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Freitag, 28. Februar 2014

DAS HERZ DES VERBRECHENS (oder: George, Dick und Don)

Das Erste, was sie versuchten, nachdem die Wirkung der Sedative nachließ, war die Tapete abzukratzen. Beziehungsweise das, was sie zunächst für eine Tapete hielten. Ihre Reaktion war verständlich. Die Wände dieser gigantischen Halle, in der sie erwachten, waren von oben bis unten mit Bildern und Inschriften versehen. Großformatigen Fotografien von Eingeweiden, die aus Bäuchen platzten, zerfetzte Beine, aus denen Knochenteile ragten, verbrannte Leichenteile, schreiende Mütter hinter Lastwagen, auf denen ihre Söhne abtransportiert wurden, Trauernde, die Kindersärgen folgten, Szenen aus notdürftigen OPs, wo mit Sägen Extremitäten abgetrennt wurden, Brandwunden an Armen, Beinen und in Gesichtern, glatte Durchschüsse und mit Schrot versehrte Körper; alle zehn- oder hundertfach vergrößert; die Farbigkeit - Blut, Blut, Blut überall - extrem übersättigt oder aber brutal in Schwarzweiß-Kontraste gesetzt. Kein Wunder, dass sie die Schriften zunächst nicht beachteten. Ortsangaben und Jahreszahlen waren es zumeist, Namen und Altersangaben; versteckter, kleiner waren die Botschaften angebracht, die sich unmittelbar an die drei Gefangenen richteten.

Es war keine Tapete, das bemerkten sie schnell. Die Bilder und Wände waren mit etwas wie Lack überzogen, an dem ihre Nägel sich abschürften, aber keine Spuren hinterließen, nicht einmal Kratzer. Dick war es, der sich zu Anfang am meisten aufregte. Er begriff: Sie waren in die Hände der Feinde gefallen; sie waren entführt, gefangen und sollten bestraft werden. Er fluchte und beschimpfte die, von denen er glaubte, dass sie dahinter steckten. Dann stieß er Drohungen aus. Er folgte damit einem psychischen Muster, das sich als effektiv erwiesen hatte: Den Gegner definieren, aus der Verbindung von Wut und Selbstgerechtigkeit jene Klarheit erzeugen, die alle Skrupel ausblendet und zur Vernichtung befähigt. Mit dieser drohte er, wie gewohnt und bewährt, laut, dröhnend. Doch damit waren die Parallelen zu seinen bisherigen Manövern erschöpft. Dick, der ihre Verbrechen geplant und arrangiert hatte, war in dieser Halle erstmals plan- und hilflos. Denn der Gegner gab sich nicht zu erkennen und stellte nichts zur Verfügung, womit Dick arbeiten konnte. Dick hatte hier keine Macht. Das zu erkennen, kostete ihn, den Analytiker und Schnelldenker mehrere Stunden. Stunden, in denen er in der Halle herummarschierte, schrie, tobte, ätzte, seine Wut gegen die beiden Mitgefangenen richtete, seine Drohungen erneuerte. Selbstverständlich war es auch Dick, der die Kameras hoch oben unter der Decke der Halle zuerst entdeckte und der glaubte, in jenen ersten Stunden und Tagen zumindest, er könne sie nutzen, um eine Kommunikation anzufangen, einen Deal  einzuleiten, durch den er sich herausschwätzen und -lügen könnte, zur Not, das zeigte sich, auch auf Kosten und zu Lasten seiner Mitgefangenen. Dennoch gelang es Dick schließlich die Kälte und Präzision, mit er vordem den Apparat der Macht in Gang gesetzt hatte, mit seinem Selbsterhaltungstrieb zu verbinden. Er wusste, wie gefährlich es für ihn, der das fremde Herz in sich trug, war, sich so maßlos zu erregen. Er zwang sich nach und nach zur Ruhe, zunächst zu einer äußeren, die er schließlich in eine innere umzuwandeln wusste, ohne indes seine Wut preiszugeben; sie lediglich in eisige Kälte verwandelnd. Auch kam ihm dadurch die Idee, seine Anfälligkeit zu nutzen. Am zweiten Tag simulierte er eine Herzattacke, worauf aber zu seinem Erstaunen und Erschrecken keinerlei Reaktion erfolgte. Das war der Moment, in dem sogar Dick die Angst bis in sein kaltes Herz griff, feurig und böse, so arg, das er noch bleicher wurde und still, so dass beinahe seine Simulation echt geworden und er schon an diesem zweiten Tag verschieden wäre.

George kam von Anfang an mit der Situation am besten zu recht, soweit man überhaupt unter den gegebenen Umständen von so etwas sprechen kann. Die Langeweile machte ihm am wenigsten zu schaffen. Während Don und Dick immer häufiger die Inschriften und Botschaften studierten und über deren Interpretation miteinander stritten, verbrachte George viel Zeit mit Schlafen oder Beten. Er teilte sich seine Essensrationen sorgfältig ein, kaute stundenlang auf einem Brötchen und nahm nur alle Stunde einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Mit den anderen beiden sprach er wenig. Er hatte auch früher schon wenig zu sagen gehabt. Instinktiv spürte er, dass er leicht durch eine unbedachte Bemerkung den Zorn, ja den Hass der beiden anderen auf sich ziehen konnte und er wusste nur zu gut, dass er zu unbedachten Bemerkungen neigte. Er fand seinen Frieden in seinen Zwiegesprächen mit Gott und obwohl alle drei keinerlei Gewissensbisse plagten, war es George, der am ehesten mit der Ungerechtigkeit umgehen konnte, der sie ausgesetzt waren. Denn George war zwar verwöhnt von seinen Eltern und seiner Frau, doch andererseits war George auch bereit, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen. Er hatte sich niemals sehr anstrengen müssen. George vertraute darauf, dass am Ende doch immer alles gut und zu seinen Gunsten ausgehen würde, denn so war er es gewohnt. Er wartete ab und es war gerade das, was die anderen beiden so reizte.

