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Sonntag, 25. Mai 2014

FRAUSEIN IST KEINE KRANKHEIT. Königinnen-Beschwerden und feine Rede (+Sonntaglied)

Rätsel


Treffen sich zwei Menschen auf der Straße. Sagt der eine zum anderen: "Hallo, Papa!" Sagt der andere: "Ich bin zwar dein Vater, aber du bist nicht mein Sohn."




***

Niemand kann es sich leisten, nicht an Lügen zu glauben: entblößte, unbehaarte Männerbrüste. Ist dieses Streben nach Wahrheiten notwendig und fürsorglich? Jedes Bild scheint zu flüstern: Dich kriegen wir. Es sind nicht nur Schnauzbartträger, die mir Angst machen. Noch wird jeder königliche (REALE) Betrug als schön empfunden (Daher: "Bleiben Sie Republikanerin!") 

Monatsblut hingegen ist nicht purpurrot. (Frage A: Wie sollen wir uns in Zukunft zu den Nichtblutenden verhalten? Kann ihre Wissenschaft uns weiterhelfen?) (Meine Hormone fahren Karussell mit mir und ich erprobe neue Wege, das heilige Blut zu fangen.) Auf Seite Acht sitzt Isis auf dem Kosmosschwein und menstruiert. 

Nur durch Verdrehung, durch Auswringen lässt sich dieser verhunzten Sprache etwas abgewinnen: JUNGFRAU. Sie war einmal eine junge Herrscherin, die noch keine Kinder hatte. Später erst ging es um ihren unbeschädigten Hymen. Dann: Die Frau, die keinen Mann hat. Schau dir das an: Wie sie zum Mädchen wird. Eine Magd. Ein Kind. Ein Es. Das nur durch IHN groß werden kann: FRAU. Der sie zur Frau macht. Fuck. Sprache, die taugt keiner. Sie ist JUNGFRAU. JUNGE FRAU. Mannlos. Mitmann. 

(Was denken Männer über Menstruation?) 

Un-Rein. Es gibt nichts Wichtigeres. Die Heilige Mutter blutet. Nicht aus. Sondern immer wieder. Leben ist zyklisch, nicht chronologisch.

"Ich" kann mir diese Weisheit (noch) nicht leisten. Und ich lerne zu langsam. Blutend füllig. 

***

Navid Kermani hat im Bundestag eine große Rede gehalten: Hier.

***

"Gleiche mir. Höre Bowie!" betitelte der "Freitag" die Rezension zu PUNK PYGMALION. Als Ansgar aber den Brief schreibt, in dem er Emmi auffordert: "Schneide Dir die Haare ganz kurz und färbe sie schwarz. Tu es für mich, damit wir auf diese Weise ein Zeichen sind.", hört er John Cale:






(Männer - und Frauen - glauben auch. Nur Lügen.)


Sonntag, 23. März 2014

THE BEAUTIFUL PEOPLE ARE UGLY, TOO. Beziehungskisten und Blutklöpse, Frauen erfinden

"All those feigning difference
Whether to be, or become, past tense

The forgotten part of all the cretins
/or/
The forgotten part of old acquaintance"


The Clash: The Beautiful People are ugly, too.


Gespräche über Beziehungen und Liebe, Konstruktion und Magie (I don´t want to change a thing, when there´s magic). Die vertrackte Falle heterosexueller Anziehungs- und Abstoßungskräfte (The rotten heart of heterosexuality). Und trotzdem: Freundschaft. Das unbemerkt bleibende Kopfschütteln, wenn einer "Mensch" bleiben will. Gender difference reloaded, forever and ever again. Das Tauschgeschäft, das sich seit zweitausend Jahren als Liebe tarnt. Immer wieder erzählt von Männern. So: Die Andere, das unbekannte Wesen; Faszination pur. Der Spruch: "Ich liebe die Frauen." - ist nämlich eine Beleidigung! (Es kommt hierbei sehr auf den Artikel an. Haben Sie das schon mal eine Frau sagen hören: "Ich liebe die Männer." ?) 

Wenn es bei einem Paar in unserem Kulturkreis (weiß, europäisch, klein- oder groß-bürgerlich) nicht mehr so klappt, geht die Frau zum Friseur, kauft sich ein schickes Kleid oder beginnt eine Diät; der Mann kauft Blumen oder Schmuck für sie. Modernisierter-avancierter: die Frau denkt über sich nach und versucht ihren Attraktivitätswert zu steigern; der Mann denkt nach, wie er sich die Frau mit Aufmerksamkeiten (Komplimente, Geschenke, Urlaube) gewogen machen kann (polemisierend: womit sie sich "kaufen" lässt). Sie überprüft ihre Mängel, er überprüft, wie er sie aufwerten kann. Beide schauen auf sie. Keine/r auf ihn, denn die Frau ist das Objekt der Begierde. Selbst in ihren eigenen Augen. (Wenn sich das ändert, wenn z.B. sie auf ihn schaut, gerät das Beziehungsgefüge aus der Balance. Unter diesem Blick wird ihm unwohl, meistens. Wenn zum Beispiel er aufhört, auf sie zu schauen, wird sie sich vernachlässigt fühlen - meistens zu Recht, denn er wird auch dann kaum auf sich schauen, sondern auf eine andere. So enden "Beziehungen". Liebe. In unserer Kultur. Nicht zwangsläufig, aber häufig.)

Das läuft natürlich nicht immer und immer noch überall so. Denn so eine Frau ist ja  in Wahrheit noch gar keine Frau:

"Hinter der Bezeichnung Frau, die von der West-Liebe an alles geklebt worden ist, was die Regale schmückt zum Verkauf, verwendbar für Alles, was irgendwelchen Wert trägt im System der Codierungen der männlich beherrschten Gesellschaften, hinter dieser Ubiquität FRAU wird leicht übersehen, dass es Frauen, einzelne, wirkliche Frauen in dem Maße erst geben wird, wie sie sich erfinden als Nicht-mehr-Töchter. (...) Auf dem Weg dahin (sagen Analytikerinnen wie Luce Irigaray) liegt eine Verwandlung des Tochter-Status: von einer Tochter-des-Vaters zu einer Tochter-der Mutter zunächst zu werden; eine Verschiebung in der weiblichen Psyche von unabsehbaren Folgen. (...) Der Grundtypus der (männlichen) Anlehnungsliebe dürfte weiter sein, nach einer Frau zu schauen, die man treten kann, wie man die Mutter trat. Die Hitzeentwicklung der Objektwahl, - ein Budenzauber für anfällige Mädchen, denen man etwas vormacht. Mann macht etwas vor, das ist sein Leben. Anlehnung und kein Ende...die Liebe macht weiter...angelehnt an die Schrecklichkeiten der Eltern, seltener an ihr Schöneres. Das liegt daran, dass die Zerstörungen in der Geschichte der einzelnen Körper stärker nach Bearbeitungen verlangen als die weniger häufig ausgestreuten Schönheiten. 
Es gibt auch Leute, die sagen, daran läge es nicht. Der Mensch sei so. Widerspricht wer?"

(Klaus Theweleit: Objektwahl. (All you need is love ...), 1990)

Bis dahin: In allen Gesprächen über Beziehungen und Liebe zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts bleiben die Leerstellen, das Schweigen am aufschlussreichsten: die unaussprechlichen Katastrophen.

***

"Ich kann überall hindurch sehen, wie Du weißt. Ich habe gesehen, wie das Blut durch Deine Adern pumpt. Ich habe in Dein Herz gesehen. Es ist nichts weiter als ein blutiger Klumpen. Auch Dein Herz, Emmi, ist nichts weiter als ein Blutklops."

