Mittwoch, 7. August 2013

"Die Wahrheit liegt in der Sehnsucht, die immer in der Ferne wohnt". Über Susanne Englmayers "vater.mutter.kind"


Wir spielten das oft: „Vater, Mutter, Kind.“ Die Rollen von Vater und Mutter wechselten, mal war es die beste Freundin, mal ich. Das Kind war immer mein kleiner Bruder. Das hat Traumata hinterlassen, offenbar. Er hat es sogar seinen Söhnen erzählt: „Immer musste der Papa das Kind sein. Das wollt´ er aber nicht, Tante.“

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vater.mutter.kind“ ist der Titel einer Sammlung von Erzählungen die Susanne Englmayer 2012 als Ebook herausgebracht hat. Der Entstehungszeitraum dieser Erzählungen umfasst mehr als zwei Jahrzehnte. In allen geht es um Familienverhältnisse, um jene intimsten Nahbeziehungen zwischen Menschen, in deren vorgeblichen Schutzraum bekanntlich die meisten Verbrechen geschehen. Was in Susanne Englmayers Erzählungen die Nahverwandten einander antun, ist in den seltensten Fällen justiziabel, aber immer lebensbedrohlich.

Es ist wichtig, sich beim Lesen den allen Erzählungen vorangestellten Paragraphen 5, Absatz 19 aus dem inneren Überlebensgesetzbuch, aus dem noch weitere Vor-Sätze im Erzählungsband veröffentlicht sind, vor Augen zu halten: „Es gibt keine Richtlinien beim Hantieren mit menschlichen Überresten. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder schon toten Personen wären rein abfällig und sind daher weder erwünscht noch irgendwie zu verhindern.“ Es steckt viel Wut in diesen Erzählungen und viel Arbeit an Sprache, um sich von dieser Wut zu distanzieren. Eine Leserin mag, sich einlesend in diese Geschichten, versucht sein, das „Ich“ einiger Erzählungen für ein autobiographisches zu nehmen. Davor wird aber – wie das Zitat zeigt - nachdrücklich gewarnt. Distanzierung von erlebtem Grauen mit den Mitteln der Sprache ist nicht möglich ohne Selbstdistanzierung und damit Selbtsverlust;  das führt Englmayers Prosa vor und sie stellt den Preis, den das kostet aus: die Nähe zum Verstummen in den verstümmelten Sätzen, in der betonten Sachlichkeit, in den starken und schlichten Bilder vom Familienleben als tödlichem Krieg: „Den Weg durch die Diele lege ich wieder auf dem Bauch robbend zurück. Das Gebiet wir dimmer schwieriger. Es ist stark vermint. Stacheldraht ist auch gespannt. Zwischen Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Eigentlich nicht wegen mir. Wegen meinem Vater. Und meiner Mutter. Es ist ihr Todesstreifen.“

Zwischen den „Luftkrieg“, der die Kindheit einer Mutter prägt und das „Schlachtfeld“, in das eine andere Mutter gleicher Generation Jahre später das Leben der Tochter verwandelt, setzt Englmayer die kleine Erzählung: „einen vogel töten“. Eine Erzählung, die nur noch aus Stummelsätzen zu bestehen scheint: „Alles Lüge. Glauben Sie mir. Oder nicht? Los. Kommen Sie. Sagen Sie mir die Wahrheit. Erst Sie. Dann ich.“ Kursiv gedruckt der Vogel: „ich bin frei. vogel. wie du. das land. sie töten mich. wie dich. die jäger.“ Auf die Beschädigung und die (Auto-)Aggression folgt der Rückzug in eine animalische Existenz, die beinahe sprachlos wird. Jede Freiheit ist lebensgefährlich. Dieser Vogel kann vom Fliegen nur in einer Weise träumen: „fliegen. Immer wieder. endlos. Freiheit. Ist ein schönes wort. für tod.“

Englmayers Erzählungen spielen in tristen Mietwohnungsbauten, zwischen Bahngleisen und auf schäbigen Bahnhöfen. Selten werden viele Worte für die Beschreibung der Umgebung gemacht, keine Überblicke, keine Totalen. Stattdessen konzentriert sich die Autorin auf Gegenstände, Nah- und Detailaufnahmen, z.B. Schraubenzieher: „Rotes Plastik, durchsichtig, 10cm der Griff. Chrom-Vanadium....Ich habe einen ähnlichen Schraubenzieher. Meiner ist blau.“ Alles kann ein Mordinstrument sein. Vor allem die Sprache. Dagegen hilft der Schwur im Einwort: „niemehrsagicheinwort.“ Natürlich nicht. Wer nichts sagt, kriegt Schläge.

