Montag, 15. August 2011

(Un-)Perfekte Paare (7): "...ein Löwe... zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen, alle halb über mich her..."

Eine „ménage a tròis“ stellte er sich vor. Karoline schien bereit dazu. Seine Ehefrau war unentschieden. Er wirkt schwach in den Briefen an Freunde, in denen er um Rat ersuchte. Seine erotischen Phantasien plagten ihn. Die Frau an seiner Seite konnte sie nicht befriedigen; für die Frau, nach der er sich sehnte, war er nicht stark genug. Er wollte in der Liebe „Geist und Leib nicht trennen“. Ihre Poesie und ihre Sinnlichkeit hätten beidem Flügel verleihen können. Doch sein Geist suchte Festigkeit statt Fluss, sein Leib Nahrung statt Lust. Er kränkelte. Er entsagte; so wie Männer das tun, wenn sie einer Frau, die sie begehren, der sie sich aber nicht gewachsen fühlen, den Laufpass geben: mit großer Geste. Er sei insofern „allerdings strafbar“, als er sich habe tatsächlich „diesen jugendlichen Leib und diese Schätze eines reinen und reichen Gemütes...zuzueignen“ versucht. Die Liebe eines Mannes seiner Zeit und Art kann sich selbst anders als ein Besitzverhältnis nicht denken. Die Frau, die ihn berühren will, soll ihm gehören. Dass diesem Zugriff Anderes noch im Wege stand, als seine alternde Angetraute -  vielleicht haben sie es beide geahnt.

Karoline von Günderode
1789-1806
Mein Blick auf diese Geschichte ist parteiisch. Creuzer konnte die  Leidenschaft nicht beherrschen, jedoch auch aus ihr keine Funken schlagen. Es liegt – in meinen Augen – ein trotzig-kindlicher Zug um seinen Mund: ein Junge, der sich schon im Voraus selbst bedauert, um das, was seine Schwachheit ihm versagt; der aber für den eigenen Verzicht die Umwelt verklagt. Er hatte sicher auch viel auszustehen. Sie war kein sanftes Gemüt, keine anschmiegsame Stütze in Kampf des Aufsteigers um Amt und Anerkennung. Sie war nicht gut darin, wozu Frauen da waren. Und sie wusste das wohl und konnte es sogar schreiben: „Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir...ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd.“

Als er sie kennenlernte, ein junger Altertumsforscher ohne feste Anstellung, genoss sie im Freundeskreis schon den Ruf einer Dichterin. Dennoch musste sie sich rumplagen mit der Mahnung Clemens Brentanos, Schelling zu lesen, schicke sich nicht für eine junge Frau wie sie. Sie las viel, sie lauschte und dachte und schrieb. Zwar veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym, doch im Freundeskreis wußte man, was für Karoline die Welt war. Ihr Talent wurde geachtet, doch auch die jungen Romantiker hatten  wenig übrig für den Anspruch eines weiblichen Wesens, die Literatur zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen. Sie wünschten sich Frauen, die sich für Kunst und Literatur interessierten, vielleicht sogar gelegentlich selbst zur Feder und Pinsel griffen. Doch im Grunde war eine Frau dazu da, den Mann, den sie liebte, zu bewundern.

Ihre Freundin Bettina Brentano fand den Creuzer hässlich. Auch der Günderode ist er wohl nicht als ein Adonis erschienen. Die Anziehungskraft dieses Mannes lag offenbar auf anderem Gebiet. Er vermochte ihr Begehren zu entfachen, weil er sich nach ihr verzehrte, aus  seinem unbefriedigenden Ehejoch.  Für eine Weile glaubte sie wohl, er sei bereit, sich ihrem Werk zu widmen, sein Wissen über das Altertum könne ihre Dichtkunst beflügeln, seine Tätigkeit als Herausgeber könne ihrer Lyrik Bekanntheit verschaffen. Sie suchten gemeinsam den Urmythos. Sie versprach ihm, ihn durch ihre Verse unsterblich zu machen.

Wie ist ganz mein Sinn befangen,
Einer, Einer anzuhangen;
Diese Eine zu umpfangen
Treibt mich einzig nur Verlangen;
Freude kann mir nur gewähren,
heimlich diesen Wunsch zu nähren,
Mich in Träumen zu bethören,
Mich in Sehnen zu verzehren,
Was mich tödtet zu gebähren.