Brief von Ansgar an Emmi (ohne Datum, Sommer 1984), aus: PUNK PYGMALION



The Clash: Every little bit hurts

Dienstag, 18. März 2014

"Keine außer Mami". Über die Lüge von der Geworfenheit und andere Legenden


Ein Beitrag von BenHuRum

"Eigentlich sollte es hier und heute um Beziehungskisten gehen, dachte ich."
"Für jedes ´eigentlich´ zahlst du 50 Cent."
"Das war nicht ausgemacht."
"Die Regeln bestimme ich. Und zwar weil ich das Gefühl nicht los werde..."
"Ich habe keine Gefühle, aber ich benutze sie."
"Ich hasse es, wenn du billige Lines klaust."
"Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich."
"Beim Klauen? Beim Saugen?"
"Das Lächeln deiner Mutter."
"´Deine Mutter´ gilt heutzutage als fieses Schimpfwort."
"Als Andeutung eines fiesen Spruchs."
"Daran ist nur das Patriarchat schuld."
"Seit 2000 Jahren. Wird keiner raus gepresst. Sondern alle geworfen."
"Göttliche Hörigkeit. Höhere Göttlichkeit."
"Nur die Wölfin. Ist immer noch besser auszuhalten als deine Mutter."
"Der tiefe Schlund. Die Brüste voll Milch. Zitzen statt Titten."
"Deine Mutter wäre schockiert."
"Die alte Zweierkiste hat ausgedient."
"Wenn wir nicht weiterhin so verliebt wären."
"Oder keine Gefühle hätten, sondern sie benutzten. Wie unser Erröten."
"Die Konstruktionen der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge."
"Teure Lines klauen ist auch nicht besser."
"Der Preis ist heiß."
"Wie du."
"Da ist doch nichts dabei."
"Wenn die Ästhetik stimmt."
"Nur dann."
"Selbstverständlich."

(Text: M.B./J.S.P.)



Dienstag, 12. November 2013

NUR NOCH VORHAUT (Die neue Bescheidenheit Gottes)





Ambivalenz-Männlichkeit

Bei Körperverletzungen am männlichen Kinde sind weder Gott noch Menschen zimperlich. Es gibt Fortschritte: Immer seltener wird der Knabe ausgepeitscht oder mit der Mistgabel angestochen, hierzulande. Antiseptische Tücher werden gereicht und Handschuhe benutzt. Den Stammhalter zu züchtigen gilt jedoch in den meisten Kulturen weiterhin als geboten. (Obwohl der Vater nicht länger unsicher bleiben muss.) Jungs sind gefährdet: Heimgesucht von Selbstzweifeln und Angst, Sex-Drive und Gewalt, dürfen nicht weinen, sollen nicht klagen, immer schön hart und gemein. Neuerdings auch noch immer schön gegelt und mit enthaarter Brust, Pflegeprodukten fürs Haar und herben Parfümen. Immer noch gilt der abwesende Vater als Typ(isch). Jungs brauchen Väter: metrosexuelle Hardcore-Liebende, versponnene, unsichere, wilde, traurige, (an)mutige, tänzerische, (über)kochende, kuschelige, weiche, warme, lachende, zornige, freie. Mädchen auch. Es gibt (zu?) viele Mütter-Blogs. Väter schweigen. Genießen. Treiben. Tauchen ab. Auf. Männlich. (Sollen die sich doch ihre Lobhudelei selber schreiben!) Ich mag Väter. Sehr. Manche. Männlich. Weiblich. Menschen, die Beziehungen leben. (Andere mag ich nicht.)

(Der BenHuRum wird unbegeistert sein. Text und Bild - unpassend. Egal. Mir war danach.Der BenHuRum ist auch Vater. Gut.)

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Mein Körper. Dein Körper. Ein Körper. FRAUEN. KÖRPER


Das erste Mal bei der Frauenärztin
Du trittst hinter dem Paravent hervor, den Kopf ein wenig gesenkt, in einer Mischung aus Erwartung und Scham. Du kannst diesen Körper nicht einschätzen, deinen, weißt nicht, ob er schon fraulich genug ist und fragst dich selbst verärgert, was du damit meinst: Genug? Sie schaut dich an. So bist du noch nicht angeschaut worden. So professionell. Nicht gleichgültig. Aufmerksam. Wohlwollend. Gründlich. Sie sagt: „Nervös?“ Und du nickst, obwohl du die Arme absichtlich nicht vor der Brust verschränkt hast. Der Frauenarzt deiner besten Freundin hat beim ersten Mal Sachen zu ihr gesagt wie: "Sie haben ein gebärfreudiges Becken." Als du das gehört hast, wurde dir ganz schlecht. Du hast dich nicht anschauen lassen wollen von so einem und befingern und untersuchen, der dich bewertet wie eine Zuchtkuh. Deshalb bist du hier. In den „Gelben Seiten“ hast du nach einer Frauenärztin gesucht. Nur einer Frau willst du dich als Frau vorstellen und öffnen. Sie erklärt dir alles genau. Sie fragt dich, ob du weißt, wie du da unten aussiehst. Bevor sie das Spekulum in dich einführt, warnt sie: „Das fühlt sich im ersten Moment kalt an. Nicht erschrecken.“ Du entspannst dich. Sie lobt dich dafür. Es ist alles in Ordnung. Es sieht auch innen alles so aus, wie es soll. Dann fragt sie noch, ob du die Pille brauchst. Du schüttelst den Kopf. „Sie haben noch viel Zeit.“, sagt sie. „Aber es schadet nichts, vorbereitet zu sein.“ Du nickst. Sie stellt dir ein Rezept aus.

Kein Penisneid
Als ich ein Kind war, war mein Körper schmal und drahtig. Ich konnte gut zwischen den Gitterstäben der Kellerfenster hindurch klettern. Das war wichtig, wenn niemand daheim war und ich dringend aufs Klo musste. Ich war mutig: Übers Wehr steigen, vom Garagendach springen, auf jeden Hochsitz hinauf. Meinem Körper traute ich viel zu und ich vertraute ihm, blindlings, wie man so sagt. Dass es ein weiblicher Körper war, erschien mir selbstverständlich und schön. Ich hatte Vergleichsmöglichkeiten und fand es angenehm, keinen Penis zu haben, stattdessen vollkommener zu sein, wie mir schien, ohne was Ab- oder Rausstehendes. 

Frau werden
Als der Körper runder wurde, die Hüften breiter und die Brüste größer, genoss sie das. Eine Frau werden – das war natürlich und gut. Ihre Mutter war dabei durchaus ein Vorbild. Die Eltern klärten über Sex auf und gaben zu verstehen, das sei schön; allerdings nur, wenn sich zwei liebten. Ihre Körper versteckten sie nicht vor den Kindern. In der Familie war Nacktheit weder peinlich und noch sexualisiert. Man konnte einen weiblichen Körper haben oder einen männlichen; die konnten so und so aussehen, mit ein bisschen mehr Fett oder weniger auf den Rippen, Haaren an verschiedenen Stellen, oben und unten, das war halt so. Gut. Und schön. So lange niemand seinen Körper als Pfand, als Ware, als Tauschmittel einsetzte. Solange.

Enteignung
Die Pubertät kam und mit ihr die Zweifel und die Angst. Ihr Körper, der so sehr ihrer gewesen war, so unhinterfragbar, wurde zum Objekt. Das war nicht zu übersehen, oft auch nicht zu überhören. Jede junge Frau ist dem ausgeliefert: So angeschaut zu werden, taxiert auf ihre Tauglichkeit als Wichsvorlage, auf ihre Verfügbarkeit zur Befriedigung männlicher Lust. Und wo ist das Problem? "Fühl dich geschmeichelt." Das Problem ist, dass es einigen, vielleicht den meisten, unangenehm ist, diesen Blicken ausgesetzt zu sein, diesen Sprüchen, weil sie sie treffen, ohne dass sie gemeint sind. Weil sie den Körper von ihrer Trägerin lösen und in ein Zeichen verwandeln, als etwas ansehen, dass nicht für sich da ist, sondern für Männer, die in der bloßen Existenz weiblicher Körper, weiblicher Knie, weiblicher Beine, weiblicher Hintern, weiblicher Brüste eine Botschaft zu erkennen glauben, die sich an sie richtet. Dem entgeht keine in dieser Kultur, dem Auseinanderfallen des eigenen Einverständnisses mit dem Körper, der man ist, und dessen Wahrnehmung und Zurichtung als Sexualobjekt in der Öffentlichkeit: in Bussen, Bahnen, auf Straßen und Plätzen, in Kneipen und Biergärten, in der Literatur und im Kino.

