Donnerstag, 22. Juli 2010

Reisejournal (7): Tate Britian & Tate Modern

"Die Themse fließt, sanft oder stark je nach der Gezeitenströmung, und ihr dunkler, großsprecherischer Gesang ist noch nicht verklungen."                                                                    Peter Ackroyd: London. Die Biographie



Über Schönheit: 
Sehen und Gesehen-werden


Meine letzten Einträge beschäftigten sich mit dem Sehen und dem „Gesehen-werden“,  verstanden auch in einem metaphorischen Sinne: Der sprachliche Bild-Entwurf der dichtenden Männer von der Frau, in dem sie in Wahrheit sich selbst darstellen, der aber von Frauen missverstanden wurde und wird als Frauenbild, in dem sie sich erkennen und dem sie sich bewusst-unbewusst anzugleichen suchen, um zu gefallen. 


Aber auch: Der Blick auf den geliebten Mann, wie er dargestellt wird im Medium der Sprache. Letzteres mag ich noch ergänzen: Ich sah die Schönheit gestern in einem natürlichen Rotschopf, der sich aufstützte auf den rechten Arm, den er quergestellt hatte vor dem Leib, und dem rechten Bein; das linke Bein und den linken Arm hielt er angespannt in die Höhe, den Kopf hatte er gesenkt. Die Sonne spielte Flecken zwischen das linke Schulterblatt und den Hals, ins flauschig rot-blond herabfallende Haar. Auf der rechten Schulter lagen hingetupft ein paar seidigschimmernde Sommersprossen. Der ganze hellhäutige Körper, angespannt und doch ruhig gestreckt, erstrahlte im Licht. Hätte er aufgeblickt, ich wäre nicht errötet wie Harriet Vane als sie Lord Peter betrachtete. Denn mein Blick ruhte mit interesselosem Wohlgefallen auf der Gestalt des schönen Jünglings. Da liegt ein Unterschied, den schon Kant zu analysieren versuchte und dem ich immer wieder nachdenke. Ich glaube nicht, dass wir nur interesselos die Schönheit als solche wahrnehmen. Doch sehen wir ohne Interesse die Schönheit anders: Mein interesseloser Blick fasste das Ganze und machte es zum Bild. Hätte ich den Jüngling geliebt, wären meine Augen an einer Stelle hängen geblieben, die zu berühren die Hand ersehnte: die Sommersprossen auf der rechten Schulter. Kein Bild wäre entstanden. Das Sehen der Schönheit mit Interesse, der verliebte Blick, bildet nicht.

Heute werde ich weiter lernen in der „Schule des Sehens“, die London und seine Bildergalerien für mich seit vielen Jahren sind (beim letzten Mal war ich in der National Gallery, der National Portrait Gallery und – wie immer, auch diesmal gehe ich noch hin – im Sir John Soane´s Museum im Holborn). Schon gesehen habe ich auf dieser Reise  William Hogarth´s „A Rakes Progress“ (von dem sich eine Kopie im Keats House befindet). (By the way: Läse ein Kunsthändler dieses Blog und hätte er zufällig einen Originaldruck anzubieten von Hogarth´s: Strolling actresses dressing in a barn, so sollte er nicht zögern, mich unter der E-mail-Adresse, die sich beim Profil findet, zu kontaktieren!) Heute werde ich – nach langer Zeit –  wieder einmal die Turners in der Tate betrachten. Den beglückendsten Blick auf einen Turner, den ich je warf, werde ich jedoch auf dieser Reise nicht wiederholen können: den warf ich vor über 20 Jahren vom Saal in Petworth House in den Park, gleich daneben hing ein Gemälde, das Turners Blick von eben dieser Stelle aus zeigte. Den Baum, den er gemalt hatte, konnte man wiedererkennen, groß gewachsen, wie er inzwischen war. Eine vergrößerte Fotographie dieses Parkbildes, wie es sich 1991 zeigte, hängt bei mir zu Hause. 

Später am heutigen Tag gleite ich mit dem Fluss-Shuttle zur Tate Modern auf die andere Seite des Flusses hinüber (leider, leider die einzige Fluss-Fahrt bei diesem London-Besuch. Ich liebe die Fahrt nach Greenwich, wo das Royal Navy  College und das National Maritime Museum weiß vom grünen Hügel glänzen.) Für den Abend werde ich versuchen Karten für eine Freiluftvorstellung von Shakespeares „The Taming of the Shrew“  zu bekommen. Für diesen Vorschlag gab es zu meiner Überraschung spontane Zustimmung von meinem Jüngsten....

CU.

Kommentare:

  1. Ich pflichte Ihrer Analyse hinsichtlich der männlichen Bild-Entwürfe bei. Leidenschaftlich flammende männliche Liebeslyrik wird meistens der versuchten Versprachlichung des "Anima"-Archetypus entspringen.
    Männer, die ihre "Anima" auf reale Frauen projizieren, überfordern diese damit unrettbar. Schwierig das Leben jener Frauen, die sich solcher Projektion, dem "Zurechtgeliebtwerden", nicht widersetzen (können/wollen).

    btw: Sie sind mit Ihren Jungs unterwegs? : )

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  2. Ich habe Jahrhundertelang nur eine Frau geliebt und die hieß Jutta, sie trank jeden Morgen "Im Matterhorn" Kaffee.
    Ich beobachtete sie oft, einmal beschloss ich ihr hinterherzugehen, sie wohnte in einem Einfamilienhaus. Ich beobachtete wie sie sich auszog, das war ungeheuerlich, ich ging danach zur Polizei und machte eine Anzeige gegen mich, ich fand ich hatte ihr etwas weggenommen und deshalb war ich bereit dafür bestraft zu werden.

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  3. Zum Sehen und zum bildenden Blick bin ich versucht, für mich eine Verfeinerung in Erwägung zu ziehen.
    Das aufmerksame Sehen vermittelt einen Eindruck, eine Skizze gleichsam. Am leichtesten fällt der Entwurf im streifenden "Vorbeisehen". Mit Interesse untersucht das nun konzentrierte Auge dann die Details, schärft die Konturen und füllt die Flächen der entstandenen "Augenblicks-Skizze" - verbindet Feinheiten vom Außen zum Innen.

    Der verliebte (oder vielleicht allgemeiner: affektbehaftete) Blick bildet nicht, ja.
    Er bildet ab, das Innen nach außen.

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  4. Lieber Hans, diese Unterscheidung - von Innen nach Außen, von Außen nach Innen, über die werde ich nachsinnen. - Und vielleicht bald noch einmal schreiben.

    Wegen der "jungs", ja, sie sind dabei, meine Söhne, wahrscheinlich, denke ich, zum letzten Mal alle beide. Schon fährt der Ältere auch alleine bzw. mit Freunden weg. Sie wollen aber nicht, dass ich viel über sie schreibe, drum spare ich sie weitgehend aus. Heute Morgen z.B. wollte ich was schreiben, das ganz harmlos war, fand ich, es wurde aber sofort zensiert.:)

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