Sonntag, 19. September 2010

HAND AUFLEGEN (Das aufgescheuchte Wild)

Sonntag, 19.09.2010 Ich bin immer noch angeschlagen, ein grippaler Infekt. Verschleimte Atemwege. Die rechte Körperhälfte schmerzt: von Kopf bis Fuß. Die linke dagegen fühlt sich normal an. 


Ich stelle heute einen Text ein, den ich so nicht in das Roman-Projekt  "Melusine featuring Armgard" aufnehmen kann. Dieses Projekt kommt in den letzten Wochen gar nicht voran, auch aus Gründen der Perspektive: Armgard. Melusine. Der Stechlin-Erzähler, der den männlichen Blick übernimmt. Eine weitere Erzählperspektive will ich  nicht drin haben (und habe doch viele Bruchstücke anders an-erzählt). Außerdem erweist sich die Rückwärts-Erzählstrategie, auf die ich mich festgelegt hatte, zunehmend als problematisch. Die Fiktion, ich könne schrittweise rückwärts einstellen, was seit November 1989 geschehen sei, lässt sich nur schwer aufrecht erhalten. Denn in vier Monaten habe ich nur knapp  einen Monat "zurück"legen können. So lange kann ich nicht leben (und schreiben), dass ich da jemals in 1989 ankomme. Ich werde Mut zur Lücke brauchen. Jahre, die verschwinden. Wie sie es auch in der Erinnerung getan haben. Anhaltepunkte. Knoten. 

Hand auflegen 

Ich packte die wenigen persönlichen Sachen, die ich im Büro gelagert hatte (ein reclam Jahresheft von 2007, einen verkümmerten Kaktus und ein Foto, das mich mit zwei Kolleginnen beim Betriebsfest zeigt), in einem Karton zusammen, der jedoch beinahe leer blieb. Erst in letzter Minute entschied ich, den Computer noch einmal hochzufahren, um die privaten e-mails zu löschen. Zufällig sah ich dabei auf die Anzeige unten links: 384 Mails im Spam-Ordner. Nie hatte ich da rein geguckt.  Mein cholerischer Chef, der Termindruck, nachdem die zweite Stelle in unserer Abteilung gestrichen worden war. Das waren Entschuldigungen für meine Nachlässigkeit. In Wirklichkeit hatte ich  einfach nie daran gedacht. Ich öffnete den Ordner und wollte schon alles mit einem Klick in den Papierkorb befördern, als mir ein Absendername auffiel: Anne Barnhelm. Meine alte Freundin. Eine Mail vom November 2008. Seither, fiel mir ein, hatte praktisch Funkstille zwischen uns geherrscht. Ich hatte Anne ein paar Mal angerufen, selbstverständlich auch zu Weihnachten, aber sie war seltsam reserviert gewesen, fast unhöflich, und schließlich gab ich auf.


annebarnhelm@googlemail.de  Nachricht vom 5.11.2008, 23.40 Uhr
Liebe Kerstin,

Wie geht es Dir? Ich hoffe, Du hast Dich in München inzwischen ein wenig eingelebt. Als wir das letzte Mal sprachen, sagtest Du, der neue Job fordere Dich so sehr, dass Du noch gar nicht richtig angekommen wärest in der Stadt.  (Ich beneide Dich: ein Leben in der Großstadt. Das idyllische Neu-Globsow am See ist so öde.  -- Entschuldige, jammern macht hässlich. Doch manchmal kommt mir mein Leben hier vor, als sei ich auf ein Abstellgleis geschoben.)

Dieser letzte Satz in der Klammer ist verräterisch. Denn auch heute hätte ich mich kaum aufgerafft, Dir zu schreiben, wenn nichts ins Rollen gekommen wäre. Ja, Kerstin, man hat mich in Bewegung gebracht und ich muss es irgendjemand erzählen. Hier habe ich niemanden, niemanden, dem ich so was sagen könnte. Außer Bert natürlich, aber gerade ihm kann ich d a s nicht erzählen. (Ich sehe Dich vor mir, wie Du die Lippen spitzt: Ah, denkst Du, endlich. Auch Anne.) Ja und Nein. Es ist harmlos. Gemessen an Deinen Maßstäben (Verzeih!) ist nichts passiert. Doch zittere ich am ganzen Körper, wenn ich daran denke. (Jetzt lachst Du schon, was?)