Selbstverständlich kannten sie das schon an ihm und hatten es sogar genutzt, damals als George, Don und Dick an den Hebeln der Macht gesessen hatten. George war ihr Frontmann gewesen, Don das Kampfschwein und Dick die graue Eminenz im Hintergrund. Dick hatte die Pläne und Allianzen geschmiedet, erpresst, bedroht und belogen, Don hatte einsperren, töten und foltern lassen und George hatte das Ganze als Krieg gegen das Böse verkauft. Damit waren sie gut durchgekommen und hatten sogar noch einiges dran verdient. Nicht dass sie es nötig gehabt hätten. Sie hatten sich in den Dienst der Sache und des Landes gestellt, sie hatten – so hatten sie gesagt – ihre Skrupel und Bedenken beiseite geschoben und die Herausforderung angenommen, vor die sie gestellt waren. Dass weder Dick noch Don irgendwelche Skrupel hatten überwinden müssen, brauchten sie einander nicht zu gestehen, aber George ließen sie in dem Glauben. Sie ließen ihn überhaupt über manches im Unklaren. Das half ihm sein unbeschwertes Bubengrinsen zu bewahren und eröffnete ihnen Spielräume im Verborgenen. Natürlich hatten auch sie, so raunten sie es nun einander zu, der Versuchung nicht widerstehen können, zumindest einen Teil ihrer Taten für Gott und Vaterland auch öffentlich zu machen. Sie hatten sie sich nach Ruhm ebenso sehr gesehnt wie nach Verschwiegenheit. Da hätten sie einiges besser und effektiver abwickeln können, wurde ihnen in den Wochen in der Halle klar, wenn diese beiden Begehren nicht mit einander im Clinch gelegen hätten. Dennoch: Sie bereuten nichts. Darauf verständigten sie sich ohne Zögern und immer wieder.

Don hatte dieselbe Wut gefühlt, die Dick umtrieb in der ersten Zeit. Aber Dons Mittel gegen starke Emotionen war schon immer der Sarkasmus gewesen. Er ließ auch hier in der Halle öfter sein geckerndes Lachen hören, mit dem er sich lustig machte über ihre Peiniger genauso wie über seine Mitgefangenen. Dick und er wären sich sicher das eine oder andere Mal an die Kehle gegangen, hätten sie nicht beide gewusst, das jede körperliche Auseinandersetzung in ihrer beider Alter und gesundheitlichem Zustand die letzte hätte sein können. Don glaubte, darin glich er George, bis zum Schluss an einen guten Ausgang. Es sei, so machte er sich weis, eine Befreiungsaktion längst im Gange beziehungsweise der Plan der Gegner noch nicht zur Gänze ausgeführt. Es müsse etwas nachkommen, irgendein Ziel mit der Aktion verbunden sein, um dessentwillen Verhandlung aufgenommen würden, demnächst, und – daran zweifelte er nicht – in deren Verlauf die Gegner Fehler um Fehler machen würden bis sie schließlich vernichtet und er und seine Mitgefangenen befreit sein würden. Er malte sich aus, wie sie dadurch endgültig und unwiderruflich zu Helden würden, uneigennützige Beschützer der Idee von Freiheit und Demokratie. Diese Vorstellung amüsierte ihn sogar in dieser Lage köstlich.

Nur Dick begriff, je länger ihre Gefangenschaft andauerte, das sie es mit etwas zu tun hatten, mit einem Plan, in dem es um etwas ganz anderes ging, als um jene Machtspiele, mit denen sie Erfahrungen hatten. Es war eine Unbarmherzigkeit in dem Arrangement erkennbar, die ihn begreifen ließ, dass wer immer sie hierher gebracht und in dieser – womöglich unterirdischen, so vermutete er gelegentlich wegen der Geräuscharmut – Halle eingesperrt hatte, nichts von ihnen wollte und auch nicht die Macht angreifen, die sie einmal repräsentiert hatten. Vielmehr, so schien es ihm, ging es hier um ein Gerechtigkeitsexperiment, die empirische Überprüfung eines Theorems. Nur dass er nicht verstehen konnte, um welches. Sicherlich, ihnen wurden die Morde vorgehalten, die Drohnen, die Lügen, der Hunger, die Schmerzen, das Leid. So konnte man die Bilder und Daten verstehen. Auch die Texte gaben nur Fakten wieder. Nichts davon hätte er jemals bestritten. Für ihn las es sich nicht wie eine Anklage, sondern wie eine Huldigung, auch wenn ihm klar war, dass diejenigen, die die Texte angebracht hatten, es anders meinten. Dennoch: Es wurde keine Anklage formuliert, kein Urteil gefällt.

Nur wenige Textinschriften richteten sich direkt an die Insassen. Sie enthielten Instruktionen: Zur Benutzung der Toilette und der Dusche, die in einer Ecke der Halle angebracht waren (ohne jeden Sichtschutz allerdings) oder zur Öffnung des kleinen Liftschachtes, durch den ihnen einmal täglich ihre Essensration zugeführt wurde. Ihre Kost war, so wurde ihnen schriftlich an der Wand mitgeteilt, auf ihr Alter, ihr Gewicht und ihre Bewegungsmöglichkeiten abgestimmt. Auch die Matratzen, die in einer anderen Ecke ausgerollt waren, seien mit Bedacht ausgewählt worden und es werde empfohlen, jeweils die für einen bestimmte zu verwenden: blau für Dick, rot für George, weiß für Don. Sie akzeptierten das, jedoch erst nachdem sie festgestellt hatten, das auf Zuwiderhandlungen keinerlei Reaktionen erfolgte. Die Kameras überall unter der Decke beobachteten sie, aber egal, welche Faxen sie aufführten, ob sie sich krank oder tot stellten, ob sie die Matratzen durch die Halle zogen oder sich still zusammen kauerten, niemals erhielten sie eine Reaktion von denen, die sie an Bildschirmen irgendwo beobachten mussten. Jedenfalls gingen sie davon aus, dass sie beobachtet wurden. Jede andere Vorstellung wäre gar zu grässlich gewesen. Es gab sonst nicht in der Halle als die Bilderwände, die Matratzen, die Toilette, die Dusche. Das Essen kam in Plastikflaschen und auf Plastiktellern, keine Bestecke, kein Mobiliar, nichts zu zerlegen, keine Fenster, keine Luken. Die Wände der Halle waren mindestens vier Meter hoch. Sie gaben es schon am dritten Tag auf, einen Ausgang zu finden.

