Samstag, 3. September 2011

GEGEN DIE POLIZEI DER SEELE STRÖMEN. Bettina von Arnims Briefroman: Die Günderode


Ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Alter von 50 Jahren. Er wird bis heute selten als Roman gelesen. Noch ihre Biographin Ingeborg Drewitz beginnt das Kapitel über „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ mit einer langatmigen Entschuldigung, dass man ihr nicht übel nehmen dürfe, wie sie die Originale bearbeite, umstelle und neue Briefe erfinde, da zu ihrer Zeit die philologischen Standards noch lax gewesen seien. Der Brief selbst sei ja damals auch als Kunstform verstanden worden und die Trennung zwischen den literarischen Gattungen unscharf. Ganz ähnlich wird ihr zweites Buch wahrgenommen: Die Günderode. Was Bettina von Arnim schrieb, verstört bis heute die professionelle Literaturwissenschaft und –kritik, weniger weil es die Gattungsgrenzen verletzt, sondern die Trennung von Leben und Schreiben, Fiktion und Realität nicht respektiert.

Bettina von Arnim hat mit diesen Irritationen ganz offenbar gespielt. Was sie schrieb und veröffentlichte, beruhte unverkennbar auf Erfahrungen aus ihrem Leben. Sie war eine Kindfrau gewesen, die Goethe kannte und in Frankfurt zu den Füßen von Goethes Mutter saß, um deren Erzählungen über die Kindheit des fremd gewordenen berühmten Sohnes zu lauschen. Sie war der Günderode, die sich entleibte,  in ihrer Jugend die engste Freundin gewesen. Sie nimmt, eine gestandene Frau, Witwe mit sieben Kindern, in diesen Romanen bewusst wieder die Perspektive des Kindes ein, das sie nicht mehr war und vielleicht nie gewesen ist. Der Gestus dieser Romane ist der einer unumschränkten, einer kindlichen, Hingabe an ihren Gegenstand. Bettina von Arnim nimmt damit eine Haltung ein, wie sie der Frau, nämlich der Kindfrau, auch in den Augen der kritischen Romantiker gegenüber dem Werk und der Person des Genies durchaus angemessen ist. Was an den Romanen, die sie schreibt und veröffentlicht, bis heute verstört und zu Abwehrreaktionen führt, ist daher nicht diese Haltung selbst, sondern dass sie als Produktionsmodus eingesetzt wird – und: dass sie zwei Frauen gilt statt einem männlichen Genie, der mütterlichen Freundin Aja Goethe und der vermissten Geliebten Karoline von Günderode.

Bettina von Arnims Buch über die Günderode beginnt mit einer Widmung: „Den Studenten“. Mit einem Blick herab auf die Studenten im winterlichen Marburg endet das Buch auch: „Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten unter euch meine Rosen in der Weste tragen dürfen.“, schreibt die fiktive Bettine an eine Günderode, die in diesem Roman keinen Creuzer kennt und keinen Liebesverrat erfährt. Es ist der Sehnsuchtsblick eines jungen Mädchens auf die männlichen Altersgenossen, die studieren auf ein selbstbestimmtes Leben hin, der dennoch voller Selbstbewusstsein ist. Denn ihre Rosen sind es, die sie nicht haben, sondern nur bei sich tragen dürfen. Was die Bettine, die hier schreibt, sich durch die Liebe zur Günderode an Welt erschlossen hat, wird sie großmütig den „Artigsten“ unter diesen schenken, nicht einem wohlgemerkt, sondern einigen. Angehängt an diesen letzten Brief hat die Autorin noch ein Gedicht der Günderode: „Der Franke in Ägypten“. Ein Mädchen gibt dem Fremdling Auskunft und wiederholt in Karolines Worten, was auch Bettine weiß:

„Liebe muss zu Heldenschatten führen,  
muß uns reden aus der Geisterwelt.-
Mächtger Strom! Ich fühle deine Wogen,
Unbewußt fühlt ich mich hingezogen.
Nur wohin! Wohin! – das wußt ich nicht.
Wohl mir! Dich und mich hab ich gefunden.
Liebe hat dem Chaos sich entwunden.“

Bettine von Arnims Roman ringt darum, die verlorene Liebe der Freundinnen dem Chaos der Erinnerungen zu entwinden, ohne das Leben im Schreiben zu töten. (Daher auch schreibt die Widmung an die Studenten, die das Buch einleitet, kursiv den künftigen Genies ins Stammbuch, wer sie sind „Musensöhne“, aus dem Schoß einer Mutter geboren und keine hirnentwundenen Selbstgeburten.)