In meinem letzten Deutsch-Kurs am Goethe-Institut war ein junger Mann aus Sydney: Tomasz (er hat ungarische Vorfahren).„Tomasz“, höre ich dich wiederholen und dann die Fragen: Wie alt? Gut aussehend? Haarfarbe? Oh, Kerstin. Was hätten wir, wenn Du hier wärest, über Tomasz ins Schwärmen geraten können. Er ist 26. Gertenschlank , Waschbrettbauch wie aus der Werbung. Dunkelbraune strubbelige Haare, in der linken Augenbraue trägt er einen Ring, Grübchen im Kinn: Cary Grant auf wild. Der sieht so gut aus, dass ich mich manchmal gefragt habe, ob er schwul ist. Du siehst, ich lasse kein Klischee aus. Aber er ist überhaupt nicht mein Typ. (Deiner schon eher, meine Liebe! Roman lover, sag´ ich nur. Da bist du ja einschlägig vorbelastet.) Ein Mann zum Anschauen und Bequatschen mit der Freundin. So einer halt. Aber keiner, an den man, d.h. ich, denken würde als „Objekt der Begierde“. Zu dünn, zu glatt, zu schön, zu jung. Er ist Musiker und mit, halt dich fest, dem „Grant McLennan Memorial Fellowship“ in Berlin. Grant. Die Go Betweens. Du siehst, da war gleich eine Verbindung zwischen uns: Gespräche über Indie-Musik, Lindi und Amanda, Frauen in Bands. Ein paar Mal hatte er mich nach dem Kurs gefragt, ob ich Lust hätte, noch einen Kaffee mit ihm zu trinken. Es war nett, ja, Kerstin - und ich habe es genossen mit einem so jungen, so gut aussehenden Mann da zu sitzen. Aber sonst war nix. Ich habe ihm nie zu tief in die Augen gesehen. Mein Gott, ich bin 14 Jahre älter als der Schönling.

Heute ging der Einsteiger-Kurs zu Ende. Wie immer lud ich die Kursteilnehmer am letzten Abend zu einem kleinen Umtrunk in die Bar ein. Tomasz hat sich über Eck zu mir gesetzt. Eng war es am Tisch. Seine Knie an meinen. Ganz flüchtig. Meine linke Hand legte ich nur für einen Moment auf meinen Oberschenkel. Da griff er zu. Presste sie herunter auf mein Bein, hielt sie ganz fest dort unter dem Tisch, fast schmerzhaft fest. Ich war wie gelähmt. Ein Übergriff. Ein Angriff. Er sah mich nicht an. Verstärkte aber den Druck seiner Hand stetig. Und ich konnte mich nicht rühren. Ich hätte meine Hand wegziehen müssen. Weiß ich. Ihm eine langen. Vielleicht sogar das. Mindestens: ihn anzischen. Lass das. Ich konnte nicht. Konnte nichts tun, Kerstin. Mich nicht bewegen, nicht sprechen. (Dein Grinsen kann ich mir vorstellen. Eine Frau von 40 Jahren, die ein Kerl angrabscht, und sie ... Klar, denkst du: Sie will´s doch auch. Das hat er sicher auch angenommen. Was sonst? Kerstin, ich weiß es nicht. Es war, als habe sich ein Loch aufgetan vor mir, als stürze ich in einen dunklen Strudel, mein Körper stocksteif, mein Atem fast aussetzend durch den Schock: von einer einzigen Berührung durch eine andere Hand. Das kann ich keinem erzählen, keinem, keinem, keinem. Nur eines, Kerstin, eines ist wahr: Ich hatte keinen Moment an ihn als Liebhaber gedacht, vorher. Und auch jetzt tat ich´s nicht. Ich dachte gar nicht. Ich versuchte, zu mir zu kommen. Gegen den Strudel. Nur das.) Der Druck ließ ganz langsam nach. Als ich mich wieder umsehen konnte, stellte ich fest, dass keiner der anderen etwas bemerkt hatte. Wenigstens schien es so. Tomasz begann mit dem Daumennagel über meinen Handrücken zu streichen. Kleine Bewegungen, die allmählich größer wurden. Ich saß immer noch regungslos. Er rückte ein wenig näher heran. Die Knie jetzt ganz eindeutig gegen meine gedrückt. Sein Oberarm leicht meine Schulter streifend. Die Druck- und Berührungspunkte wie wund. Mein Atem, der sich beschleunigt. (Von so was, Kerstin, nur von so was.) Seine Hand, die sich freier zu bewegen beginnt. Das Bein entlang streicht. Mit den Fingerkuppen an der Außenseite meines Schenkels. Dann hinübergleitend zur Innenseite. (Kerstin, ich hätte aufspringen müssen. Ich hätte mich wehren müssen. Ich wollte mich wehren. Wollte ich? Verdammt!). Schließlich riss ich was in mir zusammen und mich hoch vom Sitz. Murmelte: Muss auf Toilette oder so. Griff meine Handtasche von der Garderobe. Die Jacke, die noch über dem Stuhl hing, ließ ich zurück. Draußen vor der Tür erwischte mich ein Windstoß eiskalt. Aber vom Rennen wurde mir warm. Ich rannte die Strecke bis in die Weinertstraße durch. Ohne mich umzuschauen. Wie ein verfolgtes Wild im Wald.