Anfangs hielt Dick gelegentlich Reden, in denen er sich gegen eine imaginäre Anklage verteidigte. Don polemisierte und posierte vor den Kameras. George verhielt sich ruhig. Sie waren einander nie sehr nahe gewesen. In den letzten Jahren vor ihrer Zusammenkunft in der Halle hatten sie sich sogar einander entfremdet. Was sie verbunden hatte, für eine gewisse Zeit, war der Kampf um die Macht und der Gebrauch der Macht gewesen. Sie hatten alle drei etwas gewollt und sie hatten sich dabei helfen können, es zu kriegen. Sie hatten sich benutzt, aber nicht gemocht. Dennoch verstanden sie sich hier in der Gefangenschaft nicht schlecht. Nach der anfänglichen Gereiztheit, den ersten Scharmützeln, richteten sie sich einigermaßen ein. Sie waren Männer mit demselben gesellschaftlichen Hintergrund, denselben Grundüberzeugungen und Benimmregeln. Daran hielten sie sich, so gut es ging, selbst in diesen orangefarbenen Overallen, die natürlich auch symbolischen Charakter hatten, wie ihnen wohl bewusst war. Die Tage schleppten sich so dahin. Die Nächte erkannten sie daran, dass für Stunden das Licht ausgeschaltet wurde. Dann kam das Essen, wenn es wieder hell wurde. Mehr Rhythmus hatte ihr Leben nicht mehr.

Dick fragte sich, wie lange das so gehen konnte. Wie waren sie her gelangt? Darüber war nichts zu erfahren. Ein jeder von ihnen drei war seinen ganz gewöhnlichen Tagesabläufen gefolgt und an irgendeiner Stelle herausgerissen worden, bewusstlos, da ließ sich keine Spur verfolgen, keine Gemeinsamkeit herleiten, keine unbekannte Größe enttarnen, obwohl Dick zu Anfang viel Zeit auf die Verhöre seiner Mitgefangenen verwendete. Sollten sie so sterben? Hier? An Herzversagen. Oder einer Erkältung. Konnte man sich unter diesen Umständen erkälten? Die Temperatur war gleichbleibend lau. Krebs. Man konnte sicher auch Krebs kriegen hier. Würde auch dann nichts geschehen, wenn einer von ihnen sich in Delirien wand, vor Schmerzen wimmerte? Er bereute, dass er zu Anfang einen Anfall simuliert hatte. Gesundheitlich war er der Angeschlagenste und würde wahrscheinlich als erster schlapp machen. Wenn sonst nichts mehr kam. 

Doch dann geschah etwas. An einem Morgen (d.h. nachdem das Licht eingeschaltet worden war) fanden sie im Essenschacht neben den üblichen Rationen drei Revolver und eine Bedienungsanleitung, wie sie zu entsichern seien. Dick frohlockte innerlich. Die Entscheidung. Darum ging es also: Wer war der Stärkste unter ihnen? Wer konnte sich durchsetzen? So war das also. George wirkte lethargisch wie immer, bestenfalls ein wenig verwundert. Der konnte mit der Waffe nichts anfangen. Nicht ohne einen Plan. Einen Plan von Dick. Dick wusste, dass hier Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit gefragt waren. Jene Eigenschaften, in denen er den anderen beiden haushoch überlegen war. Ohne zu zögern, noch bevor George seinen ersten Schluck Wasser aus der Flasche nehmen konnte,  neben die er achtlos die Waffe gelegt hatte, erschoss Dick ihn aus nächster Nähe. In die Schläfe. Trotz seines Alters und seiner Erkrankung war Dick behände genug, die Waffe, noch bevor Don auf den Schuss reagieren konnte, auf diesen zu richten. In Dons Augen erkannte er, dass er ihm gerade noch zuvor gekommen war. Hätte Dick nicht George erschossen, hätte Don Dick niedergestreckt. Er oder ich. Am Ende lief es immer darauf hinaus. Das hatte Dick gewusst, jederzeit, und damit recht behalten. Keine Illusionen. Er hatte sich eben nie welche gemacht. Er schoss ein zweites Mal. Don. Er oder ich. Er war immer noch ein guter Schütze und die Entfernung gering. Don fiel vornüber. Danach konnte Dick sich ein Triumphgeheul nicht verkneifen. Er hatte es geschafft. Darum war es doch gegangen. Wer es schafft. Zu siegen. Hier. Unter ihnen drei. Das Experiment. Ein eindeutiger Ausgang. Er war der Sieger. Zum Siegen geboren. Mit oder ohne Herz. Ohne Herz. 

Erschöpft ließ er sich auf seine Matratze sinken. Zufrieden. Er war mit sich zufrieden. Ziel erreicht. Ziele getroffen. Er wartete. Er wartete auf das Ergebnis. Dass jemand nun die Leichen abholte. Und ihn mitnahm. Ihm den Prozess machte. Den hatte er sich doch jetzt verdient. Verdient. Er hatte es verdient, vor ein Gericht gestellt zu werden. Er hatte für alle seine Handlungen Gründe. Die er darlegen konnte. Er hatte Verbrechen begangen, ja, aber um größere Verbrechen zu verhindern. Es war Notwehr. Alles war Notwehr. Nur der Stärkste kommt durch. Der Nervenstärkste. Das war er. Das hatte er bewiesen. Nun also.