Reaktionen I
Einige lernen, die Botschaft, die sie sein sollen, selbst zu formulieren. Das kann ein Akt der Befreiung sein, aber die Grenzen des Codes sind eng. Sie stellen fest, dass die Darstellung des eigenen Körpers als Aufforderung ans männliche Begehren ihnen Macht verleiht. Sie nehmen sich diese Macht und nutzen sie aus. Sie zahlen dafür, wie jede für alles, einen Preis. Der Preis ist, dass sie sich zu orientieren lernen und lernen müssen, an dem was als „sexy“ gilt und dass sie ihren eigenen Körper mehr und mehr als ein Objekt behandeln, dessen Wert von anderen definiert wird. Sie lernen auch, Männer als Gattungswesen wahrzunehmen und zu taxieren. Selten genügt der  weibliche Körper, mit dem diese oder jene Frau aus der Pubertät kommt, den Ansprüchen, die nun an den eigenen Körper gestellt werden: die Brüste zu klein oder zu groß, der Arsch zu fett oder zu flach, die Haut nicht glatt genug, die Haare nicht voll genug, die Zähne nicht weiß genug, die Beine behaart (Ja, manche Jüngere wissen das vielleicht gar nicht: Auch Frauen haben Beinbehaarung!), die inneren Schamlippen zu wulstig. Keine, selbst diejenige, die den Werbehochglanzfotos sehr entspricht, fühlt sich schön und sexy genug. Immer muss „was gemacht“ werden am Körper einer Frau, die diesen Weg wählt.

Reaktionen II
Sackkleider, Latzhosen, übergroße T-Shirts, kurze Haare, finsterer Blick. Ich will als Frau nicht gesehen werden. Bloß niemals einen Blick auffangen. Immer den Kopf ein bisschen unten halten. Flache Treter, trampeliger Gang. Eine, die sich selbst nicht traut, weil ihr beigebracht worden ist, dass euch nicht zu trauen ist. Überall lauern in dunklen Gassen potentielle Vergewaltiger. Orte die zu vermeiden sind, Kleidungen, Verhaltensweisen. Sonst ist sie noch selbst schuld. Es gibt auch andere Männer, versteht sich. Sie lernt welche kennen. Andere und solche. Sie muss immer auf der Hut sein. Damit sie kein falsches Signal sendet. Sie hat gelernt; dass sie ein falsches Signal ist, wenn sie nicht aufpasst. Diese Hemmung gräbt sich in ihre Bewegungsabläufe ein. Der Körper, der sie ist, könnte missverstanden werden. Sie ahnt höchstens, wie schwer es auch von der anderen Seite her ist, für die Männer. Es ist eine verkorkste Kultur, in der wir uns kennenlernen sollen. Sie spielt ein bisschen rum. Sie hat immer ein bisschen Angst. Sie will sich überwältigen lassen von Gefühlen und Leidenschaft. Sie fürchtet sich. Vor sich und den anderen. Eine Frau sein, heißt auch, ihre Weiblichkeit nicht zu zeigen.

Gekapert
Dann: Eine Frau sein heißt, gebärfähig sein, Der alte Sack von Frauenarzt hat doch Recht gehabt. Sie muss aufpassen. Verhütung ist Frauensache. Nicht immer, aber meistens. Männer sehen das nicht so eng und verlassen sich gern. Sie können ja auch verlassen. Kind und Frau. Weil Kind und Frau eins sind, jedenfalls neun Monate lang. Das hat sie sich so nicht vorgestellt, als es soweit kommt. Sie hat sich gar nichts vorgestellt. Etwas Fremdes wächst in ihr. Das fremde Wesen in ihr hat alle Rechte über sie: Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Stress, keine zu laute Musik, keine ungesunde Ernährung. Ermahnungen, wo sie hinguckt. Listen mit guten Tipps, eher Anweisungen, Appelle an die Verantwortung und das Gewissen. Alle richten sich auf ihren Körper, der ihr nicht mehr gehört. Das Gefäss für den Alien. Wird geschont und gepäppelt. Wird ihr fremd. Denn sie ist nicht mehr sie. Sie ist das. Das Kind. Das noch nicht ist. Aber sein wird. Der Vater ist außen vor. Im Wortsinn. Der ist nicht drin und nicht drum. Kann es nicht sein.

Dazwischen
Es war einmal eine Frau, die ich war, die vermied es, weiblich zu sein. Der Körper, der sie gewesen war, hatte sich ihr entzogen, war Objekt geworden, Heimstatt, Nahrungsquelle. Sie war das nicht. Sie war ein Kopf: ein Mensch. Geschlechtsneutral. Vorgeblich. Amputiert. Oder: Der Körper einer Frau unter schlapprigen Hemden und weiten Hosen. Jahre vergehen. Sie schaut sich um und an. Sich entdecken. Das bin ich doch. Mein Körper. Meine Brüste. Meine Schenkel. Immer noch fest. Mein Körper im Spiegel. Mein Körper unter meinen Händen. Ist schön. Ist Frau. Dass ich kein Mann bin, macht mich (auch) aus. Weil ich mein Körper bin und ihn nicht habe. Ich trage schwingende Röcke. Ich male die Lippen an. Ich sende keine Signale. Ich bin keine Botschaft. 

Jetzt:  Ich bin eine Frau Von beinahe fünfzig Jahren. Nichts anderes.


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Freitag, 1. Februar 2013

Sympathy and imagination...

"But of course, she remembered, that was why women were so wonderful; it was their love and imagination that transformed these unremarkable beings. For most men, when one came to think of it, were undistinguished to look at, if not positively ugly. Fabian was an exception, and perhaps love affairs with handsome men tended to be less stable because so much less sympathy and imagination were needed on the woman's part?”

Barbara Pym: Jane and Prudence


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Samstag, 8. Dezember 2012

***TRIGGER-Warnung*** MOEPSE UND ABNEHMEN

Eine Erkrankung am Tourette-Syndrom ist bei mir bislang nicht diagnostiziert worden. Seit dem Sommer jedoch hat sich ein Tic ausgebildet, der sich in jüngster Zeit in immer kürzeren Intervallen und heftigeren Ausbrüchen zeigt. Ich habe mich zu einer öffentlichen Darstellung durchgerungen, weil ich mir ganz egoistisch Trost durch andere Betroffene erhoffe und andererseits selbst diesen Mut machen will. Wahrscheinlich handelt es sich bei meinen Symptomen gar nicht um einen klassischen Fall von Tourette, sondern um eine Abart, die sich dadurch auszeichnet, dass sie nur durch einen bestimmten Auslöser (***Trigger***) hervorgerufen wird.

Seit dem Sommer werden unmittelbar vor der von mir als konservativer Frau an Alltagen regelmäßig eingeschalteten "Tagesschau" (ARD) Werbespots für ein Diätmittel ausgestrahlt. In der Sommervariante dieser Spots rennt eine  brünette Frau im gelben Bikini mit schmaler Taille, aber großen, beim Rennen hüpfenden Brüsten an einem Strand entlang und an zwei muskelbepackten, Six-Pack besitzenden jungen Männer vorbei, die ihr auf die wippenden Brüste starren und dabei feist grinsen. Sie lächelt ihnen, offenbar geschmeichelt durch diese Blicke, zu. Neben ihr her läuft ein fetter Mops. (Ha, gemerkt? Der Kalauer: Möpse! Hahaha! Die Werbefuzzis, die sich das ausgedacht haben, müssen sich vor Begeisterung beinahe überschlagen haben.) In der Wintervariante sitzt die gutaussehende Frau in einem Taxi und begutachtet kritisch ihren wohlgestalteten Körper. Der Mops ist auch dabei. (Hahaharrrr!) Sie kommt am Ziel an, steigt aus und schlägt ihren Mantel auf, um dem Gastgeber, der die Tür geöffnet hat, ihren Körper, der in ein eng anliegendes Abendkleid gehüllt ist, zu präsentieren. "Wow", sagt der, "du hast abgenommen." Sie freut sich - und der Mops auch! (Hahahahaaarrrrrrrrrgrrrr!) Am Ende vom Spot erklärt jedes Mal ein eher rundlicher Apotheker die tolle Wirkung des Abnehmmittels, dessen Name hier nicht genannt werden soll.

