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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Mein Körper. Dein Körper. Ein Körper. FRAUEN. KÖRPER


Das erste Mal bei der Frauenärztin
Du trittst hinter dem Paravent hervor, den Kopf ein wenig gesenkt, in einer Mischung aus Erwartung und Scham. Du kannst diesen Körper nicht einschätzen, deinen, weißt nicht, ob er schon fraulich genug ist und fragst dich selbst verärgert, was du damit meinst: Genug? Sie schaut dich an. So bist du noch nicht angeschaut worden. So professionell. Nicht gleichgültig. Aufmerksam. Wohlwollend. Gründlich. Sie sagt: „Nervös?“ Und du nickst, obwohl du die Arme absichtlich nicht vor der Brust verschränkt hast. Der Frauenarzt deiner besten Freundin hat beim ersten Mal Sachen zu ihr gesagt wie: "Sie haben ein gebärfreudiges Becken." Als du das gehört hast, wurde dir ganz schlecht. Du hast dich nicht anschauen lassen wollen von so einem und befingern und untersuchen, der dich bewertet wie eine Zuchtkuh. Deshalb bist du hier. In den „Gelben Seiten“ hast du nach einer Frauenärztin gesucht. Nur einer Frau willst du dich als Frau vorstellen und öffnen. Sie erklärt dir alles genau. Sie fragt dich, ob du weißt, wie du da unten aussiehst. Bevor sie das Spekulum in dich einführt, warnt sie: „Das fühlt sich im ersten Moment kalt an. Nicht erschrecken.“ Du entspannst dich. Sie lobt dich dafür. Es ist alles in Ordnung. Es sieht auch innen alles so aus, wie es soll. Dann fragt sie noch, ob du die Pille brauchst. Du schüttelst den Kopf. „Sie haben noch viel Zeit.“, sagt sie. „Aber es schadet nichts, vorbereitet zu sein.“ Du nickst. Sie stellt dir ein Rezept aus.

Kein Penisneid
Als ich ein Kind war, war mein Körper schmal und drahtig. Ich konnte gut zwischen den Gitterstäben der Kellerfenster hindurch klettern. Das war wichtig, wenn niemand daheim war und ich dringend aufs Klo musste. Ich war mutig: Übers Wehr steigen, vom Garagendach springen, auf jeden Hochsitz hinauf. Meinem Körper traute ich viel zu und ich vertraute ihm, blindlings, wie man so sagt. Dass es ein weiblicher Körper war, erschien mir selbstverständlich und schön. Ich hatte Vergleichsmöglichkeiten und fand es angenehm, keinen Penis zu haben, stattdessen vollkommener zu sein, wie mir schien, ohne was Ab- oder Rausstehendes. 

Frau werden
Als der Körper runder wurde, die Hüften breiter und die Brüste größer, genoss sie das. Eine Frau werden – das war natürlich und gut. Ihre Mutter war dabei durchaus ein Vorbild. Die Eltern klärten über Sex auf und gaben zu verstehen, das sei schön; allerdings nur, wenn sich zwei liebten. Ihre Körper versteckten sie nicht vor den Kindern. In der Familie war Nacktheit weder peinlich und noch sexualisiert. Man konnte einen weiblichen Körper haben oder einen männlichen; die konnten so und so aussehen, mit ein bisschen mehr Fett oder weniger auf den Rippen, Haaren an verschiedenen Stellen, oben und unten, das war halt so. Gut. Und schön. So lange niemand seinen Körper als Pfand, als Ware, als Tauschmittel einsetzte. Solange.

Enteignung
Die Pubertät kam und mit ihr die Zweifel und die Angst. Ihr Körper, der so sehr ihrer gewesen war, so unhinterfragbar, wurde zum Objekt. Das war nicht zu übersehen, oft auch nicht zu überhören. Jede junge Frau ist dem ausgeliefert: So angeschaut zu werden, taxiert auf ihre Tauglichkeit als Wichsvorlage, auf ihre Verfügbarkeit zur Befriedigung männlicher Lust. Und wo ist das Problem? "Fühl dich geschmeichelt." Das Problem ist, dass es einigen, vielleicht den meisten, unangenehm ist, diesen Blicken ausgesetzt zu sein, diesen Sprüchen, weil sie sie treffen, ohne dass sie gemeint sind. Weil sie den Körper von ihrer Trägerin lösen und in ein Zeichen verwandeln, als etwas ansehen, dass nicht für sich da ist, sondern für Männer, die in der bloßen Existenz weiblicher Körper, weiblicher Knie, weiblicher Beine, weiblicher Hintern, weiblicher Brüste eine Botschaft zu erkennen glauben, die sich an sie richtet. Dem entgeht keine in dieser Kultur, dem Auseinanderfallen des eigenen Einverständnisses mit dem Körper, der man ist, und dessen Wahrnehmung und Zurichtung als Sexualobjekt in der Öffentlichkeit: in Bussen, Bahnen, auf Straßen und Plätzen, in Kneipen und Biergärten, in der Literatur und im Kino.