Kerstin, verstehst du das? Du mit deiner Erfahrung. Was ist mir passiert? Was passiert da mit mir? Er klingelt. Es kann niemand anders sein. Er kennt diese Adresse. Kerstin, ich will das nicht. Das bin ich doch nicht. So eine. Was für eine? Wenn ich diese Mail abschicke, dann...Das ist so lächerlich. Wie ein Teenager.

Schreib mir Kerstin. Mach dich lustig. Lach mich aus. Damit ich hiervon wieder runter komme. Schnell.

Deine Anne


Das hatte Anne mir geschrieben. Vor mehr als einem halben Jahr. Und ich erinnerte mich, dass ich sie angerufen hatte, vielleicht in der zweiten Novemberwoche. Wie kühl sie gewesen war. Irgendwie lauschend. Als erwarte sie etwas. Damals hatte ich nur ihre Abwehr bemerkt, aber nicht verstanden, was ich ihr getan haben könnte. Ich dachte, meine Klagen über den neuen Job gingen ihr auf die Nerven. Zum Lesen der Mail hatte ich mich hingesetzt. Der erste Impuls war, die Antwortfunktion zu drücken: „Liebe Anne...“ Aber was sollte ich ihr schreiben? Hätte ich es damals gelesen: Es stimmt, ich hätte gelacht. Anne Rührmichnichtan. Statt es zu genießen, rennt sie davon. Aber ein halbes Jahr später? Ohne jede Ahnung, wie es weitergegangen war. Ich löschte die Spam-Mails, auch Annes Mail, fuhr den Computer herunter, klemmte den Karton unter den Arm, sah mich noch einmal um, ob alles seine Ordnung hatte und löschte das Licht. Die Schlüssel ließ ich beim Pförtner zurück.

Morgen geht mein Flieger nach L.A. Ich hoffe, ich schaffe es noch, Anne vorher anzurufen. Ich weiß immer noch nicht, was ich ihr sagen will.






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Credits

We just puked

Kommentare:

  1. Was Sie da "so nicht aufnehmen können", liest sich für mich spannend wie ein Krimi und in der ausweglosen Gefühlsbeschreibung sehr authentisch, aber auch mehr als das. Die Idee der im Spam-Ordner vergessenen Mail scheint mir ein Symbol genereller Kommunikationsschwierigkeit. Die Unfähigkeit, auf die Gefühle anderer adäquat reagieren zu können, auch wenn man es will. Ein Symptom unserer Zeit, man/frau schreibt eben keine Briefe mehr, nur noch Emails.

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  2. Danke. Die Doppelung der "Reaktionsunfähigkeit und/oder -verzögerung" ist mir - aus Gründen, die ich selbst nicht ganz verstehe - wichtig für diese Szene. Aber so kann ich es dennoch nicht aufnehmen, denn ich möchte keine weitere Erzählerin einführen. Vielleicht muss ich diese Episode aus "seiner" Perspektive erzählen.

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  3. Ich fände es überzeugender, wenn der Übergriff deutlicher, weniger harmlos wäre.

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  4. Die vermeintliche Harmlosigkeit dieses Übergriffes ist gerade entscheidend. Anne/Armgard reagiert so panisch, weil es keine direkte "Einladung" ist, die sie abwehren oder ablehnen könnte. Er weiß, was er will. Und er setzt voraus, dass er auch weiß, was sie will. Diese Voraussetzung ist es, nehme ich an, die sie erstarren (und sich - hier freilich noch nicht ganz - aufgeben lässt).

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