Jedenfalls: Im Sommer, immer wenn die zwei grenzdebilen Strandjungs ins Bild kamen, spürte ich schon dieses Zucken in den Extremitäten und hinten in meiner Gurgel bildeten sich so Worte, die ich hier nicht ausschreiben möchte, schlimme Worte, hasserfüllte Worte, wüste Beschimpfungen und Drohungen. Oben unter der Schädeldecke entwarf mein Gehirn ein Kopfkino, in dem den Herren Dinge angetan wurden, die ich so noch in keinem Splatterfilm gesehen habe und auch nicht sehen möchte, die aber offenbar mein Hirn ohne Weiteres produzieren kann. Im Sommer, auch wegen einer längeren Unterbrechung meines Tagesschau-Konsums, gelang es mir jedoch weitgehend, den Tic unter der Oberfläche zu halten. Das kostete mich viel Energie, war aber insgesamt deutlich dem Zustand vorzuziehen, der sich seit einigen Wochen entwickelt hat. Jedes Mal, wenn der Mops auf der Bildfläche erscheint, fangen meine Füße an zu zucken, meine Hände schlagen um sich, Krallen werden ausgefahren und aus meinem Mund sabbert es. Ich verwandele mich in eine Werwölfin. Wenn dann der Kerl im Bild auftaucht und sein Sprüchlein absondert: "Wow. Du hast abgenommen." kann sich das Tier in mir nicht mehr beherrschen und fängt an zu fauchen und die wüsten Beschimpfungen, die nicht jugendfreien Worte und die nicht straffreien Drohungen erfüllen den sonst so friedlichen und weihnachtlich geschmückten Raum. Der Ausbruch hat sich in den letzten Wochen, wie schon erwähnt, in Intensität und Länge gesteigert. Außerdem habe ich beim Vorübergehen an Apotheken und bei der Begegnung mit Möpsen schon mehrfach das wilde Verlangen gespürt, blutige Verbrechen zu begehen, die sich in allen Einzelheiten vor meinem inneren Auge abbildeten.

Es hilft nur eins: Ich muss auf die ersten Minuten der "Tagesschau" verzichten, um diesen Spot nicht mehr, nie mehr!, zu sehen. Wahrscheinlich wären auch andere Maßnahmen möglich, mir fällt aber keine ein, die mit dem geltenden Recht in Einklang steht und auch keine, die nicht gegen meine eigenen moralischen Standards verstößt (Gewaltfreiheit, Pazifismus und so!). Andererseits: Ich habe recherchiert, Werbefuzzis! Ich weiß, wo ich euch finde!

Dienstag, 4. Dezember 2012

TAUWETTER ("Männer wie wir...")

Ein Beitrag von BenHuRum


"Ist dir diese Ähnlichkeit vorher schon mal aufgefallen?"
"Meinst du das ernst? Selbstverständlich. Phallisch, alles phallisch."
"´Die herrschende Hierarchie setzt sich aus Senilen und Heranwachsenden zusammen.´"
"Ein Zitat? Von wem? Und was ist, wenn die Heranwachsenden ausbleiben?"
"Wie bei uns? Hierzulande? Heutzutage? Unter diesem kalten Himmel?"
"Die Herzogin von Cambridge erwartet ein Kind. Und kotzt."
"Da weißt du warum. Keine mehr will. Aber ehrlich! Dieser geile Voyeurismus."
"Voyeuristen verstecken sich. Ich stelle mich her. Unheimlich verspielt."
"Der Transvestit schmilzt dir weg. Und dann? Du solltest vorsichtiger sein."
"Dieses ganze Gerede ist in Wahrheit Immobilität. Die sind nicht mal fußkrank."
"Das Weichliche dieser letzten Helden wirkt dekadent, da stimme ich dir zu."
"´Es geht hier nicht um gewöhnliches sexuelles Begehren.´"
"Was liest du denn da? Diese ewige Sublimierung, menno! Komm her."
"´ Die allein treibende Kraft ist die Feindseligkeit wider die Natur.´"
"Du machst dich noch nass. Triebhaft. Bist du. Getrieben. Komm schon."
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(Text: J.S.P./M.B.)


Dienstag, 27. November 2012

LILITH UND DIE SCHRIFTGELEHRTEN ("Haltet euch am Buntstift...")


Ein Beitrag von BenHuRum

Die Priester zogen sich beim Gedanken an Lilith ihre Ledergurte fester um die Hüften und hüllten sich enger in ihre am Boden schleifenden Gewänder. Diese Dämonin, die ihnen unverschämt unter die Gürtel griff und sie in unerwünschte Wallungen versetzte, suchten sie nun schon seit Jahr und Tag mit ihren Griffeln auszutreiben. Sie verstanden nie, wenn sie fauchend wie der Wüstenwind um ihrem Zelte strich oder später noch, wenn sie die dunklen Tücher, mit denen sie die Türen verhängt hatten, wie Segel schlagen ließ, dass die Männlichkeit zwischen ihren Beinen ihr wenig bedeutete. Lilis Paradies war das Kind, das sie nur aus diesen Lenden empfangen konnte. Die Priester waren alt und wähnten sich dennoch zeugungswillig. Ein Mann, der sein Zeichen auf den Papyrus setzen kann, will sich auch fortpflanzen. Sie stöhnten wider ihre eigene Gier. Die Geschichte musste enden. Sie beugten sich über die Schrift.

„Soll Eva sich etwa auf Kain setzen? Ist es das, was ihr wollt?“, höhnte sie tiefstimmig aus ihrer Drachenglut. Es wurde ihnen heiß und bang, wenn sie das hörten. Jungfräulich sollte sie bleiben, die erste Mutter der missratenen Söhne, beschlossen sie. Noch die Enkel sollten aus einem jungfräulichen Schoß keimen. Anders hätte es nicht sein können, solange sie Lilith verleugneten. Der alte Adam musste den Mund halten. Er war ohnehin kein großer Redner und einen Griffel halten lernte er nie. „Lasst uns darauf sehen, dass ihre Nachfolgerinnen versorgt sind. Seid fruchtbar und mehret euch. Schreib das auf. Halte sie ihn Zucht.“ Sie verschlossen die Türen mit dicken Holzbrettern und schoben eiserne Riegel vor. „Soll sie doch fauchen.“ Das Kind liegt schon in der Krippe. Es ist bereitet.

Sonntag, 18. November 2012

DAS TALENT MEINER MUTTER (Frauenfreundschaften)



Paula Modersohn-Becker: Sitzende Mutter mit Kind

„Deine Mutter“, sagt er mit einer Stimme, als verkünde er eine Sensation, „ist nicht da. Sie bleibt auch über Nacht weg.“ Meine Mutter lässt meinen Vater alleine. Er wirkt überrascht. Das ist neu. Mein Vater steht auf neue Erfahrungen. „Und du?“ „Ich geh heute Abend zu deinem Bruder das Länderspiel gucken.“ Das beruhigt mich. (Warum beruhigt mich das? Kann mein Vater keinen Abend alleine verbringen? Traue ich ihm das nicht zu?) Meine Mutter verbringt ein paar Tage an ihrem Geburtsort, dem Ort, wo sie mehr als 70 Jahre gelebt hat und von dem sie im Januar fortgezogen ist, mit meinem Vater in die große Stadt. Sie schläft bei der H., sagt mein Vater. „Da fühlt sie sich wie daheim.“  Für meine Mutter gibt es einen Ort, wo sie sich daheim fühlt, an dem nicht mein Vater ist? Das überrascht wiederum mich.

