Freitag, 11. Januar 2013

DIE ANDERE I ("Ehe im Eimer")


(eine Fortsetzung zu der dreiteiligen Wintererzählung: DER ANDERE)*


„Ist deine Ehe im Eimer?“ Vera musste über diese direkte Frage sogar lachen. „Ist im Eimer, ja.“, sagte sie. „Dachte ich mir, als du anriefst. Wir haben uns ewig nicht gesehen.“ Damit hatte Tante Hedi recht. Vera hatte sich seit dem Tod ihrer Mutter nur selten bei deren Schwester gemeldet;  Grußkarten zu den Feiertagen, ein Anruf jedes Jahr zum Geburtstag. Vera wusste nicht mal genau, warum sie Hedi um dieses Treffen gebeten hatte. Das machte aber nichts, denn Hedi wusste es offensichtlich. „Einen Schnaps?“ Hedi hielt die Flasche schon in der Hand. „Selbst gebrannt von Wolfgang.“ Hedi stellte zwei kleine Gläser auf den Tisch und goss sie bis zum Rand voll. „Denn man zu.“ Vera hob ihr Glas und kippte den Inhalt in einem Zug runter. Sie schüttelte sich. „Forsch.“ Hedi lachte. „Preise gewinnt er damit nicht. Aber Wirkung hat es, das Zeug.“ Wolfgang, dessen Schnauzer sie mächtiger in Erinnerung gehabt hatte und dunkler, hatte sie zur Begrüßung nur kurz angegrunzt und sich dann mit seinen Schlappen und seiner Zeitung in einem Ledersessel im Erker verschanzt. Gesprächig war er noch nie. So war es immer schon gewesen, jedenfalls soweit Vera sich erinnern konnte. Wolfgang war da, aber spielte keine Rolle, nicht hier, nicht, wenn die Frauen unter sich waren. Ob er dabei saß oder nicht, war gleich, es wurde über Frauenkrankheiten, Männergeschichten und Unterwäsche geredet. Es musste allerdings Menschen  geben, die einen anderen Wolfgang kannten. Das große Haus mit dem Pool im Garten, die drei dicken Autos, die Pferde für Cousine Linda, all das hatten Wolfgangs Wald und sein Holzhandel finanziert. Als er sich vor einigen Jahren zur Ruhe setzte, hatte er beides, wie Jochen, woher auch immer, erfahren haben wollte, für einen „exorbitanten Preis“ verkauft.

„Ist der Herr Chefarzt fremdgegangen?“ Hedi fragte das beiläufig, ohne jeden Vorwurf in der Stimme. „In eurer Generation ist das ein Trennungsgrund, stimmt´s?“ Vera warf aus den Augenwinkeln einen Blick zum Ledersessel. Keine Reaktion dort. Sie antwortete nicht direkt. „Ihr mögt ihn alle nicht. Valentin. Du. Auch Papa konnte ihn nicht leiden. Glaubst du, Mama hätte ihn auch abgelehnt?“„Keine Ahnung, ehrlich.“ Hedi überlegte ernsthaft. „Es hätte ihr vielleicht gefallen, dass er was hermacht.“ Vera nickte. Ihre Mutter hatte auf Formen und Status Wert gelegt. Schnaps vor Mittag wäre bei ihr undenkbar gewesen. Komisch nur, dass so eine an ihren Vater, den Tschechen, geraten war, der sich über alle Konventionen immer nur lustig gemacht hatte. „Warum mögt ihr ihn nicht?“ Sie wusste auch nicht, weshalb sie das jetzt noch fragte. Die Frage hätte ich vor fünfzehn Jahren stellen sollen, dachte sie. Jetzt ist es doch völlig egal. Hedi antwortete nicht sofort. Sie nippte noch einmal an ihrem Glas, bevor sie es energisch auf den Tisch stellte. Was sie dann sagte, kam für Vera unerwartet. „Weil du ihn nicht liebst.“ Schlagartig war ihr klar, warum sie gefragt hatte. Sie hatte über Jochen lästern wollen. Hören, dass er arrogant war, egoistisch, rücksichtslos, gefühllos. Es nicht selber sagen, sondern sagen lassen. Wie er sie behandelte, so herablassend, bevormundend, so selbstgefällig. Das hatte sie hören wollen, von Tante Hedi, die ihn nicht leiden konnte. „Schau mich nicht so an.“, sagte Hedi. „Es stimmt doch.“ Sie wollte es leugnen, unbedingt. „Ich habe mich so nach ihm gesehnt.“  Hedi nickte, als sei das kein Widerspruch zu dem, was sie gerade gesagt hatte. So ähnlich hatte Vera es auch vor beinahe einem Jahr Valentin, ihrem Bruder, gegenüber formuliert, in Zlin, von wo aus sie noch mal zurückkehrt war zu Jochen: „Ich sehne mich immer noch nach ihm.“ Hedi nickte erneut, dehnte das Schweigen offenbar bewusst aus. Was sollte Vera klar werden durch dieses Schweigen? Sehnsucht ist nicht Liebe. Ich habe nicht ihn gewollt. Habe ich ihn nie gewollt? „Er war perfekt. Gutaussehend. Erfolgreich. Wohlhabend. Und verliebt. Verliebt in dich. Rote Rosen. Spontane Ausflüge ans Meer. So romantisch.“ „Das klingt so berechnend.“ „Sei mal ehrlich.“ „Ich habe nie an sein Geld gedacht. Oder seine Position.“ „Aber sie gerne in Kauf genommen. All die Vorteile.“ Vera schluckte. Das denken alle über mich. Valentin. Papa. Sie haben alle immer gedacht, dass ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe. Mr. Perfect für die kleine Prinzessin Etepetete.

