Mittwoch, 29. Februar 2012

DIE NEUE NACHBARIN (oder "Wir sind keine Frauen für lockere Treffen")

Mini-Drama 1

Personen
Melanie
Vivian                                                                                                             
Carola                               die Traum-Haus-Frauen

VITA                                  die neue Nachbarin


Die eine Seite der Bühne ist hell erleuchtet. Melanie, Vivian und Carola stehen vor ihren   TRAUM-FRAUEN-HÄUSERN. Auf der anderen Seite der Bühne ragt ein toter Baumstumpf aus dem Dunkel. Plätschernde Hintergrundmusik wie im Edel-Kaufhaus.


Melanie:
Die Neue ist kein Teufel, oder wenn sie einer ist, so hat dieser doch die Gewandung eines Lichtengels angelegt. Ein aparteres Gesicht, so fein in den dunklen Rahmen schwüler Träume gefasst, lässt sich nicht denken.

VITA (aus dem OFF): 
Ein Film, in dem Georg Clooney Angela Merkel spielt, interessiert mich nicht. Ich hätte die Rolle mit Helmut Berger besetzt, der sich sterblich in Daniel Bahr verliebt, der von Matthias Schweighöfer gespielt wird. Arbeitstitel: I will always love you.

Vivian:
Es gibt keinen größeren Liebesbeweis als sich in der Stimme eines Anderen wahrzunehmen. Zumal hierin ein Liebesleben sich hüllen kann, dem die Erwiderung des Begehrens versagt bleibt.

Carola:
Join me tonight.

VITA (aus dem OFF): 
I´m  tired,/ I´m weary,/ I could sleep for a thousand years/A thousand dreams that would awake me/Different colours made of tears.

(aus dem OFF: Lou Reeds singt ein paar Takte „Venus in furs“, dann wieder die Säuselmusik)

Vivian:
Ich frage mich, ob auch sie die Pelztassen von Meret Oppenheim gut findet.

Melanie:
Gestern Nacht sah ich sie ihre  Gestalt wechseln. Im Mondlicht setzte sie sich auf die Wellen und spielte Harfe.

Carola:
Sie will viele Leben und viele Liebhaber, Frauen und Männer. Sie will sich vermischen und ihre Extravaganz feiern;  sie will ein symbolisches Ensemble ihrer wollüstigen Träume; sie will keinen Platz in der Geschichte, sie will Geschichte sein.

VITA (im Hintergrund schwebend): 
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Vivian:
Ich fühlte deutlich, als sie kaum die Regeln der Höflichkeit wahrte, um uns von ihrer Schwelle zu vertreiben, dass mir die Mittel fehlen, ihren Charakter zu beurteilen; wenigstens mein gegenwärtiges Urteilsvermögen reicht dazu nicht aus.

Carola:
Von Ferne hörte ich die Glocken läuten. Bald werden die Hyazinthen blühen vor dem Haus, aus dem sie uns beinahe warf. Wir könnten auch mit Flugblättern gegen die Hexe hetzen.

Melanie:
Schwer ist es, sich von ihrer Gestalt ein Bild zu machen. Etwas Dunkles, Nächtiges umgibt ihr ganzes Wesen. Meine Erinnerung an sie ist unvollständig, wie an einen Traum, obgleich sie mir heftigen Eindruck machte.

VITA (schwebend)
Es ist  der Rosenthal-Effekt.

Vivian:
Sie hat das Gesicht einer Wölfin, ihre Augen schienen mir grün leuchtend wie Smaragde, ihre Lider lagen darüber dünn wie Mandelhäute. Vorstehende Jochbeine bildeten hochmütige Wangen und spitz lief ihr Kinn zu wie das aller Carnivoren.


VITA (aus dem OFF): 
Woanders war kürzlich von diesem Meese die Rede. Kleine Jungs mit ihren Schaufeln führen postkoloniale Förmchenkriege im Sandkasten. Mich ekeln seit je brustentwöhnte Buben mit Schnullern.

