Donnerstag, 19. Januar 2012

OPFER UND AUTONOME (Traurige Diskurse)

  
"Heute ist der Opferdiskurs fast der vorherrschende Diskurs. Man kann Opfer des Rauchens, der Umwelt oder des sexuellen Missbrauchs sein. Wie hier das Subjekt auf Opfer reduziert wird, finde ich traurig. Dahinter steckt eine äußerst narzisstische Vorstellung der menschlichen Persönlichkeit. Und, in der Tat, eine intolerante, denn was sie besagt, ist, dass wir keine gewaltsamen Begegnungen mit anderen mehr tolerieren können - und solche Begegnungen sind immer gewaltsam." (Slavoj Zizek)

Das Ideal der Autonomie triumphiert über alles, sogar darüber, zuzugeben: Ich brauche etwas. Individualität basiert heute darauf, dass wir verneinen, abhängig und bedürftig zu sein.“ (Eva Illouz in „Warum Liebe wehtut“, zitiert nach Jenny Friedrich-Freska in der F.A.Z. vom 18.01.2012. Ich habe das Buch hier liegen, aber noch nicht gelesen)

Solche Verallgemeinerungen von Philosophen oder Soziologen darüber wie „die Menschen“  eben sind, stimmen ohnehin nie ganz. Schon wenn ich die Worte „heute“ oder „heutzutage“ in so einer Formulierungen lese, werde ich skeptisch. Denn meistens wird dann etwas beklagt. Man liest selten: „Heutzutage gehen viel mehr Leute als früher ins Museum.“ oder „Heute ist der Toleranzdiskurs dominierend.“ Sowas liest man höchstens als Marketingstatement des Kulturmanagements oder von Politikstrategen. Positive Gegenwartsbeschreibungen stehen jederzeit unter Propagandaverdacht. Die kritische und reflektiertende Zeitgenossin verhält sich zur eigenen Gegenwart notwendig skeptisch. Das ist gerechtfertigt. Problematisch wird es dann, wenn hinter solchen Aussagen implizit oder explizit steht: Früher einmal war das anders, nämlich besser. Da werde ich kritisch und skeptisch.

Die beiden Aussagen dort oben sind auf den ersten Blick völlig widersprüchliche Befunde über die Befindlichkeit des Menschen in der Gegenwart: die Selbststilisierung als Opfer und das Ideal der Autonomie – wie soll das zusammen passen? Beide Thesen werden aber, wie ein kurzer Test im Bekanntenkreis ergab, bereitwillig abgenickt. Sie scheinen empirische Erfahrungen zu beschreiben.

Tatsächlich glaube ich, dass Opferdiskurs und Autonomiediskurs in der popularisierten Form, die hier gemeint ist, eines gemeinsam haben: ihre Asozialität. Ich kann nicht anders, weil mir das angetan wurde,weil ich das erlitten habe. Und:  Ich bin eben so, wie ich bin. Es geht hier nie darum, wie ich mich zu anderen und zu mir selbst verhalte (also um Relationen und damit auch um Relativität), sondern um das Ganze, mein ICH (also um das Absolute). Es sind – und darin gebe ich Zizek Recht – Diskurse, die keine Verhältnismäßigkeit kennen und daher zur Intoleranz neigen.

Diese Entwicklung, falls sie richtig beschrieben ist, erweist sich besonders für diejenigen als traurig, die tatsächlich Opfer wurden: Denn sie beraubt sie der Möglichkeit, ihre Position zu verändern, den Opferstatus zu verlassen. Während im elaborierten Diskurs der Geisteswissenschaften seit 30 Jahren der Tod des Subjekts gefeiert oder beklagt wird, Identitätskonzepte als kontigent beschrieben werden und die Autonomie als Konstrukt, ist die Idee und das Ideal „Ich selbst zu sein“ bei den Massen gerade erst populär geworden. Diese popularisierte Form der "Selbstbestimmung" will aus gutem Grund aber nicht wahrhaben, welche Anstrengung die Konstitution eines eigenverantwortlichen autonomen Subjekts ist und dass sie ohne die Preisgabe von Sicherheiten nicht zu haben ist, auch nicht ohne die Preisgabe totalitärer Ansprüche und vor allem nur um den Preis die – wie immer fragwürdige – autonome Setzung des Anderen bis zur Schmerzgrenze zu ertragen. Es gibt, diese Entdeckung steht gesellschaftlich noch schmerzlich aus, kein WESEN in uns zu entdecken, keinen Urgrund unser SEELE, von dem her wir uns selbst verstehen und anderen verständlich machen können. Wir müssen alles erfinden. Vor allem uns selbst. Und dabei trotzdem versuchen, verbindlich und kenntlich zu bleiben. Vor allem den anderen gegenüber.

