Sonntag, 2. Oktober 2011

Der fremde Mann

...


Überhaupt - der fremde Mann muss in erster Linie ein Gentleman sein, sehr elegant, sehr comme il faut und mit dem ´infamen Charme´ - aber doch um Gottes willen nicht ein Schiffskapitän mit Zuchthaustendenzen. Es wäre deshalb eigentlich richtiger zu sagen: der fremde Herr. 

Und er darf niemals zur Beziehung werden, muss in der Versenkung verschwinden, ehe das in Betracht kommen könnte. Er tut es auch, sonst ist er eben nicht echt gewesen.

Etwas davon liegt wohl im ersten Anfang jedes Minnehandels - es ist ja immer schade, wenn man sich erst kennen oder gar lieben und schätzen lernt. Aber der ganz große Reiz ist das Erlebnis mit einem Fremden.

Ich sitze abends im Lesezimmer eines Hotels. - Er auch, aber an einem anderen Tisch. - Ich schreibe. - Er liest. - Er schaut hier und da herüber - ich auch. - Ich weiß gleich, dass er es ist - er hat den infamen Charme. - Gott sei Dank, er ist echt, denn er spricht mich nicht an. Er weiß auch, dass ich es bin.

Eigentlich warte ich auf jemand anders und weiß nicht recht, wie es werden soll. Aber er weiß es ganz genau und liest ruhig weiter.

Endlich ruft man mich ans Telefon. Er, der andere, auf den ich warte, kann heute nicht mehr kommen. - "Was willst du heute Abend anfangen?" - "Oh, ich gehe schlafen." - "Also dann auf morgen..."  - Abläuten...

Der fremde Herr legt seine Zeitung weg, ganz langsam, ganz ruhig. - Ich gehe zum Lift - er auch. Das Hotel ist sehr groß, hat sehr viele Stockwerke, ist sehr überfüllt. - Wir sind beide stehen geblieben, stehen uns gegenüber. - Er ist sehr hoch, sieht mir von oben herunter in die Augen. - Der Lift gleitet, hält an jeder Etage und Zwischenetage, denn der Boy ist verschlafen und scheint zu meinen, dass überall jemand aussteigt. - Wir haben auch das Gefühlt, dass der kleine Raum immer leerer wird, immer einsamer. - Unsere Augen lassen nicht los - der fremde Herr sagt kein Wort, beugt sich langsam zu mir herunter - wir sehen uns immer noch in die Augen - unsere Lippen "finden sich". - Der Lift geht durch die ganze Ewigkeit. - Kein Wort wird gesprochen - der Lift hält.

Und ich mache hier eine Pause, lieber Freund.

Der Herr im Lift ist der Idealfall - der erfüllte Traum. Nicht immer sind die Götter so neidlos. Manchmal lernt man ihn auch kennen, sieht sich wieder, dann ist natürlich alles entwertet. Hat man einmal mit dem fremden Mann gefrühstückt, so ist der Zauber gebrochen. Dann wird es ein ganz gewöhnliches Erlebnis.

...
Quelle: http://www.aski.org/portal2/images/10_Reventlow.jpg

Franziska zu Reventlow: Amouresken

Kommentare:

  1. Manchmal verliegt er noch ein bisschen schneller, der Zauber. Deshalb ist es wichtig auf ihn zu achten zu gut es geht.

    AntwortenLöschen
  2. Der Zauber des fremden Mannes steckt in der Phantasie, es tauche einmal einer auf, der nur Freude bereitet - und nichts erwartet als diese - und verschwindet ohne eine Spur zu hinterlassen, eine "Markierung". Gibt´s das? Mir steht im Weg, dass ich doch immer was in "ihn" hineinsehe. Und dann ... verfliegt der Zauber, weil das "Interesse" beginnt. ;-)

    AntwortenLöschen