Montag, 2. August 2010

UNVERSÖHNLICH (1987)

An dem Nachmittag, als ich Georg zum letzten Mal lebend sah, setzte er sich auf meinen Kühlschrank, ließ die Beine baumeln und sagte: „Küss mich.“ Ich stand am Spülbecken mit dem Rücken zu ihm und drehte mich herum. Er zog die Sonnenbrille ab und legte sie neben sich. Ich sah ihm in die Augen, sah, was ich in den letzten Wochen versuchte hatte zu übersehen. Also trat ich zu ihm hin, stellte mich zwischen seine Beine, nahm seinen Kopf in beide Hände und küsste ihn, ganz zart zuerst, dann presste ich fester, stieß mit der Zunge vorn gegen seine Lippen, glitt drüber hin, zwischen sie durch, in seinen Mund hinein. Georg blieb passiv. Ich holte Atem, dann küsste ich ihn ein zweites Mal, beinahe gewaltsam jetzt, ich drückte mich ganz fest gegen den Kühlschrank und meine Brüste gegen seinen Oberkörper, versuchte ihn aufzusaugen, seinen Mund in meine Mundhöhle. Keuchend lösten wir uns schließlich voneinander.„So.“, sagte er, glitt vom Kühlschrank hinunter und schob seine Sonnenbrille über die Augen. „Dann kann ich ja jetzt gehen.“ Schon war er weg. Ich warf mich aufs Bett. 

Vor einiger Zeit hatte ich in Göttingen zu tun und überlegte, ob ich Georgs Grab besuchen sollte. Doch ich verwarf den Gedanken. Ich glaube auch, dass ich die Grabstelle gar nicht gefunden hätte. Schließlich war ich nur dieses eine Mal dort. Ich erinnere mich  an die Wieselaugen von Georgs Vater bei der Beerdigung. Flink flitzten sie hin und her, schafften es aber nicht, auch nur einen der Freunde von Georg, die er nicht gekannt hatte und jetzt auch nicht mehr kennen lernen würde, zu fixieren. Er schien neugierig, mit wem sein Sohn Zeit und auch Geld und Körperflüssigkeiten geteilt hatte. Doch offensichtlich konnte er uns nicht ein- und zuordnen und war dann doch zu wenig interessiert oder zu feige, um nachzufragen.

Zwei Tage nach den Küssen auf dem Kühlschrank hatte Kerstin mich angerufen, um mir zu sagen, dass Georg sich auf dem Dachboden erhängt habe. Eine Nachbarin hatte ihn gefunden. Das Telefon stand kaum mehr still. Freunde und Bekannte hatten was gehört oder wollten wissen, was ich gehört hatte. Später in der Nacht hatte schließlich auch Georgs Bruder meine Nummer von irgendwem erhalten. Er fragte, ob wir uns am übernächsten Tag vor Georgs Wohnung treffen könnten. Ich dachte: Soll Kerstin sich doch drum kümmern, sie ist schließlich zwei Jahre mit Georg zusammen gewesen. Das sagte ich nicht zu Georgs Bruder, den ich noch  nie zuvor getroffen hatte, sondern ich sagte, dass ich zu Georgs Wohnung kommen werde und fügte noch hinzu, wie leid mir „das alles“ täte.

Vor Georgs Wohnung stand der Bruder und klimperte nervös mit dem Schlüssel. Er sah aus wie Georg, nur ein wenig stabiler und älter, richtig unheimlich war diese Ähnlichkeit. Allerdings hatte er die Haare nicht schwarz gefärbt und streichholzkurz geschnitten. Auch trug er keinen Ring im linken Nasenloch. Er hatte eine schlichte Jeans und ein T-Shirt an. Keine Ketten baumelten, er trug keine Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln und kein Nietenarmband. Er war nicht Georg, aber er bewegte sich genauso fahrig und verfehlte zweimal das Schlüsselloch, als er versuchte aufzuschließen. Vielleicht hatte das also nicht an den Drogen gelegen, die Georg sich reinzog. Ich wollte die Sache schnell hinter mich bringen. Bloß nicht ins Gespräch kommen mit dem Bruder über Georg und die Gründe und so weiter, dachte ich. Er schien das ähnlich zu sehen, jedenfalls vermied er es fast die ganze Zeit sehr geschickt mich anzusehen. Er löste das Siegel von der Tür, das die Polizei angebracht hatte. Als er aufschaute, grinste er mich schief an: „Darf ich. Hab´ich die Genehmigung gestern für gekriegt.“