Friedrich Creuzer
1771-1858
Der Einzige  hatte sie dies Gedicht genannt und es dann noch rasch in Die Einzige umbenannt, um Creuzer nicht zu kompromittieren. Nein, er war ihr nicht gewachsen.  Als sie sich tötete am Ufer des Rheins, brach er den Druck der Sammlung „Melete“, an der sie gemeinsam gearbeitet hatten, ab und versuchte alle noch vorhandenen Exemplare zu vernichten. Doch wenn man liest, was er ihr schrieb, so versteht man ein wenig, warum sie, die Einsame, für deren hochfliegende Träume kein Platz in einer hausfraulichen Existenz war, sich so an ihn band: „Auch bist Du unübertrefflich, wenn du den geheimen Sinn des Räthsels singst, das wir Leben nennen, jene Heimlichkeit des Daseyns und die innerste eigenste Gewohnheit eines schönen Gemüthes.“

Er schien sie zu verstehen, doch blieb sein Horizont begrenzt und sein Mut war klein. Ihre Pläne, mit ihm nach Ägypten zu fliehen oder sich als Mann verkleidet auf eine Reise nach Russland zu begeben, schockierten ihn. Sie schrieb ihm: „Mir war, ich läge zu Bett, ein Löwe lag zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen, alle halb über mich her und in tiefem Schlaf, da dachte ich, wenn diese Tiere erwachten, würden sie sich gegeneinander ergrimmen und sich und mich zerreißen, es ward mir fürchterlich bange, und ich zog mich leise unter ihnen hervor und entrann. Der Traum scheint mir allegorisch. Was denken Sie davon?“ Diesen wilden Bestien wich er aus.

Aber welcher Mann hätte die Stärke besessen, ihr recht zu antworten? Man sollte nicht ungerecht sein gegen den armen Creuzer, dem sie mit dem Dolchstoß in ihr Herz eine ewige Last aufgebürdete. Was ihn mir aber so verhasst macht, ist der letzte Bruch, zu dem er sie zwang. Was sie hätte retten können, ließ er sie von sich stoßen. Er fühlte, dass die Frauen, solange sie einander in Freundschaft zugetan waren, trotz aller Marginalisierung stark und unbezwingbar waren. Die Eifersucht ließ ihn etwas erkennen, was nur wenige Männer bemerken. Einige Tage, bevor er sie endgültig verließ, forderte er Karoline von Günderode auf, Bettina Brentano die Tür zu weisen: „So hörst du noch immer die Bettine an, die Du doch selbst schwatzhaft nennst und die ich eine Kokotte nenne...“

Bettina Brentano hat den Bruch geheilt und der Karoline von Günderode ein Denkmal gesetzt, ohne das ihr Name vielleicht verloren gegangen wäre. In ihrem Briefroman „Die Günderode“, fast dreißig Jahre nach deren Freitod erschienen, erzählt sie die Freundschaft nicht von diesem Endpunkt her, sondern aus der Perspektive des liebend-geliebten Kindmädchens, das sie war, welches in der etwas älteren Günderode, eine gefährlich-gefährdete schöne Seele erkannte. Was die Günderode als Dichterin antrieb, das Streben nach Reinheit des Ausdrucks, wurde ihr als weiblicher Mensch zum Verhängnis: dass sie die Wirklichkeit in ihrer Verschmutzung nicht annehmen konnte. Bettina, verheiratete von Arnim, bricht darüber keinen Stab. Sie endet das Buch mit einem Brief, indem Bettina der Karoline aus dem winterlichen Marburg von einem geretteten Rosenstock schreibt: „...denn das Bild mit den Rosen, es war, als hätt mein Genius es bestellt, dass ich´s recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von der Du weißt, dass inner ihren Mauern die Opferflamme lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eigenen Leib darstellt – und des Gottes Lehren den eigenen Geist. – (....) Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht verwundert, dass der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah´s ihnen an, es war ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezählt.- Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten unter euch meine Rosen in der Weste tragen dürfen.“

Kommentare:

  1. Ah! Wie anfangen? Damit, wie die Literaturgeschichte aussähe, wenn die Begehren nicht enttäuscht, der Mutwillen nicht so oft auf dem Papier geblieben wäre?

    Erst einmal danke. Wie Sie diese Geschichte mit Ihrer ganz eigenen Sprache in die Gegenwart holen und mir die Frage in den Kopf pflanzen, ob sich seitdem wirklich viel geändert hat. Ist mehr Mut da, über die eigene Wirklichkeit zu herrschen? Sind die Strafen für Unangemessenheit weniger hart? Haben wir es weniger nötig, uns des Rückhalts unserer Zeitgenossen zu vergewissern?
    Finde heute keine Antworten. Macht nichts. Schöner Text jedenfalls. Wie eine Murmel, die sich mir auf eine innere Spur gelegt hat und nun rollt.