Reaktionen I
Einige lernen, die Botschaft, die sie sein sollen, selbst zu formulieren. Das kann ein Akt der Befreiung sein, aber die Grenzen des Codes sind eng. Sie stellen fest, dass die Darstellung des eigenen Körpers als Aufforderung ans männliche Begehren ihnen Macht verleiht. Sie nehmen sich diese Macht und nutzen sie aus. Sie zahlen dafür, wie jede für alles, einen Preis. Der Preis ist, dass sie sich zu orientieren lernen und lernen müssen, an dem was als „sexy“ gilt und dass sie ihren eigenen Körper mehr und mehr als ein Objekt behandeln, dessen Wert von anderen definiert wird. Sie lernen auch, Männer als Gattungswesen wahrzunehmen und zu taxieren. Selten genügt der  weibliche Körper, mit dem diese oder jene Frau aus der Pubertät kommt, den Ansprüchen, die nun an den eigenen Körper gestellt werden: die Brüste zu klein oder zu groß, der Arsch zu fett oder zu flach, die Haut nicht glatt genug, die Haare nicht voll genug, die Zähne nicht weiß genug, die Beine behaart (Ja, manche Jüngere wissen das vielleicht gar nicht: Auch Frauen haben Beinbehaarung!), die inneren Schamlippen zu wulstig. Keine, selbst diejenige, die den Werbehochglanzfotos sehr entspricht, fühlt sich schön und sexy genug. Immer muss „was gemacht“ werden am Körper einer Frau, die diesen Weg wählt.

Reaktionen II
Sackkleider, Latzhosen, übergroße T-Shirts, kurze Haare, finsterer Blick. Ich will als Frau nicht gesehen werden. Bloß niemals einen Blick auffangen. Immer den Kopf ein bisschen unten halten. Flache Treter, trampeliger Gang. Eine, die sich selbst nicht traut, weil ihr beigebracht worden ist, dass euch nicht zu trauen ist. Überall lauern in dunklen Gassen potentielle Vergewaltiger. Orte die zu vermeiden sind, Kleidungen, Verhaltensweisen. Sonst ist sie noch selbst schuld. Es gibt auch andere Männer, versteht sich. Sie lernt welche kennen. Andere und solche. Sie muss immer auf der Hut sein. Damit sie kein falsches Signal sendet. Sie hat gelernt; dass sie ein falsches Signal ist, wenn sie nicht aufpasst. Diese Hemmung gräbt sich in ihre Bewegungsabläufe ein. Der Körper, der sie ist, könnte missverstanden werden. Sie ahnt höchstens, wie schwer es auch von der anderen Seite her ist, für die Männer. Es ist eine verkorkste Kultur, in der wir uns kennenlernen sollen. Sie spielt ein bisschen rum. Sie hat immer ein bisschen Angst. Sie will sich überwältigen lassen von Gefühlen und Leidenschaft. Sie fürchtet sich. Vor sich und den anderen. Eine Frau sein, heißt auch, ihre Weiblichkeit nicht zu zeigen.

Gekapert
Dann: Eine Frau sein heißt, gebärfähig sein, Der alte Sack von Frauenarzt hat doch Recht gehabt. Sie muss aufpassen. Verhütung ist Frauensache. Nicht immer, aber meistens. Männer sehen das nicht so eng und verlassen sich gern. Sie können ja auch verlassen. Kind und Frau. Weil Kind und Frau eins sind, jedenfalls neun Monate lang. Das hat sie sich so nicht vorgestellt, als es soweit kommt. Sie hat sich gar nichts vorgestellt. Etwas Fremdes wächst in ihr. Das fremde Wesen in ihr hat alle Rechte über sie: Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Stress, keine zu laute Musik, keine ungesunde Ernährung. Ermahnungen, wo sie hinguckt. Listen mit guten Tipps, eher Anweisungen, Appelle an die Verantwortung und das Gewissen. Alle richten sich auf ihren Körper, der ihr nicht mehr gehört. Das Gefäss für den Alien. Wird geschont und gepäppelt. Wird ihr fremd. Denn sie ist nicht mehr sie. Sie ist das. Das Kind. Das noch nicht ist. Aber sein wird. Der Vater ist außen vor. Im Wortsinn. Der ist nicht drin und nicht drum. Kann es nicht sein.

Dazwischen
Es war einmal eine Frau, die ich war, die vermied es, weiblich zu sein. Der Körper, der sie gewesen war, hatte sich ihr entzogen, war Objekt geworden, Heimstatt, Nahrungsquelle. Sie war das nicht. Sie war ein Kopf: ein Mensch. Geschlechtsneutral. Vorgeblich. Amputiert. Oder: Der Körper einer Frau unter schlapprigen Hemden und weiten Hosen. Jahre vergehen. Sie schaut sich um und an. Sich entdecken. Das bin ich doch. Mein Körper. Meine Brüste. Meine Schenkel. Immer noch fest. Mein Körper im Spiegel. Mein Körper unter meinen Händen. Ist schön. Ist Frau. Dass ich kein Mann bin, macht mich (auch) aus. Weil ich mein Körper bin und ihn nicht habe. Ich trage schwingende Röcke. Ich male die Lippen an. Ich sende keine Signale. Ich bin keine Botschaft. 

Jetzt:  Ich bin eine Frau Von beinahe fünfzig Jahren. Nichts anderes.