Georgs Wohnung bestand nur aus einem Zimmer mit Kochnische und einem schäbigen Bad mit abplatzendem Putz. Er hatte nichts auf- und weggeräumt bevor er sich den Strick genommen und auf den Dachboden gestiegen war. Auf der Kochplatte stand ein Topf, in dem er sich offenbar Bohnen aus der Dose warm gemacht hatte. Die Reste bildeten eine hart getrocknete ekligbraune Kruste. Daneben lag noch der Löffel, den er benutzt hatte. Auf dem Boden verteilten sich die Bücher und Zeitungsausschnitte und Schallplatten, auf dem Plattenteller lag „26 Monster Songs for Children“. Genial passend. Wusste er, dass ich es sein würde, die die Platte vom Teller nehmen würde? Wie hatte er mich beleidigt, als er zu Kerstin gesagt hatte: „Ich mag deine naive, kleine Freundin.“, was die mir natürlich wörtlich widergab. Zum Geburtstag hatte er mir ein Scheißbuch geschenkt, das  von Gummibärchen handelte, jedenfalls nahm ich das wegen des Titels an, denn ich hatte es direkt nach der Party in den Müll geworfen. „Ich dachte, das passt irgendwie zu dir.“, war sein Kommentar gewesen, als er es überreichte.

Erst nach seiner Trennung von Kerstin hatte er aufgehört, mich wie ein kleines Püppchen zu behandeln. Er hatte bei mir in der Küche gesessen, oft auf dem Kühlschrank und mir erzählt, warum es mit ihnen beiden nicht geklappt hatte. Oder versucht mich vom Eintritt in die kommunistische Partei zu überzeugen. Oder wir hatten stumm in einer Kneipe gesessen und unseren Liebeskummer zusammen in Weizenbier und Dracular ertränkt. Oder auf dem Boden in seiner Wohnung gelegen und alte Jimmi Hendrix-Platten gehört. Kerstin hatte gesagt: „Ich bin froh, dass er jetzt nicht so viel alleine rumhängt, direkt nach der Trennung. Ist nett von dir, dass du dich kümmerst.“ Eines Nachts hatte er versucht sämtliche Fenster von Kerstins neuer Wohnung einzuwerfen und sie hatte die Polizei alarmieren müssen. Ich holte ihn auf der Wache ab.

Wenig später begann er diese Stimmen zu hören. Ich ignorierte das. Meistens behelligte er mich nicht damit. Ich sah höchstens, dass er plötzlich den Kopf so seitlich hochdrehte und mir mit den Fingern vor den Lippen bedeutete zu schweigen. Dann lauschte er angestrengt, bis er schließlich die Hand senkte und wir weiterreden oder auch weiter zusammen schweigen konnten. Nur manchmal deutete er was an, sagte zum Beispiel:„Nimm dich in Acht. Wir werden beobachtet.“ oder „Es ist dir klar, dass die alles über uns wissen.“ Ich lachte und sagte: „Sicher. Ich ziehe mir den Gedankenschutzhelm auf, Captain.“ Er schüttelte mitleidig den Kopf. Das machte mich wütend, dass er wieder anfing, mich als Baby zu behandeln. Er merkte das und versuchte von sich aus, das Thema auszuklammern. Einmal als er Geld von der Bank abholen wollte, zog er mich aus der Schlange, in der wir fast zehn Minuten gewartet hatten und schob mich hektisch zum Ausgang: „Wir müssen hier weg, sofort.“ Er riss mich an der Hand mit sich und wir rannten eine Seitengasse hinunter, kletterten über eine Mauer in einen Hinterhof und durch den Vorderausgang eines Hauses tauchten wir in einer Parallelstraße wieder auf. Er schaute sich um, legte mir dann aber beruhigend den Arm um die Schultern: „Ich glaube, wir haben sie abgehängt.“ Ich war völlig außer Atem, tat aber, als sei es ein lustiges Spiel gewesen.

