Dienstag, 12. Juli 2011

Reisejournal Rom (5): STAZIONE TERMINI

Vor der Stazione Termini
Das Bahnhofsviertel genießt in den meisten Städten nicht den besten Ruf. Hier sammeln sich diejenigen, die es aus den Provinzen in die große Stadt gespült hat, ohne dass es ihnen seither gelungen wäre, ins Zentrum vorzudringen. Hier lungert herum, wen die große Stadt verschluckt und wieder ausgespuckt hat, verworfen als untauglich für die großen Geschäfte, die hinter verschlossenen Türen abgeschlossen werden, wickeln sie vor den Gleisen ihre kleinen ab: Handtaschen und Sonnenbrillen, Seifenblasen und Billigschmuck; mancher bringt es zu einem kleinen Wagen, von dem aus eisgekühlte Dosen verkauft werden. In den Ecken riecht es nach Urin.

Chirurgische Klinik der Universtiät Rom
Vor dem Bahnhof in Rom steht die sonderbare Statue eines körperlosen Geistlichen, dessen Umhang sich weit öffnet, als wolle er sagen: „Tretet in mich ein.“ Auf der Verkehrsinsel davor hat sich eine Berberin dauerhaft eingerichtet zwischen zwei mit Decken, Mänteln, Kleidern und Nahrungsmitteln voll gestopften Einkaufswagen. Auch in der größten Mittagshitze schlingt sie ihre bunten Tücher dicht um sich. Vielleicht nutzt sie die Körperlosigkeit des Klerikers des Nachts als Schlafplatz. Auf den Stufen eines Wohnmobils rauchen die Sanitäter des italienischens Roten Kreuzes und warten auf Hitzeopfer, denen sie zu Hilfe eilen können. Nordöstlich hinter dem Bahnhof beginnt das Universitätsviertel. Auf dem Dach eines Hauses entdeckten wir einen sonderbaren Adler mit Flugzeugträgerflügeln. Der Versuch, ihn zu fotografieren, zog beinahe Strafe nach sich. Denn tatsächlich handelte es sich um die Zentrale der Aeronautica Militare. Um die Ecke trafen wir auf gutaussehende Luftwaffenoffiziere in  schmucken Uniformen. Die Poliklinik von Rom gleich daneben ist von Palmen umgeben in historischen Gebäuden untergebracht, von denen der orangene Putz malerisch abblättert. Man möchte hier elegant dahinsiechen an einer modischen Krankheit, jedoch weniger gern am offenen Herzen operiert werden (wahrscheinlich sind das nur Vorurteile und hinter den dekorativen Mauern retten die Spezialisten ihres Faches auf höchstem Niveau und mit modernster Technik Leben). 

Von hier betraten wir die Stadt wieder durch die Porta Pia, wie 1870 die Truppen der italienischen Einheitsbewegung, worauf uns parallelie hinwies (s. Kommentar - die Bresche wurde 100 m weiter geschlagen!) Nachdem das päpstliche Rom gefallen war, blieb der Status der Rumpfstaates Vatikan 80 Jahre lang ungeklärt. Der Papst fühlte sich in jenen Jahrzehnten als „Gefangener im Vatikan“ (und meine antiklerikale Seele fragt sich: Hätte er nicht dort gefesselt bleiben können?).

Britische Botschaft Rom
Linker Hand, wenn man durch die Porta Pia in die Stadt eintritt, befindet sich die Britische Botschaft, ein interessanter Bau auf Stelen über einem Wasserbassin. Rechts entzifferten wir die Zugehörigkeit eines Tores, das wir schon mehrfach aus der Ferne im Fluchtpunkt der Via Palestro  gesehen hatten, zur Villa Bonaparte. Ob hier einmal Napoleons schöne Schwester Paulina lebte? Gestern Abend noch genossen wir in dieser Gegend in der Trattoria Cadorna ein vorzügliches Mahl aus römischen Spezialitäten. Morel wagte sich gar an Tripa alla romana, eine Reminiszens an seine Jugend und erste Radtouren durch Italien.