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Dienstag, 19. Oktober 2010

KÖRPER-SPRACHE (2): I don´t want to change a thing when there´s magic

Über „natürliche und affectierte Verhaltensweisen“

Diesen Beitrag zu „Körper-Sprache“ wollte ich den Verliebten widmen. Er begann so: Dies geschrieben für all jene, die sich im ersten Stadium des Verliebtseins befinden, in jener Phase, in der voll Hoffnung und Zweifel jede Äußerung und Regung des Geliebten studiert wird, in der man wach liegt und erinnernd prüft: Wie hat er sich zu mir gestellt, war das ein Zufall, dass unsere Knie sich unter dem Tisch für Sekundenbruchteile berührten, lag seine Hand zum Abschied ein wenig länger als üblich auf meinem Arm? Dann sah ich noch einmal auf die beiden Kupferstiche Daniel Chodowieckis, über die ich schreiben wollte, und merkte: „Thema verfehlt“. Denn nur in dem einen wirkten die Beteiligten auf mich verliebt, während sie in dem anderen erotisches Interesse aneinander zeigten; ich mir von denen jedoch nicht vorstellen konnte, dass sie in den Nächten auf ihren Betten liegend voneinander träumten.

Also meinte ich, ich müsse erst einmal den Unterschied klären zwischen „Verliebtheit“ und „erotischem Interesse". Wie sonst sollte ich die auf den Bildern  dargestellte Körpersprache an meinem eigenen Körper nachvollziehen? Dafür, dachte ich, müsste ich wissen, ob es um eine Situation gehen solle, in der ich „Verliebtheit“  oder „erotisches Interesse“ ausdrücken und darstellen würde.  Ein Unterschied drängte sich sofort auf: Ich bin wesentlich seltener „verliebt“, als dass ich „erotisches Interesse“ habe. Letzteres kann zum Beispiel bei einem Spaziergang durch die Stadt entstehen: ein flüchtiger Blick auf einen wohlgeformten Körper, ein interessantes Profil, eine kraftvoll-beherrschte Bewegung. Die Wirkung des erotischen Interesses auf meinen Körper besteht zunächst in nichts weiter als einer leichten Anspannung der Muskeln; ein Geradeziehen des Halses vielleicht oder das Durchdrücken des Kreuzes. Beim „Verliebtsein“ ist das ganz anders: Beschleunigung der Herzfrequenz, aufsteigende Hitze, Erröten, diese widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Fluchtreflex und Anschmiegimpuls. Das erotische Interesse flammt plötzlich auf und kann ebenso rasch wieder verfliegen. Verliebtheit dagegen baut sich allmählich gleich einer Spannungskurve auf, die nur sehr langsam und schmerzlich wieder verflacht. Aus einem erotischen Interesse könnte Verliebtheit entstehen. (Ich kann mich an keinen konkreten Fall erinnern.) Umgekehrt ist in die Verliebtheit von Anbeginn an ein erotisches Interesse eingeschlossen, das aber zunächst verkapselt bleibt.

Diese Überlegungen sind, wurde mir schnell klar, völlig subjektiv. Ich war aber doch von der These ausgegangen, dass die Sprache meines Körpers eine „Kultursprache“ sei, in sie eingeschrieben die überindividuellen Traditionen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ich wollte über „natürliche und affectierte Verhaltensweisen“ schreiben, hatte ich angekündigt. Damit zitierte ich den Titel einer Serie von Stichen, die Daniel Chodowiecki 1779 im Göttinger Taschen Calender veröffentlichte. In ihr stellte er jeweils adelige und bürgerliche Selbstdarsteller einander in Alltagssituationen gegenüber, um einerseits die Körpersprache des Adels als theatralisch zu entlarven und andererseits die Bürger in der Darstellung „natürlicher“ Verhaltensweisen zu schulen. Seht her, wollen diese Stiche sagen: So machen sie´s; das ist ge- und erkünstelt. Wir machen´s anders, so wie´s natürlich – und also richtig und recht – ist.



Chodowiecki gibt diesen beiden Blättern den Titel: Die Unterredung/La conversation. Das Wort „Unterredung“ hat  im Laufe der Jahrhunderte, die uns von Chodowiecki trennen, eine Bedeutungsveränderung erfahren. Höre ich es, so denke ich an eine „Verhandlung“, ein Gespräch, das zwischen Interessenlagen vermittelnd auf Abschluss und Vertrag zielt, in der Regel etwas Geschäftliches. Schon im 18. Jahrhundert schwingt dieser Bedeutungsgehalt im Wort mit. Auch hier auf dem Stich links: Ein junger Mann und eine junge Frau, die einander – wie von Chodowiecki beispielgebend im Kulturkampf gegen den Adel gezeigt – auf „natürliche“ Weise begegnen, halten eine Unterredung, die, wenn sie es „ernst miteinander meinen“ (was der Anstand gebietet), notwendig in einem Antrag mündet, dem ein Vertrag folgt: die bürgerliche Ehe.

