Montag, 18. Juli 2011

Reisejournal Rom (10): EROS UND WUNDERGLAUBE

Bevor im Barock der Eros mit dem süßlichen Duft des Todes parfümiert wurde, feierte ihn die Hochrenaissance noch einmal schamfrei und dennoch unzotig. Jenseits des Tiber ließ sich am Beginn des 16. Jahrhunderts ein ungeheuer reicher Bankier, Agostini Chigi, eine Lustvilla bauen. Heute ist der Palazzo unter dem Namen Faresina bekannt, weil er nach Chigis Tod in die Hände dieser römischen Adelsfamilie überging. Immer wieder wurde das Innere umgestaltet, übermalt, verfallen gelassen, so dass die ganze Prachtentfaltung nicht mehr sichtbar war. Erst im 20. Jahrhundert wurden die Fresken wieder freigelegt, die im Erdgeschoss Raffael entwarf und von seinen Schülern ausführen ließ, während im Obergeschoss Sodoma am Werk war. Das ganze Haus feiert die Liebe Chigis zu der gebürtigen Venezianerin Francesca Andreosia, mit der er hier zunächst zusammen lebte, bevor er sie schließlich auch zu seiner Ehefrau machte. Der Papst, Leo X., segnete die „unmoralische“ Bindung, aus der zu diesem Zeitpunkt bereits vier Kinder hervorgegangen waren.

Raffael: Galatea

Im Gartensaal begeisterte mich das Fresko Raffaels, das Galatea zeigt, wie sie von Tritonen, wilden Meereszentauren und Meerjungfrauen gezogen in einer Muschel übers Meer fährt. Drei Amoretten zielen auf sie, eine vierte hält Ersatzpfeile bereit. Selbst einen gewalttätigen Kyklopen vermag diese Schöne zu zähmen und in einen liebestrunkenen Poeten zu verwandeln. Die Liebe dient hier der Zivilisierung, jedoch ganz ohne lustfeindlich zu werden. Im Gegenteil: Die Steigerung der Lust durch Verfeinerung wird dargestellt.


In der Loggia der Psyche wird die Liebesgeschichte Amors mit Psyche erzählt. An der Decke enthüllt sich Szene für Szene dieses Drama mit Happy End. Die eifersüchtige Venus sendet ihren Sohn Amor aus, um eine schöne Konkurrentin, die Königstochter Psyche, auszuschalten. Doch der verliebt sich in die Menschenfrau. Sie werden ein Paar, doch nur des Nachts, wo Amor sich in der Dunkelheit nicht als Gottheit zu erkennen gibt. Psyche wird misstrauisch und betrachtet den Schlafenden heimlich mit einer Öllampe. Der vom Verrat enttäuschte Amor beklagt sich bitterlich bei seiner Mutter, die Psyche nun noch nachdrücklicher mit ihrem Hass verfolgt. Sie gibt ihr unlösbare Aufgaben, die Psyche aber alle erledigt. Amor, der sein Herz für die Schöne inzwischen wiederentdeckt hat, bittet Jupiter um Rat. Es kommt zu einer Verhandlung vor dem Thron des Göttervaters, schließlich wird Psyche mit Nektar in den Olymp aufgenommen und eine Hochzeitsfeier findet statt, die Götter und Menschen versöhnt.

Wie schön, wie fröhlich, wie lustvoll sind diese Szenen zwischen Laubengängen, Früchten und Blumen! Sonderbar aber, dass dieser Amor sich exakt in den Frauentyp verguckt, den seine Mutter, den Venus, verkörpert. Manchmal fällt es schwer, die beiden schönen Frauen auseinander zu halten, so sehr gleichen sie sich. Ein Bild der Schönheit, wie sie sich der Renaissance-Mensch vorstellte, offenbar, so einander ähnelnd wie manche unserer heutigen Schönheitsköniginnen, bei denen es mir ebenfalls schwer fällt, sie auf den Zeitschriftentiteln von einander zu unterscheiden.


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Wir schlenderten durch Trastevere, ein Viertel Roms, das bis in die 70er Jahre, so berichtet unsere Quelle, nur von der ärmeren Bevölkerung bewohnt wurde. Inzwischen verwandelt es sich in ein In-Viertel mit Kneipen, kleinen Boutiquen und – wahrscheinlich – immer teureren Wohnungen. Dennoch gibt es immer noch Gassen, in denen Handwerker in ihren kleinen Werkstätten arbeiten und Hausfrauen die Wäsche an einer Leine über die Straße hängen. Ein wenig zu malerisch wirkt es jetzt, obwohl es bestimmt nicht inszeniert ist. Später überquerten wir wieder die Brücke über den Tiber und stiegen auf den Aventin hinauf, ein Viertel ganz anderer Art, still, grün, prächtige Villen mit genügend Raum drum herum, und ganz oben sitzen die Weltzentralen des Malteserordens und der Benediktiner. Im Orangenhain unterhalb der Santa Sabina machten wir Rast.

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Später am Nachmittag fanden wir nach einigem Suchen den Eingang zum Cimitero acattolico, der eben kein protestantischer Friedhof ist, sondern der Friedhof für all jene, die nicht katholisch sind. Man habe, erfuhren wir, die Toten im 18. und bis ins 19. Jahrhundert dort nachts begraben, weil man die Ausschreitungen des fanatischen „rechtgläubigen“ Mobs zu fürchten hatte. Es ist kein ruhiger Ort hinter der Pyramide (auch dies eine Grabstätte, die eines Römers der frühen Kaiserzeit). Drum herum braust der Autoverkehr. Doch gibt man sich viel Mühe, die Gräber zu pflegen, die Blumen dazwischen zum Blühen zu bringen und eine Atmosphäre des Friedens zu schaffen. Einer Freundin, ich schrieb es schon einmal, geschah an diesem Ort ein Wunder. So zumindest empfand sie es. Da es das ihre ist, werde ich hier nicht davon erzählen. Nur so viel: Die Wunder, an die ich – mit ihr – glaube, kommen unauffällig daher: kein Wein wandelt sich in Wasser, kein Toter ersteht auf, keine Wunde schließt sich, keine Krankheit verschwindet. Doch ein Moment des inneren Friedens kann einen Schmerz, der alles auffrisst, in eine sanfte Resignation verwandeln. Und dann kann etwas aufgehen wie ein Samen. Und anfangen. Ein anderes Leben. Etwas kann Wirklichkeit werden, an das man mit guten Gründen nicht mehr geglaubt hat. Ein Wunder. So strahlend wie ein Heiligenkranz, nur unauffälliger.

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