Sonntag, 19. April 2015

INTRIGATIVE FESTE oder KEINE KONFLIKTE IN DER MODERNE

"Unter all den Lügen", sagte sie, "bricht etwas auf." Das erste Kichern unter der Haube. (Jetzt setzen die Kontexte ein: Motor oder Bändel?) "Intrigativ." Das war keine Verwechslung, kein Sprachfehler, keine Wortverdreherei. Eine Schöpfung. "Lass uns doch bitte noch mal darüber reden." Wie sehr er diesen Satz hasste. Schon die Fülle der Füllwörter wirkte, so empfand er es, entlarvend. Diese unwiderstehlichen Befehle im Bittstellerton, darin war sie groß. Er vermutete, dass Frauen ihres Milieus und Alters schon als Mädchen darauf getrimmt worden waren. Vielleicht war das ungerecht. Er redete Klartext, bildete er sich ein. In Wahrheit schützte er sich durch verbale Vorne-Verteidigung, besser als jeder Panzer.  (Die Rollen sind mal wieder geschlechterstereotyp verteilt. Ich kann es nicht ändern. Doch es wird sich ändern. Beim nächsten Paar.) Er schob das vegetarische Grillgut auf die Vorspeisenplatte.


Sie rutschte aus auf diesem aalglatten Parkett rücksichtslos belangloser Kommunikation mit hohem Anspruch, immer wieder, stolperte, nahm ernst, was nur gemeint war und lachte so, dass es nur als Auslachen verstanden werden konnte. Dabei hatte sie sehr gemocht werden wollen in dieser Runde: Schöne kreative, junge Menschen, die sich mit Fleiß verunstaltet hatten. Überlange schräge Ponys, schmuddelige Pullover, tiefsitzende Hosen über gerippter Unterwäsche, dicke Wollmützen bei 20 Grad im Schatten, neuerdings immer öfter auch Bärte wie Propheten, Boyfriend-Jeans über schlanksten Hüften, alle Berührungaufhänger vermieden. Körper mit Starpotential, wo sie hinsah, aber eingepfercht in die Seelen von Kaninchen in warmen Gehegen. Engagiert und wütend immerhin: das Unbegreifliche, die Toten im Mittelmeer,  diese Herzlosigkeit, die Kleinlichkeit der Kleinbürger und die eigenen Existenzängste, stinkende und lärmende Mitbewohner in Billigst-WGs, Einreisebestimmungen, Scheinehen und so. Alles wie gehabt. Palaver, Palaver, aber voll ernst, todtraurig, ganz zynisch oder total abgeklärt. Jung halt. Wie wir auch mal waren. Vor tausend Jahren. "Und die Bullen." Da wäre es ihr beinahe herausgerutscht: "Sind auch Menschen." Sie nahm noch einen Hähnchenflügel.

Dabei war es schön. Eingetaucht in den samtenen Sonnenschein eines überfrühen Frühfrühlingsabends. Hinterhofidyllen, rosa Wäsche auf der Leine, keine führt keinen am Band. Sie sind so frei, dass sie sich nicht binden können. Generation: "Kommt noch was Besseres?" Auch darüber werden Artikel geschrieben, die keine lesen braucht. Das ist ungerecht und alt. Zuckerschock in der rechten Backe. Diese moderne Welt ist scheinbar voll individualisiert und doch ganz nett. Selbst der Hipster hat eine Mama, die ihm zum Geburtstag Kuchen backt. Es gibt immer irgendwo eine alte Frau, die einen jungen Mann mag. Oder umgekehrt. Reine Mädchenaugen, märchenhaft umflort, erheben sich zu grauen Brauen. Wir haben viel weniger Generationenkonflikte als alle unsere Vorfahren. (Und: "Wer war schon im Krieg?") Er griff nach den Chipstüten im letzten Karton.

Alle Einschusslöcher übermalt. Tanz den Bären mit deinem heimlichen Bewegungdozenten. Zwei vor, eins zurück. Posiere auf einem Motorrad: Wer hat, der hat. Kinn vorgeschoben, Härte simuliert aus dem weichen Leben heraus. Nur Idioten sehnen sich nach mehr Einsamkeit, Schmerzen und Hass. Auch sie leben unter uns und frönen ihrer Leidenschaft. "Die Menschen sind voll die Arschlöcher", sagte zuletzt der Aktivist. Darauf noch ein Schlappeseppel. 

Nach Hause gehe ich durch den idyllisch beleuchteten Park. Die Turmuhr schlägt. Ich bilde mir ein, dass meine Röcke rauschen. Den zarten Beginn einer großen Liebe beobachtet, das hätte ich gern. Es ist eine Möglichkeit. Ein Kichern habe ich gehört, bevor die Tür zuschlug. Dann fielen sie über einander her. 

Auch wir waren einmal jung und gut.

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