Meine Mutter hat immer ihre Freundschaften gepflegt. Sie steht verschiedenen Frauen nah auf Weisen, die meinem Vater, meinem Bruder und mir verschlossen bleiben. Die H. ist die Ehefrau ihres verstorbenen Cousins. Sie trägt einen Dutt und einen Kittel, macht Obst ein, stopft Strümpfe und lebt kein bisschen so wie meine sportlich-schicke Mama, die Handarbeiten hasst. Aber bei der ist meine Mutter daheim. Meine Mutter trifft auch ihre Freundin E., mit der sie nach 44 Jahren noch per Sie ist. Die hat sie kennengelernt, weil mein Bruder am selben Tag in derselben Klinik geboren ist wie die Tochter von der E. Die E. schminkt sich auffällig, während meine Mutter bestenfalls ein bisschen Lippenstift aufträgt. Die E. und meine Mutter haben ihre Ehemänner in den 70er Jahren mal sehr geärgert, weil sie bei einer Bundestagswahl die FDP gewählt haben. Der Mann von der E. und mein Vater haben das als Verrat begriffen. Denn was ein rechter Sozi ist, der schimpft Tag und Nacht auf die Partei, macht aber zuverlässig in der Kabine sein Kreuzchen am rechten Platz. Die E. und meine Mutter haben sich fast kaputt gelacht über die beleidigt-wütenden Kommentare der Männer. Das war ein Spaß, wie sie die noch Jahre später von Null auf Hundert bringen konnten, wenn sie diese Wahl erwähnten. (Meine Mutter hat mir später mal im Vertrauen erzählt, dass es gelogen war. Die E. und sie hatten gar nicht die FDP gewählt.) Meine Mutter besucht, berichtet mein Vater, auch die I., die hat eine platinblonde Betonfrisur und spricht ein sehr künstliches Hochdeutsch. Man merkt, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Mit der ist sie auf die Handelsschule gegangen.

Meine Mutter hat Freundinnen, mit denen sie sich sehr eng verbunden fühlt. Als eine ihrer besten Freundinnen im vorigen Jahr gestorben ist, war sie bis zum Schluss bei ihr. Das Foto dieser Freundin steht jetzt neben dem von meinem Vater auf  ihrem Nachttisch. Was meine Mutter mit ihren Freundinnen bespricht, was sie einander bedeuten und wie sie miteinander umgehen, können wir, ihre Familie, nur ahnen. Ich frage mich manchmal, ob mein Vater eifersüchtig ist auf diese anderen Frauen im Leben meiner Mutter. Er zeigt es jedenfalls nicht. Meine Mutter hat nie einer Clique angehört. Zu jeder dieser Frauen hat sie ein ganz besonderes, ein spezielles Verhältnis.

Als Mädchen und junge Frau habe ich nicht so klar sehen können, was das Besondere an den Beziehungen meiner Mutter zu anderen Frauen ist. Die meisten Frauen ihrer Generation, die ich kenne oder beobachten konnte, verkehren in Vereinen und Nachbarschaftszirkeln miteinander. Ab und zu gibt´s ein Kaffeekränzchen. Mit Klatsch und Tratsch. Meine Mutter, obwohl im Dorf geboren und aufgewachsen, hat sich da immer rausgehalten. Darauf war ich schon als Kind stolz, dass sie keine „Tratschtante“ ist. Statt Zwangsbekanntschaften durch Verwandtschaft, Nachbarschaft, Verein hat sie einige, ausgewählte innige Freundschaften geschlossen. Keine dieser Frauen gleicht der anderen. Sie passen auch gar nicht zueinander, weder was ihre Interessen, noch was ihr Äußers angeht, und – auf den ersten Blick – auch nicht zu meiner Mutter. Meine Mutter, so denke ich, hat in einer Freundin nie eine gesucht, die ihr ähnelt, sondern immer ein Gegenüber, eine andere Frau. Meine Mutter, glaube ich heute, hat sich bewusst aus den Cliquen ferngehalten, damit sie frei war: Für die Freundschaft. Dieses Talent meiner Mutter zur Freundschaft mit anderen Frauen hat mich – erst im Rückblick wird  mir das klar – während meiner Entwicklung zur Frau gestärkt ...und ich hoffe, es hat sich vererbt...

Dienstag, 23. Oktober 2012

AUF GRUNDEIS ("Schmusedecke her!")

Ein Beitrag von BenHuRum


ZARTE SCHLÄGE GEGEN DIE MORSCHE, SELBSTZWEIFLERISCHE GEGENWART

Selbst Nietzsche kam aus dem Wasser. Wir nennen ihn trotzdem nicht Amöbe. Das lassen wir uns nicht durchgehen. Auch der Kränkliche braucht Liebe, vor allem. Und einen Lidstrich, selbstverständlich, nicht mal am Hindukusch geht´s ungeschminkt ins Freie. Dann peitschen wir liebevoll, bis uns die Arme wehtun. So wird´s gemacht. Damit geht die Zeit rum und das Phrasen-Drescher-Sparschwein wird voll. Meine schönen High Heels treffen auf deine dicken DocMartens. Du solltest trotzdem mal abnehmen. Es wächst ein Wohlsteinsbäuchlein unter deiner Gürtelschnalle, das kann die Lederjacke auch nicht mehr lang verstecken, Babe. Karl-Heinz ist jetzt schon süßer als du und kann außerdem mit den Wimpern klimpern. Das wird vom "Neuen Mann" verlangt. Und mehr. Bloß entsagen darf er nicht. Oder nach Sils-Maria reisen. Das ist ungesund. Leider weckt so was nämlich das eklige Mitleid, das der Bergtourist schon abstoßend fand. Ach, und wie Recht hatte er: Nur ein kleiner Schritt ist es für die Menschin vom Mitleid zur seelenlosen Verachtung. Soweit wollen wir es nicht kommen lassen. Noch einen Hieb! Aufgerichtet, Herrchen! Zum Schluss darfst du auch unter die Decke kommen (Aber nicht unter meine!). Doch vorher üben wir das noch mal: "Schau mit deiner entsetzlichen Kälte auf die Dinge! Was siehst du?" Schweigen. "Na? Was siehst du?" "Schweinelende." "Aua." "Schwerleidende." "Aua."

(Text: J.S.P./M.B.)

Dienstag, 9. Oktober 2012

LACHNUMMER ODER LEGENDE: "Denn er kann fliegen...."

Ein Beitrag von BenHuRum

Was sie ihnen nicht glauben könnte, ist noch nicht erfunden. Doch sie sträubt sich gegen die Verführung des Wissens und die Steifheit der entdeckten Wahrheiten. Sie könnte sich verfügen, aber sie hält sich für unberührbar. Das gilt, solange sie das Lachen bewahrt, wie es herauf brummelt aus den Tiefen ihres Unterleibes, vom Vibrieren jener Muskelstränge her, die sie beim Mula Bandha bewegt. Sie kennt die Geheimnisse ihrer Weisheit, ohne sie wissen zu müssen. Wir verstehen uns nie - und das ist gut so! Halten Sie sich nicht bereit. Es wird nichts kommen. Keiner. Seien Sie weich. Oder richten Sie sich auf. Sie wird nicht an sich halten können. Flieg! Legendary. He´s a legendary guy. As you say...

(Text: M.B./J.S.P.)