Nichts geschah. Es geschah nichts. Als das Licht ausgeschaltet wurde, saß er im Dunkeln. Als es eingeschaltet wurde, kam die Essensration für eine Person durch den Schacht. Sonst änderte sich nichts. Die Leichen. Nur die Leichen. Stanken ein wenig. Nach einer Weile. Das ging doch nicht. Das konnten die doch nicht machen. Wenigstens die Leichen mussten sie abholen. Das konnte er doch verlangen. Er verlangte es. Er befahl es. Er wimmerte. Nichts geschah. Nur immer dasselbe. Licht an. Licht aus. Essen. Er wartete. Er hatte noch vier Schuss in seinem Revolver und zweimal sechs Schuss in den beiden anderen. Er schoss Dons Revolver leer. Er schoss auf die Kameras. Er traf zwei. Nur zwei. Er schoss Georges Revolver leer. Er traf keine Kamera. Er hatte jetzt noch vier Schuss. Er wartete. Er betete. Er lachte. Er schlief. Wenig. Er aß. Wenig. Er schaffte die Leichen in eine Ecke der riesigen Halle und richtete sich in der am weitesten entfernten ein. Er schuf sich eine Höhle aus den Matratzen.

Es geschah nichts. Licht an. Licht aus. Essen.


Dick hielt sieben Tage aus, nachdem er Don und George erschossen hatte. Die DVDs, die Dicks Martyrium zeigen, habe ich nicht per Post erhalten. Selbstverständlich war ich überrascht und erschüttert, als ich auf diese Weise erfuhr, was mit den drei bekanntesten Vermissten der Welt geschehen war. Was ihnen angetan wurde, ist unwürdig. Wie anderen auch ist es mir dennoch beinahe unmöglich, Mitleid mit ihnen zu empfinden. Jedoch: Unrecht bleibt Unrecht, selbst wenn es an Verbrechern begangen wird. Es fiel mir keineswegs leicht, diese Aufzeichnungen anzuschauen. Niemandem fiele das leicht. Denn sie sind vor allem langweilig. Insgesamt habe ich 24 DVDs erhalten. Nicht wenige Male habe ich ungeduldig vorgespult. Es ging aus, wie ich es von Anfang an erwartet hatte.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

DANACH NIE

Es gibt ein Davor und Danach. Es gibt immer ein Davor und Danach. Denkt man. Bis es passiert. Bis passiert, wonach es kein Danach merkt gibt. Von nun an bis in alle Ewigkeit. Sie sitzt und denkt. Auch das Denken ist langsam geworden, langsam wie ihre Glieder, langsam wie ihre Sprache. Dass er...

Er hat ein Abschleppseil benutzt, elastisch und reißfest. Elastisch. Deshalb hat es länger gedauert. Sein Körper hat gekämpft gegen ihn. Als wären Geist und Körper keine Einheit. Als wäre der Körper ihm fremd. Konnte diese Entscheidung nicht billigen. So wenig wie sie. Was für eine Entscheidung? Denkt sie. Denkt sie?

Der Morgen. Der Morgen war ein ganz gewöhnlicher Morgen gewesen. Da musste er es lange schon gewusst haben. Geplant haben. Sein Kopf voller Pläne. Vorbereitungen. Auch an den Tagen zuvor. In den Wochen zuvor. Sie haben zusammen am Tisch gesessen und über das Wetter geredet, die Nachbarn, seine Freunde, seine neuen Schuhe und er muss daran gedacht haben. Nur so lässt sich das erklären. Das lässt sich nicht erklären. Er hat gelacht an diesem Morgen. Wie an den Tagen zuvor. Er hat immer die Schokoflocken gegessen, ertränkt in Milch. Soviel Milch, dass sie sich aufgelöst haben. Eine eklige Pampe ist das gewesen, jeden Morgen. Sie war guter Dinge. Sie war gestresst. Sie war erkältet. Sie war müde. Sie machte Witze. Sie las ihm aus der Zeitung vor. So war es am Morgen. Ein Morgen wie der andere. Jeder Morgen ein bisschen anders. Sie war immer in Eile. Und Tschüss. Bis heute Abend. Bis heute Abend. Sie kann sich nicht erinnern, wie er es gesagt hat. Sie kann sich nicht daran erinnern, wie er es an diesem Morgen gesagt hat. So wie immer wahrscheinlich. Mal so, mal so. Er war guter Dinge, gestresst, erkältet, müde, machte Witze. Sie wusste nicht genau, wie es an diesem Morgen gewesen war. Wie immer. Anders. Daran müsste sie sich doch erinnern. Sie muss sich erinnern.

Ihr Denken ist langsam. Es gibt keinen Grund mehr zur Eile. Sie wird nie mehr in Eile sein. Er war so gründlich. Das sah ihm nicht ähnlich. In seinem Zimmer herrschte dasselbe Chaos wie immer. Er hatte sich keine Mühe gegeben. Dabei nicht. Dabei schon. Bei dem. Dabei hatte er alles richtig gemacht. Bis auf das elastische Seil. Daran wollte sie nicht denken. Sie will nicht mehr denken. Sie muss immerzu denken. Dass elastische Seil. Deshalb hat es so lange gedauert. Sie ist trotzdem zu spät gewesen. Sie hätte nicht früher da sein können. Es war ein Tag wie jeder andere. Sie schaltete ihr Mobilfon erst ein, als sie aus dem Seminarraum kam. Geh nicht auf den Dachboden. Schick jemanden hoch. Sie hatte die Nachricht nicht verstanden. Sie hatte sie dreimal gelesen. Das hatte keinen Sinn ergeben. Geh nicht. Er hatte sie schützen wollen. Er hatte nicht gewollt, dass sie ihn fand. Einerseits. Andererseits. Er hatte doch wissen können, dass sie auf den Dachboden rennen würde, nach dieser Nachricht. Was hatte sie gedacht? Sie hatte nicht gedacht. Sie hatte nicht gedacht, dass es das war. Sie hatte gedacht, dass... Nicht das. Das hatte sie nicht gedacht. Wie er da hing. Da war er schon nicht mehr er.