Für die beiden rechts dagegen scheint der Titel in diesem Sinne von „Unterredung“ schlecht gewählt, denn sie „unterhalten sich“: gut. Der Maler zeigt das adelige Paar in einem französischen Garten mit den symmetrisch gestutzten Bäumen und Hecken. Die Dame trägt Highheels und hat die Beine leicht auseinandergestellt. Den Oberkörper lehnt sie ein wenig zurück, geht ins Hohlkreuz, um über ihr Lorgnon den Gesprächspartner zu taxieren. Den linken Ellbogen hat sie ausgefahren, einen Fächer vorzuhalten. Sie ist herausgeputzt mit Reifrock, Spitzenbesatz und exzentrischster Perückentracht.  Der Herr spiegelt ihre schwungvolle Bewegung und verstärkt sie. Auf die Zehenspitzen hochgebogen, beugt er den Oberkörper nach hinten und schiebt ihr sein Becken entgegen. Mit den ausgebreiteten Händen unterstreicht er sein pfauenhaft werbendes Plaudern. Chodowieckis übertreibende Darstellung, die das geckenhaft manierierte von beider Selbstdarstellung herausstellen will, macht überdeutlich: Er will was von ihr und sie prüft, ob sie sich drauf einlassen mag. Was er will, wird auch nicht im Dunkeln gelassen: der Griff seines Degens zielt gleich einem erigierten Glied auf ihren Schoß und jenes aufwendig über die Gestelle gestülpte Kleid, das sie trägt, stellt der Maler so dar, als sei es an der Vorderfront geschlitzt. Die „affectierte“ Körpersprache ist nicht nur als „unnatürlich“ dargestellt, sondern soll die liederliche Sexualmoral der Hofgesellschaft, in der wahllos jeder und jede sich als Sexualobjekt inszeniert, denunzieren.

Gegen diese „Verluderung“ setzt Chodowiecki das links gezeigte Ideal des „natürlichen“ Paares, das sich mit allergrößter Zurückhaltung in der Naturlandschaft begegnet.  Der Herr hat nun sorgsam die Hand vor den Knauf des Degens gelegt und der Maler auf diese Weise jede Anspielung auf sexuelles Begehren aus dem Bild eliminiert. Alles Biegsame ist aus dem männlichen Körper verschwunden. Die Knie sind durchgedrückt, der Rücken gerade. Die ausgestreckte Hand, die er dem Mädchen reicht, ist so in einen rechten Winkel gebracht, wie es nur durch eine Verkürzung der rechten Schultermuskulatur zu erreichen ist.  Er steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden und hat „Haltung angenommen“.  Der bürgerliche Männerkörper soll einer sein oder werden, zeigt Chodowiecki,  dem die Expressivität mittels einer gewaltigen Anstrengung der Selbstbeherrschung ausgetrieben wird. In dieser Körperhaltung spricht sich das Ideal des sich über Arbeit und Leistung identifizierenden bürgerlichen Mannes aus. Mir fällt, betrachte ich diesen „verhaltenen“ Mann Max Webers Wort vom „stahlharten Gehäuse“ ein, als das sich die Beschränkung auf die  Zweckrationalität um den arbeitenden Mann legt, von dem  auch gefordert ist durch Triebkontrolle und kalkulierende Voraussicht die Voraussetzungen für das Angebot zu schaffen, auf das die Unterredung hinausläuft. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die vorgeschlagene Körperhaltung auf einer Willensleistung basiert und sich keineswegs von selbst, also „natürlich“ ergibt. Sie muss dem männlichen Körper antrainiert werden, wie zeitgleich die Rücksicht auf Zeitökonomie (der Siegeszug der Uhren) und Arbeitsdisziplin (an der noch Werther scheitert).

Ich habe geschrieben, er reiche die Hand „dem Mädchen“, während weiter oben noch von der „jungen Frau“ die Rede war. Es ist dies, glaube ich, obwohl ich beim ersten Schreiben nicht darüber nachdachte, kein Zufall. Die Frau, die der männliche Maler dem bürgerlichen Mann als Liebesobjekt vorstellt, ist ein Mädchen. Wie er dem Mann Haltung verpasst und dessen Begehren (in Gestalt des Degens) quasi (hin-)unterdrückt, so verwandelt er die sexuell offensive, ihr Gegenüber provozierend von unten nach oben musternde Frau im bürgerlichen Idealbild in eine scheue Kindfrau. Auch sie hält sich gerade, die Füßchen sind enger zusammengerückt, die Hände vorm Schoß schützend gefaltet. So blickt sie ihn von unten herauf an, mit jenem schüchternen betörend-schutzsuchenden Augenaufschlag, den noch die Hollywood-Schauspielerinnen unserer Tage immer wieder nachahmen.

Die Propaganda für das angeblich „Natürliche“, die Chodowiecki hier betreibt, erweist sich mithin bei näherer Betrachtung als eine Eliminierung des Begehrens, als Versuch der Selbstdarstellung den Ausdruck des erotischen Interesses auszutreiben zugunsten einer „ernstgemeinten“ Liebesbezeugung, die ein auf Dauer angelegtes Versprechen enthält.  Dabei vollzieht sich die Stilllegung der Erotik am männlichen Körper nicht in der gleichen Weise wie am weiblichen. Der Frauenkörper (der eben deshalb auch zum Mädchenkörper wird) nimmt Haltung nicht aufgrund einer Maßgabe der Vernunft an, sondern verinnerlicht im Gefühl die sittlichen Imperative.  Ihr ist - im ideologischen Konzept, das Chodowieki hier vertritt – „Natur“, was ihm Arbeit aufprägt.

Alle Erotik, scheint es, ist aus dieser „natürlichen“ Begegnung verbannt. Aber ich hatte doch irritiert festgestellt, dass ich allenfalls im linken Bild, in jenem „unerotischen“ also, „Verliebtheit“ zu erkennen vermöge. Hieße das dann, dass eine bürgerliche Verliebtheit eine „rein“ seelische Projektion, ihr alle Körperlichkeit und jedes Begehren ausgetrieben sei? Lese ich die Stiche Chodowieckis mit meinem eigenen Körper, dann erkenne ich, wie wirksam  das dort gezeigte Körpermodell noch für meine (Selbst-)Wahrnehmung ist. Wie das Mädchen auf dem Stich schlage ich die Augen nieder, wenn ich dem begegne, in den ich verliebt bin, nur um sie dann von unten her zu ihm hoch aufzuschlagen: Eine Schutz suchende und Unterwerfung signalisierende Geste zugleich. Keine beherrschte diesen Augenaufschlag so perfekt wie die meist fotografierte Frau unserer Tage Lady Diana Spencer, die immerhin 1,78 m groß war. 



