Samstag, 22. Oktober 2011

ANGEKETTET (aus der Serie "Wir")


Helena Almeida

Dich gelüste nicht nach unserem Opfer, sprachst du. Unsere Hände lagen wie tote Götzen auf dem kalten Stein. Noch kannten wir keine Fesseln. Dass du uns zurichtest nach deinem Bilde, schufen wir dir eine Schmiede und feuerten dich an. „Es ist kein Hort für euch, Niedergeschmetterte“, sagtest du. „Ich weiß keinen.“ Wir flehten dich an, uns zu binden. Du legtest  Ketten um unsere Gelenke und zogst uns durch Wüsten und Gebirge hinter dir drein. Schorf bildete sich über den blutigen Wunden. Wir wurden warm und fühlten unsere Lust. Auf unseren Knien dankten wir dir für die Bestrafung. Doch dann wuchsen in unseren Mutterleibern deine Nachfolger heran. Als wir gebaren, höhnten wir deiner. Unsere Schmerzensschreie vollendeten deinen Niedergang. Zärtlich strichen wir den Gezeugten über die Köpfe und legten die Hände vor ihre Augen. Sie sollen deinen Namen nicht kennen und dein Antlitz nicht schauen. An dich gekettet besingen wir die Lüge, die dich verrät.


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