Es gibt kein Danach. Es gibt danach kein Danach. Sie hat ihn nicht runter geholt. Sie hat sich hingesetzt. Sie sitzt viel. Danach. In dem Leben, das es nicht gibt, sitzt sie viel. Kein Wort. Sie kann sich an kein Wort erinnern, keinen Blick, der das erklärt. Er war ein guter Junge, immer. Er war doch ein guter Junge. Ein guter Junge tut so was nicht. So was tut ein guter Junge nicht. Sie krampft die Hände. Sie denkt. Sie denkt so langsam. Da war der Zettel. Auf ihrem Kopfkissen. In seiner schönsten Schreibschrift. „Es war Zeit, Mama. Mach dir keine Sorgen.“ Er ist zwölf Jahre alt geworden.


Es gibt kein Danach.

Samstag, 9. Februar 2013

Vor dem TUNNEL


Ich werde sie bald schicken müssen. Sie wächst schnell und es wird mehr nicht lange dauern, bis sie zu groß wird für den Tunnel. Wenn ich sie anschaue, wie sie im Schlaf die Unterlippe vorschiebt, versuche ich mir vorzustellen, wie ich ohne sie leben werde. Ich werde wieder frei sein. Ich könnte sogar noch einmal ein Kind empfangen. Viele machen es so. Wir wissen wenig, im Grunde genommen nichts darüber, was jenseits des Tunnels ist. Aber es kann nicht schlechter sein als das hier. Jedenfalls reden wir uns das ein. Wir sehen den Tunnel als eine Chance und uns in der Pflicht, den rechten Zeitpunkt nicht zu verpassen, um unsere Mädchen hindurch zuschicken. Es muss schwer sein, mit der Schuld zu leben, wenn man den Moment versäumt hat. Nebenan wohnt eine Frau mit zwei Töchtern, die eindeutig längst zu groß sind für den Transfer. Wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, weiche ich ihrem Blick aus. Die Kinder drängen sich dicht an sie. Es liegt etwas Verhärmtes um ihren Mund. Sie trägt eine Last, die ich mir nicht vorstellen mag. Aber da ist auch etwas Trotziges an ihr, wie sie die Mädchen um die Schultern fasst oder ihnen übers Haar streicht und mich dabei aus den Augenwinkeln beobachtet. Sie kleidet sie mit großer Sorgfalt, das bemerke ich schon. Oft höre ich ihre Nähmaschine am Abend rattern, wenn meine Kleine längst schläft. Manchmal spielen die großen Mädchen im Hof mit einem Ball. Sobald sich jedoch eine von uns anderen beschwert, denn wir sind den Lärm von aufwachsenden Kindern nicht mehr gewohnt, verschwinden die beiden ohne Widerworte in ihrer Wohnung.

Alles ist grau in unserer Welt: die Wohntürme, die Hinterhöfe, die Unterröcke, die Schürzen, die Blusen, die Straßenzüge, selbst der Grünstreifen in der Mitte der Fahrbahn trägt ein Silbergrün, wie ein distinguierter Herr an den Schläfen. Ich kenne die Namen der Farben, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, woher ich sie weiß. Die Frau von nebenan ist mutig, dass sie ihren Töchtern von Zeit zu Zeit diese bunten Schleifen ins Haar bindet: rot, gelb, violett. Es muss einmal eine Welt gegeben haben, in der diese Farben häufiger vorkamen. Aber davon weiß ich nichts mehr. Jenseits des Tunnels, daran glaube ich fest, existiert diese Welt weiter: eine Explosion wilder Farben, so grell und herrlich, dass unsere entwöhnten Augen sie nicht einmal mehr ertragen könnten. Man muss eben früh genug dort hinkommen. Im Grunde sind diese Gedanken müßig, denn niemand Ausgewachsenes wird jemals durch den Tunnel auf die andere Seite gelangen, so viel steht fest.

Wie sollte ich meiner Kleinen mein Leben unter diesen sonderbaren Umständen erklären? Was hätte ich ihr zu sagen, wenn sie mich einmal fragen könnte, was mich bewogen habe, sie zu empfangen, sie zu gebären, um sie durch diesen Tunnel zu entlassen aus meiner Welt und meinem Leben? Ich hätte keine Antworten. Wir reden hier nie darüber, wir Frauen. Manche leben einfach weiter wie vorher, wenn sie die ihre an den Tunneleingang gebracht haben. Es gibt einige, die immer wieder diesen Weg nehmen. Eine nach der anderen gebären sie, päppeln sie auf und senden sie dann in jene fabelhafte, bunte Welt jenseits des Tunnels. Das sind die fröhlichsten unter uns. Sie lächeln wissend, wenn doch einmal eine Zweifel andeutet. Wozu? Es wird alles gut werden. Wir erfüllen unsere Pflicht und geben unser Bestes. Unser Bestes sind unsere Töchter. So sagen sie. Einige dieser schlanken, hochgewachsenen Frauen mit den glatten Stirnen und den strahlenden Augen haben Führungsrollen übernommen. Ihre Bewegungen sind elegant, fließend, geschickt. Auch ihre Geburten, so nehme ich an, verlaufen angenehm, schicklich und sauber, denn ich habe niemals die Erlaubnis erhalten, dabei zu sein.