    AntwortenLöschen
  2. Danke!

    Diese Fragen stelle ich mir auch - und kann sie eben so wenig beantworten.

    Nach meiner Wahrnehmung gibt es nach wie vor den entscheidenden Unterschied zwischen schöpferisch tätigen (heterosexuellen) Männern und Frauen: Die Erwartung, die ein solcher Mann an die Frau, die ihn liebt, traditionell stellen kann: dass sie sich seinem Werk unterordnet (und dass sie ihren Anteil daran als "Erhöhung" erlebt), wird von kaum einer Frau umgekehrt an einen geliebten Mann in gleicher Weise gerichtet. Frauen, denke ich, können von Männern in d i e s e r Hinsicht wenig erwarten. Sie bleiben auf andere Frauen angewiesen.

    Bettina von Arnims Günderrode-Buch zeigt dies so gut wie ihr vorgebliches Buch über Goethe, das in Wahrheit eines über ihre Beziehung zu Aja Goethe ist. Auch Bettina hat erst wieder geschrieben, als Achim von Arnim gestorben war.

    I c h bin nicht mutiger als diese Vorgängerinnen. Die Beschränkungen sind oberflächlich geringer: Wenigsten kann ich mir den Lebensunterhalt verdienen. Aber wie "weiblich sein" und "ernsthaft" schreiben zusammen gehen - das kostet noch immer einen hohen Preis. (Ich glaube, Männer müssen auch zahlen, aber in anderer Währung.) Viele Frauen erleben die Beziehungen zu Männern ab einem bestimmten Punkt eher als hinderlich für ihre eigene Entwicklung. Das ist - beobachte ich - immer dann der Fall, wenn das Meister - Muse/Schülerin-Verhältnis endet, weil die Frau selbst "meisterlich" auftritt (oder von außen so wahrgenommen wird). Dann beginnt der Mann zu suchen - oder sie sich wieder klein zu machen. (Ich vereinfache hier natürlich sehr. Aber die Schmerzen in der Brust sind da.)

    AntwortenLöschen
  3. Oh, ich halte Sie schon für mutig. Und finde, "mutiger" sollte ersatzlos aus dem Wortschatz gestrichen werden!
    Ich gebe Ihnen aber recht: Es scheint, dass schöpferisch tätige Frauen immer noch dazu neigen, ihren Schaffenswillen an ihr Liebesschicksal, an einen einzelnen Mann zu koppeln. Wenn beides gefährdet ist, entscheiden sie sich (Achtung, Spekulation) für die gelingende Liebe, nicht für das Werk. Dass ein Künstler zugunsten einer Liebesbeziehung auf sein Schaffen verzichtet, halte ich dagegen für fast unmöglich.
    Ich selbst brauchte Jahre, diese dienende Haltung der Liebe gegenüber loszuwerden. Nachdem mir allerdings klar wurde, dass ich auch ohne Mann an meiner Seite noch Phyllis bin, ohne meine Arbeit aber nicht mehr, änderte sich das.
    Ich hab' mir schon immer Künstler als Gefährten ausgesucht. Männer, denen die Arbeit wichtiger war als alles andere. Wichtiger als ich. Eine solche Haltung zieht mich an. Langsam ahne - nein erwarte! - ich, dass dies umgekehrt auch meinen Reiz ausmacht.

    (Und dabei wollte ich über Frauenfreundschaften schreiben! Grrr.)

    AntwortenLöschen
  4. Ja, darüber sollte viel mehr geschrieben werden: was Frauen für einander sind, gerade auch für den Schaffensprozess. Ich arbeite (auch) daran (und damit an mir): Frauensachen. Das stockt momentan. Wie manch anderes.

    Für mich war´s so, dass ich sehr lang den Wert. den ich selbst dem beigemessen, was ich schreibe, fast ausschließlich vom Urteil des Mannes abhängig gemacht habe, den ich liebe. Es war vernichtend. Nicht dass er´s kritisierte. Er fand es einfach uninteressant. Und also hielt ich es auch dafür.Und schmiss alles in die Tonne.

    Es musste eines Krise kommen, damit ich mich davon löste. Und einfach machte. Egal, was es taugt. Dennoch bleibt das eine Verletzung - ich finde sie bei Bettina von Arnim wieder, die auch s i c h geliebt wusste, aber um den Preis, dass das, was sie schaffen wollte, nicht geliebt wurde.

    Ja, Männer würden vielleicht dann einfach gehen...Keine Ahnung. Ich vermute es nur.

    AntwortenLöschen