Sonntag, 19. Mai 2013

DER AUFZEIGER (oder: Alt gewordene Allmachtsphantasten)

Jede kennt sie aus der Schule und die meisten waren selber mal welche, in der Grundschule: Aufzeiger. Die, die sich immer melden. "Hallo da! Ich weiß was! Ich kann das!" Ein glückliches Kind lebt viel in seinen Allmachtsphantasien, freut sich über alles, was es schon kann und bildet sich ein, auch alles andere zu können, wenn es nur wollte. "Wenn ich ein Seemann wär´...Wenn ich ´ne Ärztin wär´... Wenn ich eine feine Dame wär´... Wenn ich ein Pilot wär´...Wenn ich den Himalya besteigen tät´..." Alles ist möglich. Scheinbar. Spiel und Schein. Und dann: die Kollision mit der Realität. Oder dem, was andere dafür halten. Oder den Wahn-Vorstellungen und Allmachtsphantasien der anderen. 

Einer schrieb mir mal: "Ich wäre sicher ein guter Vater geworden." Ein andermal sagte derselbe Mann von sich: "Ich könnte bestimmt gut lehren. Dafür habe ich ein Talent." Da ist etwas schief gegangen in der Entwicklung, vielleicht, höchstwahrscheinlich schon in der kindlichen. Denn was eine sofort versteht, wenn sie diese Sätze liest oder hört, ist doch: Der ist kein Vater, der ist kein Lehrer. Wäre er´s, eins von beiden oder beides, dann hätte er mehr Selbstzweifel. Wer Vater ist, ist sich nie ganz sicher, ob er es gut macht. Oder richtig. Versuche. Anstrengungen. Ausprobieren. Scheitern. Aushandeln. Noch mal probieren. Wer bin ich? Ein Vater, was viel heißen kann und nichts Bestimmtes, aber eben für einen, der einem Kind tatsächlich einer ist, auch nichts Beliebiges. Er ist nicht allgemein "Vater", sondern Vater dieses bestimmten Kindes, das nicht er ist und das seine eigenen Vorstellungen hat, auch über den Vater und das Gelingen seines Vater-Seins. Zum Beispiel. Der Aufzeiger dagegen glaubt immer: "Das kann ich auch", weil er die Widerstände (des Materials und der anderen) als Angriffe auf seine Person missversteht, die allein ihn daran hindern, wahr zu machen, was er könnte. 

Ein langer Prozess, ein Aushandlungsprozess, dem sich manche - wie oben der - phantastisch-altklug verweigern: Wer bin ich? Ich bin nicht, die alles kann. Was ich kann, kann ich so und so gut. Andere können manches besser als ich. Manches kann ich gar nicht. Vieles misslingt. Nicht alles kann ausprobiert werden. Weil ich Gitarre gelernt habe, hatte ich keine Zeit Klavier zu lernen. (Wo ich herkomme, hat niemand ein Klavier zu Hause gehabt.) Es geht so oder so aus: Manche sind arg gekränkt, wenn sie begreifen, dass andere sie ganz anders sehen, als sie sich selbst. Manche erfahren, dass das Bild, das die anderen von ihnen haben, auch ganz schön ist. Oder zumindest interessant. Und gleichen ab. Gleichen an. Polieren die Ecken. Lassen es mal auf eine Konfrontation ankommen. Lecken danach ihre Wunden. Finden eine Position. Wechseln sie wieder. Alles ist vorläufig und trotzdem nicht beliebig. Niemand kann aus seiner Haut. Nicht jede kann Opernsängerin werden. Ein Kind zeugen. Oder einen Nobelpreis für Physik gewinnen, Sparkassendirektorin werden oder Schlitzer. Die meisten könnten vielleicht morden. Unter Umständen Die allermeisten tun es nicht. Auch das ist nicht beliebig. Neurodermitis oder nicht? Lange Beine oder kurze? Dickes Kind, Brillenschlange, Linkshänder - das bleibt nicht ohne Folgen. 

Auch zum Lehren, Boote bauen, Pullover stricken, Kinder gebären gehört noch was anderes, als dass man es sich bloß vorstellt, es zu tun. Viel Anderes: Probieren. Versagen. Gegen die Wand knallen. Sich wieder aufrappeln. Aufgeben. Neu anfangen. Sich anders aufstellen. Wer was macht, stößt auf Widerstände, die nicht der eigenen Imagination entspringen. Jede sehnt sich gelegentlich zurück in eine Welt, in der die eigenen Selbstbilder und Phantasien der Maßstab für ALLES sind. Alt gewordene Aufzeiger sind Kinder, die nicht erwachsen geworden sind. Peter Pans mit schütterem Haar, tiefen Falten, herabgesunkenen Mundwinkeln. Tragisch-komische Figuren. Und immer sehr enttäuscht - von der Welt und den Anderen, selbstverständlich. 

Vieles ist möglich. Alles kann man sich nur einbilden. 

Ein Bild, auf der Leinwand realisiert, stellt sich den Blicken der Anderen, deren Kritik, deren anderem Sehen. Eine fiktive Figur, aufgeschrieben und veröffentlicht, wird anders gelesen, als der Verfasser es sich vorgestellt haben mag. 

Phantasie ist mächtig. Aber eben nicht: ALL-mächtig. Nicht mal in ihrem eigenen Reich. Wenn wir zum Mars fliegen, fliegen wir eben nicht zur Venus. 

(Ich habe Peter Pan nie gemocht. - Die Figur, meine ich, nicht das Stück. - Captain Hook hatte meine Sympathie. Immer schon.)

Kommentare:

  1. Ich vermute, die altgewordenen Allmächtigkeitsphantasten waren genau keine glücklichen Kinder. Keine "Aufzeiger", sondern Gemobbte, Verängstigte. Hinter dem Phänomen steckt vor allem Verunsicherung und Kränkung, denke ich. Der Typ, den du da zitierst, wäre vielleicht sehr gerne Vater geworden oder Lehrer und leidet darunter, dass es nicht geklappt hat.

    Sonnige Pfingstgrüße

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    1. Wahrscheinlich hast du Recht.

      Gestern sprach ich mit Morel über ein ähnliches Thema (auf dem Weg ins Stadion: "Nur die SGE! YEAH!"). Das ist auch was, was mich an Beltings Bildanthropologie stört: dass die Differenz zwischen einem Bild, das als Bild realisiert wird (virtuell oder materiell) und dem im Kopf bloß imaginierten aufgehoben scheint. Da halte ich es mit G. Boehm, weiterhin. Diese Differenzen: Körper - Bild - Vorstellung aufzuweichen, erscheint mir geradezu abstrus. Nimm einen Baseballschläger, dann werden sie offensichtlich ;-).

      Liebe Grüße zurück!

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