Meine Lieblingsgeschichte in dieser Sammlung trägt den Titel: „Kanadisches Holz“. Es ist eine Geschichte, die sich von Anbeginn an selbst in Frage stellt: „Im Grunde ist es nicht einmal eine Geschichte. Es ist nie eine gewesen. Und wollte auch keine sein, keine werden. Trotzdem. Die Geschichte beginnt. Jetzt, in diesem Augenblick.  Hier, in diesem Moment. Weil ich es so will.“ Die Geschichte, die erzählt wird und die es nie gab, diese Geschichte aus der Gegenwart wird vom Tod des Mannes her erzählt, der sie nicht erzählt hat: „Der Mann ist vor ein paar Monaten gestorben. Ein unspektakulärer Tod in einem Krankenhaus. Ein Krebstod, wie so viele. Ein alltäglicher Tod, wie der Tod eben alltäglich ist. Ohne dass ich es wahrhaben möchte. Weder den Tod an sich, noch den Tod dieses Mannes. Aber danach fragt niemand. Auch meine Geschichte nicht, sie will etwas ganz anderes. Sie beginnt lange vor diesem Tod. Eigentlich mit der Geburt dieses Mannes, was vielleicht ein wenig weit hergeholt ist. Trotzdem scheint es mir wichtig zu erwähnen, dass dieser Mann sein Leben lang ein Mann war. So gut er es eben konnte“ Die Geschichte dieses Mannes, der eigentlich ein Mädchen hätte werden sollen und – wie die Ich-Erzählerin behauptet – auch hätte werden wollen, wird von seiner frühen Kindheit an erzählt. Es ist die unspektakuläre Geschichte eine unspektakulären Lebens. Trotzdem: „Der Mann war also ein Mann, er ging Kompromisse ein. Natürlich. Was sonst sollte er tun. Doch er verlor sich nicht. Erblieb was er war. Was er eigentlich war. Eigensinnig und schweigsam, so gesellig er sein konnte. Er war auffällig von Anfang an. Und dabei völlig unauffällig. Unbeachtet eben, sein ganzes Leben. Seine Liebe war immer eine Liebe aus der Ferne.“ Die Erzählung eines ganzen Männerlebens müsste ein Roman werden. Aber Engelmayer geht ganz schnell über die scheinbar wichtigen Daten dieses Lebens hinweg: Freundschaften, Lehre, Ehe, Kinder. Die Erzählung konzentriert sich auf die eine, die ungelebte Liebesgeschichte im Leben diese Mannes. Ein junger Mann mit einem Motorad lernt eine junge Frau kennen, ein Wochenende bringen sie gemeinsam an einem See. Vielleicht war es auch nur ein Abend. Die Erzählerin weiß es nicht genau. Der junge Mann versäumt es, sich wieder bei der jungen Frau zu melden, monatelang. Weihnachten schließlich traut er sich mit dem Motorrad hin zu ihrer Familie, platzt in die Weihnachtsvorbereitungen und findet die junge Frau als Verlobte eines anderen Mannes vor, mit dem sie bald nach Kanada auswandern wird. Der junge Mann kauft einen Bildband über Kanada, den er der jungen Frau ans Schiff nach Bremerhaven bringt. Irgendwie gelingt es dem Mann, den Bildband zu übergeben. Der Mann baut später einen Schrank aus kanadischem Holz. „Die Geschichte ist hier nicht zu Ende. Es wäre denkbar, aber es ist nicht so. Sie hat nur eine Lücke, sie macht einen großen Satz nach vorn. Die Geschichte steckt sich lang wie eine Katze, überbrückt dabei viel Raum. Viel Zeit.“  Die Lücke, die die Geschichte überbrückt ist das Leben des Mannes: eine gescheiterte Ehe, Einsamkeit. Irgendwann liest der Mann in einer Zeitschrift einen Leserbrief einer Frau, die vielleicht die nach Kanada ausgewanderte, von Ferne geliebte sein könnte. Er fährt mit dem Auto in den Ort, der als Absender des Leserbriefs angeben ist. Er sucht die Frau. Vielleicht ist sie gar nicht die Briefschreiberin. Er findet sie nicht. „Seine Liebe war immer eine Liebe aus der Ferne. Hier ist die Geschichte nun wirklich zu Ende. Niemand weiß das. Niemand kümmert das. Keiner kennt diese Geschichte, auch jetzt nicht. Auch ich nicht. Ich habe keine Ahnung. Auch ich habe diese Geschichte nur erfunden. Auch mir ist unbegreiflich, woher sie kommt. Und warum sie mit einem Mal in der Luft liegt.“ Es mag in jedem noch so beschädigten Leben eine Lücke geben, in der sich eine Geschichte verbirgt, der dieses falsche Leben nur eine Lücke ist. „Die Wahrheit“, schreibt Susanne Engelmayer am Ende dieser Geschichte, „liegt in der Sehnsucht, die immer in der Ferne wohnt.