Dass Diana Spencer mit diesem Augenaufschlag zur Ikone unserer Tage werden konnte, belegt nicht nur, dass dieses Frauenbild eines verschüchterten Mädchens noch immer das Idealbild vieler Männer ist, sondern mehr noch, dass es nach wie vor das ideale Selbstbild vieler Frauen darstellt (denn die sind es in der Mehrheit ja, die die Yellow Press-Magazine kaufen). Von dieser Selbstinszenierung als mädchenhafte Schutzsuchende habe auch ich mich längst nicht „befreit“:

I´m a little lamb who´s lost in the wood
I know I could always be good
To the one who´ll watch over me.

(Someone to watch over me by Gerhswin)

Die Erotik, die gebannt scheint, ist tatsächlich aber in diesem Blicken nur verbannt, ins Innere der Körper hinein verkapselt. Ein männlicher Blick, stelle ich mir vor, sieht von „dort oben“ im Körper der Frau „die Natur“, die er an sich selbst weggearbeitet hat. Ihr ruhig gestellter, Schutz suchender Körper wird ihm zum Sehnsuchtsbild: diesen in Bewegung zu versetzen, darin liegt nun der Reiz (der zugleich – allerdings – mit der Vertragsabsicht kollidiert, doch davon ein andermal.) Der Ehrgeiz des getarnten Jägers richtet sich darauf, den mühsam unterdrückten Fluchtreflex des scheuen Rehs, auf das er blickt, ihm – und nur ihm – gegenüber in Anschmiegsamkeit zu verhandeln. Sei mein und ich werde dich bergen. Dein will ich sein und dir allein gehören.

Der Zauber des Verliebtseins, das Herzrasen, auch die Wildheit der ersten trunkenen Küsse, all dies hätte also die Verkapselung des Begehrens gerade zur Voraussetzung. Nur wenn das erotische Interesse sich so verzweifelt im Inneren verbirgt, erweckt es die Sehnsucht, die nach Ausbruch und Erschütterung drängt. Noch beunruhigender ist der Gedanke, dass in dies magische Erleben eines exklusiven Begehrens in unserer Kultur die Asymmetrie der Geschlechter eingewebt ist: Schutzsuchende und Beschützer, Besitzer und Besessene (vernehmen Sie in diesem Wort schon den Ausblick auf die Körper-Sprachformen der Hysterikerinnen?)

Das alles lässt sich auch anders erklären. Zum Beispiel chemisch. Oder soziologisch (Nehmen Sie Niklas Luhmanns „Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“, der die Paradoxien als notwendige Formen der Liebes-Codes entschlüsselt: die romantische Liebe als eine paradoxe Übersteigerung „der Genußfähigkeit des Gefühls und auch die Möglichkeit, am Gefühl zu leiden“). Doch für mich gilt:


(The Go Betweens: Magic in Here)

* Manches ändert sich sowieso. Ich schlage die Augen auf. Aber ich verschränke die Hände nicht vor dem Schoß, wenn ich verliebt bin.


KÖRPER-SPRACHE (1)

(zuerst erschienen auf: Michael Perkampus´Veranda)

KÖRPER-SPRACHE(1): Boys peeping at nature (girls, too)

Dass die Körper sprechen, ist eine Binsenweisheit. Im Ratgeber-Regal jeder Buchhandlung finden Sie was dazu. Machen Sie sich schlau, entziffern Sie die Körpersprache Ihres Gegenüber, decken Sie auf, wann er lügt oder sie etwas verschweigt, setzen Sie Ihr Wissen ein, um mit Ihrem Körper zu punkten. Das interessiert mich nicht. Oder doch? Mich interessiert mein Körper und wie er wirkt. Auf mich, mit mir, durch mich, auf andere.
Und schon in dieser grammatischen Struktur steckt ein Problem. Wer ist denn „Ich“, die, der der eigene Körper im Dativ oder Akkusativ begegnet? Diese Formulierung setzt doch voraus, es gäbe – jenseits meines Körpers – ein Ich, das diesen auf sich wirken lassen könne. Als wäre mein Körper nicht ich. Descartes meint – und ich kann es ihm nicht verzeihen – genau so sei es: Weil ich immer noch „Ich“ sagen könne, wenn man mir das Bein amputiert, sei das Bein nicht „Ich“. Aber wäre mein Bein amputiert, wäre „Ich“ dann noch „Ich“, die, die spielerisch den Oberschenkelmuskel anspannt, die Ferse hoch zieht? Die wäre Ich doch nicht mehr. Phantomtanz. Das wäre dann die ohne Bein. Eine Andere, von der ich nicht weiß, wie die sich dann fühlt, wenn ich fühle, dass sich mir die Zehennägel kräuseln. Von wo steigt der die Wut hoch, wenn sie nicht deren Bein hoch kriechen kann? Wenn ich also hier die Sprache der Körper zu übersetzen versuche, dann werde ich nicht davon ausgehen, dass Ich eine Andere ist als der Körper, der spricht.


