Mittwoch, 8. August 2012

PUNK PYGMALION (Schluss): DREI SIND EINE ZUVIEL


Es fiel mir zufällig in die Hände gestern beim Aufräumen (aber ich glaube nicht an Zufälle), das Notizbuch zu den "Spielregeln des Kriminalromans", wie sie Dorothy L. Sayers formuliert hat: "Jeder Dummkopf kann Lügen erzählen, jeder Dummkopf kann sie glauben; aber die richtige Methode ist, so die Wahrheit zu sagen, dass der intelligente Leser dazu verleitet wird, sich selbst eine Lüge vorzusetzen. Dass der Autor selbst eine dicke Lüge auftischen soll, widerspricht allen Kunstregeln." Sie hat vollkommen Recht und ich hatte das auch versucht, während ich an PUNK PYGMALION (Der Link führt zu der nicht überarbeiteten Fassung ohne "Emmi"!) schrieb. Aber das Schreiben zog sich über mehr als zwei Jahre hin und als ich das gestern las, errötete ich, weil mir spontan einige Stellen einfielen, die diesem Anspruch nicht genügten. Ich ging den Text in der Nacht noch einmal durch am Bildschirm und änderte, was zu ändern war (ohne Gewähr, es mag sich immer noch die eine oder andere Stelle vom Dummkopf für Dummköpfe finden; das war sicher nicht der letzte Durchgang). Aber während ich das las, verstand ich plötzlich, dass ich das Ende des Romans, den Schluss des letzten Teils unter dem Titel "EMMI", schon geschrieben hatte. Die Lösung, die ich gesucht hatte, bestand nicht darin, mehr zu schreiben, sondern etwas wegzulassen. Und das war es! Die erste Fassung von PUNK PYGMALION ist fertig gestellt. Jetzt drucke ich das aus. Lese es noch einmal durch, bringe Korrekturen an und dann schicke ich es an ein paar Menschen, deren Urteil ich vertraue. 

Drei Teile sind es geworden, unterschiedlich in Länge, Perspektive und Stil:

I. ANSGAR (S. 5 -129)
Es war von Anfang an eine Dreiecksgeschichte. (Sind das am Ende alle Liebesgeschichten - selbst wenn gar keine leibhaftige Dritte mitwirkt, bezieht sich "das Paar" auf eine Abwesenheit, auf das "Nicht-Wir", das in jeder "Ich"-Behauptung auftaucht: die Andere, der Andere, die/der DU nicht bist ?) Am Anfang, ganz am Anfang, stand eine Erzählung: "Der dänische Steinmetz". Das überschnitt sich mit der Forderung nach der Veröffentlichung der Briefe, nach der Bekanntmachung der anderen Stimme (der männlichen?), die diese schuf: PUNK PYGMALION. Die Forderung wurde einer anderen Frau in den Mund gelegt, die den Namen EMMI erhielt, dessen Klang das "M" der Melusine verniedlichte, was aber erst später eine Rolle spielen sollte. So schien der Mythos korrekt tradiert: das männliche Verlangen, sich eine Geliebte zu schaffen, der sein Geist Leben einhaucht. Das war aber ein bisschen zu einfach. Eine Verletzlichkeit und Verletztheit sprach aus diesen Briefen aus den 80er Jahren, die in diesem gewaltsamen Akt nicht aufging. Daher musste alles herumgedreht werden: Eine ältere Frau, die einen jüngeren Mann in das Abbild ihres verschollenen Geliebten verwandelt. So etwas zeichnete sich ab, am Ende des ersten Teils dieses "Brief- und Blogromans". Die Funktion der Kommentare wurde, gegenüber dem herkömmlichen Briefroman des 18. Jahrhunderts, ausgeweitet, denn die "neuesten Leiden" dieses jammernden und kiffenden Werthers entbehrten nicht der Komik, die aufzuheben war in der Gegenwart, die immer noch Sehnsucht kennt, Liebesleid, Freundschaft und Verrat. 

II. LARS (S. 130 - 170)
Was geschieht, wenn das Frauenbild, das im Roman ein Mann entwirft, das Bild einer schreibende Frau von einer Freundin ist? Das war die Frage, der sich der zweite Teil stellt. Ein junger Mann, der liebt und betrogen wird, der sich rächt und verletzt, erhebt die Stimme. Er ist im Recht und bleibt es, erfindet sich selbst im Bild des Vaters, bleibt seiner Mutter treu und übersteht die Erzählung unverletzt. Er geht einfach aus dem Bild, denn er ist - obwohl er am meisten geliebt wird - nicht Teil dieser tragischen Dreiecksgeschichte (und kann es nicht werden, egal wer sich das wie sehr wünschen mag.)

III. EMMI (S. 170 - 197)
Sie hat keinen Namen, obwohl er über dem Kapitel steht. Deshalb schreibt sie auch nicht als "Ich". Das war eine Entscheidung, die mir nicht leicht fiel. Es liest sich nicht gut, vor allem deswegen. Aber was ihr fehlt: das WIR - lässt kein "Ich" zu. Sie hat "mir" (also "der Anderen", die die Blog-Herausgeberin ist) ein Versprechen abgenommen: diesen Teil nicht mehr zu kommentieren. Das war böse. Es hat das Ende verzögert. Vielleicht war genau das ihre Absicht. Aber jetzt ist Schluss!

Erst im letzten Absatz traut sie sich ein "Ich" doch noch zu:

Schreib mir ein Happy End. Verzeih mir, dass ich das forderte. Sie will, schriebst du über mich, als ich beinahe schon am Ende war, dass ich ihre Geschichte mit dem ´rough guy´ erzähle. Das zwang mich dazu, noch ein paar Wochen dran zu hängen, um dir das hier zu schreiben. Denn so war es doch nicht. Es ging nicht um ihn und mich. Sondern um uns. Lebwohl. Es hat mich nie gegeben. Nur deine Erinnerungen an mich. Was er gezeugt hat, wird bleiben. Als es zu spät war, habe ich sein Gesicht gesehen und er nannte meinen Namen. Wie DU. (Deinen behalte ich – für mich!)



Der Roman endet so nicht. Das Versprechen wird gehalten. Aber es gibt (wie es eine VORREDE gibt) auch ein Nachwort. Das endet, wie könnte es anders sein, mit den SEX PISTOLS: 

When there’s no future how can there be sin
We’re the flowers in the dustbin
We’re the poison in the human machine 

We’re the future, your future!




Wow, ich bin fertig! (Bin ich fertig?)

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