Soweit werde ich es niemals bringen. Mir fehlt diese Selbstverständlichkeit, trotz aller Bemühungen kann ich die Fragen nicht vollständig zum Verstummen bringen, die mein unvollkommenes Bewusstsein stellt. „Nie waren wir freier als hier“, sagt Martha. Martha ist geschaffen dafür, die Zweifel zu zerstreuen. Wenn Martha zu Besuch kommt und meine Kleine auf den Schoß nimmt, spüre ich, dass alles gut wird. „Du musst nichts tun. Begreifst du, welch ungeheures Privileg du genießt? Deine Tage verbringst du wie im ewigen Urlaub. Für alles ist gesorgt, Marie. Wenn du den Markt aufsuchst, findest du alles, was du brauchst: Gemüse, Fleisch, Brot, Früchte, Stoffe, Mützen, bequemes Schuhwerk, elegante Kleider. Du brauchst nur zuzugreifen. Deine Wohnung ist immer warm und gemütlich. Wenn es regnet, findest du an jeder Ecke Unterschlupf. Du brauchst dich nie zu beeilen. Es gibt nichts zu tun. Niemand zwingt dich zu irgendetwas. Alles ist umsonst.“ Ich lausche diesem Wort nach: Umsonst. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Es erinnert mich an etwas, aber ich bekomme es nicht zu fassen. Ich wage es nicht, Martha danach zu fragen. Es wäre nur ein Beweis für meine Unzulänglichkeit, denke ich. Dafür, dass ich trotz allem noch immer nicht wirklich dazu gehöre.

Meine Kleine schläft. Manchmal murmelt sie im Schlaf. Ich beuge mich zu ihr hinab und bilde mir ein, sie flüstere: „Mama.“ Das ist selbstverständlich Unfug. Wir sind frei, aber es gilt als unschicklich, einer der unseren dieses Wort aufzudrängen. Sie nennt mich Marie. Wie sich selbst. Alle unsere Töchter tragen unsere Namen weiter. Das wird nur für solche wie meine Nachbarin zum Problem. Sie flüstert die Namen ihrer Töchter leise; nie ruft sie laut nach ihnen. Das wäre uns allen auch sehr unangenehm. Aber ich habe es dennoch gehört, im Lift und im Treppenhaus, wie sie Li und Lu zu ihnen sagt. Sie müssen noch viele Jahre überstehen in dieser Ächtung, durchs Treppenhaus huschen, den Blick gesenkt sich an den anderen Frauen vorbeidrücken, bis sie endlich selbst herangewachsen sein werden, mit festen kleinen Brüsten unter ihren Blusen und langen, schlanken Beinen unter den Röcken. Auch dann, so denke ich, werden sie es schwer haben, denn keine wird diese Erinnerungen mit ihnen teilen: die graue Mutter in den grauen Wänden, das triste Leben, die ängstlichen Blicke. Sie tut nicht recht, meine Nachbarin. Aber Martha sagt: „Wir sind frei. Auch sie.“ Dabei verzieht sie jedoch angeekelt den Mund.

Ich streiche meiner Kleinen über das goldene Haar. Das Haar meiner Kleinen und die Schleifen in den Zöpfen von Li und Lu sind die einzigen Farben in meinem Leben. Meine Kleine hat etwas Besseres verdient. Ich bin frei genug, denke ich. Ich werde Martha nicht enttäuschen. Ich werde die Kleine schicken. Zum Eingang des Tunnels sind es nur drei Straßenecken. Wenn es regnet, können die Kleine und ich uns auf dem Weg überall unterstellen. Ich schaue aus dem Fenster. Am Himmel leuchten die Sterne, aber auch ihr Glanz ist silbergrau. Kein Wölkchen am Horizont. Es wird nicht regnen morgen. Ich werde die Kleine zum Tunnel bringen. Übermorgen. Vielleicht. 

Freitag, 11. Januar 2013

DIE ANDERE I ("Ehe im Eimer")


(eine Fortsetzung zu der dreiteiligen Wintererzählung: DER ANDERE)*


„Ist deine Ehe im Eimer?“ Vera musste über diese direkte Frage sogar lachen. „Ist im Eimer, ja.“, sagte sie. „Dachte ich mir, als du anriefst. Wir haben uns ewig nicht gesehen.“ Damit hatte Tante Hedi recht. Vera hatte sich seit dem Tod ihrer Mutter nur selten bei deren Schwester gemeldet;  Grußkarten zu den Feiertagen, ein Anruf jedes Jahr zum Geburtstag. Vera wusste nicht mal genau, warum sie Hedi um dieses Treffen gebeten hatte. Das machte aber nichts, denn Hedi wusste es offensichtlich. „Einen Schnaps?“ Hedi hielt die Flasche schon in der Hand. „Selbst gebrannt von Wolfgang.“ Hedi stellte zwei kleine Gläser auf den Tisch und goss sie bis zum Rand voll. „Denn man zu.“ Vera hob ihr Glas und kippte den Inhalt in einem Zug runter. Sie schüttelte sich. „Forsch.“ Hedi lachte. „Preise gewinnt er damit nicht. Aber Wirkung hat es, das Zeug.“ Wolfgang, dessen Schnauzer sie mächtiger in Erinnerung gehabt hatte und dunkler, hatte sie zur Begrüßung nur kurz angegrunzt und sich dann mit seinen Schlappen und seiner Zeitung in einem Ledersessel im Erker verschanzt. Gesprächig war er noch nie. So war es immer schon gewesen, jedenfalls soweit Vera sich erinnern konnte. Wolfgang war da, aber spielte keine Rolle, nicht hier, nicht, wenn die Frauen unter sich waren. Ob er dabei saß oder nicht, war gleich, es wurde über Frauenkrankheiten, Männergeschichten und Unterwäsche geredet. Es musste allerdings Menschen  geben, die einen anderen Wolfgang kannten. Das große Haus mit dem Pool im Garten, die drei dicken Autos, die Pferde für Cousine Linda, all das hatten Wolfgangs Wald und sein Holzhandel finanziert. Als er sich vor einigen Jahren zur Ruhe setzte, hatte er beides, wie Jochen, woher auch immer, erfahren haben wollte, für einen „exorbitanten Preis“ verkauft.