Zwischen dem ganzen Müll auf Georgs Fußboden standen unzählige Teelichter. Neben seiner Matratze sah ich den Kasten mit weißer Theaterschminke und die dunklen Kajalstifte. Als ich mich danach bückte, sagte Georg Bruder: „Ja, er hatte sich das Gesicht weiß angemalt und die Augen ganz schwarz umrandet. Keine Ahnung warum. Irgend so ein Punk-Ding.“ Der letzte Satzbrocken wurde so ausgesprochen, dass ich ihn auch als Frage nehmen konnte. Aber ich ignorierte das. An dem Abend, an dem ich Georg das letzte Mal in seiner Wohnung getroffen hatte, etwa eine Woche vor den Küssen auf dem Kühlschrank, war er auch weiß geschminkt gewesen. Überall hatten die Teelichter gebrannt. Er hatte „The Clash“ aufgelegt und mich schon an der Tür ganz hektisch empfangen. „Es läuft verdammt schief. Sie kriegen mich.“, hatte er gerufen und mich  hinter sich in das dunkle Zimmer gezogen. „Guck nicht so. Ich kann ihnen nicht entkommen. Ist mir schon klar, dass du denkst, ich spinne. Sie werden es wie Selbstmord aussehen lassen. Einwandfrei.“ Ich hatte ziemlich bald an diesem Abend die Schnauze voll von ihm. Erst recht, nachdem ich im Bad die leeren Pillenschachteln gefunden hatte.

Georgs Bruder hatte große blaue Müllsäcke mitgebracht. „Lass uns anfangen.“, seufzte er. „Bin dir echt dankbar, dass du mir hilfst. Nimm dir, was du aufheben willst.“ Ich schüttelte den Kopf und begann mit beiden Händen Georgs ganzen Müll in die Säcke zu schaufeln. Alles weg, das ganze Dreckszeug, die ganzen fleckigen Bücher und Zeitschriften, die schmutzige Wäsche, die Teelichter, das dreckige Geschirr, weg, weg, weg. Wir arbeiteten schnell und systematisch, Georgs Bruder und ich, wie mit einem Rasenmäher Schneise für Schneise des Zimmers säubernd. Als ich zu der Jad Fair-Platte kam, die ich vom Plattenteller genommen und in die Hülle gesteckt hatte, zögerte ich. Ich stellte sie beiseite und nahm sie später mit.

Ich hatte nach dieser Aufräumaktion keine Lust, zu Georgs Beerdigung nach Göttingen zu fahren. Aber Kerstin, die keinesfalls alleine fahren wollte, überredete mich, sie zu begleiten. Bei der Trauerfeier und auf dem Friedhof fühlte ich mich vollkommen deplatziert. Am meisten ärgerte ich mich, dass ich mich von Kerstin hatte breitschlagen lassen, als ich begriff, dass Georgs Bruder sich um die Feier gedrückt hatte. Ich spürte keinerlei Traurigkeit bei der Rede des Pfarrers, über dessen Anwesenheit Georg sowieso sauer gewesen wäre, oder als der Sarg in die Erde versenkt wurde. Ich war vielmehr stinkewütend. Vor wenigen Tagen bin ich beim Stöbern in meinen alten Platten zufällig auf „Monster songs for children“ gestoßen. Ich habe diese Platte jahrelang nicht in den Händen gehabt, kann mich nicht einmal bewusst daran erinnern, sie bei den vielen Umzügen seit Georgs Tod eingepackt zu haben. Ein seltsamer Zufall, das sie mir so kurz nach dem Besuch in Göttingen in die Hände fiel. Ich betrachtete sie kurz, dann brachte ich sie raus zum Müllcontainer. Bevor ich sie rein warf, zerbrach ich sie noch. Ich kann Georg einfach nicht verzeihen.

Kommentare:

  1. Die Geschichte wirkt ein wenig verstörend. Man ist versucht, nachzufragen...

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  2. Vorab zur Klärung: Spielen mythologische Bezüge eine beabsichtigte Rolle?
    (Vorschlag: für jedes "Nein" haben Sie ein Zitroneneis bei mir gut)

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  3. Nein. (Zitroneneis!) Aber weiß ich, was ich beabsichtige? Beabsichtige ich was? - Nein. (2. Zitroneneis!)

