Freitag, 17. Februar 2012

BÜRGER ZWEIER REICHE. Gegen die Krankheit als Metapher


"Illness is the night-side of life, a more onerous citizenship. Everyone who is born holds dual citizenship, in the kingdom of the well and in the kingdom of the sick. Although we all prefer to use only the good passport, sooner or later each of us is obliged, at least for a spell, to identify ourselves as citizens of that other place."
(Susan Sontag: Illness as metaphor, 1978)


Jonas* sagte, er könne nun erstmals folgen. Böswillige mögen daraus herleiten, das Medikament habe ihn gehorsam gemacht. Doch ihm standen die Tränen in den Augen, als er beschrieb, wie sich in seinem Gehirn nun fügte, was vorher Bruch und Trümmer war. Der Ruf von Ritalin jedoch ist ruiniert. Die Pharmaindustrie hat ihre Gewinnerwartungen maximiert, indem sie die Lausbuben erfolgreich pathologisierte. Darunter werden auch diejenigen zu leiden haben, in deren Köpfen wilde Schaltungen verhindern, dass sie Verbindungen herstellen.

Noch als Schwangere fiel Susanne* unter die Impfkritiker, die sie beschworen, nie und nimmer ihrem künftigen Kinde die Masern-Röteln-Mumps-Spritze setzen zu lassen, denn das sei Körperverletzung. Ihr Rötel-Titer war hoch, doch beobachtete sie von da an in Bussen ängstlich und misstrauisch alle Trägerinnen selbstgestrickter Pullover und hässlicher Sandalen, die vielleicht mit ihrer Brut auf dem Weg zu einer Rötel-Party waren.

Roberts* Einbildungen verleiteten ihn dazu, haltlose Anschuldigungen vorzutragen, seine Freunde zu beleidigen und in jedem, der seinen offensichtlich unbegründeten Anklagen keinen Glauben schenkte, einen Feind und Verfolger zu sehen. Seit einigen Jahren hält ein Medikamentencocktail die schizophrenen Schübe im Zaum und ermöglicht es ihm, einer Beschäftigung nachzugehen. Der Preis ist hoch: Sein Gesicht ist aufgequollen, seine Gefühle abgestumpft. Er sehnt sich nach überschäumender Lust. Er weiß, dass die Gefahr nicht gebannt ist, abzugleiten in jene Welt, wo um ihn herum nur noch Mauern sich erheben.

Ihr Mann musste mit Gewalt aus dem Krankenzimmer entfernt werden, als Beate* unmittelbar nach der Geburt eine Bluttransfusion erhalten sollte. Lieber hätte er sie sterben lassen, denn seine religiösen Überzeugungen verbieten es, sich mit fremdem Blut zu beschmutzen. Die Ärzte setzten sich über seinen Willen hinweg.

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Es gibt viel berechtigte Kritik an der modernen Apparate- und Pillenmedizin. Ärzte sind keine Halbgötter in Weiß und ihnen ist nicht mehr zu trauen als jedem anderen Berufsstand. In der Pharmaindustrie regiert selbstverständlich das Gewinnstreben, wie anderswo auch. Und außerdem - entgegen allen dummen Kalendersprüchen: Gesundheit ist nicht das höchste Gut! Was krank und was gesund sein soll, ist kulturell und historisch bedingt. Skepsis gegen allen normativen Setzungen ist hier - wie sonst auch -  angebracht.

Dennoch: Hinter mancher Kritik am modernen Gesundheitssystem und allen seinen unbestreitbaren Mängeln verbirgt sich ein gefährlicher Anti-Modernismus, der aus den Krankheiten wie aus einem Kaffeesatz bedeutsame Zeichen herausliest: „Gottes Wille“, Botschaften aus der Tiefe unserer Psyche oder Hinweise auf den allgemeinen gesellschaftlichen Niedergang. Mutter Theresas, der unseligen Fatalistin, Anhängerschaft verbündet sich hier auf ungute Weise mit esoterischen „Zurück-zur-Natur-Aposteln“, religiös-fundamentalistischen Wissenschaftsfeinden und gesellschaftskritischen Apokalyptikern. Wiewohl diese Kreise in ihrer Wahrnehmung und Analyse der Wirklichkeit einander kaum ferner stehen könnten, so sind sie sich doch einig darin, die Erkrankung als eine Metapher zu verstehen, wahlweise für die Ergebenheit in Gottes Willen, die Zerrüttung der Seele durch moderne Lebenswelten, den Raubbau der Zivilisation an der Natur, die Verkommenheit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung.

