Donnerstag, 5. Januar 2012

POSTMODERNE IDYLLEN. Die Romane von Thomas Meinecke

Ein Beitrag von Morel

Affirmation. In Lookalikes, seinem neuesten Roman, zitiert Thomas Meinecke aus Roland Barthes Sprache der Mode unter anderem diese Sätze: "Wenngleich es möglich ist, Romane zu konzipieren, in denen nichts geschieht, vermag die Literatur doch kein Beispiel eines Romans anzubieten, in dem auf Schritt und Tritt Euphorie herrschte." Dies aber, so Barthes, sei der Mode möglich, da ihre Erzählung fragmentarisch bleibe und keine "organische Reifung" kenne. Diese vor 50 Jahren geschriebenen Sätze versuchen die Romane Meineckes zu widerlegen. Die handelnden Figuren in Lookalikes werden für Veranstaltungen als Widergänger von Stars wie Josephine Baker, Britney Spears oder Shakira gebucht. Neben Broterwerbstätigkeiten in Parfümerien und Kaffeebars, beschäftigen sie sich hauptsächlich aber mit postmoderner Kulturtheorie, den Schriften des Psychoanalytikers Lacans oder der Aufhebung von Geschlechtsstereotypen in burlesken Striptease-Aufführungen. Die Lektüre dieser Schriften geschieht affirmativ. Es wird nicht hinterfragt, verglichen oder kritisiert, sondern die Zitate gesucht, die zur eigenen These passen. Es herrscht tatsächlich eine ständige Euphorie über den Reichtum an Wissen, der heute über soziale Netzwerke und Suchmaschinen verfügbar ist. Am Widerspruch zwischen banalen Alltagsjobs und abgehobenen Theorien leidet bei Meinecke keine und keiner. Auch die Geschlechterrollen sind eine Frage der Wahl und nicht der Biologie: wer weiblich sein möchte, darf dies mit oder ohne Penis.

Pop. Deutschland ist wahrscheinlich das einzige Land weltweit, in dem der Begriff Popliteratur als Kategorie in vermeintlich erkenntnisfördernder Weise von anderer Literatur unterschieden wird. Dabei handelt es sich weniger um ein Genre als um ein literarisches Verfahren. Oberfläche gegen Tiefe, Aufzählung gegen Einmaligkeit, Fragment gegen Erzählung, in diesen Dichotomien setzt sich die Popliteratur von der etablierten ab. Für Meinecke zentral: Künstlichkeit gegen Natur. Vielleicht setzt Popliteratur an einem anderen in Deutschland beliebten Gegensatz an: dem zwischen Unterhaltungs- und ernster Literatur. Aber in einer interessanten Verdrehung: denn die erfolgreiche Massenliteratur setzt gerade auf vereinfachte Formen des 19. Jahrhunderts: Erzählung, Natur und Geschichte. Pop dagegen beerbt die moderne Tradition des Traditionsbruchs und feiert die Gegenwart. Eine ähnliche Verschiebung in der populären Musik seit Ende der 60er Jahre. Der progressiven Rockmusik, in der unaufhörliche Gitarrensoli das Subjekt feiern, wird die offen künstliche Popmusik des Glamrocks und später von Disco entgegengesetzt. Innerlichkeit und Expressivität von Rock und Folk gegen Oberflächlichkeit und Kühle von Pop und Disco. Dass solche Gegensätze in Deutschland unter dem Begriff Pop verhandelt werden, bleibt seltsam: ein Erbe des Idealismus, die Avantgarde geht in die Disco und erfindet sich ein Volk.

Zitat. Auffällig an den Romanen Meineckes: die zahlreichen, ausführlichen und offen ausgestellten Zitate aus den von den Protagonisten gelesenen Schriften. Die Recherche verschwindet nicht im Text, sondern sie konstituiert ihn. Das Handlungsgerüst ist dabei kaum mehr als ein federleichtes Geflecht, an das Themen geheftet werden, für die sich die Figuren interessieren. Oft erfahren wir außer Beruf und Wohnort wenig mehr über die Figuren als ihre intellektuellen Obsessionen: von poststrukturalistischer Literaturtheorie über Gender Studies bis zu Fragen postkolonialer Identitätsbildung. Was es an Handlung gibt, bleibt oft folgenlos. In Lookalikes wie im Vorläuferroman Jungfrau kommt es zu vor allem über Internetchats ausgelebte Affären. Konflikte, etwa mit den Ehepartnern, entstehen daraus nicht. Was geschieht, geschieht im Diskurs.

