Sonntag, 15. April 2012

Vermischtes: VOM WAHREN, GUTEN UND SCHÖNEN (oder: Gruppen sind eben nur in der Theorie erotisch)


Die Wahrheit ist in Wahrheit ziemlich hässlich
Es ist wahr: Wahre Religion geht mir auf die Nerven. Die Zeugen Jehovas an der Tür, die Mormonen mit ihren dunklen Anzügen und gescheitelten Haaren und jetzt die Salafisten mit ihren Stofftragetaschen. Ich nehme nix: Keinen „Wachturm“ und kein „Buch Mormon“ und keinen Koran (Ich habe schon einen). Interessant ist, dass abstoßende Geschmacklosigkeiten sich bei allen überzeugten Anhängern „wahrer“ Religionen finden. Wer glaubensfest ist, scheint´s, schätzt Zeichnungen auf dem Niveau von Grundschulstrebern, Hosen aus kratzigem Stoff oder fette Goldimitat-Ketten um den Hals. Die Wahrheit ist in Wahrheit in der Regel ziemlich hässlich. Auf die Weise, immerhin, sind die Wahrheitsapostel grundehrlich. Das rechne ich ihnen als Verdienst an. Darin unterscheiden sie sich von gewissen Abgeordneten und Parteivertretern, die das Grundgesetz hochhalten und vorgeblich die Freiheitsrechte verteidigen, aber nur solange die Freiheiten keiner in Anspruch nimmt, der sie stört. Da werden sie eklig, schimpfen sich eins vor blauweißem Leberkäshimmel oder schwarzrotgolden beflaggter Zentrale und drohen mit rechtlichen Schritten. Wichtig ist aber nur, dass Sie das Buch nicht auf den Boden legen, falls Sie es annehmen.

„Nicht mein Patent“: Beklau mich! (Urheberrecht 1923)
Das ewige Leben ist außerdem sowieso abzulehnen, wie ich gestern Abend erneut gewahr wurde. Das tschechische Herz meines Begleiters war gerührt durch die Oper „Die Sache Makropulos“ von Leoš Janáček. „Vielleicht ist es nur Einbildung, doch fühlt sich für mich die Musik tschechisch an.“ Erklären kann ich das  nicht, aber gespürt habe ich diese Verbindung auch, besonders dann, wenn Vater Prus seinen Sohn als „Janku“ anruft, gerade so wie sein Großvater meinen Ältesten ansprach im Vokativ, einem Fall, den das Deutsche nicht kennt. Susan Bullock singt und spielt in Frankfurt die E.M., die schon 300 Jahre lebt und alles Liebesleid und allen Weltschmerz über hat. Janáček hat Stoff und Titel aus einer Komödie Karel Čapeks übernommen. Im Frankfurter Programmheft ist nachzulesen, wie auch damals das fälschlich „Urheberrecht“ genannte Verwertungsrecht nicht der Kunst und den Künstlern diente. Čapek schreibt an Janáček: „Wie ich Ihnen schon sagte habe ich von Musik – und insbesondere von Ihrer Musik – eine zu hohe Meinung, um sie mir mit einem sehr unpoetischen und zu geschwätzigen Konventionsstück, wie meine Sache Makropulos eines ist, vorstellen zu können. (...) Aber auf diese aufrichtigen Zweifel brauchen Sie keine Rücksicht zu nehmen; schlimmer ist, dass ich (...) in dieser Hinsicht gebunden bin, und zwar durch den Vertrag mit dem amerikanischen (und Welt-) Vertrieb H. Bartsch, dem ich nach den üblichen Gewohnheiten zusichern musste, dass das Werk zehn Jahre lang weder verfilmt noch vertont wird. Ich denke, dass man mit dieser Klausel nichts machen kann. Aber dafür, teurer Meister, hindert Sie nichts daran, ohne Rücksicht auf mein Stück eine Handlung zu erfinden, in der das 300jährige Leben und seine Qualen den Mittelpunkt und die Achse bilden in einem besser geeigneten Rahmen, als mein Stück ihn bietet. Es ist doch nicht mein Patent; (...).“

„Nimm mich!“ (Es kommt drauf an, kein Brett zu sein)
Einer Beilage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung entnehme ich, dass Bad Homburg auf der Höhe sein hundertjähriges Jubiläum feiert. Das wundert mich. Den Ort freilich gibt´s schon länger, aber Kur- und Badeort darf man sich erst seit 100 Jahren nennen. Also, schließe ich, war´s keiner, als Hölderlin dort unterkroch bei seinem Freund Sinclair, nachdem der Bankier Gontard das Verhältnis seiner Frau mit dem Hauslehrer seines Sohnes aufgedeckt hatte. Hölderlin hatte nichts mehr zu beißen und nichts mehr zu hoffen, er steigerte sich in wirre Projekte und verlor sich in hochfliegenden Träumen. Und schrieb: „Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, dass es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt! Neide die Leidensfreien nicht, die Gözen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Reegen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte. Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glücklich zu seyn mit seichtem Herzen und eingeschränktem Geiste. Gönnen kann man´s euch; wer ereifert sich denn, dass die bretterne Scheibe nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trifft, und der Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?

Die gute Nachricht der Woche (Whaddya mean, ´take the train´?)
Lady Gaga steigt in Sydney aus Privatjet
Die Hersteller von Business Jets hoffen auf bessere Zeiten. Man kriegt das ja nicht so mit, das heißt, mir entgeht sowas. Doch es ist eine Wahrheit unserer Zeit, dass die Produzenten von Privatjets in Turbulenzen geraten sind. So ein kleiner Jet kostet zwischen zwei und drei Millionen Dollar, also gar nichts im Vergleich zu den 400 Millionen Dollar, die für einen Airbus A380 zu bezahlen sind. Andererseits kann so ein kleiner Jet auch nur eine Handvoll High Potentials von Dubai nach Singapore fliegen, beispielsweise, während ein Airbus ganze Abteilungen durch die Luft transportiert und auch viel mehr  Arbeitsplätze für Bordpersonal schafft. Es sei, berichtet mir der Economist, nach der Finanzkrise 2008 der Absatz schnittiger Privatjets eingebrochen. Die Analysten sind aber zuversichtlich, dass sich der Markt erholen wird. Russische Oligarchen und Potentaten aus dem Mittleren Osten modernisieren und vergrößeren ihre Flotten wieder. Das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht.

Dicke und Schwaben (Sadomaso-Stammtische halten nicht, was sie versprechen)
Doch, als Wort zum Sonntag sei´s euch mitgegeben, auch der Hedonismus stößt an seine Grenzen:
Vor Jahren hat er einmal, ein einziges Mal, einen sadomasochistischen Stammtisch besucht – so wie es bei einem einzigen Tag Tantraseminar blieb, Gruppen sind eben nur in der Theorie erotisch, in der Praxis bilden die Dicken und Schwaben stets die Mehrheit...“ (Navid Kermani: Dein Name)

Kommentare:

  1. "sadomasostammtische halten ihre versprechen nicht..."

    Nein, auch nicht die polyamoriestammtische?

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  2. Ich bin überfragt. War seit 20 Jahren bei keinem Stammtisch mehr, weder so´nem noch so´nem. Aber wenn´s der Herr Kermani sagt...Unangezogene Schwaben sind wirklich schwer erträglich ;-).

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