Freitag, 28. Januar 2011

ABSCHIED UND ANFANG

Elkes Worte ließen Judith keine Ruhe: „Du brichst ihm das Herz.“, hatte sie gesagt und Judith wusste, die Freundin meinte damit nicht die Trennung. Das tat ihm weh, doch was ihn brechen konnte, war die Entscheidung, ihm die Krankheit zu verschweigen. Sie setze sich an ihren Schreibtisch und fuhr den Computer hoch, besann sich dann aber.  Ein handgeschriebener Brief, schien ihr, war angemessener. Sie zog einen leeren Bogen Papier aus dem Drucker und den Füller aus dem Etui in ihrer Tasche.


Lieber ***!

Du wirst Dich wundern, wenn Du diesen Brief in deinem Kasten findest: dass ich Dir von Hand schreibe, statt eine Mail, dass ich Dir überhaupt schreibe, nachdem ich Dich so vehement aufgefordert hatte, in den nächsten Wochen und Monaten Abstand zu halten.  In einem Gespräch mit Elke wurde mir klar, was ich Dir schulde. Nein, ich wusste  es auch vorher schon, doch war ich feige und wollte mich drücken.

Wir haben mehr als ein Jahrzehnt miteinander gelebt, nicht eingerechnet die letzten vier Jahre, in denen wir zwar an unterschiedlichen Orten lebten, doch immer noch ein Paar waren. Du hast ein Recht darauf, die Gründe zu erfahren, warum ich die Gemeinschaft aufgelöst habe. Deine Vermutungen treffen nicht zu: Es gibt keinen anderen Mann und ich liebe dich.

Ich habe Krebs. Meine Gebärmutter wurde entfernt. Ich erhalte Bestrahlungen. Die Aussichten sind 50:50. Und ich will Dich nicht dabei haben, während ich alle meine Kraft brauche, um zu überleben. So ist das. Ich fürchtete mich vor Deiner Reaktion auf die Krankheit beinahe mehr als vor der Krankheit selbst. Ich wollte Dich nicht noch einmal an meinem Bett sitzen sehen, stumm beinahe, mich in diese verzweifelte Anstrengung treibend, Dich zu suchen, statt mich bei Dir ausruhen zu können. In meiner Erinnerung sind die Tage und Wochen nach der Fehlgeburt schwarzweiß, scharfe Konturen, kein Grau. Es gab Dich und mich. Kein Wir. In keinem Moment. Du bliebst bei Dir. Du warst, wie Du bist. Wie ich Dich liebte. Aber da war es nicht genug. Du hast mich nicht gesucht. Du standest starr, wenn meine Hand dich berührte, regte sich nichts. Du küsstest mich auf die Stirn. Du hattest Deine Routinen und ließest Dich nicht aus der Ruhe bringen. Ich weiß, es war Dir nicht gleich. Du hast es mir oft gesagt, später als meine Starre sich löste und ich anfing Dir Vorwürfe zu machen, heulend. Es war dies hysterische Weinen durch das ich mich zu Dir zurück kämpfte, in Deinen Arm. Du hättest mich gelassen. Abwartend, vertrauend, liebend, ja, ich weiß, dass Du mich liebst. Auch wie Du mich liebst. Und hatte mich doch fast ein Jahrzehnt getäuscht. Hatte mir vorgemacht, wir gingen miteinander. So war es aber nicht. Der Mann an meiner Seite. Mein Wir war meines allein. Du brauchtest das nicht. Brauchst es nicht. Ich werfe Dir das nicht mehr vor. Doch hoffte ich, wärest Du hier, Du wärest wirklich mit mir. Das ist unmöglich. Es ist diese Hoffung, die ich verlassen habe, Lieber, weil ich sie mir jetzt nicht leisten kann.

Damals habe ich dir geraten, die Position in London zu übernehmen. Ich brauchte Abstand. Ich wollte lernen, für mich zu stehen. Ich liebte Dich. Ich liebe Dich. Das ändert sich nie. Dennoch: Wenn ich das überlebe, hoffe ich auf jemanden, der nicht neben mir, sondern mit mir leben will.

Leb wohl

Judith

Judith las den Brief nicht noch einmal, bevor sie ihn in den Umschlag steckte und adressierte. Auf dem Desktop leuchtet ihr Kontakte-Feld. Elke war online. Judith loggte sich ein.

o   hallo
o   wie geht es dir heute?
o   besser. hab einen brief nach london geschrieben
o   gut
o   ja. und du? hast gestern gar nichts erzählt.
o   wäre unpassend gewesen.
o   ach komm. ein neuer?
o   ;-) schon. -----ganzkörpertätowiert
o   du lügst
o   echt
o   hast du heute Zeit?
o   ab 5.
o   im löwen?

Kommentare:

  1. In diesem Brief der Judith sind kleine Blitze enthalten, die mich beim Lesen durchbohrten - erhellend und schmerzhaft heiß...
    (großartig!)

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  2. Spannend, der Brief sitzt als Text erst durch die nachgestellte Chat-Szene am Computer richtig gut. Die Freundinnen haben eine Beziehung, in der die Bälle fliegen - der Brief an den Mann wirkt dadurch fast gemeißelt in seiner frag-losen Entschlossenheit.

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  3. @Danke Ihnen beiden!
    Der Idee zu dieser Serie (von deren Fortgang auch ich nur eine vage Ahnung habe) geht auf zwei Impulse zurück: Gespräche unter Frauen über Sex (mit Männer, teilweise) und den Film von George Cukor: "Women" nach dem Drehbuch von Clare Booth Luce, in dem nur Frauen vorkommen. So soll es hier auch sein: Männer sind nie anwesend, aber gelegentlich Thema.

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