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  4. Moment! Die Fragen darf ich stellen, ja? *ein Zitroneneis zurücknehm*

    Will die Geschichte Einblick geben in das Erleben und Handeln einer Histrionikerin (erzählende Figur), oder vielmehr in deren Leidensbild - vor dem Hintergrund des skizzierten kulturellen Kontextes?

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  5. @hans1962:
    Die erzählende Figur ist Histrionikerin? Woraus ersehen Sie das?
    Mich beunruhigt viel mehr die Frage, was es denn genau ist, was sie Georg nicht verzeihen kann...

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  6. @Markus A. Hediger
    Diese Frage kann nur die Autorin beantworten, (von mir) eingeschränkt auf die Absicht der Darstellung des Leidensbildes. Ob die erzählende Figur tatsächlich Histrionikerin ist, kann offen bleiben.
    Ein Leidensbild der erzählenden Figur ist sichtbar gemacht, aber indirekt auch eines des Georg.
    Mich interessiert unter anderem, ob es sich dabei letztlich um eine Darstellung des Spannungsfeldes zwischen "Libido" und "Destrudo" handelt. Das wären dann zwei Pole, die einander "unversöhnlich" gegenüber stünden.

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  7. @Hans1962 - zunächst wegen des Zitroneneises. Ich wurde heute zu Zimteis "verführt" - und überlege, ob ich konvertiere.

    "Histrionikerin" - da haben Sie mich erwischt. Das Wort musste ich "googeln". Was ich aber bei Wikipedia fand, hat mich auch nicht schlauer gemacht - in Bezug auf die "erzählende Figur". Da müssten Sie mir auf die Sprünge helfen. Ich sehe das nämlich anders: Nicht nur "die Autorin" kann darauf antworten, wie die Erzählung gedeutet werden kann. (Vielleicht kann sie das gerade nicht.) Über eine Erläuterung Ihres Deutungsansatzes freute ich mich sehr. Noch begreife ich ihn nämlich nicht.

    Ich kann höchstens sagen: Ich hatte nicht die Absicht, ein "Leidensbild" darzustellen. Wenn ich schreibe, treiben mich ohnehin bewusst keine Absichten an, sondern Erinnerungen, Eindrücke, Geschautes, Fragen. Zu dieser Erzählung gab es zwei (mir bewusste) Ausgangspunkte: Ich war Zeugin einer Diskussion über das Recht auf Selbstmord und eine Freundin erinnerte mich am Telefon daran, dass das Grab eines gemeinsamen Freundes demnächst routinegemäß "geräumt" werde (Das geschieht wohl nach 20-25 Jahre, je nach Gemeindeordnung).

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  8. @Melusine
    zum Zimteis: tun Sie's nicht (konvertieren : )

    zur Histrionikerin: in Wikipedia findet sich lediglich die „histrionische Persönlichkeitsstörung“, die habe ich aber nicht gemeint. Ich orientiere mich am Modell von Riemann (Grundformen der Angst) und möchte von einer histrionischen Persönlichkeitsstruktur sprechen, nicht von einer Störung. Den dort gebrauchten Ausdruck „hysterisch“ verweigere ich allerdings.

    zur „Autorin“: Mir ist ein Anliegen, Sie, liebe Melusine, als Person (genauer: die Vermutungen über die Person, ich kenne Sie ja nicht) vom Text zu distanzieren, denn es handelt sich eben n i c h t um einen tagebuchartigen Blogeintrag. Ich will mich mit dem Text befassen und seiner Kernaussage, nicht aber Rückschlüsse auf die Schreibende ziehen. Das geht ganz einfach, wenn ich mir vor Augen halte, dass die Autorenschaft vorrangig ein mentaler „Betriebszustand“ ist, der mit der Bereitschaft zum Schreiben eingenommen wird und danach wieder verlassen wird. Dieser Zustand wird in der Regel nicht ident sein mit dem alltäglichen „Verkehrszustand“ und ist daher noch viel weniger fassbar für die Leser:in.

