Donnerstag, 26. Mai 2011

DURCHS SCHLÜSSELLOCH

Mein Freund T.B. liebt Klischees. Und Kitsch. (Das hört er nicht gern.) Er zeichnet einen Blick durchs Schlüsselloch. Ein riesiges Auge schaut auf eine unbekleidete Frau, die in sich versunken dasteht, das Bein hochgestellt auf einen Hocker, Standbein, Spielbein, die klassische Position, die den Körper strafft und ihm Dynamik und Ruhe gleichermaßen verleiht. Ausgewogenheit. Kein originelles Bild. Aber vielsagend.


Diana und Acteon. Susanna im Bade. Die Geschichte des Voyeurismus. Immer sind es Männer (oder pubertierende Jungs), die sich anschleichen, um eine Frau unbekleidet zu sehen. Die Nacktheit verletzt die Scham. Interessanterweise wurde „Scham“ erst im 18. Jahrhundert (dem zweiten Siegeszug, den Auge und Bild im Abendland antraten; nach dem ersten in der Renaissance) zum Begriff für die Verletzung des Ehrgefühls, zum „sich schämen“. Vorher bezeichnete das Wort einfach das Geschlechtsmerkmal selbst. Jetzt wird Scham zum Synonym für das Erröten der Frau unter den Blicken des Mannes, während der Mann beginnt sich zu schämen, wenn er beim Schauen „ertappt“ wird. Es geht ja auch nicht  gut aus für ihn in Mythos und Legende, das heimliche Schauen: Acteon, verwandelt in einen Hirschen, den die Hunde zerreißen; Susannas geifernde Greise werden hingerichtet. Keinen schönen Anblick bieten die Männer in diesen Geschichten.

Schliche sich je eine Frau in eine Männerumkleidekabine, um nackte Männerkörper zu schauen? Verborgen hinter einer Schranktür? Installierte eine über der Toilette eine versteckte Kamera, um seinen knackigen Hintern heimlich am Bildschirm zu bewundern? Möglich ist das. Wahrscheinlich nicht. Das heißt nicht, dass nackte Männerkörperteile nicht gefallen (und reizen) können. Ein flacher Nabel, sage ich mal, zum Beispiel, schmale Hüften. Und so weiter. Aber die Geschichte des heimlichen Schauens ist eine recht einseitige Angelegenheit. (Oder belehren Sie mich eines Besseren?) Woran das liegt? Männer schämen sich auch. Manche zumindest. Auch voreinander. Die Stimmung in Gemeinschaftsduschen, habe ich mir sagen lassen, ist nicht sehr entspannt. Woran liegt das? Frauen nehmen diese Anstrengung fürs heimliche Schauen kaum auf sich: aufs Dach klettern, sich anschleichen, zum Schlüsselloch bücken. So interessant ist das nicht, offenbar, ein Mann, der die Hosen runterlässt. Oder doch?

So unschuldig, wie es scheint, sind die Verschämten aber auch nicht. Eine Frau schämt sich unter dem Blick eines Mannes. Errötet. Denken Sie nach: Sie kann ja nur erröten, wenn sie weiß, dass sie beobachtet wird. Wenn sie gewahr wird, dass er sie sieht. Und genau um diesen Moment geht es: In dem sie erkennt, dass er sie sieht. So sieht. Und wie sie reagiert. Ob sie reagiert. Die Bedeckung der Scham. Jetzt. Oder: Zurück schauen. Den Blick erwidern. Das sehen wir:


Rembrandts Susanna. Ja, wie schaut denn die?  Die schaut uns an. Heraus aus dem Bild. Lenkt sie den Blick auf uns. Die sie betrachtenden Voyeure. Das stellt die beiden alten Lüstlinge in den Schatten. Unser Schauen. Und ihr Blick ist: überrascht, aber nicht erschrocken. Nicht fordernd, aber neugierig. Sie lässt sich sehen. Und sieht auf uns. Alles ist verwandelt. Sie gibt sich nicht hin unter unserem Blick. Sie gibt sich nicht auf. Sie schaut uns an. Erwartungsvoll. Wie werdet ihr euch stellen unter meinem Rückblick?

Schau zurück. Schau ihn an. Wie schön er ist. Wie verlegen.

Manchmal, sagt man, saugen Blicke sich fest. Dieser noch nicht. Könnte aber.Womöglich.  Die Kluft überwinden. Die Distanz der Augen-Blicke. Berührungen. Der Hände. Am Ende schließen sie immer die Augen. Glaube ich.

Dich lachen sehen

Dich lachen sehen dich mit den Händen berühren
Einen Tag mit dir leben ein Jahr drei Wochen
Ernstes Leben mit dir teilen zahmes Leben
Dich im Bett finden
Im Zimmer, wie du dich anziehst
Wie du nach Alkohol riechst rauchst
Im Sommer schwitzt
Oder wie du deine zerstreuten Augen schließt
Beim Lieben.

Idea Vilarino



@Umbau Auch dieser Beitrag gehört zu Serie Augen-Blicke/KÖRPER-SPRACHE, die zuerst auf Michael Perkampus´ Veranda erschien.

Kommentare:

  1. "Schliche sich je eine Frau in eine Männerumkleidekabine, um nackte Männerkörper zu schauen? Verborgen hinter einer Schranktür? Installierte eine über der Toilette eine versteckte Kamera, um seinen knackigen Hintern heimlich am Bildschirm zu bewundern? Möglich ist das. Wahrscheinlich nicht."

    Liebe Melusine - das wollte ich damals bereits anmerken: es ist nicht nur möglich und wahrscheinlich, sondern im höchsten Masse real.

    AntwortenLöschen
  2. Echt? Die lernte ich gerne mal kennen.

    AntwortenLöschen
  3. Weil:
    1. ich was lernen könnte von diesen Frauen, eventuell was ich selbst verdränge??? (Manchmal träume ich von ganzkörpertätowierten Männern...)
    2. ich an Frauen an sich interessiert bin, an Männern nur im Einzelfall (;-))!

    Deshalb!

    AntwortenLöschen
  4. man kann als frau ja auch andere frauen betrachten wollen. das muss ich nicht auf gegengeschlechtlichkeit stützen. wir leben (wieder) in einer zeit des bisexuellen (oder pansexuellen) aufbruchs. es sind die verschiedenen zwischentöne, die zur melodie führen, einzelne akkorde sind stets ein schmarren.
    der tätowierte mann ... weist auf eine schlange hin. einerseits. andererseits beschreibt es eine individuellen wunsch - eben weil das symbol im traum erscheint und sehr gut zu abstrahieren ist. aber wir sind hier ja nicht zum deuten.

    AntwortenLöschen