Samstag, 15. Dezember 2012

Vom Wert der Bedürftigkeit (gelesen bei Sturmflut)

"Der Unberührbare ist tot und ahnt es waffenstarr."

(Das las ich heute früh bei Sturmflut. Hier: Es war als habe dieser Satz mich gesucht.)

Kommentare:

  1. Gummizelle Gesellschaft.

    Manch einer versucht noch aus der letzten Geschmacksverirrung heil raus zu kommen.

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    1. "Die Gesellschaft" sind ja eh immer die Anderen, gelle? Die Doofen, Dummen, Geschmacklosen, Verirrten, Verängstigten, die Deppen und Unwissenden. Wie schön, wenn man(n) sich täglich oder gar stündlich selbst bestätigen kann, wie wenig man(n) mit denen gemein hat und wie überlegen man denen ist! Vor allem, wenn einem sonst nichts bleibt, worüber man(n) sich freuen könnte. Aber Freude ist auch schlecht, stimmt´s? Denn das Leben ist falsch, sowieso, und "die Gesellschaft" noch mehr, die Gummizelle. Ein Lob auf die Solipsisten und einsamen Ästheten bei denen ist die Wand wenigsten knallhart, gegen die der einsame Schädel geknallt wird. Ein schöne Geräusch macht es jedes Mal, das allerdings meinereine nicht hört in ihrer warmen, schallisolierten Gummizelle unter all den anderen Bekloppten, mit denen sie sich unverdrossen solidarisiert, auch auf die Gefahr der Geschmacksverirrung hin, ja um ihretwillen. Darauf einen Glühwein!

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  2. Man wird doch mal die Wahrheit sagen dürfen.

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    1. Ja, klar. (Genau den Satz sagt im Übrigen der Nachbar auch immer, nachdem er über Ausländer, Asoziale - d.h. bei ihm Arme- oder Emanzen hergezogen hat.)

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    2. Aber: Danke! Für Ihre selbstlose Illustration der oben zitierten Aussage.

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  3. Es ist in der Tat ein allgemeinmenschliches Problem mit der Wahrheit, vorpolitisch. Man kann keinem zur Last legen, was die Last der Verhältnisse aus ihm gemacht hat.
    Politisch kann man konkreter werden, wegen oben und unten z. B., aber das wissen Sie ja mindestens so gut wie ich.

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    1. Ich sehe das "Problem mit der Wahrheit" nicht. Das kommt wahrscheinlich, weil es über "die Verhältnisse" meiner Meinung nach nichts Allgemeines, sondern immer nur Konkretes zu sagen gibt. "Die Verhältnisse" als "allgemeine" sind mir schnuppe oder anders ausgedrückt: Ich halte die Idee davon für eine Phantasmagorie, genauso wie einen plumpen Determinismus, der glaubt, eine/r jede/r sei "Produkt" von "Verhältnissen". Nehme ich das für jeden Sprecher (und also z.B. auch für Sie an), dann löst sich die ganze Idee von "Wahrheit" ohnehin ins Nichts auf, weil Sie dann eh nur Verhältnismäßiges sagen können, nämlich über die Ihren. Was wahrscheinlich stimmt, aber eben dann auch für alle anderen gilt. Auch für die Schrebergärtnerinnen, Weihnachtssternbastler und Glühweintrinkerinnen wie mich.
      ...Und so rumpelt alles dahin...

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    2. Als Rationalist sollte ich jetzt ein Plädoyer für den Rationalismus bringen. Es gibt derer aber schon so viele, und der Streit zwischen Nominalisten und Rationalisten ist alt und bekannt.
      Nominalistisch macht man sich natürlich Freundinnen und Freunde; das liegt an der Vorstellung von den „auf der Hand“ liegenden Tatsachen,die so beliebt ist.
      Das ist aber nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass auch Sie in Ihrer Argumentation mit der Denkfigur eines übergreifenden Allgemeinen operieren. Um überhaupt etwas sinnvolles sagen zu können operieren Sie damit. Konkrete Verhältnisse als solche kann man nicht d e n k e n, in denen kann man nur stehen, verrecken, glücklich sein usw. Dass der konkret Einzelne für die Verhältnisse, in welchen er lebt, nicht oder nur bedingt verantwortlich gemacht werden kann, das ist die materiale Grundlage jeder Moral. Unmittelbar werden die wahren Wurzeln des Humanismus doch nur mit Füßen getreten, was das mindeste ist, das aus der Phänomenologie des jungen Hegel gelernt werden k a n n.
      Die Nachbarin, Margaret Thatcher, hat neuliberal und etwas nervös so gerne gesagt: „Ich kann das Wort Gesellschaft nicht mehr hören!“ Auch eine Art, „alles dahin rumpeln“ zu lassen.
      Indes ist die Wahrheit Gattung ihrer selbst und des Falschen (Verum est index sui et falsi)