Kommentare:

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  2. das sind schon merkwürdige sätze ( diese zitate ).

    opfer des rauchens ( eines passivrauchens wahrscheinlich ), umweltopfer ( ?? ) mit sexuellen missbrauchsopfern auf eine ebene zu stellen, finde ich den missbrauchsopfern gegenüber zumindest unverschämt formuliert.
    der letzte satz soll dann wohl bedeuten : gewaltsame begegnungen sind immer gewaltsam und 'wir' sind diejenigen, die gewaltsame begegnungen suchten aber sich abgewöhnen liessen jene gewaltsamen begegnungen zu tolerieren ( dulden )
    hm.
    ich gehöre zu diesem schlechtspezifizierten 'wir' nicht.
    ich suchte weder körperliche gewalt noch psychische gewalt fern von selbstverteidigung - weder durch mich noch durch jemand anderen und strebe eine diesbezügliche suche desweiteren nicht an.

    bei dem anderen zitat wird ein verlust an abhängigkeitsgefühl ( sucht ist abhängigkeit ) und an "bedürftigkeitsgefühl" ( bedürftigkeit ist krankheit - bedarfsgemeinschaft hin oder her ) beklagt, um das wort 'autonomie' und 'individualität' nicht definieren zu müssen oder es gar zu diskriminieren, bewacht von einem weiteren 'wir', zu dem ich mich nicht zählen kann, da ich gerne wissen will, was jemand mit schlüsselwörtern wie autonomie oder individualität erst mal verbindet, bevor es an etwas wie ertappen ( und "zugeben" ) oder gar gestehen geht. :)

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  3. Traurig ist ja auch, dass wer sich als Opfer sieht, unfähig ist, sich als Täter wahrzunehmen. Z.B. als Täter den wahren Opfern gegenüber. Und das ist etwas, das ich in diesem Artikel sehr unterschreiben kann, die Entwicklung zur Asozialität, Ich als Autonomie, ohne Entwicklung und ohne Bezug zu etwas anderem als sich selbst (wie soll da Entwicklung stattfinden?) Wenn man unbedingt am Begriff "Opfer" festhalten will, ist unsere Gesellschaft vielleicht Opfer der Stagnation.

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  4. das im allgemeinen ja wohl höchst unscharf verwendete wort autonomie gilt es zu spezifizieren - gekoppelt mit dem wort individualität komme ich selbst dabei zu dem wortpärchen "individuelle autonomie". als gegensatz zu einer individuellen autonomie lässt sich sicherlich eine "kollektive autononomie" anführen.
    ein staat dürfte das grösste gebilde kollektiver autonomie sein.
    wer behauptet denn, dass eine individuelle autonomie mit extremstem autismus gleichzusetzen ist ?
    ich würde individuelle autonomie jedenfalls niemals so definieren.
    individualität bedeutet für mich schon mal, dass sich alle menschen voneinander unterscheiden hinsichtlich welcher kompetenzen ( genauer kompetenzkonfigurationen ) auch immer ( und nicht nur rein äusserlich / biologisch ).
    ohne individuelle autonomie ( was für mich heisst individuelle entscheidungsfreiheit - wie weit diese freiheit auch gehen mag ) werde ich zur fremdgeprägten münze ohne eigenes interesse an kompetenz(erweiterung).
    ich übersetze autonomie also als "eigenständigkeit" - also selbst-handeln bishin zu einem "selbst-denken".

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  5. wenn ich folgendes noch anfügen darf :

    als "das ideal der autonmie" lässt sich vielleicht die autarkie verstehen - also eine komplette unabhängigkeit eines staates ( von importen vor allem ) oder einer individuellen (aussteiger)existenz ( welche alles zum leben nötige selbst herstellt ).
    warum nicht gleich autarkie schreiben ?

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  6. Entschuldigung, dass ich erst jetzt antworte. Hatte zwei Tage lang keinen Netzzugang.

    @lu Die Zitate von Zizek und Illouz sind hier ja völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Mich interessierte meine eigene und die Reaktion anderer darauf: Nämlich in den völlig widersprüchlichen Beschreibungen etwas wiederzuerkennen oder dies zumindest zu glauben. Diese Reaktion teilen Sie offenbar nicht. Darüber wie Zizek und Illouz die Begriffe, die Sie kritisieren, verwenden kann ich hier nicht genauer eingehen, das erforderte eine gründliche Lektüre, die für Illouz noch aussteht (wie ich auch kenntlich gemacht habe) und die ich für Zizek rekonstruieren müsste, was ich im Moment einfach nicht leisten kann.

