Sonntag, 26. Februar 2012

DACHSCHADEN - wie der "Ich-Zwang" wirkt

"Wenn ein Individuum sich gedemütigt sieht, wenn ihm Gewalt angetan wird, wenn seine Biografie, etwa aufgrund des Verlustes der Arbeit oder des Scheiterns einer Ehe, entwertet, ihm seine Ohnmacht vor Augen geführt wird, der Weg nach vorne versperrt ist, wenn er in einer "Man kann nicht gewinnen"-Situation (Bateson) geraten ist und alle Kompensationsressourcen verbraucht sind, tritt etwas in Kraft, das die zugemutete Negation subjektiv in einen Triumph ummünzt. In einen Triumph allerdings, den der Betreffende nicht genießen kann, der ihm nicht nur nichts einbringt, sondern im Gegenteil alles noch schlimmer macht. In diesem Manöver ist der Betreffende Täter und Opfer zur selben Zeit. Das tätige Opfer einer solchen Gewalt ohne namhaft zu machende Schuldige schadet sich selbst über den aktuellen Anlass hinaus. Dies kann der Betreffende jedoch nicht ohne Weiteres und, wenn überhaupt, nur mit erheblicher, zumeist jahrelanger Verzögerung erkennen. Der selbstzugefügte Schaden überdauert die Wunden." 


aus: Gerrit Confurius: Ich-Zwang, Matthes & Seitz, Berlin 2012


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Ich überlege unentwegt, ob diese klugen Überlegung zur Zwangsjacke des "Ich" nur zufällig beschrieben und ausgeschrieben sind als die eines eindeutig männlichen "Ich"; versuche Confurius´ Zwangs-Ich mit dem "Nicht-Ich" Christina von Brauns zusammen zu denken; weiß noch nicht, wohin mich das führt.

Kommentare:

  1. Begriffslos empirisch (was heißt: soweit ich Ähnliches um mich her und für mich im Alltag miterlebt habe) würde ich diese Strategie, sich eine 'triumphale Gestalt' auch im Unglück zu geben, als 'männlich' etikettieren und daher im o.a. Zitat nicht allein dem Geschlecht des Wortes 'Individuum' zurechnen.

    Dem Aspekt eines zwanghaften, kontrafaktischen und ineffektiven Triumphierens korrespondiert meiner Erfahrung nach in vergleichbaren Phasen/Situationen bei Frauen eine (oft nicht minder ineffektive) Hyperaktivität (bis hin zu einer Neuerfindung seines Selbst) oder/und ein schier endloser Rückgang in sich selbst (bis hin zu einer selbstgewählten Aufspaltung in so etwas wie 'Handelnde' versus 'Seiende').

    Bei beiden Geschlechtern allerdings würde ich die Aussage, daß die Betreffenden diese 'Selbstgestaltung' nicht genießen können, bezweifeln und mir die Frage stellen, ob nicht doch ein subjektives Erleben einer Art von Genuß beim Tragen solch einer Zwangsjacke auftreten kann, welches wiederum den Zwangscharakter befördern hilft.

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    1. Mag sein, aber dann bin ich "fraulich", was ich ggfls ja wirklich bin. (Meine Eltern hatten entsetzliche Angst, ich könne schwul sein. Da ich meinen Zuegungspflichten genüge getan - irgend wer muss ja an die rente denken -, habe ich sie zumindest was diesen Punkt betrifft so halbwegs beruhigen können.)

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    2. Als 'Gendertest' (die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, jede(r/m) bleibt überlassen, wem welches Zettelchen warum auf die Stirn zu pappen ist) taugen Etikettierungen selten, sie wären denn eineindeutig umkehrbar.

      Triumphieren macht mir in schwierigen Lebensmomenten manchmal durchaus Spaß und Freude, ebenso emsig vor mich hin zu wuseln oder den Blick stur nach Innen zu richten. Trotzdem empfinde ich es subjektiv als mir 'fernliegend', während ich das gleiche Verhalten bei männlichen Bekannten in ähnlichen Situationen als 'naheliegend' ansehe, und ebenfals die Häufigkeit seines Auftretens bei Männern mir höher zu sein scheint. Zugegeben, das sample mag keine strenge Zufallsauswahl und eher klein sein, aber vielleicht teilen andere Menschen meine Beobachtung.

      Viel mehr sollte oben gar nicht gesagt sein.

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    3. Ahoi SuMuze,

      wer mich kennt, weiß, dass ich den Genderetikettierungströten (die nicht mit Butler verwechselt werden sollten; sie haben mit Butler in etwa so viel zu tun wie SED-Schulungsmaterial aus den 50ern mit Marx) nur wenig abgewinnen kann, da ich dergleichen tristes Treiben seit eh für Neopietismus halte, für einen moraltheologischen Diskurs.

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  2. @Sumuze - "Hyperaktivität" - diese Beobachtung ließe sich vielleicht mit von Brauns Analyse der Hysterie als (weiblicher) "Nicht-Ich"-Ausdrucksform kurzschließen, vermute ich gegenwärtig bloß, denn ich bin erst am Anfang des Buches von Confurius und des Nachdenkens über diesen Zusammenhang.

    @kritikundkunst - Ich habe erst angefangen - wie erwähnt - Confurius zu lesen. Mir fällt aber auf, dass die Geschlechterfrage (jenseits einer biologistischen Sicht, die ich ohnehin völlig uninteressant finde) nicht thematisiert wird, jedoch konkrete Beispiele immer ein männliches Individuum vorstellen. Mir gefällt an diesem schmalen Buch zunächst mal, dass es die populäre und vielfach popularisierte, also auch vereinfachte Idee des Freudschen Es - Ich - Über-Ich in Frage stellt und die Ich-Konstruktion als Falle begreift. Die Idee des Subjekts (also die Konstitution des "Ich") ist jedenfalls auch in der Philosophie immer männlich codiert, ohne dass dies meist reflektiert wird (obwohl es angeblich geschlechtsneutral gedacht ist, "hat" dieses Subjekt z.B. oft Weib und Kind und Beruf und Haus- und ich gehe mal davon, dass die Herren Meisterdenker hierbei nicht an ein lesbisches Paar dachten ;-) ). Je empirisch sind die Menschen ja ohnehin nie "ein Geschlecht". Dennoch kann es sein, dass es in unserem kulturellen Zusammenhang für Frauen eben näher liegt, der Ich-Zwang-Falle zu entgehen - und stattdessen in die "Nicht-Ich-Zwang"-Falle, die Selbstdekonstruktion durch Hysterie zu tappen. (Ich könnte da einiges empirisches Material zur Untermauerung der These aus Eigenbeobachtung gewinnen. Aber selbstverständlich gibt es auch hysterische Männer, deren Gestus aber in der Tat ziemlich häufig als "schwul'" gelesen wird.)

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