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    3. Dazu fällt mir nichts ein. Begriffe und Personennamen, die Sie hier erwähnen, fallen so ganz aus meinem Interessenspektrum. (Womit ich keineswegs sagen will, dass es mich stört, wenn andere sich sehr diesem oder jener befassen.)

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    4. @Melusine Manche kommen bei dir immer mit Hegel, egal um was es geht, egal aus welchem Loch sie diesmal kriechen. Das ist interessant zu beobachten, beinahe manisch. Was ich bloß gar nicht verstehe ist, was speziell diese Leute immer gerade von/bei dir wollen. Irgendwas steckt dahinter; ich komme nur noch nicht drauf ;-). Ist es etwa der Mann aus Bad Salzuflen oder diesmal das pfälzische Trollerlein, von dem du erzählt hast?

      Bei mir sind es meistens Freudianer, die mich belehren wollen. Auch ein lustiges Völkchen.

      Schönen 3. Advent wünsche ich dir! (auch von S.)

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    5. das kenne ich. so typen, die permanent seiten anklicken, auf denen sie sich zwanghaft ärgern und deren betreiber sie bekehren wollen. man soll es nicht beschreien, aber das verhalten ist die vorstufe zu den psychopathen die dann amok laufen. mein Blog habe ich aufgegeben wegen solcher typen. zwei, drei von den trolls waren jeden tag mehrere stunden auf der seite und haben dauernd kommentare abgesetzt. im grunde brauchen die hilfe. außerhalb des netzes allerdings und das ist eben kostspielig.

      schönen gruss
      frau karli

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    6. Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Karli! (Kannte ich Ihren Blog? Ich habe da so eine Vermutung.) Diese Kommentatoren sind mir "bekannt", sozusagen. Ich glaube, dass ist unterhalb der Schwelle zum Pathologischen oder gar Psychopathischen. Die Kommentare halten sich auch in Grenzen. Nur auf so Reizworte wie "Hegel" und so reagiert der eine wie ein Pawlowscher Hund :-). Der andere meldet sich eh nur sporadisch. Und ich finde den sogar ganz lustig. Viel schlimmer sind einige Kommentatoren zu den feministischen Themen gewesen. Da gab es sogar Drohungen. Sei´s drum. Ich schalte den meisten Mist sowieso nicht frei, sondern leite vieles direkt auf hatr.org weiter.

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    7. mit ihrer vermutung liegen sie wahrscheinlich richtig, liebe melusine.

      beruhigt mich, was sie da schreiben. einige kommentatoren bei ihnen haben sich schon manchmal gehörig im ton vergriffen. ich fand es gut, dass sie auf die moderation umgeschaltet haben. hoffentlich bleiben die drohungen nun aus. wenn sie den ´rationalisten´lustig finden, ist´s ja gut. mir geht er auf die nerven. aber ich kann drüber weg lesen.

      vielen dank dagegen für den link auf den text von ´sturmflut´. das sprach mir aus dem herzen. wie auch für kienspans link auf das gedicht von fried.

      lg

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    8. Ich freue mich, Frau Karli, dass Sie noch mal zurückkommen auf den Satz, den ich Samstagmorgen fand und - wie den ganzen Text auf "Sturmflut" - sehr treffend fand.

      Für mich ist die Weihnachtszeit immer eine Zeit der Vorfreude und der schönen Erinnerungen gewesen, die ich mir nur in der Pubertät und später ganz zu Beginn meines Studium habe vermiesen lassen durch eben jene billige Überlegenheitshaltung, die im Text auf "Sturmflut" angesprochen wird. Allerdings: Es gibt sicher viele Menschen, die wenig schöne Erinnerungen mit dieser Zeit verbinden und sich daher mit gutem Grund dagegen verschließen. Das verstehe und respektiere ich auch.

