Freitag, 24. August 2012

DIOTIMA (3): "Philosophie ist etwas, was ausschließlich in der Tat und in der Praxis geschieht..."


Mit diesem Post setze ich die Reihe zu den auf Deutsch erschienenen Textsammlungen der Philosophinnen-Gruppe DiOTIMA fort:
Bisher:


In meinem Text zu dem Band „JENSEITS DER GLEICHHEIT. ÜBERMACHT UND DIE WEIBLICHEN WURZELN DER AUTORITÄT“ hatte ich versucht, meinen Weg zum „Differenzfeminismus“ nachzuzeichnen, einen Weg, bei dem ich „von mir ausgehen“ musste, um, wie Luisa Muraro so treffend formuliert hat, „mich nicht zu finden“.  Denn es ist vielleicht der entscheidende Irrtum, wenn die Figur des „Von-sich-Ausgehens“ mit Selbstbezüglichkeit oder Egozentrik verwechselt wird. Vielmehr ermöglicht gerade die Besinnung auf die eigene Herkunft, die eigene Bedürftigkeit und Begrenztheit, sich dem Anderen zu öffnen, ohne es immerzu zwanghaft mit sich selbst zu identifizieren. Es geht also nicht darum, um sich selbst zu kreisen, sondern gerade darum herauszugehen, sich von sich weg zu bewegen auf die anderen hin: „Von-sich-selbst-Ausgehen“ war der Weg der praktischen Philosophie, die nicht versucht, die Welt selbst zu verändern, was ein eitles Unterfangen wäre, sondern eine Veränderung meiner Beziehungen zur Welt anstrebt. Und eine Veränderung meines In-der-Welt-Seins.“ (Luisa Muraro) Befreiung wird also nicht erfahren in einem Akt, der die Welt in ein Objekt der Erkenntnis verwandelt, sondern in der Erfahrung, Teil dieser Welt zu sein und Beziehungen mit ihr und in ihr zu gestalten. Luisa Muraro bezieht sich in ihrem Aufsatz: „Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen...“ auf Simone Weil, die Philosophie so definierte: „Philosophie (Probleme der Erkenntnis etc. mit inbegriffen) ist etwas, was ausschließlich in der Tat und in der Praxis geschieht. Deshalb ist es so schwierig, darüber zu schreiben. Schwierig in der Art einer Abhandlung über Tennis oder einen Wettlauf, aber in weit höherem Maße.“ Damit setzt sich Weil in krassesten Widerspruch zu all jenen, die Philosophie als Produktion von Texten oder Lektüre und Deutung von Texten begreifen. Sie verwechseln aus ihrer Sicht das Eigentliche (die Handlung) mit dem Schreiben über die Handlung (das schwierig sein mag, aber eben nicht die Philosophie selbst ist). Philosophie wäre nach dieser Lesart eine weise Lebenspraxis, die über Beziehungen gestaltet wird. Die Philosophin wäre mithin nicht eine, die kluge Texte verfasst, sondern eine, deren Lebensgestaltung gelingt. Diese Auffassung erscheint vor dem Hintergrund der akademischen Philosophie geradezu lächerlich, dabei entspricht sie durchaus derjenigen Bedeutung, die das Wort ursprünglich hatte. In die Lehre eines Philosophen ging man in Ost und West, weil man ihn für einen Weisen hielt, durch die Art, wie er sein Verhältnis zur Welt und zu seinen Mitmenschen gestaltete. Die Idee, man könne Texte selbst als "philosophisch", unabhängig von ihrem Sprecher und dessen praktischer Lebensführung, begreifen, ist erst später entstanden. Diese Idee hat indes eine ungeheure Dynamik und Produktivität entwickelt: Sie brachte uns den Monotheismus, die Dampfmaschine, den Kategorischen Imperativ, die Elektrizität, das Auto, die Psychoanalyse, die Atombombe und das Retortenbaby. Alle diese Errungenschaften konnten scheinbar hervorgebracht werden, ohne „Von-sich-Auszugehen“, ja geradezu im „Von-Sich-Absehen“. 