Melanie:
Wir sollten gerecht sein. Ihre Sprache ist rätselhaft. Dunkel wie eine Sphynx weist sie uns ab, doch schien sie mir nicht unfreundlich. Ich fürchte, dass wir aus Eigenliebe uns irren.

Carola:
Mir war als berührten ihre Füße kaum den Boden, mir war als erschütterten ihre Tritte nicht die Erde, mir war als sei sie ein Nebel, der uns wabernd umhüllt.

VITA (in der Luft tanzend): 
Mit ungezügelter Lust tanzen und singen wir unseren Pfad, ziehen auf bestimmten Wegen über die Wasser und malen mit unseren Zehen Kreise auf die schimmernden Flächen.

Melanie:
Sie zeigte sich erstaunlich gleichgültig gegen unsere Empfehlungen zu Angelegenheiten, mit denen jede vernünftige Frau vertraut sein sollte, ob sie nun in der praktischen Anwendung weiter geht oder nicht.

Carola:
Wir können ihr mit einer voyeuristischen Sicht nicht auf die Schliche kommen. An den Schlüsselmomenten ihres Lebens hatten wir keinen Anteil. Wir können die Skandale, denen sie sich stellte, nur erahnen, die Verbrechen, den sie ausgesetzt war, nur bedauern, die Hoffnungen, die ihr zerfielen, nur erneuern.

Vivian:
Ihre nicht gemachte Offerte werden wir ausschlagen, ihre verdeckten Körperpartien bloßstellen, ihre verheilten Narben aufkratzen. Wir werden ihr als eine aggressive Geistlichkeit entgegen treten, um deren Begnadigung sie flehen soll, bevor ihr unsere Männer begegnen.

VITA (sich auf einen toten Baumstumpf setzend):  
Meine Wangen sind weiß wie eine Atemmaske, meine Lippen leuchten korallenrot, meine Zähne glänzen elfenbeinern und meine Locken tanzen feengleich um meine Schläfe.

Carola:
Wenn wir zusammenkommen, wollen wir fröhlich sein, unser Wetter und unsere Männer loben, uns am Glanz unserer Dielen freuen und unsere Kuchen warm aus dem Ofen holen.

Vivian:
Wir wollen nur unsere Sonnenbrillen tragen und unsere Perlen zählen. Wir wollen keine Ersatzfamilien und keine gefährlichen Süchte. Wir müssen niemanden etwas beweisen.

Melanie:
Ein Zwang lastet auf uns. Wir sind  des Tags allein ohne unsere Väter, Brüder und Männer. Gelähmt sind unsere Glieder. Wir müssen förmlich verkehren, wo wir frei sprechen sollten. Wie durch enge Stäbe sehe ich auf diesen seltsamen Vogel in seinem Käfig. Als eine ruhelose Gefangene sitzt sie da drinnen, wäre sie aber frei, so würde sie über uns wie ein Raubvogel über der Beute kreisen.

(Die TRAUM-HAUS-FRAUEN  schließen den Kreis enger um VITA. Schließlich haben sie die  neue Nachbarin umzingelt. Zischen. Keifen. Handgemenge: VITA zerrupft am Boden.)

Die TRAUM-HAUS-FRAUEN im Chor:
Wir sind keine Frauen für lockere Treffen.“

Kommentare:

  1. Stark. Neidvoll frage ich: Woher das Material?

    AntwortenLöschen
  2. ALLES wird Material. Ein Traum. Ein Haus. Fernsehen (schamhaftes Erröten), eine Zeitungsnotiz (George Clooney träumt davon eine kleine deutsche Frau zu sein), Daniel Bahrs Konterfei, irische Elfenmärchen, Vita Sackville-West (ORLANDO), Als wir Pop-Poetinnen waren (ein Fundus schlechter Gedichte aus den 80ern), Macbeth.... Ich weiß es nicht wirklich. Hier ist viel zusammen gekommen. Das meiste, nehme ich an, vorbewusst.

    AntwortenLöschen