    Tatsächlich ging es mir eher um eine - wenngleich, wie ich versucht habe zu erklären, immer fragwürdige - Diagnose bestimmter Phänomene in der Gegenwart, die auf den ersten Blick völlig widersprüchlich erscheinen, hinter denen mir jedoch Gemeinsamkeit zu stecken schien. Ich könnte Ihre (positiv besetzte???) Definition von Autarkie als Bestätigung dieser Lesart begreifen. Auch politisch halte ich das Streben nach Autarkie von (National-)Staaten für verhängnisvoll. Als individuelle Lebensform erscheint es mir utopisch; alle mir persönlich (z.T. auch nur medial vermittelten Formen) enthalten entweder immer ein Moment des (Selbst-)Betrugs (wo nämlich doch auf Ressourcen der Gemeinschaft zurück gegriffen wird) oder finden in Gemeinschaften statt, die intern autoritär organisiert sind und also Individualität geradezu unterdrücken..

    @Weberin Ich muss darüber nachdenken, wie das Wort "Opfer" auf Gesellschaften bezogen werden kann. Tatsächlich glaube ich wie Sie, dass Selbstbestimmung, die sich nicht aus Verhältnissen zu anderen ergibt, sondern (wie immer real oder wahnhaft) auf ein vordiskursives "SEIN" oder einfacher "GEFÜHl" zurückgeht, die Tendenz zur Asozialität hat. Und dass dies auch und vor allem für diejenigen traurig ist, die sich selbst nicht in Beziehungen denken wollen (oder können).

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  7. das streben nach autarkie halte für unmöglich.
    wir sind teil einer gefrässigen kultur, nicht nur nicht missionierend sondern auch gefrässig - bin etwas breit gerade )

    ich gehe eher auf levi_strauss, weil ich es nicht verstehe, warum augerechnet moslemisch-grundierte staaten, die schweiz, und die usa mit waffe anscheinend so etwas wie männlichkeit verbinden.
    so sieht das gerade aus, und ich wüsste nicht wie ich das - als troll nachgekartelt übrigens - noch durchargumentieren sollen wollte.

    intuitiv begegnet

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  8. "das streben nach autarkie halte ich für unmöglich" - na, da sind wir uns doch einig! (Das Streben natürlich, fällt mir grad ein, ist nicht unmöglich, sondern die Autarkie. Die Streber laufen ins Leere, sozusagen.)

    Assoziativ fällt mir zu dem zweiten Teil nur grad ein, dass ich nachforschen wollte/sollte, was der Unterschied zwischen Penis und Phallus ist. Aber es gleich wieder vergessen habe, aus Gründen vielleicht. Weiß nicht.

    Gute Nacht, L.

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  9. ich bin der utopist, condor idt der metaphysiker, so lange er noch was auf sich hält.

    ( kap. trolle )

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  10. hey gute nacht, barby ohne gift ( lautlosigkeit, lösch alles was dir von mir missfällt no problem, no convincion ( retrograde nerval antianterograde konfluenzassoziation )

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  11. gefällt mir doch nichts nicht. night. night. caravelle.

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  12. du hast wahrscheinlich dein näxtes post bereits vorbereitet.
    okey.
    ich hör gerade judy garland / over the rainbows aus den enddreissigern, den gefährlichen mancherorts und habe ein vielleicht hyperthymes gefühl : muss ich jetzt noch jemand mit meiner antifeudalen larmoyanz beschäftigen ?
    .
    ich kann es mir aussuchen.
    ohne dass mich ein macker belästigt.

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  13. " du kannnst ja opfer sein wollen, aber ich will bestimmt nichts davon wissen. "

    mannfrau spricht zu dragan

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  14. hey die alte hätte ich auch gerne schon früher abgekaspert, die venusfliegenzwergwerferdickbabies )

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  15. die nicht-luftig-bedürftig-sich-feühlenden. es lebe soweit das gefühl.

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  16. okey hier kann ich es ja noch sagen : ich bin ein mann, der keine männer liebt - ein echter hetero also, lu.
    berlin.
    schwarze haare.

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  17. was machst du gleisbauarbeiten, dein lu.

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  18. dragan beethovic21. Januar 2012 um 02:37

    sie hat diese traurigen, zitierfähigen stellen erkannt, lu.

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  19. okey - sie ist etwas besseres.

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  20. ey sie kann schon mal zitieren.