„Ist der Herr Chefarzt fremdgegangen?“ Hedi fragte das beiläufig, ohne jeden Vorwurf in der Stimme. „In eurer Generation ist das ein Trennungsgrund, stimmt´s?“ Vera warf aus den Augenwinkeln einen Blick zum Ledersessel. Keine Reaktion dort. Sie antwortete nicht direkt. „Ihr mögt ihn alle nicht. Valentin. Du. Auch Papa konnte ihn nicht leiden. Glaubst du, Mama hätte ihn auch abgelehnt?“„Keine Ahnung, ehrlich.“ Hedi überlegte ernsthaft. „Es hätte ihr vielleicht gefallen, dass er was hermacht.“ Vera nickte. Ihre Mutter hatte auf Formen und Status Wert gelegt. Schnaps vor Mittag wäre bei ihr undenkbar gewesen. Komisch nur, dass so eine an ihren Vater, den Tschechen, geraten war, der sich über alle Konventionen immer nur lustig gemacht hatte. „Warum mögt ihr ihn nicht?“ Sie wusste auch nicht, weshalb sie das jetzt noch fragte. Die Frage hätte ich vor fünfzehn Jahren stellen sollen, dachte sie. Jetzt ist es doch völlig egal. Hedi antwortete nicht sofort. Sie nippte noch einmal an ihrem Glas, bevor sie es energisch auf den Tisch stellte. Was sie dann sagte, kam für Vera unerwartet. „Weil du ihn nicht liebst.“ Schlagartig war ihr klar, warum sie gefragt hatte. Sie hatte über Jochen lästern wollen. Hören, dass er arrogant war, egoistisch, rücksichtslos, gefühllos. Es nicht selber sagen, sondern sagen lassen. Wie er sie behandelte, so herablassend, bevormundend, so selbstgefällig. Das hatte sie hören wollen, von Tante Hedi, die ihn nicht leiden konnte. „Schau mich nicht so an.“, sagte Hedi. „Es stimmt doch.“ Sie wollte es leugnen, unbedingt. „Ich habe mich so nach ihm gesehnt.“  Hedi nickte, als sei das kein Widerspruch zu dem, was sie gerade gesagt hatte. So ähnlich hatte Vera es auch vor beinahe einem Jahr Valentin, ihrem Bruder, gegenüber formuliert, in Zlin, von wo aus sie noch mal zurückkehrt war zu Jochen: „Ich sehne mich immer noch nach ihm.“ Hedi nickte erneut, dehnte das Schweigen offenbar bewusst aus. Was sollte Vera klar werden durch dieses Schweigen? Sehnsucht ist nicht Liebe. Ich habe nicht ihn gewollt. Habe ich ihn nie gewollt? „Er war perfekt. Gutaussehend. Erfolgreich. Wohlhabend. Und verliebt. Verliebt in dich. Rote Rosen. Spontane Ausflüge ans Meer. So romantisch.“ „Das klingt so berechnend.“ „Sei mal ehrlich.“ „Ich habe nie an sein Geld gedacht. Oder seine Position.“ „Aber sie gerne in Kauf genommen. All die Vorteile.“ Vera schluckte. Das denken alle über mich. Valentin. Papa. Sie haben alle immer gedacht, dass ich mich ins gemachte Nest gesetzt habe. Mr. Perfect für die kleine Prinzessin Etepetete.

War es so gewesen? Sie hatte sich nach Jochen verzehrt. So erzählte sie sich die Geschichte. Jochen, der immer unerreichbar geblieben war. Der Chefarzt. In dessen Leben sie nur einen fest umrissenen Platz zugewiesen bekommen hatte. Der nie Fragen stellte. Der immer den passenden Wein bestellte. Hatte sie ihn deshalb genommen? Weil sie ihn nicht liebte und nicht lieben konnte? „Das ist doch Unsinn“, sagte sie. „Ich war nie abhängig von ihm. Finanziell meine ich. Ich habe ihn sehr geliebt.“ Hedi schüttelte den Kopf, traurig. „Ich kann ihn nicht leiden. Da hast du Recht. Ich konnte ihn nie leiden, weil du keine Chance hattest, mit ihm glücklich zu werden.“ Vera stand auf. „Das stimmt doch nicht. Wir waren glücklich. Als Jana geboren wurde. In den ersten Jahren mit ihr.“ 

Sie trat ans Fenster und sah hinaus in den Garten. Der Pool war abgedeckt um diese Jahreszeit. Hinter der Mauer konnte man weit übers Land schauen. Sie war jahrelang nicht mehr hier gewesen. Seit Mutters Tod? Das war die Landschaft, in der ihre Mutter groß geworden war. Flach, weit, stumm. Der Schnee war weggetaut, nur ein paar matschige, weiße Klumpen verteilten sich über die braune Fläche. Der Himmel dagegen dröhnte geradezu grellblau darüber, mit einer einzigen wattigen Wolke am Horizont. „Ich will nicht mit dir streiten, Vera. Auch nicht, wenn du deswegen hergekommen bist.“ Hedi klang verletzter, als sie es ihr zugetraut hatte. Vera drehte sich herum. „Ich bin nicht gekommen, um zu streiten. Ich bin gekommen, weil...“ Hedi trat auf sie zu: „Weil deine Mutter tot ist. Weil du nicht zu ihr gehen konntest.“ Sie öffnete die Arme und Vera ließ sich gegen sie fallen. Ihre Schultern zuckten. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr zum Weinen war. Es war so viel zu erledigen gewesen in den letzten Wochen und Monaten. Jochens ungläubiges Staunen. Die gescheiterte Therapie. Gespräche mit den Anwälten. Die Wohnung in Ginnheim. Janas Zorn auf sie. Kongresse. Hedi schob sie ein wenig von sich weg? „Und – gibt es einen Anderen?“