Dienstag, 18. September 2012

DIE EINGEBILDETE KOPFGEBURT ("Da lacht sogar Athene")

Ein Beitrag von BenHuRum



Die fiktive Gebärmutter der genialen Kontingenz

„Sehen Sie, ich weiß nicht, wie weit ich Sie ins Vertrauen ziehen kann.“ Sie lächelte aufmunternd. „Es ist nicht so, wie es scheint.“ Das war offensichtlich. „Ich wollte nicht, dass jemand darunter leidet. Das müssen Sie mir glauben.“ Sie vertiefte das Lächeln um ihre Augen, aber die Mundwinkel hielt sie auf gleicher Höhe. Sie wunderte sich selbst darüber, wie leicht es ihr fiel, diesem Wesen in die Augen zu schauen. „Ich war verzweifelt. Glauben Sie mir.“ Die Muskeln um ihre Augen fingen an zu schmerzen. Sie senkte den Blick und rührte mit dem Löffel in ihrer Teetasse. „Alles hatte sich gegen mich verschworen.“ Er schaffte es, seine Stimme belegt klingen zu lassen und seinen Augen einen feuchten Glanz zu verleihen. Er war wirklich ein  kümmerliches Geschöpf, wie er da kurz und klapprig hinter dem Tisch kauerte und sein Wasserglas drehte. Er hätte ihr leid tun können, wenn sie nicht so heftigen Ekel verspürt hätte. „Sie glauben doch an mein Talent?“ Sie wusste, das war das einzige, was ihn interessierte. Er war sehr weit gegangen, weil er in seinem verhassten Körper eine Begabung verborgen wähnte, die ans Licht drängte. Er hatte seine Eltern verleugnet und geschmäht und die Geliebte, die seine Tiraden satt gewesen war, als Banausin verhöhnt. Er brauchte jemanden, der an ihn glaubte. „Sie sind ein Mutant aus der Röhre?“ Er zuckte zusammen. Dann schaute er sie aus wilden Reptilienaugen an. Sie schreckte zurück. „Wie können Sie es wagen?“, seine Stimme zitterte vor Zorn. „Ausgerechnet Sie.“ „Ich wusste, dass Sie  einen Rollator brauchen. Aber dass sie mir einen gebärfähigen Schoß anbieten wollen....“ Sie konnte ein Lachen trotz der plötzlich aufgekommenen Furcht nicht unterdrücken. „Ich habe geboren.“ „Sicher.“ Sie wollte ihn beruhigen. Im Grunde war es ihr schon vorher völlig gleichgültig gewesen und sie hatte sich nur widerwillig zu diesem Treffen überreden lassen. Sie wollte nur noch raus, weg von dieser widerwärtigen Kreatur, die aus der Maschinerie der Poetik geschlüpft war wie ein entfleuchter Virus aus dem biologischen Waffenlabor. „Sie werden ihr Kind schon unterbringen.“, säuselte sie. „Ganz bestimmt.“ „Helfen Sie mir.“ Das Monster versuchte tatsächlich mit seiner Kralle über den Tisch nach ihrer Hand zu langen. Das war genug. „Rühren Sie mich nicht an.“, fauchte sie und sprang auf. „Was für eine schreckliche Kopfgeburt muss das sein, die aus Ihnen gekrochen ist.“ Sie sprang auf. Er sackte in sich zusammen. Aber sie hatte seinen Blick noch aufgefangen, bevor er den Kopf senkte. Der Hass war grenzenlos. Sie würde sich von nun an vor  ihm und seiner Brut in Acht nehmen müssen.

(Text: M.B./J.S.P.)

Sonntag, 16. September 2012

RICHTIG EKLIG: Die Zuckungen des untergehenden Patriarchats im "Fall Wulff"



Ich glaube nicht, dass Bettina Wulff „mein Typ“ wäre, wenn ich sie kennenlernte. Da ich sie aber nicht kenne und auch kaum je persönlich kennenlernen werde, spielt das keine Rolle. Was in den letzten Tagen an dumpfer, dummer, sexistischer Blödheit aus den journalistischen Schreibstuben und den deutschen Wohnzimmern gekrochen ist, um auf sie einzudreschen, zeigt mir aber einmal mehr, wie tief im (Unter-)bewusstsein gewisser Redakteure und ihrer Leserschaft Sexismus und patriarchales Denken verankert sind.

Die Wulffs, denke ich, sind ein relativ geschmackloses Paar (siehe: hier), das gerne in „den besseren Kreisen“ (mit anderen Worten: bei den einkommensstarken Asozialen) mitspielen will und kein Gefühl dafür hat, wo Abhängigkeit und Korruption anfängt (weil Unrechtsbewusstsein generell in diesen Kreisen, wo Steuerbetrug und  Bestechung üblich sind, völlig fehlt.) Soweit so schlecht.

Die Angriffe gegen die Wulffs, so berechtigt sie im Einzelnen sein mögen, wurden jedoch von Medien und Personen lanciert, die dafür bekannt sind und es auch in diesem Fall trefflich bewiesen haben, dass sie reaktionäre, sexistische, rassistische und fremdenfeindliche Strukturen bilden und stützen. Der „Fall Wulff“ hat denen dazu gedient, ihre patriarchalen und sexistischen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit noch einmal zu reproduzieren. Christian Wulff wurde an jener Männlichkeit gekränkt, die hier vorherrscht: Geldverdiener und „Besitzer“ seiner Frau. Der Tenor der Berichterstattung in den einschlägigen Medien war: Um sich die schöne, junge Frau leisten zu können, hat das Geld nicht gereicht, drum wurde er korrupt. Heterosexuelle Paar-Beziehungen werden von dieser Denke schlicht und ergreifend immer als Erwerb der Frau durch den Mann betrachtet, da kann die Frau so viel verdienen, wie sie will. Drum war  es offenbar im hierarchischen Denkgefüge dieser Herren auch so schlimm, dass der blasse Wulff eine abbekommen hatte, die irgendwie über seiner „Preisklasse“ lag. Außerdem leistet man sich die begehrenswerten „Trophäenfrauen“ in der gesellschaftlichen Schicht, in die Wulff aufsteigen wollte, "nebenbei", während man(n) als legitime Ehefrau sich eine hält, die das Standes- und Klassenbewusstsein repräsentiert. Zusätzlich war Wulff zum Ärger der konservativen Kreise in Politik und Journalismus zum Hoffnungsträger der in Deutschland lebenden Muslime geworden, die sie lieber heute als morgen ausbürgern wollen. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie viel Wut sich da aufgestaut hatte.

Die Frau hingegen, das passt ins Muster und ist quasi unabdingbar, die überdurchschnittlich gut aussieht und ein Tattoo trägt (wo bleibt denn da das Klassenbewusstsein?), muss diesem kranken Bewusstsein des deutschen Leistungsträgers zwingend als käuflich erscheinen. Das wird auch kolportiert und hat doppelte Wirkung: Es trägt zur Kränkung des Mannes bei (denn in der Vorstellungswelt der Idioten ist die Vagina seiner Frau die Ehre des Mannes) und gibt die „Schlampe“ zum Abschuss frei. Das schmutzige Bewusstsein hat seine Projektionsfläche besudelt, wie nicht anders zu erwarten war. Weiter geht´s im Text, denn das Frauenzimmer wehrt sich: Unverschämt! Eine Frau mit Stil, weiß in der Talkshow der Medienexperte und Hansi Hinterseer-Verschnitt Hajo Schumacher, täte so was nicht. Die guten alten Matronen in ihren  kniebedeckenden Sackkleidern und mit ihren Betonfrisuren haben den Sexisten in der Pressekonferenz nie so was zugemutet. So was wie Bettina Wulff hat noch keine Präsidentenfrau ihrem Mann angetan, weiß die Zeitung mit den großen Buchstaben. Ein Leserbrief-Schreiber rät empört, Frau Wulff möge sich ein Beispiel am Merkel-Ehemann Sauer nehmen, der halte auch öffentlich die Klappe. Frau wäre sehr interessiert daran gewesen, wie der Leser und seine sexistischen Redakteure reagiert hätten, wenn Frau Wulff sich von Anfang an an jenem vorbildlichen Herrn orientiert hätte und fast allen öffentlichen Auftritten ihres Mannes fern geblieben wäre. Mir hätte das gefallen. Aber so was tut doch eine gute Frau nicht, die voll hinter ihrem karrieregeilen Kerl steht und jedermann und jederfrau zeigt, dass er hat und kriegt, was er braucht: Stand by your man! Eine Frau lebt schließlich für ihren Mann. (Wofür denn sonst?)

Es ist immer wieder unheimlich eklig den widerlichen Zuckungen des untergehenden Patriarchats zuzugucken. Männer-Magazin „Spiegel“, Schmuddel-Zeitung „Bild“ und Sexisten-Humorschrift „Titantic“ – ich habe für die Wulffs nix übrig, aber ihr seid auch richtig Scheiße! 

Montag, 25. Juni 2012

Der wegnehmbare Mann...