War es so gewesen? Sie hatte sich nach Jochen verzehrt. So erzählte sie sich die Geschichte. Jochen, der immer unerreichbar geblieben war. Der Chefarzt. In dessen Leben sie nur einen fest umrissenen Platz zugewiesen bekommen hatte. Der nie Fragen stellte. Der immer den passenden Wein bestellte. Hatte sie ihn deshalb genommen? Weil sie ihn nicht liebte und nicht lieben konnte? „Das ist doch Unsinn“, sagte sie. „Ich war nie abhängig von ihm. Finanziell meine ich. Ich habe ihn sehr geliebt.“ Hedi schüttelte den Kopf, traurig. „Ich kann ihn nicht leiden. Da hast du Recht. Ich konnte ihn nie leiden, weil du keine Chance hattest, mit ihm glücklich zu werden.“ Vera stand auf. „Das stimmt doch nicht. Wir waren glücklich. Als Jana geboren wurde. In den ersten Jahren mit ihr.“ 

Sie trat ans Fenster und sah hinaus in den Garten. Der Pool war abgedeckt um diese Jahreszeit. Hinter der Mauer konnte man weit übers Land schauen. Sie war jahrelang nicht mehr hier gewesen. Seit Mutters Tod? Das war die Landschaft, in der ihre Mutter groß geworden war. Flach, weit, stumm. Der Schnee war weggetaut, nur ein paar matschige, weiße Klumpen verteilten sich über die braune Fläche. Der Himmel dagegen dröhnte geradezu grellblau darüber, mit einer einzigen wattigen Wolke am Horizont. „Ich will nicht mit dir streiten, Vera. Auch nicht, wenn du deswegen hergekommen bist.“ Hedi klang verletzter, als sie es ihr zugetraut hatte. Vera drehte sich herum. „Ich bin nicht gekommen, um zu streiten. Ich bin gekommen, weil...“ Hedi trat auf sie zu: „Weil deine Mutter tot ist. Weil du nicht zu ihr gehen konntest.“ Sie öffnete die Arme und Vera ließ sich gegen sie fallen. Ihre Schultern zuckten. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr zum Weinen war. Es war so viel zu erledigen gewesen in den letzten Wochen und Monaten. Jochens ungläubiges Staunen. Die gescheiterte Therapie. Gespräche mit den Anwälten. Die Wohnung in Ginnheim. Janas Zorn auf sie. Kongresse. Hedi schob sie ein wenig von sich weg? „Und – gibt es einen Anderen?“

Fortsetzung folgt

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* Das Erzählen im Blog (Literarisches Schreiben im Web 2.0) kann die Möglichkeiten der Serie nutzen, anknüpfen an den Kolportage-Roman des 19. Jahrhunderts; das hat mir von Anfang an gefallen und damit habe ich in der Vergangenheit auf vielfache Weise gespielt. Es müssen nicht immer Cliff-Hanger sein; sie dürfen aber vorkommen. Eine Serie kann - wie es mir bei PUNK PYGMALION gegangen ist - beinahe unabsichtlich zu einer geschlossenen Form, einem Roman, werden; sie kann auch schon so geplant sein, wie ich es in MELUSINE FEATURING ARMGARD und dem Ableger "ICH KÜSSE MEIN LEBEN IN DICH (Die Martenehen)" versuche. Hier geht der "Plot" der Erzählung voraus und die Figuren werden erst nach und nach lebendig, gewinnen ein Eigenleben (das die Erzählung auch empfindlich stören kann). Es gibt auch Serien, wie Wildermuths Elbin, die sich nicht aus einer Geschichte im Kopf entwickeln, sondern aus Sätzen oder sogar aus einzelnen Worten oder Wortspielen. Andere wiederum entstehen allein aus einer einzelnen Figur, die plötzlich präsent wird. So war es bei Frau K. (Und ohne ihre Geschichte zu Ende zu erzählen, verschwand sie wieder). Manchmal sind es auch mehrere Figuren wie in FRAUENSACHEN. Vier Frauen, Sex und der Tod. Bei diesen Erzählungen, die von Grund auf aus Figuren entstanden sind, die für mich manchmal so lebendig und real sind, wie "wirkliche" Menschen, kann ich nie sicher sein, ob sie "abgeschlossen" sind. Ich dachte es zum Beispiel bei FRAUENSACHEN - und dann tauchte Elke wieder auf. Ein weiteres Kaffeekränzchen folgt, denke ich. Vera aus DER ANDERE, einer Erzählung, die ursprünglich auf einen Kommentar von Hans62 zurückging, besucht mich schon länger wieder. Ihre Geschichte geht weiter, offenbar. Während sie nach dem Tod ihres Vaters in Zlin dessen Vergangenheit entdeckte und ihre Gegenwart ihr schmerzlich bewusst wurde, ist sie diesmal auf den Spuren ihrer Mutter. Deshalb heißt die Folge diesmal DIE ANDERE. Um der Symmetrie willen müsste sie auch dreiteilig sein. Schaun wir mal.

