Donnerstag, 9. Februar 2012

PUNK PYGMALION (23): Die Mentorin

Fortsetzung des Brief- und Blogromans: PUNK PYGMALION (hier:)

Jener Leser, den ich zuvor schon einige Male erwähnte und der den Fortgang dieser Erzählung über die Leidenschaft meiner Freundin Emmi zu einem verantwortungslosen Punk aus Dänemark aufmerksam und kritisch verfolgt, schrieb mir vor Wochen eine vorwurfsvolle Mail:

Mir ist klar, dass Teile dessen, was Sie unter PUNK PYGMALION schreiben, fiktiv sind. Jedoch bin ich mir fast sicher, dass sich dahinter eine wahre Geschichte verbirgt. Falls ich mich hiermit irre, betrachten Sie die nachfolgenden Zeilen als gegenstandslos. Dann bin ich eben hereingefallen.--

Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie sich in Ihrem Blog-Eintrag vom 29. Dezember zu PUNK PYGMALION selbst widersprechen? Oben geben Sie vor, die Frau, die Sie ausfindig gemacht haben, zu verstehen, aber mit Ihrem letzten Satz zeigen Sie, wie wenig das zutrifft. Obwohl Maja Ihnen so nachdrücklich und nachvollziehbar klar gemacht hat, dass sie ihren Sohn nicht in diese Angelegenheit hineingezogen haben will, haben Sie offenbar beschlossen, sich mit Lars in Verbindung zu setzen. Finden Sie das fair? Ihre Neugier ist doch keine Rechtfertigung dafür, in das Leben anderer Menschen so massiv einzugreifen, besonders dann, wenn diese deutlich zu verstehen gegeben haben, dass sie das nicht wünschen. Bitte denken Sie noch einmal darüber nach.“

Das habe ich getan. Es war nicht gelogen, als ich schrieb, dass ich Maja verstehe. Ich bin selbst Mutter und auch ich möchte meine Söhne beschützen. Majas Sohn hat eine Familie. Scheinbar, so meint seine Mutter, vermisste er den leiblichen Vater nicht. Was aber Sie, lieber D. (Ich habe Ihnen das inzwischen ja auch per Mail geantwortet) nicht berücksichtigen, ist der Verdacht, den ich hege, seit ich diese beiden Informationen habe: dass Ansgar einen Sohn hatte und dass Emmi im Sommer 2011 mit einem jungen Mann in Südfrankreich auftauchte, der sich kleidete und aussah wie der Punk, den Emmi in den 80er Jahren liebte. Wenn das stimmte, was ich vermutete, so dachte ich, dann spielte es gar keine Rolle mehr, ob ich nach Lars suchte, denn dann war er schon in diese Geschichte verwickelt – durch Emmi. Aber ich nahm mir die Mahnung des Lesers zu Herzen und mühte mich vorsichtig vorzugehen. Ich stieß auf den Facebook-Account eines jungen Mannes, dessen Name und Daten mit jenen von Ansgars Sohn übereinstimmten, jedenfalls die, die frei zugänglich waren. Was mich beruhigte, war ausschließlich, dass Maja Lars nicht vermisste, sondern offenbar auch nach dem vergangenen Sommer noch Kontakt zu ihm hatte. Ende Januar war ich in Berlin und fragte an der UDK, wo Ansgar nach Majas Angaben studiert, nach dem jungen Mann. Ich gab vor ihn für ein Galerie-Projekt kontaktiert zu wollen. Im Sekretariat der Hochschule bestätigten sie, dass Lars eingeschrieben sei, doch mache er zur Zeit ein Urlaubssemester. Eine Studentin, die  hinter mir wartete, hörte meine Frage.

„Der Lars? Wollen Sie den für eine Skulpturen-Schau?“
„Ja. Kennen Sie ihn?“
„Klar. Wir sind im gleichen Semester. Ziemliche coole Sachen macht er. Dieses Fatherhood-Ding ist klasse.“
Ich zog die Augenbrauen fragend hoch.
„Kennen Sie das nicht? Er hat einen Skizzenblock von seinem Vater. Unrealisierte Steinskulpturen. Die haut er. Und stellt jeweils ein eigenes Modell daneben. Die Antwort des Sohnes sozusagen.“
„Sein Vater?“
„Ja, So genau weiß ich das auch nicht. Der ist irgendwie verschwunden. Lars beschäftigt sich sehr stark damit. Und dann ist letztes Jahr noch so eine Frau aufgetaucht, die den kannte, den Vater meine ich.“
Bei der Erwähnung dieser Frau schürzte sie die Unterlippe. Sie mochte die offenbar nicht. Eine Frage fiel mir nicht ein, aber ich bemühte mich interessiert und aufmunternd zu  schauen.
„Na egal, mit der er hängt seitdem rum.“
„Wie finde ich ihn?“
„Wenn ich das wüsste. Aus seiner Wohnung ist er ausgezogen im Sommer letzten Jahres. Zu dieser ...ich hab vergessen wie die heißt. Die Adresse von der weiß ich nicht. Er kam dann noch hier ins Atelier, aber jetzt habe ich ihn schon eine Weile nicht gesehen. Ich hab´  noch seine Handy-Nr. Wenn Sie wollen...“
„Gerne; das hilft mir sehr weiter.“
Sie schrieb mir die Nummer auf die Rückseite eines Formulars, das im Sekretariat auslag und begann dann mit der Sekretärin über eine ausstehende Lieferung Metallplatten zu verhandeln. Ich ging.

Den Zettel mit der Nummer habe ich in meinem Portemonnaie, aber ich habe mich  noch nicht getraut anzurufen. Die Frau, die Lars Vater kannte, das kann nur Emmi sein. Sie lebt also mit Ansgars Sohn, wahrscheinlich wieder in Berlin, zusammen. Sie hat sich in den Sohn ihres Liebhabers verliebt. Oder hat sie das nur vorgetäuscht? Warum ermuntert sie ihn, sich in seinen Vater zu verwandeln? Denn ich glaube, dass sie genau das tut. PUNK PYGMALION. Wir dachten immer, Ansgar habe sich aus Emmi sein PUNK-Ideal geschaffen und dass diese Verwandlung etwas in ihr zerbrochen hatte. Warum war sie mit Lars in den Süden gereist im Sommer auf den Spuren jener letzten Reise von Ansgar? Im vergangenen November schrieb mir Emmi einige verzweifelte Mails, die mich drängten, zu einem Ende dieser Erzählung zu kommen. Über ihren Aufenthaltsort ließ sie mich wie auch ihre Mutter und ihren Ex-Mann im Unklaren. Unsere Sorgen ignorierte sie. Dann meldete sie sich gar nicht mehr. Noch immer weiß ich nicht, was in Barcelona 1985 geschah, nachdem Ansgar die letzten Briefe an Emmi geschrieben hatte, in denen er sie anflehte, zu ihm zu kommen.

Immer wieder nehme ich diese Briefe vor und versuche zu begreifen, was sie ausdrücken. Die vorletzte beginnt mit diesen Lines aus „The Dichotomy“:

„Hey did you find the pieces your mentor left behind? and did you care, did you trade his genius for your despair? did you walk the line? did you see the mongrels on either side? did greasy fingers grasp for pieces of your mind?“


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