Autor. Neu in Lookalikes, der Autor tritt als Thomas Meinecke nun selber unter seine Figuren und schildert einen Aufenthalt als Stipendiat in Salvador di Bahia. Das Interesse für den bisexuellen Schriftsteller Hubert Fichte und die religiösen Zeremonien der Afrobrasilianer, bei denen Göttinnen und Götter in die Besessenen fahren, verbindet sich bruchlos mit der Wiederbelebung toter Stars wie Elvis und Marilyn  Monroe durch die anderen Protagonisten des Romans. Nun ist aber Thomas Meinecke kein Lookalike von Thomas Meinecke. Auffällig wird das in den fragmentarischen, sehr pointierten Reiseskizzen aus Brasilien. Wie einige andere Romane Meineckes - The Church of John F. Kennedy, Hellblau - ähnelt Lookalikes in diesen Passagen einem Genre, das auf Entwicklung und Tiefe gut verzichten kann: dem Reisejournal. Sehr zurückhaltend, aber im Kern offen, beschreibt Thomas Meinecke seine Reaktionen auf Armut, Religion und das gesellschaftliche Leben im dortigen Kulturbetrieb. Die Konfrontation mit dem Fremden fördert eben unausweichlich die Frage nach der eigenen Identität, die das postmoderne Maskenspiel von Meineckes Romankunst sonst gerne auf einen jüngsten Tag verschieben möchte. In den religiösen Riten der Brasilianer kehrt der Messdiener-Katholizismus der Kindheit wieder, in Hubert Fichtes Romanen das Hamburg der 70er Jahre, in dem Meinecke aufgewachsen ist. Diese Erfahrungen, die Thomas Meinecke seinen anderen Romanfiguren voraus hat, werden aber nicht essentialistisch überhöht. Sie sind  Ausgangspunkte für ergebnisoffene Forschung. Aber ganz trivial ist es nicht, wo eine Reise beginnt.

Poetik? In der nächsten Woche beginnen die Poetik-Vorlesungen Thomas Meineckes an der Universität Frankfurt. Die Poetik Meineckes liegt in seinen Romanen offen zu Tage, es gibt hier keine Geheimnisse: es geht gut antinaturalistisch um eine Poetik des selbst bestimmten und daher geglückten Lebens. Diese postmodernen Idyllen blenden alles aus, was ihrer Verwicklung im Wege stehen könnte: familiäre Prägungen, ökonomische Zwänge und politische Unterdrückung. Darin ähneln sie tatsächlich der Popmusik: eine Feier eines anderen Lebens, das als mögliches das übliche in Frage stellt.


Thomas Meinecke: Lookalikes. Suhrkamp € 22,90


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Anmerkung M.B.: Auf die Vorlesungen von Thomas Meinecke an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität freue ich mich schon sehr. 

Dienstag, 10. Januar 2012:
GESCHLECHT UND CHARAKTER / PARIS IS BURNING / GENDER TROUBLE / DIE MAGINIERTE WEIBLICHKEIT / KUNSTSTOFF / I WANNA BE YOUR JOEY RAMONE
Dienstag, 17. Januar 2012:
DIE DÄMMERUNG VON NANOTECH / THE BLACK ATLANTIC / VENUS AS A BOY / UNHEROIC CONDUCT / ZIEGFELD GIRL / BITBURG AND BEYOND
Dienstag, 24. Januar 2012:
OOPS OH MY / HETEROSEXUELLER DARKROOM / REQUIEM FÜR EINEN JUNGFRÄULICHEN KÖNIG / BOUVARD UND PÉCUCHET / GOLD DIGGERS OF 1933 / ZUCKERZEIT
Dienstag, 31. Januar 2012:
FLAMING CREATURES / GIRLS IN JAZZ / ERSTER BLICK AUF ADRIENNE VON SPEYR / JESUS AS MOTHER / DER SEIDENE SCHUH / DIE DUNKLE NACHT
Dienstag, 7. Februar 2012:
DIE GESCHICHTE DER EMPFINDLICHKEIT / LA SIRÈNE DES TROPIQUES / THE SIGNIFYING MONKEY / 20  BLASONS AUF DEN WEIBLICHEN KÖRPER / TWIGGY ÜBER TWIGGY / THE CITY OF WOMEN


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Kommentare:

  1. In einem Interview mit Jens-Christian Rabe in der SZ von heute, sagt Thomas Meinecke u.a. und zum Schluss, nach seinen Vorlesungen sollten die Studenten Folgendes gelernt haben: "Eine Lust am Sekundären, am Nachgestellten, Nicht-Eigenen, am abhängigen Autorsubjekt. Das Genie ist eine Männerchimäre, ich glaube nicht daran. Hat sich eigentlich jemals eine Frau selbst als Genie bezeichnet?"
    Ich bin ein wenig neidisch, dass ich nicht dabei sein kann, wenn Thomas Meinecke den Hörsaal in eine Disco verwandelt, um sich dort wohl zu fühlen, aber ich vertraue auf Sie, dass Sie das Wesentliche der Vorlesungen herausarbeiten und mit uns teilen werden.

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  2. Ich hoffe, dass ich das schaffe. Oder Morel. Wir freuen uns alle drei auf Dienstag: BenHuRum, Morel und ich.

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