      Über diese Kommentatoren ärgere ich mich gar nicht so sehr. Die Kommentare bestimmter Leute klicke ich ohnehin gleich weg, weil ich keinen Kontakt zu ihnen haben möchte. Mich wundert bloß die Hartnäckigkeit, mit manche hier alles lesen und kommentieren, was sie doch erklärtermaßen für Unfug halten. Es muss sehr schwer sein, loslassen zu können, wenn einer eine Mission hat, egal worin sie besteht. Zum Teil kann ich das sogar nachvollziehen. Ich bin auch manchmal hartnäckig. Nur nicht über einen so langen Zeitraum und auf jeden Fall auch viel zu stolz, um immer wieder an eine verschlossene Tür zu klopfen.

      Es ist auf seine Weise dies auch ein Zeichen von Bedürftigkeit und die - wie die Überschrift aussagt - hat ihren eigenen Wert, auch wenn eine ihn nicht immer begreift.

      LG
      Melusine

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  4. Als ich den verlinkten Beitrag gelesen hatte, gesellten sich zum zitierten Schlusssatz innige Gedanken an Erich Frieds Gedicht "Bereitsein war alles". In der Tat geht es um "Wahrheit". Allerdings um keine der Allgemeinheit zugängliche und damit beurteilbare. Sondern um jene, die "ICH" mit "SELBST" aushandeln muss. Die gefundene "Wahrheit" ist auch nicht fassbar, sie kann nur erlebt werden - in der Auflösung der Waffenstarre (oder der erkennbaren Abwesenheit von Sturmleitern schleppenden Feinden). Welch Glück, wenn dann noch Lebenszeit übrig ist.

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    1. Ja. :-) Eine Freundin schrieb mir in einem ganz anderen Zusammenhang vor einiger Zeit: "Das klingt mir zu versöhnlich." Das traf mich erst, dieser Vorwurf. Aber dann begriff ich, dass ich mich versöhnen will...solange noch Zeit ist.

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    2. Danke auch für den LInk auf das Gedicht!

      (Was das Versöhnliche betrifft, meine ich, das wissen Sie aber sicher, lieber Kienspan, nicht "die Verhältnisse", sondern die Versöhnung mit sich selbst und jenen, die einen brauchen (können).)

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    3. Ihren Worten, liebe Melusine, habe ich lange und ausgiebig nachgespürt: "[...] und jenen, die einen brauchen (können)."

      Sich der eigenen Bedürftigkeit gewahr zu werden und ihr nachzugeben, sich dem Risiko der unverständigen Ablehnung auszusetzen, ist ein unumgänglicher Entwicklungsschritt. Das ist in der Versöhnung mit sich selbst notwendig enthalten. Die Bedürftigkeit jener anzuerkennen, die einen brauchen (können), fällt, wenn es denn bisher schwierig war, um vieles leichter, sobald die "Verhältnisse" durchschaut wurden.

      Mit den "Verhältnissen" selbst kann es keine Versöhnung geben. Das käme einer Kapitulation vor Entwicklungsherausforderungen gleich. Wohl aber dürfen - oder besser: sollen - herangetragene Bedürftigkeiten anderer vor dem Hintergrund der "Verhältnisse" wahrgenommen werden. Darin spiegelt sich nämlich auch das "Selbst" wider. Zu entschlüsseln, wie man geworden ist, eröffnet gänzlich neues Verständnis für Bedürftigkeit schlechthin.

      Die Versöhnung mit sich selbst hebt aus den Verhältnissen heraus, die im selben Gedankenzug Wirkmächtigkeit einbüßen. Die schönste Konsequenz der Versöhnung bringt den Umstand hervor, dass sich endlich "richtiges Leben im richtigen Leben" ereignen kann.

      Ich wünsche Ihnen mit Ihrer Familie eine angenehme Weihnachtszeit!

      Herzlich
      Hans

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  5. Ich habe lange geglaubt, es sei das Versagen meiner Worte, wenn ich nicht verstanden werde. Erklären zu müssen, wie man etwas meint, ist schlicht und ergreifend blöd. Deshalb freue ich mich, bei Ihnen lesen zu dürfen, dass das nicht nötig ist und dass es anderen gelingt, mit einer ebenfalls schlichten Aussage ("Vom Wert der Bedürftigkeit") auf den Punkt zu bringen, worum es mir wirklich ging. Dafür danke ich Ihnen von Herzen, liebe Melusine.

    Kienspan, Ihnen herzlichen Dank für die Verlinkung des Gedichts. Gänsehaut. So geht es mir, ja, nur zum Glück ist es mir gelungen, die Belagerung fallen zu lassen, ehe ich gestorben bin.

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