Gänzlich anders zeigt sich das Viertel südöstlich vom Bahnhof. Hier haben sich viele Chinesen angesiedelt, die in den winzigen Kellergeschäften eine spärliche Auswahl an T-Shirts, Kleidern, Kindermode und Schuhen verkaufen. Manche junge Asiatin schrickt auf, wenn tatsächlich jemand den Laden betritt. Amazing deckte sich mit einer neuen Sonnenbrille im Pilotenstil ein, die seinem „Style“ entspricht, aber nicht meinem Geschmack. Im Nuovo Centro Esquilino, einer Markthalle, gibt es eine riesige Auswahl an Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch in bester Qualität und zu Preisen weit unter denen, die wir aus der Kleinmarkthalle in Frankfurt gewohnt sind. Was im ersten Augenblick erfreut, stimmt im nächsten bedenklich: Zu welchen Löhnen müssen jene arbeiten, die diese Köstlichkeiten ernten und herstellen?

Bester Geschmack aus Lünen
Schwer bepackt traten wir den Rückweg an. Rund um den Bahnhof, lese ich später in einem Reiseführer, leben die meisten Einwanderer in Rom. Wir mussten lachen über das Werbeschild vor einer Dönerbude, das auf Deutsch für die Qualität von Ruhrgebiets-Pita warb. Die Berberin hatte sich inzwischen noch enger in ihrer Tücher gehüllt. Der bronzene Körperlose war ungerührt geblieben vom vielstimmigen Treiben um ihn herum. Direkt um die Ecke der deutschen Botschaft wies uns auf dem Weg zurück in die Via Sommacampagna ein Schild an einer Hauswand auf einen großen Schriftsteller hin: Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Il Gattopardo. Für mich wird der traurige Fürst, dem die Freiheitskriege den Boden unter den Füßen entzogen und der ihre Notwendigkeit dennoch einsah, immer die Gestalt Burt Lancaster haben. Ich sah den Film lange bevor ich das Buch las.




Kommentare:

  1. Helmut Schulze kommentiert auf Facebook (weil Blogger ihn, aus mir unbekannten Gründen hier nicht lässt): beim vorbeifahren an der britischen botschaft mußte ich immer an james bond denken oder meinetwegen an schirm, charme und melone, so ein gewagtes understatement neben der porta pia, deren entwurf auf Michelangelo zurückgeht. aber nicht durch das fromme tor (quatsch, „pia“ geht auf einen Pius-papst zurück, auch wenn es das bedeutet). allerdings war es nicht porta pia, die den weg zur eroberung der stadt öffnete, sondern eine bresche in der stadtmauer. etwas hundert meter rechts vom tor gibt es vor der stadtmauer ein denkmal (ich glaube eine säule mit einem engel obendrauf, die natürlich nicht mit der siegessäule in Berlin zu vergleichen ist), dort wurde die entscheidende bresche geschlagen. Termini (abgesehen von der pingelei des „z“ anstelle des „t“): abendlicher treffpunkt der Philippinos, die in den römischen Haushalten arbeiten, im herbst treffpunkt der zugvögel, wenn der himmel sich in bewegliche vogelwolken verwandelt: metamorphosen noch und noch (und bitte vermeiden, unter den bäumen zu weilen). das schild zu Tomasi di Lampedusa war mir unbekannt. aber ich habe ihn weder gelesen noch die verfilmung gesehen. die verfilmung zu sehen, ohne das buch gelesen zu haben, geht nicht. eins meiner prinzipien. und gelesen habe ich den ‚Gattopardo’ nicht, weil ich ihn am anfang meiner italienisch-studien im original lesen wollte, aber es dann bald aufgab. seitdem steht er im regal. aber ich weiß auch, daß es bücher gibt, zu deren lektüre man sich zeit lassen soll. irgendwann kommt schon der richtige moment. ging mir in den letzten jahren so mit beckett, kafka, hölderlin. bücher und meinetwegen auch städte. ich glaube, Sie lesen die stadt schon richtig, ohne stendhal bemühen zu müssen.

    Anmerkung: Das T ändere ich sogleich in ein Z. (upps, peinlich!)

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  2. Noch eine Ergänzung von Helmut Schulze via Facebook: achso, ich vergaß noch den hinweis auf das denkmal vor dem bahnhof, das ich erst ein einziges mal gesehen habe und an dessen form ich eine ungenaue erinnerung habe. es ist ein paar monate her. ich glaube jedenfalls gelesen zu haben, es soll johannes paul II. darstellen, was insofern plausibel, als gleich nach dessen tod eine diskussion darüber aufkam, den bahnhof termini nach ihm zu benennen.

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