Dienstag, 20. Juli 2010

HERRlich nicht mehr

ÜBER HERREN UND GENTLEMEN - den literarischen "Traummann" suchen

Die Herren Dichter haben seit je sich über die Figur der Frau(en) ausgedrückt. Was sie nicht sind, aber zu wissen begehren und glauben, dichten sie IHR an, der idealisierten Geliebten, Verführerin, Hexe, Gefährtin, Drachenweib, Kindfrau, Seebraut, Elektra, Sirene, Elena, Maria Magdalena.....der und der und der... Vergesst jedoch nie, Schwestern: Sie sind nicht gefesselt durch uns, sondern an ihren eigenen Gesang, der sich  in das Bild eines Weibes kleidet.

Nichts daran könnte oder sollte uns stören, wären wir nicht in diesen Bildern uns selbst erschienen über die Jahrtausende wie in einem verzerrten Spiegel. Sie ließen uns glauben, wir seien Effi, Emma, Anna. Wir lernten uns als Opfer zu identifizieren. Schön schienen wir uns leidend und hingegeben unter ihrem Blick. Wir vergaßen, dass sie selbst es waren, die stellvertretend diese 'gebildeten' Frauen, die sie sich gebildet hatten, untergehen ließen an ihrer eigenen immer versagenden Liebe.

Wir aber sind doch hier 'im Bilde': als Jane, Elizabeth, Mrs. Dalloway und - ja auch Heathcliff. Sehe ich in diesen Spiegel, so kann ich Wildhüter sein, eine Rüstung tragen, eine Rakete werfen und lachend lieben und bleiben, statt leidend ersterben. Doch diese Erzählungen sind nicht HERRlich, nicht geschrieben dem zu gefallen oder zu Gefallen zu sein. Ich habe aufgehört, mich mit seinem Bedürfnis zu befassen und seither ist mir wohler und ich schlage ohne Zaudern den Bücherrücken zu und die Worte weg der Dichterfürsten, wenn sie mir nicht gefallen.

Träume ich mich als Bild einer Männerfantasie, so schaue ich auf stillgelegte weiße Hände, wie sie auf dem dunklen Holz der Lehne liegen wie tote Tierkadaver, der ruhende Körper lehnt im Sessel, abwartend das von dem HERRN erfundene Leben ergriffen belauschend und - es dabei verpasst. Erschau ich mich aber im Blick Fitzwilliam Darcys beginne ich lachend und scherzend aus dem Bild zu tanzen, bewegt sich die Welt und ich mich in ihr.

Morgen gehe ich auf die Suche nach einem anderen Traum-Mann, den schaudernd in "Gaudy Night" endlich die Seine erhörte. Harriet Vanes Mann ist es, dessen Spuren ich folgen werde in Balliol, der begriff, dass Demut nicht heißt, ihr die Welt zu Füßen legen, sondern eigene Schwäche zu offenbaren; Harriet Vanes Mann, der geben konnte, ohne zu zahlen und sie lehrte zu nehmen, ohne sich gekauft zu fühlen.

Ich begreife, während ich schreibe, dass der Mann, in dessen Blick ich mich finde, kein HERR ist, sondern ein GENTLEMAN.

"He's gentle in mind and manners and brave at heart."

Kommentare:

  1. ich mag auch nicht besonders das männerbild, welches viele frauen in sich tragen.
    in einer von männern dominierten kultur, wird dies halt in der literatur nicht so oft beschrieben. aber es ist vorhanden. und es wird von jahr zu jahr vorhandener. darum bin ich über die emanzipation nicht in der vollen breite glücklich: die sogenannten modernen frauen wollen männer, die alles sind. und ehe sie sich versehen, hocken sie doch wieder im alten rollenbild. die frauen sollten sich erstmal in sich selbst emanzipieren, bevor sie gesellschaftsumwälzend agieren.

