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A room of one´s own |
Virginia Woolf, A Room of One's Own
Was TT unter dem Titel "Namen sagen" schreibt, unterschriebe ich. Unterschreibe ich. Den Konjunktiv füge ich ein, weil auch ich einmal die Maske des Pseudonyms aufsetzte, um mich zu schützen. Die Faszination des Maskenspiels ist mir nicht fremd. Und ebenso die Furcht davor, sich zu bekennen. Mein Alltag, der nicht-künstlerische Alltag, ist geprägt vom Rollenspiel, dem Eingehen auf und Zugeben von Erwartungen, wechselseitigen, dem Wissen darum, dass wir einander in der Masse, in Gruppen, in Zwangsverhältnissen, unter Kolleginnen und Kollegen zumeist wahrhaftig nicht zumutbar sind. Künstlermenschen behaupten gelegentlich anderes. Ich habe ihnen nie ganz glauben können. Aber das ist hier nicht das Thema: Das Authentizitätsspiel der anderen. Vielmehr: Gerade weil wir niemals ganz "wir selbst" sind (auch wenn zu meiner Verzweiflung immer wieder in Ratgebern und Selbstbeschwörungen dazu aufgerufen wird), müssen wir uns einander kenntlich machen. Das Rollenspiel unterscheidet sich hierbei vom Maskentragen: Indem ich die Rolle an- und einnehme (mit meinem Körper) versuche ich gerade das Maß an Nähe oder Distanz zu erzeugen, das an diesem Ort, in dieser Beziehung möglich und erträglich ist. (Das Unerträgliche und die Unmöglichkeit zeigen sich beim "Aus der Rolle fallen". Aber auch, selbstverständlich, die Chance auf Augen-Blicke, gefährlich und schön.) Maskeraden dagegen sind Versteck-Spiele: reizvoll, bisweilen unredlich, phantastisch, immer verlogen.
.....................Niemand wird jemand.
Wir können aber auch bewusst auf Beziehungen und Bezogenheit verzichten. Solitäre und Monaden unter sich. Nach meiner Beobachtung jedoch gilt: Gerade diejenigen, die sich am meisten panzern, am - scheinbar - besten schützen, die verwegen konstruiertesten Masken tragen in ihrer vermeintlichen ästhetisierten und anästhesierenden Subjektivität, die sich am stärksten abgrenzen und andere ausgrenzen, die niemals "ich" schreiben und meinen (wie ihnen möglicherweise ein Gedanken-Patron als Stilmittel empfahl) oder die das "man" zu leben vorgeben oder sich hinter Potemkinschen Biographien verbergen, gerade die sehnen sich nach Anerkennung und Bezogenheit, senden Schreie aus, ironisch verblasen meist, nach Liebe, Liebe, Liebe, Erlösungsphantasien aus dunkler Einsamkeit, der sie so vorgeblich vergeblich huldigen. Aber: Selbstverständlich sind wir alle Fiktion, wie wir im Netz geschrieben stehen. Wer wollte das leugnen?
Dennoch müssen wir für uns bürgen. Wir kennen uns nicht. Wir werden uns fremd bleiben. Aber eine jede kann nur unter ihrem Namen versagen oder Nähe zeugen. Die Begegnung mit den Fremden, die wir auch als Fremde erkennen, denen z.B., die wir Flüchtlinge nennen oder - besser - die wir als Vertriebene kennenlernen, treibt diese Erkenntnis noch einmal hervor: Die die Hand reichen will, muss einen Namen nennen. Eine Identität bezeugen, wie immer fluid sie sein mag. Jemand sein statt niemand, wiedererkennbar, eine minimale Verlässlichkeit. Und fragen: "Wie heißt du?"
..................Den Riss zwischen Rolle und Person weiten.
Die Flucht in die Anonymität kann sich nur leisten, wer voraussetzt (also imaginiert) in einem Umfeld zu agieren, indem sie per se "gekannt" wird und nicht fremd bleibt. Unter Bedingungen zu kommunizieren, in denen die Codes der spezifischen Fiktionalisierung verstanden werden. Wer fremd ist, muss sich dagegen dauernd identifizieren. Immerzu. Wird befragt, registriert, gezählt. Das Verharren in der Anonymität ist das Beharren auf der eigenen "Normalität", selbst dann, gerade dann, wenn die fiktive Identität als "abnormale", als Abweichung von der - oft unbewusst angenommenen - Norm ausgedacht wird. Als anonyme wird sie ohne Bürgschaft "gesetzt": Die Behauptung des Andersseins als Sein ausgegeben. Aber nur die ihren Namen nennt und Gesicht zeigt, macht sich verfügbar. Gerade diese Verfügbarkeit indes soll vermieden werden. Das ist verständlich. Darum wird die Maske getragen. Das Spiel gespielt. Es funktioniert jedoch nur, solange "die Fremden" draußen bleiben. Denn sie werden darauf bestehen müssen, die Masken abzunehmen: Namen sagen. Wer mitspielen will (und nicht allein daddeln), muss sich einmal ohne Maske gesehen haben und sehen lassen. (Machtverhältnisse: Die in die Umkleidekabinen dürfen und die, die draußen bleiben müssen, maskiert, unsichtbar, Masse.)
..........Wir wollen nicht hinter Ihre Maske sehen. Wir werden Ihre Maske wenden.
Ich versuche es und versage. Eine vertriebene syrische Familie treffe ich regelmäßig. Lehre einige andere einmal in der Woche ein wenig Deutsch. Sobald eine die Geschichten hört, sich die Namen und Gesichter merkt, sich selbst kenntlich macht, wird überdeutlich: Es ist nicht genug. Lauter Bedürfnisse, die sich an meiner Selbstbezogenheit, meiner inneren Distanz, meinen Ängsten stoßen; unbefriedigt bleiben durch mich. Ich gebe nicht, was ich kann oder könnte. Jemanden in mein Zuhause aufnehmen, zum Beispiel, darüber habe ich nachgedacht - und kann es nicht über mich bringen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren habe ich seit einem halben Jahr ein Zimmer für mich allein. Ich will es nicht aufgeben. Dabei ist Platz genug. Ich habe die Wahl. So viele andere nicht. Müssen in Turnhallen zu Hunderten schlafen. Können sich nirgends hin zurückziehen.
.............Du kannst nicht nicht repräsentieren.
Keine lebt für sich allein und schafft autonom. Wir brauchen Vorgängerinnen, wir beziehen uns aufeinander, schreibend, denkend, lesend, träumend. Die Fremden sind uns nicht fremder als wir uns selbst. Sie bleiben. Fremd. Alle. Wie wir. Tragen Masken. Spielen Rollen. Fallen heraus. Niemand darf niemanden zwingen, die Maske fallen zu lassen. Wer sich aber in Beziehung setzen will, muss einen Namen nennen. Und Gesicht zeigen.
