Mittwoch, 23. Mai 2012

SUCHTVERHALTEN (Ohne Leidensdruck) (1971 - heute)


Großmutter hatte keinen Begriff für das Phänomen, doch sie machte sich  Sorgen. Das Kind, das ich war, zeigte eine „Kombination verschiedener Verhaltensauffälligkeiten“, die Großmutter dazu veranlassten, erzieherische Maßnahmen zu ergreifen. Sie musste feststellen, wie die Enkelin immer wieder „die Kontrolle über die Zeit“ verlor, sich in „Scheinwelten zurückzog“, was ihr, der Großmutter als eine „Flucht aus der realen Welt“ erschien. Mehr und mehr, so beobachtete Großmutter, nahm das Mädchen für den Konsum, dem sie verfallen war, auch „Nachteile in Kauf“, verspätete sich beinahe zum Unterricht und vernachlässigte ihre häuslichen Pflichten.
Großmutter versuchte mit Verboten gegenzusteuern: nicht vor dem Schlafen gehen, nicht länger als eine Stunde, nicht ohne Gegenleistung wie Treppe putzen oder abwaschen. Es half nur scheinbar. Denn das Kind, das ich war, entwickelte viele Strategien: Es las unter der Decke mit einer Taschenlampe, es las, während es abwusch, indem dem es das Buch neben die Spüle legte, es las im Bus zur Schule. Es kniff manchmal misstrauisch die Augen zusammen, um zu prüfen, ob sie wirklich „verdorben“ waren, wie Großmutter behauptete. Es träumte sich in Scheinwelten. Tagelang lebte es in einer Parallelwelt als Indianerin oder trug eine Rüstung im mittelalterlichen England. Es schlug sich durch den Dschungel und tanzte auf rauschenden Bällen des Ancién Regimes. Das Kind, das ich war, hat nie wieder ganz in die Wirklichkeit zurückgefunden. Der Konsum der Droge wurde über die Jahre noch gesteigert, die Abhängigkeit nahm zu. Die Großmutter, wenn sie sähe, wie der Haushalt der Enkelin unter der Sucht leidet, schlüge die Hände über dem Kopf zusammen. Doch mir, die ein Kind war, an dem jeder Rettungsversuch der wohlmeinenden Großmutter versagte, fehlt bis heute der Leidensdruck, um mich einer Therapie zu unterziehen.
____________________
Zitate im ersten Absatz aus dem Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Mechthild Dyckman zum Thema "Internetsucht von Jugendlichen" (2011) 

Kommentare:

  1. Schwester. ;-)
    http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de/2012/05/orientierung.html

    AntwortenLöschen
  2. Ja, Du!
    Sehr schöner Text, drüben bei Dir!

    AntwortenLöschen