Zugleich hat dieses Denken durch den stetigen Prozess der Entfremdung das entgegengesetzte Bedürfnis nach Substanz und Identität hervorgetrieben, das zu immer neuen und immer extremeren Anstrengungen des Hervorbringens, der (illusionären) Selbst-Geburt führte. Dieses Denken hat den Ressourcenverbrauch bis zum Exzess vorangetrieben und in seiner Sehnsucht nach Einheitlichkeit immer kleinteiligere, (schein-)homogene „Systeme“ geschaffen, die zueinander nicht mehr in Beziehungen zu stehen glauben, sondern einander als „Umwelt“ begreifen. Die philosophische Praxis, die hingegen Louisa Muraro vorschlägt, „besteht also darin, an die Quelle des Denkens und Entscheidens zurückzukehren und die Gebäude des schon Gedachten und Entschiedenen mit seinen mehr oder weniger beeindruckenden Erscheinungsformen und seinen mehr oder weniger illusorischen Wirkungen auseinanderzunehmen. Wenn wir uns also in diesem Sinne in Bewegung setzen, ist die wichtigste Entdeckung die des Subjekts. Man entdeckt das Subjekt, sich selbst, nicht in der Position des Subjekts, sondern von dem aus, was es vervollständigt: Ich finde mich in der Beziehung mit anderen, bewohnt von Erinnerungen, bewegt vom Begehren.“

Das „Von-Sich-Ausgehen“ richtet sich daher genau gegen jene „falsche Konstruktion des Selbst“, das immer nur auf sich zurückfällt, indem es auf sich als Objekt blickt, statt sich in seinen Beziehungen und Abhängigkeiten zu erfahren. Es geht diesem Denken nicht um eine Dekonstruktion des Ich, sondern um eine Dezentralisierung. Auf diese Weise wird der Prozess des Denkens eine stete Selbstveränderung des Subjekts. Das ist ein risikoreiches Spiel, weil es keinen Sinn und kein Zentrum gibt, das für dieses Denken konstitutiv werden kann: Es ist vielmehr immer das, was sich in den Beziehungen entwickelt. Louisa Muraro spricht davon, dass dies „die enge Pforte“ sei, durch die sich das Denken „vom Nihilismus des postmodernen Denkens“ freispiele.

Im Zentrum des Bandes „DIE WELT ZUR WELT BRINGEN. POLITIK, GESCHLECHTERDIFFERENZ UND DIE ARBEIT AM SYMBOLISCHEN.“ steht die Auseinandersetzung damit, wie die wieder gewonnene Bezugnahme auf die Autorität der Mutter sich in der Praxis gestaltet, welche Schwierigkeiten auftreten können und auf welchen Wegen die Beziehungen von Frauen zueinander für das Denken fruchtbar gemacht werden können. Wie Luisa Muraro weist auch Andrea Günther in ihrem Beitrag: „Jenseits des Ichs und der Macht: Selbstbewusstsein und weiblicher Sinn in der Welt“ auf die Differenz dieses Denkens zur postmodernen und poststukturalistischen Dekonstruktion des Subjekts hin. Es bleibe das poststrukturalistische Denken zwanghaft und negativ dem Subjekt und der Ich-Konstruktion verhaftet. Aus dieser polaren Bindung, die zum ständigen Bedürfnis, sich seiner selbst zu vergewissern und auf sich zu beharren, führe, löse nicht „das Wissen um das Selbst oder das Ich, vielmehr (die)...Wahrnehmung von sich selbst als Teil des menschlichen Beziehungsgefüges und der Welt, die immer schon da ist, wenn wir geboren werden.“