Heute im Bus hörte ich eine Frau zur anderen sagen: "Die Schlampe hat ihr den Kerl weg genommen." Da hat sie aber Glück gehabt, dachte ich. Nicht "die Schlampe", die den genommen hat, die Arme, sondern die, der er abhanden gekommen ist.

Denn: Ein wegnehmbarer Mann ist für eine Frau von Verstand und mit Wahlmöglichkeiten ohne jedes Interesse. Ein Mann, der sich wegnehmen lässt, verlohnt es nicht, dass sie auch nur den Kopf wendet oder mit dem Finger zuckt. Eine Frau, die sich an einen wegnehmbaren Mann bindet, hat nichts Anderes verdient, als dass er genommen wird. Sie sollte sich glücklich schätzen, wenn sie ihn billig los wird. Eine Frau dagegen, die ganz umsonst so einen wegnehmbaren Mann weg nimmt, ist offensichtlich wahllos. Denn - siehe  oben - sonst würde sie so einen nicht nehmen. 

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Donnerstag, 21. Juni 2012

MANN ODER FRAU? AUTOR ODER AUTORIN? Das Rätsel ist gelöst.

Petra hat alle Texte richtig zugeordnet und sogar Gründe dafür nennen können (siehe Kommentare ).

Herzlichen Glückwunsch! Phyllis Kiehls Roman "Fettberg" geht an Petra. Meine Leseeindrücke habe ich hier: dargestellt.

Den Zusatzpreis konnte sich allerdings keine sichern. Das war vielleicht auch ein wenig zu schwer. Allerdings, wie ich zwischendurch mit Erschrecken feststellte, hätte man es zumindest bei dem zweiten Text durch Eingabe der Textstelle bei Google herausfinden können. Ehrliche Teilnehmer:innen!

Ich habe für dieses Rätsel ausschließlich Texte ausgewählt, die ich empfehlen kann:

Der erste Textausschnitt ist aus Rainald Goetz: Klage. Er erzählt, wie das Schreiben eines Romanes scheitert, aber im Netz etwas gelingt.

Der zweite Textausschnitt stammt aus Marlene Streeruwitz Erzählungen-Band "Es war nicht wegen...Wie bleibe ich Feministin", den ich bereits empfohlen habe: Hier.

Der dritte Textausschnitt ist aus Alban Nikolai Herbsts Roman "Meere", einem der schönsten Liebesromane der Gegenwart, wie ich finde.

Der vierte Textausschnitt ist dem schmalen Buch "Amouresken" von Franziska von Reventlow entnommen, in dem Emanzipation nicht über die Kopie eines männlichen Lebens (Autonomie durch Arbeit) angestrebt wird, sondern durch radikale und lebensgefährdende "freie Liebe", also durch freiwillige Bindungen, die gerade nicht als Besitzverhältnisse begriffen werden.

***

Die Auswahl der Ausschnitte habe ich selbstverständlich bewusst so getroffen. Ich bin relativ sicher, dass sehr viel mehr Leser:innen bei einer Lektüre des ganzen Buches, auch ohne den Namen des Autors/der Autorin zu kennen, das Geschlecht jeweils richtig zugeordnet hätten. Allerdings ist das eine Lesesituation, die eigentlich fast nie möglich ist, da auf jedem Buchcover der Name des Autors/der Autorin prangt und diese häufig auch persönlich bei Lesungen und anderen Veranstaltungen auftreten. Es sei denn, die Leser:innen und Leser werden gezielt irre geführt, was vielleicht reizvolle Effekte erzielen kann, aber auch problematisch ist, jedenfalls dann, wenn eine - wie ich - an einem sokratischen Verständnis festhält, in dem keine Aussage - und also auch kein Text - ernst genommen werden kann, für die niemand als Person bürgt. Mir ist aber durchaus bewusst, wie fragwürdig diese Position aus der Perspektive jener ist, die Texte nicht als Gesprächsangebote lesen und verstehen. Jedoch habe ich - gerade im Netz - die Erfahrung gemacht, dass es diese persönliche Bürgschaft gibt und dass es auf sie ankommt. Gerade weil ich keine "Schriftgläubige" bin, ist die Netzliteratur,  die den kommunikativen und provisorischen Charakter des Geschriebenen betont, für mich eine eigenständige und wichtige Form. Denn selbstverständlich prägen Medien das Gespräch und dessen Verlauf; bedeutet eine Satzfolge, die zu einem Gegenüber gesagt wird, nicht dasselbe wie dieselbe als "gedruckter Text" oder eben als "Post" im Netz. Die Idee vom mit sich selbst, jenseits seiner Vermittlungsform und - situation, identischen Text ist historisch im Übrigen sehr eng mit dem Aufkommen der monotheistischen Religionen, in unserer Kultur durch die Verbindung von Christentum und nach-sokratischer griechischer Philosophie, verknüpft. Der Fetisch "Schrift" prägt diese Kultur seither. Das Netz eröffnet auch die Chance, glaube ich, sich von diesem Fetisch zu lösen. Das tut aber den Fetischisten, zu denen ich auch selbst gehöre, weh.)

Ich hatte es schon in einem Kommentar geschrieben: Es gibt wohl keine "genuin" weibliche oder männliche Schreibweise. Aber es gibt männliche und weibliche Schreibende. In unserer Gesellschaft ist das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit so dominant, dass es sowohl beim Schreiben wie beim Lesen eine bedeutende Rolle spielt, welches Geschlecht Autor:in oder Leser:in haben. Es bleibt uns Geschlecht nicht bloß äußerlich, sondern prägt uns in der Selbst- und Fremdwahrnehmung bis tief in die Körperempfindungen hinein, bis hinein in das, was eine jede und ein jeder an sich als "natürlich" empfindet. Deshalb halte ich das "Absehen" vom Geschlecht (ob in der Literatur und Kunst oder sonst wo) für eine Sprechweise, die aktuell den Formierungsbestrebungen in die Hände arbeitet, die alle Differenzen (strukturelle  Diskriminierungen, aber genauso Lebensentwürfe, in denen die Idee eines "ganz anderen Lebens" und einer ganz anderen Gesellschaft keimt) mit dem pseudoliberalen Rekurs auf das "autonome Individuum" (das als Realität und nicht kontrafaktisch angenommen wird) und dessen angeblich freie Entscheidungen weg diskutieren will. Da kommt dann  regelmäßig raus, dass wir alle - irgendwie und am Ende doch - gleich sind und die Welt, so wie sie ist, "freiwillig" genau so gestalten, wie es richtig und "natürlich" ist:  z.B. monogame heterosexuelle Beziehungen als Norm zu sehen, Liebesverrat zwingend mit Eifersucht (also Besitzverhältnissen) zu verknüpfen, das Streben nach Eigentum für "menschlich" zu halten, bestimmte Hierarchien und Machtverhältnisse als unvermeidlich anzusehen usw. usw. usw. Aus einer solchen Haltung entstehen auch die Romane, die genau solche Verhältnisse nicht nur abbilden, sondern affirmativ als zwingend setzen, statt das Zwanghafte dieser Verhältnisse zur Erscheinung zu bringen. Jede Abweichung wird als eine "freie Entscheidung" begriffen, die daher angepasst werden kann und muss an die vorgeblichen Zwänge (also die bestehenden Strukturen, Wirtschaftsweisen und Lebensformen). Deshalb wird zum Beispiel dem Streit über die "homosexuellen Ehe" vielmehr Raum gewidmet als der Idee, dass verbindliche Sorgeverpflichtungen überhaupt nicht zwingend mit der sexuellen (Paar?-) Beziehung verbunden werden müssten.

Obwohl aber Geschlecht prägend ist, ist es andererseits nicht die einzige Prägung der Schreibenden und Lesenden. Nur deshalb war und ist es möglich, dass viele männliche Autoren ihre Konflikte mit "Männlichkeit" a l s und über weibliche Figuren ausgeschrieben haben. Ich denke an Madame Bovary, Effi Briest oder Anna Karenina. "Weiblichkeit" ist in der patriarchalen Gesellschaft immer auch ein Ausdrucksmittel gewesen für dissidente Männlichkeit. Umgekehrt ist diese Möglichkeit selten genutzt worden (Emily Brontes Heathcliff  fällt mir spontan ein.). Auch das hat Gründe. 

