mit den ursprünglichen Kulten verbinden will, ein Drang nach fundamentalistischer Herrschaft über die Körper, Herzen und Geister.

Unsere Wohnung in der Via Sommacampagna ist geräumig, wenn auch die Schlafkammern klein sind. Der Vorteil, um dessentwillen wir sie ausgewählt hatten: Sie hat drei Schlafzimmer (darunter zwei sehr kleine Einzelzimmer). Meine Söhne bevorzugen es, jeweils für sich in einem Raum zu schlafen. Besonders unangenehm finden sie das Teilen enger Doppelbetten, die nach südeuropäischer Art häufig nur ein Bettlaken haben. Die Lage der Wohnung ist  günstig, um die Stadt zu Fuß zu erkunden. Doch wer Ruhe sucht, ist hier falsch. Tag und Nacht dröhnt der Auto- und Rollerverkehr hinauf unters Dach. Man kann eben nicht alles haben.

Wie meist habe ich mich auf die Reise mit verschiedenen Reiseführern, geliehen und gekauft, vorbereitet. Der National Geographic Explorer Rom im Pocket-Format, dessen New Yorker-Ausgabe ich wegen ihrer Praxistauglichkeit so geschätzt hatte, liefert fürs unübersichtliche Rom Straßenkarten, die nicht genau genug sind. Auch die Tipps zu den einzelnen Vierteln sind nur bedingt brauchbar. Wir verzeihen den Autoren nicht, dass sie uns das Eis von „San Crispino“ in der Nähe der Fontana di Trevi als „bestes Eis“ Roms anprießen. Der unfreundliche Eisverkäufer strich geizig die Becher am Rand ab und später aßen wir anderswo viel besseres Eis.

Handlich ist auch Dorling Kindersley´s Top 10 Rom, dessen Informationsgehalt aber insgesamt eher dürftig ist. Die Straßenkarten sind noch schlechter als die im National Geographic Explorer. Einer kleiner Polyglott-Führer „Rom zu Fuß entdecken“ mit Spiralheftung war unter den Handtaschen-tauglichen Büchern das beste. Einige der vorgeschlagenen Spaziergänge haben wir – mit kleinen Abweichungen – gemacht. Die Informationen stimmten, allerdings reichen sie kaum aus, wenn man ein wenig mehr wissen oder verstehen will. Gut eingestimmt auf die Reise hat mich dagegen Marco Lodolis „Spaziergänge in Rom“, das kein pragmatischer Reiseführer ist, sondern eine subjektive Sammlung „besonderer“ Eindrücke und kurzer Spaziergänge in Rom. Einen praktischen Teil (Karten, Eintrittszeiten o.ä.) enthält der schmale Band allerdings nicht.

Um Geschichte und Geschichten kennenzulernen, muss man also doch auf die weniger leichten Reiseführer zurückgreifen. Morel hatte sich antiquarisch  Eckehart Peterichs „Italien II. Rom und Latium“ besorgt. Peterich, ein gläubiger Katholik und kulturbeflissener Rom-Begeisterter, nervt ein wenig durch seine altherrlichen Moralvorstellungen. Er ist aber immer gut für eine Anekdote. So ließ er uns beim Besuch der Villa Faresina wissen, dass Bankier Chigi „mit echt römischer Prunksucht, ja Protzerei“ zu den Banketten jedem Gast silberne Teller vorgesetzt habe, in die dieser sein je eigenes Wappen eingeprägt fand. Nach dem Essen sei dieses Geschirr dann in den nahen Tiber geworfen worden. Dort freilich – lässt sich Peterich nicht entgehen zu berichten – habe „die toskanische Sparsamkeit (Chigi stammte aus der Toskana)... Netze anbringen lassen, in denen die kostbaren Gefäße aufgefangen wurden.“ Auch Peterich muss allerdings zugeben, dass gegenüber der marmornen Prunksucht des Barocks Chigis Renaissance-Villa beinahe schlicht anmutet.

Neben Peterichs 1962 erschienenen Führer (der also nicht immer ganz aktuell sein mag; Morel meint allerdings, „viel“ habe sich nicht verändert), haben wir Hagen Hemmies „Rom. Latium“ aus dem Michael Müller Verlag dabei. Das Buch ist – obgleich ein Taschenbuch – voluminös und gibt für meine Bedürfnisse hinreichend Auskunft. Ob die Restaurant- und Einkaufstipps insgesamt verlässlich sind, können wir nicht beurteilen. Uns jedenfalls war der Hinweis auf die Trattoria Cadorna, wo wir am ersten Abend mit echt römischen Speisen Morels Geburtstag feierten, sehr wertvoll. (Wir verifizierten die Qualität des Lokals allerdings noch über Tripadvisor – meiner Erfahrung nach ein sehr gutes Instrument, um Hotels und Restaurants auszuwählen, zumindest wenn es mehr als 15 Kritiken gibt).

Meistens allerdings kocht Morel  „zu Hause“ in der Via Sommacampagna für uns, heute  Spaghetti Carbonara. Das beste Eis ist unserer Meinung nach im Palazzo Freddo zu kriegen (Ich war heute schon wieder da!). Ein besonders köstliches Sandwich, sagt Mastermind, hat er in einem kleinen Laden am südlichen Ende des Campo fiori erworben (an den Namen kann er sich nicht erinnern). Ich kaufte einige Straßenecken weiter leckere Suppli (Reiskroketten mit Mozzarella) im „Il forno di Campo de´Fiori“. Amazing schmeckte Porchetta (Schweinefleisch im Brötchen) bei Er Buchetto. Langsam läuft mir das Wasser im Mund zusammen, während ich schreibe. Ich werde jetzt den Küchentisch räumen, damit Morel anfangen kann zu kochen.

Kommentare:

  1. Es mag ein wenig lapidar klingen, aber nachdem das Dutzend in Ihrem römischen Reisejournal voll ist, möchte ich nur sagen, dass die Lektüre mindestens genauso genüßlich war wie das italienische Eis.

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