Ein weiteres Kapitel des Bandes ist der „Symbolischen Ordnung der Mutter“ gewidmet. Die „Ordnung der Mutter“ orientiert sich nicht am Prinzip der Gerechtigkeit als höchstem Wert, sondern am Prinzip der Bedürftigkeit. Sie zielt nicht darauf, die Beziehungen über Rechte und Pflichten zu organisieren, sondern über Bedürfnisse, Abhängigkeiten und Autorität: „Ja, es ist höchste Zeit für alle, zur Mutter zurückzukehren, zu dem Wissen, das wir alle von einer Frau geboren wurden, die nicht Gott ist, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut. Sie lehrt uns durch ihre Liebe das Lieben und durch ihren Tod lehrt sie uns das Sterben, mehr verspricht sie uns nicht und mehr gibt sie uns auch nicht.“ Die Einsicht in die eigene Gebürtigkeit und Sterblichkeit verhindert ein ökonomisches und philosophisches Denken weiterhin ernstzunehmen, das glaubt, ohne die Liebe auskommen zu können. „Die Ordnung der Mutter“ wird symbolisch dem „Gesetz des Vaters“ gegenüber gestellt, als eine Philosophie, der es nicht darum geht, universale Regeln zu formulieren, sondern Anfänge, Geburten zu ermöglichen: „Es handelt sich also um die Autorität des Verbindung-Stiftens, um das Anbinden der gegenwärtigen Situation und der Richtung ihrer Entwicklung an das Prinzip; aber auch um das Sichbinden einer Person, die Autorität allein deshalb anerkennt, weil sie diese Verbindung herstellen kann. Die Beziehung zu einer Frau, die in diesem Sinne als Autorität wahrgenommen wird, reaktiviert also die anfangende und ordnende Fähigkeit des mütterlichen Prinzips sowohl im Hinblick auf die Welt als auch auf die Frau, die diese Autorität anerkennt, und vergegenwärtig so die Autorität des mütterlichen Ursprungs.“ (Diana Sartori)

Das Denken, das von der symbolischen „Ordnung der Mutter“ ausgeht, kann die Beziehung zur Welt nicht festschreiben und die Ordnung nicht festsetzen. Es rechnet vielmehr mit dem Unvorhersehbaren. Die Anknüpfung an die Autorität der Mutter, die Fähigkeit die eigene Abhängigkeit und Herkunft nicht zu negieren, darf nicht verwechselt werden mit einem rückwärts gewandten Traditionalismus, der zum Beispiel Weiblichkeit und Männlichkeit mit jenen Bildern identifiziert, die sie über Jahrhunderte geprägt haben. Das Gegenteil ist der Fall. Die notwendige „Arbeit am Symbolischen“ macht es sich zur Aufgabe, diese Bilder zu erweitern, umzuschreiben, neue Bezüge und andere Anfänge zu ermölgichen. Das ist mühsam. Denn der Feminismus hat es mit Stereotypen von Weiblichkeit (und Männlichkeit) zu tun, die immer wiederholt werden. Es ist jedoch, so schreibt Andrea Günter in einem Beitrag am Ende dieses Bandes, dies gerade kein Zeichen dafür, dass in den letzten Jahrzehnten keine Veränderungen stattgefunden haben. Die zwanghafte Wiederholung der Stereotype kann auch ein Zeichen dafür sein, dass sie immer weniger Wirklichkeit beschreiben, aber für die Wirklichkeit, die entsteht, die Symbole fehlen, was große Unsicherheit auslöst. Für die Arbeit der Mailänder Philosophinnen-Gruppe war und ist es entscheidend bei darauf zu achten, „wie Frauen etwas miteinander durcharbeiten, welche Konflikte dabei auftreten, wie diese interpretiert werden können...Wort, Dinge, Begehren und Beziehungen stehen also in einem unauflöslichen Kreislauf, der selbst Vermittlung ist und der Vermittlung bedarf, unaufhörlich.“

Eine Gruppe von Frauen hat kürzlich als einen Beitrag zur „Arbeit am Symbolischen“ ein „ABC des guten Lebens“ vorgelegt, um im „postpatriarchalischen Durcheinander“ aufzuräumen: Ein wunderbares Geschenk in Beziehungen unter Frauen!



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