Am Horizont, als Utopie, stelle ich mir eine Literatur vor für eine Gesellschaft, in der Geschlecht weniger formierend in Selbstdefinition und -wahrnehmung eingreift und in der mehr Formen und Inszenierungen von "Männlichkeit", "Weiblichkeit" (und allem anderen) möglich sind, als wir jetzt erahnen können. Bis dahin und um dahin zu kommen, möchte ich aber noch mehr darüber erfahren und lesen, was "Weiblichkeit" aus der Perspektive von Frauen bedeuten kann. Dabei interessiert mich gegenwärtig besonders, wie die Beziehungen zwischen Frauen sich auf die Idee von "Weiblichkeit" auswirken,  Frauen-Freundschaften und -Lieben. Denn was im "realen" Frauenleben von so großer Wichtigkeit ist, spielt in der Literatur  kaum eine Rolle, die seit Jahrhunderten immer wieder und wieder von Mann-Frau-Beziehungen und Männerfreundschaften erzählt hat. Ob männliche Autoren hierzu einen Beitrag leisten können, weiß ich nicht. Ich kenne kein Beispiel (außer aus Leo Tolstois Romanen, bei denen aber viele Literaturwissenschaftler:innen inzwischen annehmen, dass die Frauengespräche von seiner Frau Sofja geschrieben wurden).

Samstag, 28. April 2012

MÄNNER-FILM


Drüben bei Tainted Talents gibt´s einen Text über Frauen. Zu dem ich keinen anderen Kommentar habe, als „Jep!“. Vollkommenes Einverständnis. Was Seltenheitswert hat. Denn ich bin Differenztheorie- und praktikerin. Ich mag´s, dass die Leute anders sind (als ich). Der Rhythmus muss stimmen. Die Melodien überlagern sich, da darf es auch mal Disharmonien geben, muss es sogar (Ich verstehe gar nichts von Musik). Aber es soll sich was Einschwingen können, wünscht sie (also Mel - und ich auch). Was eben, je älter die wird, öfter mit Frauen gelingt.  Früher hat sie sich mehr an Männern gemessen, wollte sich ernst genommen wissen von tiefsinnigen Meisterdenker-Apologeten und zitierwütigen Name-Droppern. Jetzt kommen die ihr oft lächerlich vor. Verbiestert. Zickig. Albern. So werden allerdings meist immer noch Frauen beschrieben. Sie hat zuletzt mehr Männer getroffen, auf die diese Adjektive zu passen schienen. Auch andere (Männer), freilich. Kluge Männer, witzige, zweifelnde, charmante und phantasievolle. Nur arbeiten, arbeiten kann ich oft besser mit Frauen. (Nicht mit allen, allerdings.) Sie hat insgesamt weniger Geduld als früher, verlässt sich mehr auf das Bauchgefühl, lässt sich weniger einlullen von freundlichen Worten. Sie lacht ihr Unbehagen nicht mehr weg, sondern lässt es auch mal raus. Sie will nicht mehr gute Miene zu öden Spielen machen. Sie will sich spüren, statt sich zu betäuben.

Ich beobachte auch ehrlicher, wie ich reagiere. Auf Männer. Noch immer, immer wieder ist sie tendenziell eher heterosexuell. Obwohl sie den Mund von Scarlett Johansson sensationell verführerisch findet. Das war nämlich gestern im Kino. The Avengers. Ein Männer-Film. Trotz Johannson und Cobie Smulders, die zwei schöne, starke Frauen darstellen. Aber nie miteinander reden. Beim Bechdel-Test fällt der Film grandios durch. Diese beiden Frauen sind ausschließlich auf ihre Aufgaben und auf die Männer bezogen, für und mit denen sie die erledigen: Hawkeye und Fury. Interessant für die tendenziell heterosexuelle Frau (also mich) war, wie eindeutig es ist, dass der gute Captain America, obwohl der von Joss Whedon mit mehr Selbstironie und Humor ausgestattet wird als je zuvor, null Sexappeal entwickelt. Frauen wie die (also ich) stehen erst mal nicht auf  aufgeschlossene Männer. Womanizer und Zyniker haben mehr Chancen. (Allerdings nur die mit dem „guten“ Kern.) Das ist die Kehrseite des „Gentleman“ (Jedoch: Denken Sie dran, auch Mr. Darcy wirkt "düster".). Wo der sich durch Understatement auszeichnet, dreht der Filou angeberisch auf. Beide aber verdecken und verstecken ihre Gefühle und Hoffnungen. Anders als Captain Amercia, der immer ganz im Einklang mit sich selbst scheint. Männer, die sie anziehend findet, tragen oft erst mal eine Rüstung. IronMan, wie ihn Robert Downey Jr. verkörpert, ist die perfekte Metapher dafür.

Eine Freundin sagte vor einer Weile mal über ihren Ex-Mann: „Ich verachte ihn für diese Feigheit wegen der er sich immer bedeckt hält. Für diese ganze Verlogenheit, mit der er sich tarnt und so tut, als ob nichts an ihn rankommt. Ich verachte es, dass er nicht weinen kann und auf keinen Fall verletzlich wirken will.“ Mein Kopf stimmt ihr zu. Die Feigheit der Gentlemen und Filous treibt Frauen wie mich und die Freundin in die Hysterie. Weil die sich nicht öffnen und niemals entblößen, fangen wir an, rum zu schreien. Um deren Eiseskälte zu durchbrechen, schneiden wir mit Spiegelscherben in unsere Haut. Das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass der schimmernde Glanz der Rüstung mich erregt. Dass es die Sehnsucht steigert, wenn die Leidenschaft sich hinter stählernen Blicken verbirgt. I don´t want to change a thing when there´s magic. Es gibt zwischen meinem Begehren und meiner feministischen Haltung einen Graben, ein Loch, in das ich regelmäßig falle. „Verschämte Sexualität“ nannte einer das. Da war es allerdings fiktiv. Hier auch. Alles ist fiktiv. (Ich bitte, das zu bedenken.) Die Wahrheit ist, dass ich niemals den ersten Schritt tue, obwohl ich es richtig finde, wenn Frauen das tun. Die Wahrheit ist, dass mein Lustempfinden aus Passivität entsteht. Die Wahrheit ist, dass ich überwältigt werden will. Die Wahrheit ist, dass ich an „Beziehungen“ nicht "arbeiten" und über Sex nicht verhandeln will. Die Lektüre von „Jane sexes it up“ hat mich ein wenig mit mir versöhnt.

Es tröstet mich auch, dass die Sexiness von Männern sich für mich nicht im Bild des hegemonialen Anzugträgers einstellt, der sich geschmacklich von Ikea zu Rolf Benz emporgearbeitet hat. Wenn Männer eine Rüstung brauchen, sollten sie Stil haben. Erotisch wirkt zum Beispiel der Dandy, der sich in seiner Rüstung ausdrückt und ironisiert, der seine Verstellung (über die Inszenierung von Musik, Literatur, Film und Kleidung) kultiviert. Nur André, dem Traum-Mann, gelingt es unverstellt erotisch zu sein. 

„Avengers“ ist ein Männer-Film, zweifellos. Ich habe mich (trotzdem?) 2 Stunden lang gut amüsiert. Bruce Banner/Hulk (Mark Ruffalo) ist nett und intelligent, Captain America (Chris Evans) ist korrekt, Fury (Samuel L. Jackson) ist raffiniert, Hawkeye  (Jeremy Renner) ist mutig und IronMan (Robert Downey Jr.) ist sexy. Der Gott, Thor (Chris Hemsworth), hat schöne Haare und straffe Muskeln. Es gibt was zu sehen und was zu lachen. Und Gelegenheit zu klären, auf was für Männer sie eigentlich steht, insofern und soweit sie heterosexuell ist. Es bleibt: Küssen möchte sie nur die Schwarze Witwe (Scarlett Johansson). Sie steht vielleicht doch nicht so sehr auf Super-Helden und Götter.