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  2. Emanzipation ist nicht mein Thema. Ich glaube nicht daran, dass man "unabhängig" sein kann und ich wünsche nicht, es zu sein. Mir geht es darum, wie ich mich selbst sehe und verstehe und in welchen Spiegeln ich mich erkennen kann.

    Als ich jung war, las ich mit Todesverachtung noch jedes Buch eines "Dichterfürsten" zu Ende, egal wie öde es mir erschien oder wie wenig es mit mir zu tun hatte. Das will ich nicht mehr und tue es auch nicht mehr. Ich lese heute auch viel mehr Bücher weiblicher Autorinnen als männlicher Autoren. Es interessiert mich einfach mehr. Ic nehme mir das Recht heraus zu sagen: Das ist vielleicht gut, aber es ist ein männlicher Blick und mich interessiert das nicht.

    Identifikation mit literarischen Figuren war ja lange verpönt, aber ich glaube, dass jede Leselust so anfängt und letztlich auch dahin zurückführt. Heute gebe ich mir einfach viel weniger Mühe, mich mit einem männlichen Blick zu identifizieren.

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  3. @MelusineB:
    Kennen Sie die Liebesgedichte von Pablo Neruda?
    Ich kann mich nicht an alle erinnern, und sehr wahrscheinlich gibt es auch unter diesen einige, die Verrat an der Geliebten begehen. Aber da sind auch einige wunderschöne darunter, die nicht die Liebe, sondern die Geliebte besingen. "Hungrig bin ich, will deinen Mund..."

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  4. Nein, die kenne ich nicht, möchte sie aber jetzt natürlich unbedingt lesen. Können Sie eine Übersetzung empfehlen?

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  5. @MelusineB:
    Leider nein, denn ich habe das Glück, sie auf Spanisch lesen zu können.
    Aber ich wollte noch einmal das Thema des Liebesverrats des Dichters an seiner Muse aufnehmen: Ist es nicht möglich, dass es nicht der Dichter ist, der den Verrat an der Muse begeht, sondern der Leser? Der Dichter lebt seine Liebe ja hoffentlich sehr intensiv, absolut. Seine Liebe, seine Frau ist ihm alles, wenn er in diesem Zustand also über seine Geliebte schreibt, schreibt er zugleich doch auch über DIE Liebe, denn eine andere, als er sie lebt, kann es gar nicht geben. Schreibt er über DIE Liebe, schreibt er im Grunde doch nur über die Geliebte.
    Dann aber kommt der Leser, liest das Gedicht, meint sich in den Worten wiederzuerkennen, füllt die Liebe, von der die Rede ist, mit anderen Inhalten, seinen eigenen, und gibt der Geliebten des Dichters ein anderes Gesicht...

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  6. Der Leser/die Leserin identifiziert zweifellos eine Andere/einen Anderen mit der "erdichteten" Figur. Aber verraten kann er/sie die/den, der dem Bild Modell stand ja nicht, da er/sie den/die gar nicht kennt.

    Ich glaube schon, dass es einen Verrat gibt, des Schreibenden am Leben und an denen, mit denen er lebt. Ich "erlebe" das gerade selbst wieder auf einer ganz anderen Ebene. Meinen Söhnen erzählte ich heute Morgen was ganz Harmloses, was ich schreiben wollte, in dem sie vorkamen, hier im Blog. Nein, sagten sie, d a s schreibst du nicht, das wollen wir nicht. Und ich sagte: Aber es weiß doch keiner, das ihr das seid, das liest doch eh´keiner, den ihr kennt. Egal, sagten sie, das wollen wir so nicht lesen. Basta. Sie finden es ist ein Verrat, wenn ich es so niederschreibe, wie i c h es sehe, weil es aus ihrer Perspektive so nicht war. Und es sei, sagt der Große, etwas anderes über solche Unterschiede in der Wahrnehmung zu reden. Wenn du´schreibst, steht´s fest, meint er. Dann müsste ich was anderes schreiben, meine Sicht. Habe ich aber keine Lust dazu.