Kommentare:

  1. Ein fein ausgerolltes Familientableau mit einer durchweg personalisierten Erzählhaltung aus der Sicht Veras. Man fragt sich immer, wie weit die eigene Identifikation mit dem gewählten Protagonisten geht. In der Figur Vera spüre ich eine Art Befreiungstendenz oder Loslösung. einmal aus der Ehe, durch den Tod der Eltern und aus dem geschwisterlichen Konkurrenzverhalten gegenüber dem Bruder. Im ersten Teil merkt man ihre Irritation durch die eigene vage Sehnsucht nach einer neuen Liebe aufgrund dieser undefinierbaren männlichen Aura Jan Klimas.
    Ja, was fiel mir noch so auf. Kleinigkeiten: eingestreute Anglizismen, die den Text modern wirken lassen, eine Schneewetterbeschreibung, die sich in beiden Teilen ähnelt: "Schmutzig gelbgrauer Matsch" (T.1 S. 6 Mitte) und "matschige, weiße Klumpen" im neuen Teil. In beiden Teilen ist es Winter, als wären vielleicht irgendwelche Gefühle eingefroren, die auf Tauwetter warten.
    Bei den so mit wenigen Pinselstrichen gezeichneten Wolfgang musste ich an den Stil Munros denken. Der Schluß des jetzigen Beitrags von "Die Andere" ist aber eindeutig ein Cliffhanger: Erzählt sie nun etwas über Jan Klima? Hat sie ihn wiedergetroffen. Liebt sie ihn sogar? Spannend und ein großes Danke für all das hier ganz kostenlose Erzählen!

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  2. Die Anmerkung über die Anglizismen gibt mir zu denken. Ich verwende sie nicht bewusst, um einen Eindruck von Modernität zu erwecken, sondern nur dort, wo ich sie auch im Alltag benutze. Andererseits: Ich gehöre nicht zu den Sprach-Puristen, die sich für den Erhalt der deutschen Sprache im Zustand von 19xx einsetzen würden und erst recht nicht zu denen, die Sprache für das Eigentum einer sich selbst als gebildeter empfindenden Schicht/Klasse halten, die deren Entwicklung überwachen und reglementieren darf. Also: Ich stehe zu den Anglizismen, stelle ich nach einer Schrecksekunde und einigem Überlegen fest ;-).

    Mit Alice Munro kann ich mich nicht vergleichen. Sie ist eine Artistin und ich...bin bestenfalls Handwerkerin.

    Es sind Wintererzählungen, ja, zu Vera passt keine andere Jahreszeit. Sie tauchte in einem heißen Sommer auf, kam aber aus dem Winter, immer.

    Die "eigene Identifikation" - wer weiß das schon? Die Figur der Vera hat jedenfalls mit mir, der Autorin, vom Geschlecht abgesehen, kaum biographische Überschneidungen. Sie ist ca. 10 Jahre jünger; sie stammt aus einer "gutbürgerlichen" Familie mit väterlicherseits "Migrationshintergrund", beide Eltern sind tot, sie hat eine Tochter und ist mit einem Chefarzt verheiratet. Nur eines hat sie auf dieser Ebene mit mir noch gemeinsam: einen jüngeren Bruder. Meiner ist allerdings weder Fotograf, noch groß und schlaksig; wir stehen uns außerdem nah und sind beide eingefleischte Eintracht-Fans! Trotzdem steckt vielleicht etwas von mir in dieser Vera - oder umgekehrt.

    Mal schauen, wie es weitergeht (Ich weiß es schon, muss es aber noch aufschreiben!)

    LG

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