Mein Körper spricht jetzt: Ich sitze vor dem Bildschirm. Ich sitze aufrecht, versuche den unteren Rücken, wie ich im Yoga gelernt habe, gerade zu halten, was nicht immer gelingt. Ich ertappe mich dabei, wie ich an jener Stelle, hinten an der Wirbelsäule fast gegenüber des Nabels, immer wieder absacke, eine Krümmung erzeuge, die lange antrainiert und daher schwer abzugewöhnen ist. Ich sitze wie – glaube ich – ein Mann nicht sitzen würde: Sehr weit vorne auf der Stuhlkante, die Beine übereinander geschlagen (das rechte über das linke), den linken Fuß spitz sehr eng seitlich neben dem rechten aufgestellt. Lieber Leser, falls sie männlich sind, probieren Sie es aus. Wie fühlt sich das für Sie an? Ich weiß es nicht. Doch vermute ich, dass Sie es nicht sehr angenehm finden, denn ich beobachte kaum je einen Mann in dieser Haltung. Ich dagegen, eine Frau von 45 Jahren, finde sie angemessen. Sie ist nicht völlig entspannt (dann könnte ich nicht schreiben); sie ist aufmerksam-aufrecht-offen (oben) und auf sich zurückbezogen-geschlossen (unten). Jetzt ändere ich sie. Ich schiebe die Ellenbogen vor der Tastatur weiter auseinander und weite so den Brustkorb. Dann schlage ich die Beine auseinander und stelle sie gespreizt fest auf den Boden, die Füße etwa knapp einen Meter auseinander. Das entspricht, wie ich beobachtet habe, der Haltung vieler Männer (nicht aller natürlich; ich kann dieses „Gegen“-Experiment eben nur typisierend durchführen). Nein, das geht nicht. So kann ich nicht sitzen bleiben. Diese Haltung erscheint mir „unnatürlich.“ Was ich für Blödsinn halte. Sie ist ungewohnt. Sie entspricht nicht dem Selbstbild, das ich von mir habe. Ich nehme mich so nicht als „Ich“ war. Ich kann mich nicht entsinnen, dass je eine zu mir sagte: „Schlag die Beine übereinander, du bist ein Mädchen.“ Abgeschaut. „In Fleisch und Blut übergegangen“ dennoch. Ich glaube, dass ich durch den Selbstversuch (von dem ich hoffe, dass Sie ihn – Geschlechter kreuzend – nachvollziehen) belegen kann: Es gibt eine Geschlechterdifferenz. Sie drückt sich in der Sprache der Körper aus. Ich finde die Frage uninteressant, ob sie biologisch bedingt ist. Eher nicht. Aber sie ist. Prägend. Ich gehe also davon aus, wenn ich versuche die Sprache der Körper zu verstehen, dass ich bei Männern und Frauen auf Unterschiede stoßen werde.

Viele der Ratgeber, von denen oben die Rede war, versuchen uns weiß zu machen, die Körpersprache sei etwas „Natürliches“ (und folglich entweder von unserem „übernatürlichen“ Geist zu dominieren oder unterlaufe diesen „unterbewusst“). Diese (Hierarchie-)Ebenen interessieren mich nicht. Denn ich glaube nicht an die Natur „der Natur“. So natürlich ist die gar nicht. Die Natur nicht. Und die Körpersprache nicht. Lassen Sie uns ihr unter den Rock schauen. Wie die Putti in William Hogarth Subskriptionsticket von 1731: Boys peeping at Nature.



Hogarth´ Darstellung der Natur weicht von der tradierten erheblich ab. Sie wird von ihm als vielbrüstige Frau (das symbolisiert Fruchbarkeit) mit Haarputz gezeigt, geschmückt mit einer Kette, an der an Kreuz hängt, um die Hüften hat sie einen Rock geschlungen (sonst könnten Satyr und Putto ihr Geheimnis ja gar nicht „lüften“). „Die Natur“, scheint der Zeichner zu sagen, gibt es nicht, sie ist immer schon in Kultur versetzt. Doch lasst uns die „Natur des Menschen“ freilegen, seine unter den kulturell bedingten Attributen versteckten Triebe: Naturerkundung als sexuell konnotierter, lustvoller Akt. Nicht zufällig wird „die Natur“ mit dem weiblichen Körper identifiziert. Die Frau jedoch, die hier das Interesse der Putti-Künstler entfacht, ist keine entrückte Göttin aus der Antike, sondern eine erotische Straßenschönheit, wie sie einem durch die Gassen Londons streifenden Maler in den Blick fallen konnte. (20 Jahre später wird ein enttäuschter Hogarth diese „Naturschönheit“ durch ein antikisierendes Idealbild ersetzen. Da ist er mit seiner Kunst am Ende.  Hier: Gebärmythen, Blasen, Schleim und das Gefühl)

Ich will die Sprache der Körper nicht analysieren (d.h. übersetzt ja: zerstückeln). Denn ich bin überzeugt, dass eine Analyse die Grazie (oder auch nur die Möglichkeit zur Grazie) letztlich zerstört. Ich möchte Bewegungslinien verstehen: wie wir uns in den Raum stellen, einander berühren, zeigen und vorführen. Die Sprache unserer Körper als die Sprache unserer Selbst. Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führen wird.