    Was sagen Sie dazu?

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  7. Als schüfe das Wort Wirklichkeit...
    Vielleicht haben Ihre Söhne recht. Als einer, der viel schreibt und Sprache vor allem als Möglichkeit sieht, als Möglichkeit, Wirklichkeiten zu entwerfen, nicht ein "So ist es" in die Welt zu setzen, sondern ein "So wäre es", vergesse ich oft die Macht, die Sprache eben doch auch HAT.
    Und auch Sie haben recht. Schreiben bedeutet Verantwortung. Zur Aufrichtigkeit (die mir Michael Perkampus in einem seiner Kommentare hier ja unterstellte).
    Aber in der Aufrichtigkeit, gerade im Umgang mit der Sprache, liegt der Verrat, wenn man ihn denn so nennen will, bereits begründet: Aufrichtigkeit lässt sich vom Subjekt nicht trennen, was Sie erlebt haben, haben Ihre Söhne anders erlebt. Soll man deshalb schweigen?

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  8. Ich denke, ich kann die "Gefechtslinie" Ihres Großen nachvollziehen. Es geht nicht um die Sprache selbst, sondern um den Akt des Aufschreibens. Mag sein, dass die Phantasie der beobachtenden Öffentlichkeit auch Kränkungspotenzial in sich trägt.
    Der Punkt dabei ist aber das "Festschreiben". Nicht mehr verhandelbar.

    Ihre Söhne kommentieren in Ihrem Blog nicht, wenn ich nicht sehr irre? Stellung nehmen, weiter die eigene Sicht zu vertreten, müsste von nun ab auf neuem Terrain schriftlich erfolgen. Darin könnte der "ungeheuerliche" Verrat liegen: im Entziehen des Verhandlungsmediums, im gefühlten Entziehen des gestaltenden Gesprächs. Ich glaube, darin liegt die größere Kränkungsgefahr.
    (Verzeihen Sie bitte meine Wortmeldung, aber mein Junge ist gerade mit mir durchgegangen ; )

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  9. aber: ist diese komponente denn nicht bekannt? schreiben wir denn nicht grundsätzlich durch unser tun? können wir nicht überhaupt erst schreiben nach der tat, die im aneignen einer sicht und vornehmlich im beobachten und im cogito des beobachteten liegt? können wir überhaupt von "sicht" sprechen? wir wissen doch gar nicht, was aus uns herausgeschrieben kommt.
    ich teile übrigens die ansicht des "verrats nicht, es sei denn, der verrat wäre als pflicht des schreibenden anerkannt. erschaffen - zum beispiel - ist ja immer ein verrat an jenen, die nicht schaffen.

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  10. @ Markus A. Hediger Es ist vielleicht anders (als bei "uns"), wenn das (Auf-) Schreiben immer schon Teil des (gemeinsamen) Lebens gewesen ist. Hier ist das nicht so. Für meine Familie ist es neu und beunruhigend. Und sie wollen nicht "Material" meiner Schreibversuche sein. Da ich aber mit ihnen lebe - wo sonst soll ich "es" hernehmen? Ich habe ja lange geschwiegen. Fast 20 Jahre lang.

    @ Hans1962 Sie können sich gut in ihn (meinen Sohn) hineinversetzen, denke ich. Meine Söhne ignorieren das Schreiben ihrer Mutter (so gut es geht). Ich denke, sie finden das irritierend und erfahren es z.T. auch als "Liebesentzug".

    @ Michael Perkampus Ja, das ist bekannt. Nichts Neues. Nur für mich ist es "neu" - als konkrete Erfahrung. Es ist genau, wie Sie sagen: man weiß nicht, was "herausgeschrieben kommt". Das Wort "Verrat" ist deshalb sicher fragwürdig. Hier - wo und wie ich lebe - wird es aber so empfunden.

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