„Die Günderode“ ist ein außergewöhnlicher Bildungsroman, nicht nur, weil er die Bildung zweier Frauen in den Mittelpunkt stellt. Die Günderode und Bettine, die sich so willig und unterwürfig zur Schülerin der Älteren stilisiert, schreiben einander aus eben jener „Überspannung“, die die männlich-medizinische Umwelt an ihnen als Hysterie kritisiert. Sie wollen, was sie lernen, empfinden, was sie lesen, leben und die Bettine will der ´überspannten Einbildung´ gar Opfer bringen, um sich für immer davor zu bewahren, davor bewahrt zu werden.

Bettines Zimmer in Frankfurt wird zum Ausgangspunkt der gemeinsamen Reisen in die  phantastische Welt:

„..in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war...Der Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht geschont., Deine schöne erfundene Reisekarte des Odysseus lag daneben, und der Muschelkasten mit den umgeworfenen Sepianäpfchen und allen Farbenmuscheln drum her, das hat einen braunen Fleck auf deinen schönen Strohteppich gemacht; ich habe mich bemüht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dein Flagolett, was Du  mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rat, wo ich´s gefunden habe? – im Orangenkübel auf dem Altan war es bis an Mundstück in die Erde vergraben; Du hofftest wahrscheinlich, einen Flageolettbaum da bei Deiner Rückkunft aufkeimen zu sehen; die Lisbeth hat den Baum übermäßig begossen, das Instrument ist nachgequollen, ich hab es an einen kühlen Ort gelegt, damit es gemählich wieder eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange, die daneben lagen, das weiß ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegth, vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen lassen, ein sauberes Ansehen erhalten sie nicht wieder. – Dann flattert Dein blaues Band an Deiner Gitarre, nun schon seitdem Du weg bist, ...so lang es ist, zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein ausgehalten und ist sehr abgeblaßt; dabei ist die Gitarre auch nicht geschont worden; ich hab die Lisbeth ein wenig vorgenommen, dass sie nicht so gescheut war, das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Plänen; sie entschuldigt sich, weil´s hinter den grünseidnen Vorhängen versteckt war, da doch, sooft die Türe aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesenschilf am Spiegel ist noch grün, ich hab ihm frisches Wasser geben lassen. Dein Kasten mit Hafer, und was sonst noch drein gesäet ist, ist alles durcheinander empor gewachsen, es deucht mir viel Unkraut drunter zu sein,... von Büchern habe ich gefunden auf der Erde den ´Ossian´, die ´Sakontala´, die ´Frankfurter Chronik´, den zweiten Band Hemsterhuis,...im Hemsterhuis lag beifolgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu schenken bitte, wenn du keinen besonderen Wert darauf legst,...und da Dein Widerwille gegen Philosophie dich hindert, ihrer zu achten, so möchte ich diese Bruchstücke Deiner Studien wider Willen beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter. ´Siegwart, ein Roman der Vergangenheit´, fand ich auf dem Klavier, das Tintenfaß draufliegend, ein Glück, daß es nur wenig Tinte mehr enthielt, doch wirst Du Deine Mondschein-Komposition, über die es seine Flut ergoß, schwerlich mehr entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich war neugierig, sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als Puppen hineingesetzt hattest....Unter Deinem Bett fegte die Lisbeth ´Karl den Zwölften´ und die Bibel hervor und auch – einen Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehört, mit einem französischen Gedicht darin; dieser Handschuh scheint unter deinem Kopfkissen gelegen zu haben...der Parfüm des Handschuhs ist sehr angenehm und erinnert mich und macht mir immer heller im Kopf, und jeden Augenblick sollte mir einfallen, wo des Handschuhs Gegenstück sein mag; indes sei ruhig über seinen Besitz, ich hab ihn hinter Kranachs ´Lukretia´ geklemmt, da wirst du ihn finden, wenn du zurückkommst...“