Mit Michael Perkampus setzte ich mich darüber auseinander, wie Bataille zu verstehen sei. Er schrieb mir: „Was ist der Mensch, wenn er aller Fesseln lose… “das nicht festgestellte Tier”, … was nichts anderes meint, als dass er nicht in der Natur aufgeht. Das Bewusstsein, von dem wir keine Vorstellung haben, was es ist, fällt in die Zeit, ist kein bewusstes Sein, sondern reißt sich los und wird frei für einen Horizont an Möglichkeiten. Das gerade entledigt uns der Natur, wir bleiben nicht eingebettet in eine uns umgebende Welt, sondern wir verändern sie in dem Maße, wie wir bereit sind zu denken.“ Von meiner straßenschönen „Natur“ will ich mich nicht losreißen. Den Gegensatz zwischen Bewusstsein und Materialität, Geist und Körper gerade nicht gelten lassen, sondern im Denken auflösen, mindestens „in Bewegung“ versetzen. Auf der Gasse tanzen. Michael Perkampus schrieb auch: „Ich würde aus Prinzip schon vorschlagen, das Geschlecht zu neutralisieren.“ Ich widersprach. Und Sie sehen: Den Widerspruch führe ich fort und aus. Wenn die Körper selbst einfach sprechen (statt als unsere Objekte zu arbeiten, d.h. herzustellen), spricht sich aus, was Foucault „das Sein der Sprache“ genannt hat, „die Übertretung“. Dem will ich mich auf die Spur setzen mit meinem Körper: denkend und sprechend. 

Montag, 13. September 2010

Der kolonialisierende Blick

Trauerarbeit: den Blick zurückwerfen

Im zweiten Teil zur „Zähmung des Auges“ geht es um den kolonialisierenden Blick, der meint alles zu durchdringen und zur Vorschau bringen zu können: das Fremde in der Ausstellung ausziehen und vorführen.

Der kolonialisierende Blick ist die Geste, die sich das Geschaute aneignet im (fotographischen) Bild. Es ist der Blick einer Kultur, für die, wie Vilém Flusser gesagt hat, „die Reflexion eine Strategie und keine Selbstpreisgabe“ ist. Eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen dieses strategischen Verfahrens ist es, dass der Bild-Schaffende (der Fotograf, Ethnologe, Soziologe, Geologe, Feldherr, Oligarch) selbst nicht ins Blickfeld tritt. Die grausame Geschichte der Kolonialisierung wäre nicht denkbar ohne diese Strategie: Selbstreflexion im fremden Anderen. Die „Wilden“ werden (als Abbild unserer Schrecken, Ängste und Sehnsüchte) gesehen. Was sie sehen (in uns) hingegen, gerät nicht ins Bild.

Im Sommer 2006 sah ich – eher zufällig – auf dem Salzburger Mönchsberg die Ausstellung „Black box“ von William Kentridge, die mich noch lange beschäftigen sollte. „Black box“ ist eine Zusammenstellung von Animationsfilmen, kinetischen Plastiken und Zeichnungen, die in einem mechanischen Miniaturtheater untergebracht sind. Drei Assoziationsebenen eröffnen sich durch die „Black box“: die Guckkastenbühne des traditionellen bürgerlichen Schauspiels, das Gehäuse einer Filmkamera, der Flugschreiber, der zur Aufklärung von Flugunfällen herangezogen wird. Dies ist das Instrumentarium, das Kentridge zur Untersuchung des Massakers deutscher Truppen an den Hereros 1904 in Namibia verwendet. Hineinschauen, Abschießen, Festhalten. Die klassischen Techniken des kolonialisierenden Blickes. Doch Kentridge wendet sie um: indem er sie als Strategien selbst sichtbar macht und indem er durch sie den Blick zurückwendet auf die Kolonialherren. Eine Recherche in die andere Richtung. Was schrieben die  Deutschen aus Namibia nach Hause? Wovor fürchteten sie sich? Ein Koffer aus Berlin. Dokumente des Lebens in der Fremde.  Was wir sehen sind Schatten. Nashörner. Ein Lautsprecher spielt Mozarts „Zauberflöte“. Die Schatten wechseln unaufhörlich die Gestalt. Aber: Wir können sie nicht sehen, ohne den Gestalten Bedeutung zu verleihen.

„Die Idee des Kolonialismus und die Rechtfertigung der Europäer für ihr Vorgehen gehen direkt auf die Zauberflöte und Platon zurück: Man wollte dem sogenannten dunklen Kontinent mehr Licht bringen, wenn es sein muss mit Gewalt.“, schreibt Kentridge.

Wir verstehen die Welt durch Instrumente: mechanische Apparate, Objektive und Okulare, Aufnahme- und Abspielgeräte. Wir wünschen, uns aufzuklären. Das führt zu  Eingriffen in die Welt. Die jedoch nimmt nicht mehr das Auge vor, sondern die Hand (am Abzug der Gewehre.) Die „Inquisition des Auges“ (Markus A. Hediger) wird stets erst durch die Hand vollendet.

Aber: Wir sind keine Maschinen. Wir könn(t)en Trauerarbeit leisten.







(William Kentridges Arbeit wurde von der Deutschen Bank in Zusammenarbeit mit der Solomon R. Guggenheim Foundation in Auftrag gegeben. Die Deutsche Bank schaut auf ihre Vergangenheit. Es ist jedoch ausschließlich der Blick zurück, den die Herren nicht nur dulden, sondern fördern. Es wird – so sieht es aus - erneut Trauerarbeit nötig sein, wenn die zurückschauen, die heute Opfer der Welt-Sicht aus den oberen Etagen der Glastürme sind.)