    Zur Textdeutung: Die „Deutungshoheit“ über einen Text liegt nach meiner Auffassung bei der Autor:in. Alle Deutungsversuche der Leser:in müssen schon einmal unscharf bleiben und finden ohne tieferes Verständnis für den hinter dem Akt des Schreibens stehenden schöpferischen Willen lediglich zufällig in die Nähe der ursprünglichen Intention. Die ist vorhanden, ob nun bewusst oder halb bewusst. Wenn ich meine eigene Deutung darüber stülpte, verletzte ich damit den Text.

    Deshalb wollte ich mich heran fragen an den tiefliegenden Kern der Erzählung. Dazu nutze ich jene Hinweise, die mir der Text an der Oberfläche liegend sichtbar anbietet:

    Die erzählende Figur, ich nenne sie verkürzend E., fühlte sich von Georg herabgesetzt, ja gekränkt, durch dessen verniedlichende Haltung ihr gegenüber (naive kleine Freundin, Püppchen). Das ist ein unerquickliches Lebensgefühl, nicht für voll genommen zu werden. E. erlebte diese Kränkung aber nicht zum ersten mal, sondern auch schon bei anderen Menschen, da sie innerlich doch recht intensiv darauf reagiert. Weil Georg nicht als ausgewachsener Macho dargestellt wird, der sich der Abwertung zur Selbststabilisierung bedienen würde, darf geschlossen werden, dass Georgs Einschätzung bezüglich E. mit dem Verhalten der E. wenigstens lose korrespondiert.
    Dass E. leidenschaftliches Interesse an Georg hegte, geht aus der einleitenden Kussszene hervor. Im weiteren Textverlauf wird aber klar, dass es der erste Kuss gewesen sein muss. Was aber macht Georg? Er geht weg. E. bleibt mit ihrer Erregung allein. Abgestellt. Auch das ist eine Form von Kränkung, die erst einmal bewältigt werden muss. E. vollbringt das mit größter Selbstbeherrschung, es kostet sie Mühe.
    Auch die Szene mit dem weggeworfenen „Gummibärchen“-Buch illustriert, wie E. unter dem „Nicht-Wahrgenommenwerden“ oder vielleicht besser „Nicht-Erkanntwerden“ leidet. Ihre Bewältigungsaktion ist ja nicht gerade völlig gewaltfrei (im übertragenen Sinn). Ich bin versucht, mir vorzustellen, wie sie in dem Moment Georg gleich mit in den Müll wirft.
    Insgesamt ist E. nach meinem Empfinden beschrieben als eine lebensbejahende, lustbetonte und veränderungsbereite (Umzüge!), aber auch Anerkennung suchende und kränkbare Person. Sie ist von ihrer Libido=Lebensfreude getragen. Gleichzeitig lehnt sie offenbar die im Sterben inbegriffene Endgültigkeit ab. Es ist sogar erkennbar, dass sie auch mit den Symbolen dieser Endgültigkeit nicht gut kann (Begräbnisritual, Grabstätte, die „Verlassenschaft“ Georgs).
    So komme ich zur Annahme einer histrionisch ausgeprägten E.

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  9. @Melusine - 2. Teil

    Über Georg sind natürlich nicht soviel Information verfügbar, aber doch genug, um dessen Lebensgefühl nachzuspüren. Georg suchte die schützende Nähe, zu Kerstin, zu E. Die Aufhebung der Beziehung zu Kerstin bewältigte er im Grunde nicht. Ihm dürfte die Vorstellung und das Erleben von Einsamkeit Qualen bereitet haben.
    Georg veränderte das Aussehen seines Gesichts mit weißer Schminke und schwarzer Umrandung der Augen. Das lässt mich in Verbindung mit seinem übrigen Outfit vermuten, dass er sich eine Maske anlegte, um sich dahinter mit seiner ungeheuren Verletzlichkeit zurückzuziehen und dass er sich damit eine konstruierte Identität aneignete. Auch der Drogenkonsum lässt ein Fluchtbedürfnis erahnen, Flucht vor einer Umwelt, der er sich nicht gewachsen gefühlt haben dürfte.
    Bei Georg eröffnet sich mir mühelos die Phantasie einer depressiven Persönlichkeitsstruktur, das depressive Lebensgefühl wurde bei ihm aber überwertig. Ihn trug keine Libido, wie sie E. erlebt. Er war belastet mit einer Todessehnsucht, einem Wunsch nach Erlösung.

