Freitag, 10. Februar 2012

(Un-)Perfekte Paare (11): DIE TOCHTER DES MEISTERS

In seinem Kupferstich-ComicStrip „Industry and Idleness“ erzählte William Hogarth mit dem Lebenslauf des „fleißigen Lehrlings“ grob seine eigene Liebesgeschichte nach: Ein fleißiger Lehrling schafft bei einem angesehenen Meister, gewinnt das Herz von dessen Tochter und steigt schließlich selbst zum überaus erfolgreichen Meister auf, ja übertrifft den Schwiegervater sogar noch, in dem er zum Bürgermeister von London gekürt wird. Eine Erfolgsgeschichte ohne Widerhaken, so scheint es, eine Paarbildungsstrategie, die auf trefflichste bürgerlichen Aufstiegswillen und Ehrbarkeit verbindet.

Der Maler und Kupferstecher Hogarth war den Weg dieses fleißigen Lehrlings gegangen. Vom Sohn eines Bankrotteurs hatte er es aus dem Schuldgefängnis zum prosperierenden Maler-Unternehmer geschafft. Nach seiner Lehre als Kupferstecher strebte er nach höheren Weihen als Maler und besuchte die Kunstakademie des Hofmalers Sir James Thornhill. Thornhill  war 1720 geadelt worden und sein Einkommen erlaubte es ihm, wie ein „country squire“ zu leben. Hogarth heiratete 1729 Thornhills Tochter Jane.

Hogarth konfrontiert in der viele Jahre später entstandenen Bildergeschichte „Industry and Idleness“ die Geschichte des fleißigen mit der eines faulen Lehrlings, dessen Weg am Galgen endet. Doch diese oberflächlich einseitige Propaganda für Arbeitsmoral und gegen Müßiggang bleibt in dieser Bildergeschichte in Wahrheit ambivalent. Den bürgerlichen Arbeits-Helden lässt Hogarth auf dem Höhepunkt seines Erfolges als Person verschwinden: Er ist nur noch Amt. Auf den Bildern rückt er als eine winzige, unkenntlich gewordene Figur in den Hintergrund. Der fleißige Mann  bleibt auf diesen Bildern stets gefangen in Innenräumen und Kutschen, allein der „Faule“ genießt frische Luft und kann sich draußen bewegen.

Hogarth hat von sich selbst rückblickend geschrieben, er habe als Lehrling eine „faule Natur“ gehabt. Auch das Kunststudium beim geschätzten Thornhill, so gesteht er, habe er nur oberflächlich betrieben, denn „ein regelrechtes Studium erfordert so viel Zeit, dass nichts für die Lebensgenüsse übrig bleibt.“ Zu den Genüssen, die er sich nicht verbieten wollte, gehörte offenbar auch die lust- und freudvolle Beziehung zu Miss Jane Thornhill. Anders als jenem von ihm erfundenen braven Herrn Goodchild nämlich wurde Hogarth die Braut nicht vom Meister als Belohnung für Fleiß und Unterwürfigkeit zugeführt. Jane Thornhill entschied sich gegen den Willen ihres Vaters für den jungen William Hogarth  und verließ ihr Elternhaus, um sich auf das Lebensabenteuer mit diesem noch völlig unbekannten Maler einzulassen.

Wir wissen nicht viel über Jane Hogarth, die auf späten Porträts, die ihr Mann von ihr fertigte, wie eine strenge Matrone wirkt. Als junge Frau aus besten Verhältnissen, die mit dem Studenten ihres Vaters durchbrannte, bewies sie jedenfalls Mut. Wahrscheinlich hat Hogarth sie auch auf einem Subskriptionsticket dargestellt, mit dem er 1743 für sein bis dato ehrgeizigstes Projekt „Marriage-a-la-Mode“ warb. Das Blatt zeigt eine Vielzahl von „Characters and Caricaturas“. In der Mitte der zweiten Reihe von unten erkennt man William Hogarth selbst und seinen Freund, den Autor Fielding, die einander angrinsen. Als „Brüder im Geiste“ sind sie offenbar angetreten, um mit neuen Gattungen und Genres das Establishment und sein Kunst- und Literaturverständnis zu erschüttern. Aber Hogarth Kopf ist mit einem anderen Kopf, der gleichsam aus seinem Hinterkopf erwächst, verbunden. Dieses Halbporträt zeigt eine Frau. Während die Männer einander angrinsen, lächelt die Frau still in sich hinein. Hogarth hat sich und diese Frau wie einen klassischen Janus-Kopf gezeichnet, als stelle sie den liebevolleren Teil seines Wesens vor, den, der Distanz hält, zum Männerkampf um Macht, Geld, Position. Zeitgenossen waren überzeugt, der Kopf zeige Jane Hogarth.

In vielen von Hogarth´  Stichen spielen Frauen eine wichtige Rolle. Nie stellen sie eine Gegenposition „natürlicher Empfindsamkeit“ zur männlichen Arbeitswelt vor. Vielmehr sind es oft selbstständige Frauen, die für ihr eigenes Einkommen sorgen. Diese Frauen vermitteln zwischen jenen beiden Ansprüchen, denen auch Hogarth sich ausgesetzt fühlte: dem Bedürfnis nach Versorgung, Anerkennung, Status und Freude an Verschwendung, Genuss, Lust. Anders als nach ihm romantische Autoren legte sich Hogarth in diesem Konflikt keine androgyne „Natur“ zu, mit der er sich das Weibliche als quasi-„natürliche“ Gegenposition zur Arbeitswelt des Mannes gleichsam einverleibte, sondern band sich mit der Gestalt der Frau, seiner Frau, dem Kopf Janes an die Lebenswelt, in der beide Ansprüche ihr Recht behalten: Hingabe und Pflicht.

Jane Hogarth führte nach seinem Tod das „Unternehmen Hogarth“ erfolgreich weiter. Wie eine Löwin bekämpfte sie seine Verächter und setzte sich für seine Anerkennung als Maler ein. Es gibt eine Anekdote über die alte Witwe, die Besuchern das fast impressionistische Gemälde „Shrimp girl“ vorführte, um zu beweisen, wie gut Hogarth „Fleisch“ habe malen können: 



„There´s  flesh and blood for you!“

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