Sonntag, 12. September 2010

AUGEN-BLICKE (2): Das gezähmte Auge (Teil 1)

Die Dompteure

Ich wolle, hatte ich auf der Veranda von Michael Perkampus geschrieben, im nächsten Teil über Augen-Blicke nicht nur das Auge zähmen, sondern es versinken lassen und ihm schließlich entkommen ("1. Das gezähmte Auge, 2. Versunkenheit, 3. Geh mir aus den Augen"). Das war vermessen. Die Zähmung des Auges ist schwer. (Ahnte ich das nicht?)

Hinzu kommt: Ich mag Zähmungen nicht. Und Gezähmte. Und Zähmende. Ich mag die Wildheit. Die Wilden und die Wilderer. So sieht´s aus. Aber wer zähmen will, muss sich die Bestie vertraut machen. (Sie sehen, ich kenne meinen "Kleinen Prinzen", aber ich mag das Buch nicht! Ich mag: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendlak. Ich vertraue den Gezähmten nicht. Ein Raubtier, das sich nur duckt, ist gefährlich. Und Dressur erzeugt keine Liebe. Meine ich.)

Der erste Teil des 2. Teils ist jetzt auf der Veranda eingestellt: Die Dompteure: Mit den Augen zähmen. Und morgen: Im Auge der Kolonial-Herren: Durchs Glas geschaut. Zu den Herren der Glaspaläste.  

Auf Gleisbauarbeiten werde ich ergänzend dazu die Lektüre von Hans Beltings "Florenz und Bagdad" fortsetzen, diesmal mit: "Das gezähmte Auge des Orients".

Dienstag, 31. August 2010

KÖRPER-SPRACHE (3): AUGEN-BLICKE (1)

Der dritte Beitrag zu Körper-Sprache, meiner Kolumne auf Michael Perkampus Veranda, ist jetzt eingestellt. Diesmal geht es um Augen-Blicke. Davon gibt es so viele, dass ich den Text in Teile zerlegen musste. Dies ist also nur der erste Teil meiner Überlegungen zu Auge, Blick und Bild

(Diesmal geht es um Bogart und Bergmann in Casablanca, "Schau mir in die Augen, Kleines",  Dantes Beatrice mit dem tödlichen Blick sowie uns Voyeure.)
Rembrandts Susanna

Hier, auf Gleisbauarbeiten will ich dies begleiten mit einer Re-Lektüre von Hans Beltings: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blickes


Davon morgen mehr. 

Montag, 23. August 2010

UNTERREDUNG

Zwei gleichnamige Kupferstiche aus der Serie "Natürliche und affectierte Verhaltensweisen" von Daniel Chodowiecki waren der Ausgangspunkt für den zweiten Teil meiner Kolumne "Körper-Sprache" auf Michael Perkampus´ Blog  Veranda




Stich und Titel brachten mich darauf, noch einmal in die Werke meiner Lieblingsautorin Jane Austen zu schauen und jene "Unterredung" genauer unter die Lupe zu nehmen, auf die bei ihr alles hinausläuft (oder zu laufen scheint): das wechselseitige Eingeständnis der Liebe. Davon demnächst mehr.

Montag, 16. August 2010

Der Körper als Eigentum oder Heimat?

Die sinnlich fasslichste  Form von ursprünglichem Eigentum ist die Übereinstimmung mit meinem Körper als Eigentum. Ich bin dann allerdings umgekehrt Eigentum meines Körpers. Habe ich den Kopf verloren, bin ich außer Häuschen, fahre ich aus der Haut, wird dieses mit sich selbst Übereinstimmen gestört. In gewisser Häufung und Intensität nennen wir diese Störung krank.
Alexander Kluge/Oskar Negt: Geschichte und Eigensinn


Welches ist nun der letzte feste Unterschied einer Person von allen anderen? Der Leib.
Karl Marx: Kritik der Hegelschen Staatsphilosophie (Frühschriften)


The body walks forth naked in the sun
And, out of tenderness or grief, the sun 
Gives comfort, so that other bodies come,
Twinning our phantasy and our device,
and apt in versatile motion, touch and sound
To make the body covetous in desire
Of the still finder, more implacable chords.
So be it. Yet the spaciousness and light
In which the body walks and is deceived,
Falls from the fatal and that barer sky,
And this the spirit sees and its aggrieved.
Wallace Stevens: The anatomy of monotony


Wir leben in bestimmten Körpern, deren Möglichkeiten und Verletzbarkeiten als solche keiner menschlichen Gesellschaft mehr eignen als anderen. In diesen Körpern, die (trotz einer enormen Bandbreite) mehr Ähnlichkeiten als Unähnlichkeiten aufweisen, sind wir beheimatet, und sie eröffnen oder versagen uns bestimmte Optionen. 
Martha C. Nussbaum




Seit ich über die Sprache der Körper schreiben möchte, springen mich von überall her Worte über Körper an. Wie Mückenschwärme. Stimmengewirr und Widersprüche. Laufend gehen. Durch den Regen. Jetzt. Ins Grün. Der Klagen übers Wetter. So leuchtend im tropfenden Licht. Mir recht. Wolkenbruch. Aus dem Häuschen. In die Haut. Raus.