Susan Sontag, die 2004 an Krebs starb, hat schon 1978 die verdeckte Bosheit einer Wahrnehmung der „Krankheit als Metapher“ gebrandmarkt.  In den Vereinigten Staaten wurde es damals Mode Krebs als Ausdruck einer Unfähigkeit des Kranken zu begreifen, seine Gefühle auszudrücken und auszuleben. Die Verbreitung der Krankheit zeigte also den Metaphorikern an, wie verklemmt und scheinheilig die Gesellschaft war. In den 80er Jahren, so nahm Sontag es wahr, trat AIDs an die Stelle von Krebs und wurde von unterschiedlichen Gruppen und mit verschiedenen Absichten als Metapher für gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebensentscheidungen missbraucht.

Heute, so scheint es mir, wenn ich die Zeitschriften und Zeitungen durchblättere, haben psychosomatische und psychische Erkrankungen diese Rolle übernommen: ADHS, Burn Out, Depression. Die Krankheitsmetaphoriker suchen sich Krankheitsbilder, die verbreitet und diffus sind: „Any important disease whose causality is murky, and for which treatment is ineffectual, tends to be awash in significance.“ (Susan Sontag, Illness as metaphor). Der Körper und die in ihm stattfindenden chemischen Prozesse, die genetischen und biologischen Ursachen werden ignoriert, damit die Metapher trägt und ihr hermeneutisches Potential entlädt.

Wir brauchen Erzählungen und Metaphern, um uns zu verstehen. Und ich möchte Missverständnissen vorbeugen: Selbstverständlich gibt es einen Zusammenhang zwischen körperlichem und psychischem Wohlbefinden, ja tatsächlich sind beide gar nicht voneinander unabhängig zu begreifen. Doch das Leid der Kranken sollte nicht als Zeichen gelesen werden. Es ist keine Sprache, die zu entschlüsseln und zu interpretieren ist. Krankheiten sollten –so weit möglich -  geheilt und Schmerzen gelindert werden.




*Name geändert

Kommentare:

  1. Schlimm das dadurch ausgelöste Gefühl der eigenen Schuld am Ausbruch der Krankheit und/oder am Ausbleiben der Heilung und der daraus resultierende Druck.
    Aber was macht uns empfänglich für diese Krankheitsmetaphorik? Die Angst vor Leiden und Tod und der damit verbundene Wunsch nach einer Illusion von Sicherheit und der Möglichkeit, mit der nötigen Einstellung alles kontrollieren zu können?

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  2. Liebe Iris, es ist wohl unser zwanghafter Versuch, allem einen Sinn, eine Bedeutung zu geben. Es kann doch nicht sein, dass etwas, das so schlimm ist wie eine schwere Krankheit, einfach keinen Sinn hat, nichts bedeutet, schlicht geschieht.

    Ein Ausweg könnte sein: Zu verstehen, dass wir es sind, die dem Schrecken Sinn geben. Also nicht: Die Krankheit ist selbst sprechend. Sondern: Wir lassen sie sinnstiftend wirken. Dann allerdings haben wir die Verpflichtung, denke ich, nur Bedeutungen zuzuschreiben, die hilfreich sind. Als Kranker kann ich z.B. eine Möglichkeit des Innehaltens und der Klärung des Bewusstseins durch meine Krankheit erleben. Oder als Angehöriger eine Herausforderung an mein Mitgefühl und meine Hilfsbereitschaft. So kann die Krankheit vielleicht im individuellen Leben "Sinn stiften", ohne dass sie zur Metapher für ein gesellschaftliches Problem, eine göttliche Offenbarung oder sonst was wird, was dem Kranken noch diese Last (und Schuld) auflädt.

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  3. ... cf. den begriff "krankheitsgewinn" -

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  4. Der '"sekundäre Krankheitsgewinn" eröffnet eventuell tatsächlich Möglichkeiten s i c h über die Krankheit auszudrücken, also sie in eine Sprache zu verwandeln. Allerdings: Eröffnet sich dieses Feld in jedem Fall? Krebs als Ausdrucksmedium???
    Es müsste ja mindestens einen S p i e l r a u m geben, innerhalb dessen der Kranke inszenierend tätig werden kann. Gelegentlich mag es den geben. Die Hysterikerinnen in der Salpetrière. Eine Idee von Freiheit.

    Die Krankheitsmetaphoriker aber, die Susan Sontag meint, sehen eben nicht den Kranken als Subjekt, sondern die Krankheit. (Und wenn ich ganz böse bin, erkenne ich darin etwas zutiefst Menschenfeindliches; einen Willen die Menschen zu verdinglichen und den Dingen (oder der "Natur", dem "Schicksal") die Herrschaft zu übertragen: Futurismus, Naturkult und Menschenopfer, Sehnsucht nach Weltuntergang.

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