    Das sind einige der Hinweise, die ich dem Text entnommen habe und die mir Fragen entstehen ließen. Eine auf der Hand liegende Frage, Markus A. Hediger stellte sie bereits, betrifft, w a s Georg nicht verziehen werden kann.
    Ist es der endgültige Fortgang?
    Ist es der Akt der Selbsttötung?
    Ist es die erlittene Herabsetzung?
    Ist es die Konfrontation mit dem drohenden Verlust des eigenen Lebens?

    Wenn ich aber den Text als eine Gegenüberstellung von Libido und Destrudo in ihrer Berührungslosigkeit (oder vielleicht Überschneidungsfreiheit) verstehen dürfte, spielten die vorhin genannten Fragen überhaupt keine Rolle mehr. Vielmehr bewegte mich dann die Frage nach einer denkbaren Aussöhnung zwischen diesen Gegensätzen, die ja beide in einer Person in Erscheinung treten können. D i e s e Frage müsste ich mir dann aber selbst beantworten, zum Beispiel mit: Gelassenheit.

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  10. Lieber Hans, die von Ihnen hier so gründlich vorgestellte Textanalyse finde ich sehr beeindruckend - und auch überzeugend. Sie beweist mir auch, dass es eben nicht die Autorin ist, die über die Textdeutung verfügt. Ich hätte die beiden Persönlichkeitsstrukturen, die der Text darstellt, nie so beschreiben können, wie Sie es hier tun. Doch finde ich alles, was Sie schreiben, im Text wieder. Es ist allenfalls der Text, der eine Intention verfolgt, nicht das "Autoren-Ich". Jedenfalls für mich ist es so. Meine Intention ist - und deshalb schreibe ich auch nicht mehr für die Schublade, sondern habe dieses Blog eingerichtet - in Austausch mit Lesenden und Schreibenden zu treten über das, was so ein Text bedeutet (und auch darüber, wie er geschrieben ist).

    Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit und Mühe gemacht haben, den Text so gründlich zu lesen und Ihre Interpretation aufzuschreiben. Das bedeutet mir viel.

    (Zum Verhältnis von "Ich"-Erzählerin und Autoren-Ich: Ich verwende Beobachtungen, eigenes Erleben, Gespräche, aber auch Gelesenes und konstruiere dazu. Meistens ändert sich so eine Geschichte beim Schreiben so viele Male, dass vom ursprünglichen Ausgangspunkt fast nichts übrig bleibt. Und dann wird immer sehr viel gestrichen. Hier zum Beispiel - um einen Einblick in die "Werkstatt" zu geben - fast alles, was mit "Georgs Bruder" zu tun hatte, der am Anfang eine viel größere Rolle spielte und eine viel ausführlichere Friedhofsszene. Die Figuren und die Story selbst bekommen ein "Eigenleben" und auch hier erfahre ich das nicht als eine intendierte Entscheidung, die ich treffe, sondern "der Text" trifft sie. -... Aber währen dich diesen letzten Satz schreibe, kommt er mir selbst ein wenig zu "esoterisch" vor. Darüber muss ich noch einmal nachdenken.

    Vielen Dank nochmal; Sie haben mir viele Anregungen gegeben. - Zu Ihrem letzten Beitrag in "spürbar": Das könnte ich so unterschreiben!

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  11. FREIHEIT ODER NOTWENDIGKEIT? Ist der Freitod der Sinn der Tragödie?: http://gleisbauarbeiten.blogspot.com/p/lekturen-wort-des-tages.html

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  12. Mit dieser Fragestellung löst sich mein Nachfragebedürfnis (das verstörte) vollständig auf. Der Text erschließt sich mir nun in neuem Licht. Die Fragen dort, bei Schellings Zitat, beantworte ich mit "Nein", denn ich bin davon überzeugt, dass der "Freitod" nur in den allerseltensten Fällen wirklich als halbwegs "freie", letzte Willensäußerung begriffen werden kann.
    Georgs Tod war das nach den im Text gezeigten Umständen mit Sicherheit nicht.