Das ist einer der längsten Sätze in „vater.mutter.kind“. In den Familienkonstellationen, von denen diese Geschichten erzählen, sind die Verbrechen, von denen schon die antiken Mythen handeln, beinahe lautlos geworden: „Der Vater trägt den Tod im Atem und die Weisheit vor sich her. Er trägt sie vor, der Grieche. Immer wieder, immer gleich. Und die Schwertspitze, die legt er dem Gegenüber sanft auf die Brust, anvertraut dem Gegner ihr ganzes Gewicht. Das ruht sich gern auf fremden Körpern aus, schneidet tiefe Wunden ins Leben, zärtlich fast und gütig.“ Es sind Erzählungen aus einer profanen Kindheit in den 60er und 70er Jahren der BRD des vergangenen Jahrhunderts, aus den „fetten Jahren“ nach dem „Wirtschaftswunder“. Aber auch hinter den Gardinen in den Fenstern der Mietskasernen spielen sich Tragödien ab, die keine Fallhöhe brauchen, um ganz tief einzuschneiden.

Das ist  bitter, trotzdem nicht ohne Humor erzählt: „Man ist ja Mensch, man ist verspielt. Auch wenn man verspielt hat, irgendwann.“ Vor allem aber: Nicht ohne Zärtlichkeit, die sich hinter einer scheinbar „eiskalten“ Fassade verbergen muss. Susanne Englmayer findet eine Sprache, ganz dicht am Verstummen, eine Sprache, in der das Unbegreifliche gesagt werden kann, der Hass, die Trauer, das Versagen angesichts einer Nähe, die nichts anderes offenbart als grauslige Leere. Das Sprechen fällt schwer, wenn es soviel Grund zum Misstrauen gibt. Es ist trotzdem notwendig. „Ob die Geste mit ihrem Inhalt verbunden ist oder nicht, lässt sich niemals mit Sicherheit sagen. Ebenso ist es mit den Worten, die ihre Bedeutung verlieren können, ihren Sinn und jeden Zusammenhang, wenn sie zu lange verschwiegen werden. Berührungspunkte zwischen Gesten und Worten und der jeweiligen Bedeutung, zwischen Nacht und Tag, zwischen Menschen und Göttern sind grundsätzlich flüchtig und lassen sich weder halten noch widerrufen. Oder gar beweisen.“ Es kommt nicht auf die Erzeugung einer endgültigen Bedeutung, auf ein Urteil an, sondern auf das Sagen selbst, die Geste des Sprechens, eine zaghafte, ein zögerliche Bewegung auf andere hin und zu. Es gibt keine Garantien. Aber dieser Erzählungsband ist gelungen; er spricht zu seinen Leserinnen mit einer Stimme, die tief berührt.

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Auch in der ersten Erzählung des Bandes von Susanne Englmayer spielen Kinder, wie früher meine beste Freundin, mein Bruder und ich: „Vater, Mutter.Kind.“ Die Ich-Erzählerin gehört nicht zu ihnen. Der Satz steht in der 3. Pers. Pl.: „Sie spielen Vater. Mutter.Kind.“ Diese Geschichte trägt den Titel „Camouflage“ und in ihrem Zentrum stehen die Anstrengungen eines Mädchens, das „anders“ ist, diese Andersartigkeit zu verbergen. Rollenspiele. Geschlechterrollen. Mädchen sind Mütter. So war es bei uns nicht. Meine Freundin und ich waren abwechselnd Vater oder Mutter. Im Spiel war der Tausch möglich. Im „richtigen“ Leben wollte ich immer Mutter werden. Oder sein. Und wurde es. Mein Bruder hat diese Spiele gehasst. Er wäre immer gern Vater gewesen und war uns zu klein dazu. Alle Spiele sind ernst. Zurichtungen. Vater. Mutter. Kind. Ich habe das gern gespielt. Camouflage – wurde woanders nötig, wann anders. Ich lese nicht, um mich selbst wiederzufinden, sondern um meine Fremdheit zu erfahren.


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