Alles da, in der unordentlichen Haushaltung: Pflanzen und Tiere, Musik, Lichter, Sonne und Mond, Feuer und Wasser, Bücher und Briefe, Landkarten und philosophische Aufsätze, Meereswogen und Tintenflut, Freundin und amouröse Abenteuer. Die Fülle des Lebens in einem Zimmer und die Sehnsucht ist auch da bei aller Fülle, denn die Beschriebene ist abwesend und die Schreibende ist gefangen dort, eine Frau Mitte zwanzig, die nicht für volljährig gilt und daher für jede Reise die Erlaubnis ihres Vormundes braucht. Ein blaues Band flattert romantisch Wind.

Es ist dies ein Minne-Buch, ein Gesang, der die Liebe wecken soll und die Geliebte besingen, die fern und unerreichbar geworden ist. Ein Buch der Erinnerungen auch, an Mondenschein und Traulichkeit. Bettine kämmt der Günderode das Haar und flicht es ihr auf, während diese Ossians Gesänge erfindet, so schauerlich und traurig, dass es ihr hart wird, stark zu bleiben und ihre Schmerzen zu bezwingen:

„Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel
Dich, du Liebliche, du schönes Licht.-„

Sie sind ernsthaft und mutwillig miteinander, laut und leise, vertraut und fremd.  Bettine von Arnims Briefroman verklärt die Freundschaft und Liebe dieser beiden jungen Frauen, ohne sie zu Denkmälern ihrer selbst zu machen. In dem Wechselgesang, den sie erklingen lässt, ist die eine mal Held, mal Schülerin, fühlt sich die andere mal klug, mal voller Zweifel, sind sie einander und sich selbst Subjekt und Objekt zugleich:

„Es ist aber ebenso dumm, irgendeine Macht anzuerkennen über uns als nur das Leben selbst, und leg Dir´s zurecht, wie Du willst, ich kann´ s nicht weiter ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausenden Lebensstrom in die Tiefe, wohin mich´s lockt. – Ich! Ich! Ich!“

Der Selbstbehauptungswille des Mädchens Bettine, der aus diesen Briefen spricht, ist es, der die Frau Bettina von Arnim zur Autorin macht, einer freilich, die nicht autoritär das eigene Leben und das tragische Ende der Freundin zum Werk macht oder unterwürfig das lebendige Leben als totes Material dokumentiert, sondern die Liebe zur Freundin ins Leben zurückschreibt.


Ingeborg Drewitz: "...darum muss man nichts als leben", Econ/List, 1999

Kommentare:

  1. wunderbar geschrieben. und ein herrliches zitat.
    der charakter des zimmers erinnert mich schon an das meine... wenn man das auch so in worte fassen wuerde... oh... oh... ein raum muss leben duerfen. und das steht vollkommen im kontrast zu den unberuehrbaren kissen der kindheit, die durch einen harten handschlag in der mitte zu aufrecht stehenden soldaten zementiert wurden. traeumen verboten.

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  2. Danke! Ja, mit d i e s e m Zimmer habe ich noch etwas vor.

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  3. Über Bettines Märchen (Frauenbilder darin) habe ich gerade meine BA-Arbeit beendet. Interessante Frau, auch was ihr politisches Handeln angeht.

    Viele Grüße,
    Jasna

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  4. Spannend. Kann frau das irgendwo nachlesen? Über welche Märchen hast du gearbeitet? Ich habe den Briefwechsel zwischen Achim v. Arnim und Bettina v. Arnim hier und bin immer wieder erstaunt...wie sich die Poesie in den Haushalt schleicht - oder sogar poltert;-). Interessiert mich wirklich sehr, was du zu den Frauenbildern in Bettine v.Arnims Märchen zu sagen hast. Melde dich doch mal, wenn du magst unter melusinebarby@googlemail.com

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  5. Oh klar, ich schreib dir gerne mal ne Mail :-)
    Ich hab über den Märchenroman "Gritta" geschrieben und mit Märchen von H.Chr. Andersen verglichen.

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