    Noch ein Nachtrag zum Text, w i e er geschrieben ist: Mir fehlt die Ausbildung dazu, mich über ästhetische Fragen profund äußern zu können. Ich könnte aber zu dem Text mindestens noch einmal soviel aufschreiben, wie ich es bereits (die technische Grenze für die Kommentarlänge erreichend) tat.
    Ihr Text - meine Überlegungen - Ihre Stellungnahme: diese "Feedbackschleife" nehme ich als Indiz dafür, dass die Erzählung ganz hervorragend gelungen ist. Sie erreichte mich unter der Haut.

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  13. Ja, ich stimme Ihnen in dem zu, was Sie über den Freitod schreiben. Dennoch: Mein Verstand sagt, dass die Willensfreiheit des Menschen, seine Würde, auch darin besteht, dass er über das eigene Leben verfügen kann. (Ich weiß, dass Kant hier einen unaufhebbaren Selbstwiderspruch sieht, folge dieser Auffassung aber nicht.) Mein Gefühl aber erfährt den Selbstmord als Aggression gegen das Leben selbst und damit im Grunde gegen jedes Leben.

    Danke für Ihren Kommentar. Das freut mich. Man kann sicher noch daran "feilen". Für mich ist spannend, dass eine Stelle, die ich immer wieder raus- und dann wieder reingenommen habe, nämlich das Geburtstagsgeschenk (das "Gummibärchen-Buch"), durch Ihre Deutung "gerechtfertigt", also stimmig und sinnvoll ist.

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  14. Ihr Gefühl trügt nicht. Es ist ein letztmaliges Aufbegehren (in der überwiegenden Mehrheit der Fälle). Die ethische Diskussion, ob der Mensch das darf - sich das Leben nehmen - wird von "Unbetroffenen" geführt. Die Verzweiflung, welche einem Suizid(versuch) heutzutage vorausgeht, ist unvorstellbar.

    Es ist übrigens an mir, zu danken.
    Für die Möglichkeit des Lernens,
    die Sie mir eröffnet haben.

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  15. Lieber Hans1962, ich bin sicher, wir können uns darauf einigen: Wir lernen voneinander. Deshalb lohnt sich das Gespräch (auch das virtuelle), weil wir im Austausch erfahren, was keine/r allein wüsste. Ich hätte so viel nicht gewusst und nicht gedacht, hätte ich Sie "hier" nicht getroffen. (Übrigens: Das Ende der Erzählung "Der Andere" ist nicht vergessen. Es ist nur ....schwieriger als gedacht.:) Lieben Gruß.

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  16. Wen anderen geht der Selbstmord an, als dem Selbstmörder selber.
    Glauben Sie nicht dass ich das einfach so dahinschreibe.
    Ich war selber schon in der Situation und habe
    am Ende tatsächlich "Glück" gehabt.
    Ich kann mich an eine Frau erinnern, die dreimal versuchte sich umzubringen, bis sie es
    schließlich geschafft hat. Sie hat am Ende Glück gehabt, endlich befreit vom Leben, wer möchte da bewerten?
    Wer will in diese Frau hineinschauen und danach noch urteilen.

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  17. @Fasan Es geht nicht um "urteilen" oder gar "verurteilen", sondern allenfalls um einen Ausdruck für mögliche Gefühle derjenigen, die zurückbleiben. Dazu kann/könnte - neben dem Schmerz - auch Zorn/Unversöhnlichkeit gehören. Das kann eine Reaktion darauf sein, verlassen zu werden.

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  18. Was mich bewegt


    Man muss den Dingen
    die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,
    die tief von innen kommt
    und durch nichts gedrängt
    oder beschleunigt werden kann;
    alles ist austragen -
    und dann
    gebären ...

    Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
    und getrost in den Stürmen
    des Frühlings steht,
    ohne Angst,
    dass dahinter kein Sommer
    kommen könnte.
    Er kommt doch!

    Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
    die da sind,
    als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
    so sorglos still und weit ...

    Man muss Geduld haben,
    gegen das Ungelöste im Herzen,
    und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
    wie verschlossene Stuben,
    und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
    geschrieben sind.

    Es handelt sich darum, alles zu leben.
    Wenn man die Fragen lebt,
    lebt man vielleicht allmählich,
    ohne es zu merken,
    eines fremden Tages
    in die Antwort hinein.


    (Rainer Maria Rilke)

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