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  21. Eine weitere These zum Zusammenhang:

    Desto größer das Autonomie-Diktat in neoliberaler Form ("Du bist Deines Glückes Schmied und wenn Du scheiterst, bist Du selbst Schuld, hast individuell selbst versagt"), desto wichtiger wird die Opfer-Analyse, die anerkennt, dass mensch manchmal eben doch keine/wenig Chance hat, unschöne bis wirklich schlimme Dinge zu verhindern, die einer_einem angetan werden.

    In diesem Sinne finde ich "heutzutage" ;-), also in einer Zeit der neoliberalen Hegemonie und der weitgehenden Illegitimität von Herrschaftskritik (Stichwort "Postfeminismus") Opferanalysen hilfreicher/sinnvoller als zu Zeiten, wo zumindest Frauen/Mädchen grundsätzlich als passiv/handlungsunfähig dargestellt wurden, denen heute wiederum signalisiert wird, sie könnten alles schaffen, wenn sie eben nur wollten... Eine zeitliche Einbettung finde ich hier sinnvoll.

    Ein neuer/alter Widerspruch, oder eher 2-n: (Selbst-/Fremd-) Einopferung kann Machtlosigkeitsgefühle verstärken und/oder Kraft gegen Selbstbeschuldigung geben und/oder eine Waffe sein. Die Kritik an Opferdiskursen/-analysen kann empowern und/oder Privilegien verteidigen und/oder Probleme entnennen...

    So weit, jetzt muss ich mit dem Prokrastinieren aufhören und mich wieder der Lohn-, äh, nein, Honorararbeit zuwenden.

    Einen schönen Sonntag Dir!

    cazou

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  22. Danke, Dir auch einen schönen Sonntag! --- Es ist eben beides falsch - dass alles zu schaffen ist, aber auch, dass jemand n u r Opfer ist. Und es sind zwei Ebenen: Das eine ist eine Analyse der Realität - da gibt es Opfer und Täter (nicht immer so eindeutig, wie man sich das als Kind wünscht: Wer sind die Guten?, haben meine immer gefragt.) Das andere ist, wie ich mich selbst definiere und konstruiere ;-) - und ob ich überhaupt den Zwang annehme, mich festschreiben zu müssen. Es gibt Settings, wo man immer "funktionieren", "mächtig sein" muss und andere, wo man immer darstellen soll, was man erlitten hat.
    Beide Ansprüche können sehr zwingend und zwanghaft sein.
    Ich bin auch gar nicht sicher, ob allen signalisiert wird, sie könnten alles schaffen. Vielen wird auch signalisiert, dass sie eh nichts schaffen können und sich daher darin üben müssen, ihre Bedürftigkeit "darzustellen", um überhaupt Aufmerksamkeit zu erlangen.

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  23. Danke für den beitrag. Alles wohl richtig, allerdings geht es beim Opferdiskurs auch um Sauberkeitserziehung, also um Macht. Siehe auch das Phänomen des fake-Opfers (Wilkomirski, mehari, Defonseca, Tanja Head ectetc) http://kritikundkunst.wordpress.com/2012/01/22/noch-einmal-zum-opferdiskurs-opferdiskurs/

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  24. Ein letztes zum Sonntag: Da stimme ich Dir rundum zu, Melusine. Mir ging es mit der "Verteidigung" von Opfer-Analysen auch um eine Zurückweisung des sehr gefährlichen Diskurses, dass immer (mind.) zwei an der Herstellung einer Situation beteiligt und daher auch gemeinsam verantwortlich seien. Also um die Handlungs- und nicht um die Selbstkonstruktionesebene. Liebe Grüße nochmal und auf bald...

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  25. @cazou Auf bald...- ich bin voller Ideen und Überforderungen...waren sehr spannende Tage!

    @hf99 Ich habe drüben in "Kritik und Kunst" ausführlicher geantwortet.

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  26. Bzgl. Überforderungen & Ideen: Ich kam in einer anderen FoBi zu Rassismus, an der ich selbst teilgenommen habe, auf die Formulierung: Es geht darum, trotz Handlungsunsicherheit handlungsfähig zu sein/werden/bleiben... Die Überforderung liegt ja in der Realität und nicht in der Person. Die ist nur durch Vergessen der Komplexität loszuwerden (die Überforderung, nicht die Realität oder Person), was wiederum ein Privileg ist. Hach. Romantik-Romane-Lesen ist dann ja mein temporärer Ausstieg aus dem Problem ;-)

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  27. Das stimmt. Alles. Das Vergessen-müssen/können als Privileg - und der "temporäre Ausstieg" (nur Romantik-Romane sind´s bei mir nicht, sondern z.Zt.: Downton Abbey - eine BBC-Serie).

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