Fortsetzung folgt

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* Das Erzählen im Blog (Literarisches Schreiben im Web 2.0) kann die Möglichkeiten der Serie nutzen, anknüpfen an den Kolportage-Roman des 19. Jahrhunderts; das hat mir von Anfang an gefallen und damit habe ich in der Vergangenheit auf vielfache Weise gespielt. Es müssen nicht immer Cliff-Hanger sein; sie dürfen aber vorkommen. Eine Serie kann - wie es mir bei PUNK PYGMALION gegangen ist - beinahe unabsichtlich zu einer geschlossenen Form, einem Roman, werden; sie kann auch schon so geplant sein, wie ich es in MELUSINE FEATURING ARMGARD und dem Ableger "ICH KÜSSE MEIN LEBEN IN DICH (Die Martenehen)" versuche. Hier geht der "Plot" der Erzählung voraus und die Figuren werden erst nach und nach lebendig, gewinnen ein Eigenleben (das die Erzählung auch empfindlich stören kann). Es gibt auch Serien, wie Wildermuths Elbin, die sich nicht aus einer Geschichte im Kopf entwickeln, sondern aus Sätzen oder sogar aus einzelnen Worten oder Wortspielen. Andere wiederum entstehen allein aus einer einzelnen Figur, die plötzlich präsent wird. So war es bei Frau K. (Und ohne ihre Geschichte zu Ende zu erzählen, verschwand sie wieder). Manchmal sind es auch mehrere Figuren wie in FRAUENSACHEN. Vier Frauen, Sex und der Tod. Bei diesen Erzählungen, die von Grund auf aus Figuren entstanden sind, die für mich manchmal so lebendig und real sind, wie "wirkliche" Menschen, kann ich nie sicher sein, ob sie "abgeschlossen" sind. Ich dachte es zum Beispiel bei FRAUENSACHEN - und dann tauchte Elke wieder auf. Ein weiteres Kaffeekränzchen folgt, denke ich. Vera aus DER ANDERE, einer Erzählung, die ursprünglich auf einen Kommentar von Hans62 zurückging, besucht mich schon länger wieder. Ihre Geschichte geht weiter, offenbar. Während sie nach dem Tod ihres Vaters in Zlin dessen Vergangenheit entdeckte und ihre Gegenwart ihr schmerzlich bewusst wurde, ist sie diesmal auf den Spuren ihrer Mutter. Deshalb heißt die Folge diesmal DIE ANDERE. Um der Symmetrie willen müsste sie auch dreiteilig sein. Schaun wir mal.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Im Wirtshaus zur schönen Kränkung

Sie treffen sich regelmäßig zum Stammtisch. Es ist kein schöner Anblick, wie sie so beieinander sitzen mit herabgezogenen Mundwinkeln, abfallenden Schultern und gerundeten Rücken. Ein Sog geht von ihnen aus, eine schleppende Gravität, die anziehend wirkt auf die tief liegenden Organe,  gegen die sich aber die Poren der Haut, die schnuppernde Nase und die durchlässige Netzhaut in einem geradezu gewalttätigen Reflex verschließen. Jede Begegnung erzeugt im Unterleib ein abscheuliches Bedürfnis sich selbst herabzuwürdigen, während die Sinnesorgane zwischen einer Reaktion aus Fluchtreflex und zweckfreier Brutalität schwanken.

Sie trinken Kräutertee und Schonkaffee, manchmal vertiefen und illustrieren sie ihr Leid durch mäßigen oder übermäßigen Alkoholkonsum. Es ist ihnen aussprechliche Gemeinheit widerfahren, die danach drängt, gewendet und gepflegt, gebügelt und gefaltet zu werden; immer wieder. Was sie auch tun, es wird nicht hinreichend bedacht, anerkannt, gewürdigt. Die wollen das Gute und geben ihr Bestes, doch wird es niemals ausreichend geschätzt.

„Sie sagte, dieses Kleid stehe mir gut.“
„Typisch.“
„So gab sie zu verstehen, wie unmöglich ich sonst aussehe.“
„Und dann fragte sie noch, ob ich mit dem Antrag fertig bin.“
„Klar. Sie will dir zeigen, wie lahm du bist.“
„Gemein. Am Ende setzte sie noch einen drauf: Wie leid es ihr tue, dass mein Vertrag nicht verlängert werde.“
„Echt? Unglaublich! So eine herablassende Kuh.“

„Vielleicht hat sie es ehrlich gemeint.“
Sie schauen entgeistert auf. Wer ist da eingedrungen in ihr Refugium hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, wo man klein und geduckt ist,  bescheiden und leidend?
„Sie hat keinerlei Einfühlungsvermögen.“
„Sie glaubt, sie weiß, wie´s geht.“
„Es geht ihr gut.“
„So eine ist das.“

Die Gekränkten nicken einvernehmlich. Da draußen geht es böse zu: Leistung, Qualität, Fortschritt. Wer nicht mithält, wird abgehängt.  Anstrengung, Ehrgeiz, Wille. Wer nichts bringt, wird ausgegrenzt. Lebenslust, Übermut, Wirkungsmacht. Wer nicht aufpasst, wird überrollt. Sie halten sich an ihren Tassen fest und bleiben hinter den Butzenscheiben sitzen.

Draußen weht ein rauer Wind. Manchen fegt er in den Graben. Andere legen sich den Lagen-Look zu. Manche bauen windschnittige Maschinen. Helme werden aufgesetzt. Ein Lied, trotzig gegen den Wind gebrüllt, verklingt. Die Glieder schmerzen, die Augen sind gerötet. Wenn die Sonne untergeht, sucht der Müde einen Ort, um seine frierenden Hände am Feuer zu wärmen. Er öffnet die Tür des Wirtshauses. Alle Plätze sind belegt.

Sie schauen auf.

„Wieder so einer.“
„Der wird uns von seinen Kämpfen erzählen.“
„Ein mörderischer Gewinner.“
„Oder Verlierer.“
„Ein Veteran, der uns verachtet.“

Sie rücken nicht zusammen. Sie halten den nicht aus. Sie lassen den nicht rein. Es sei denn, er senkt demütig sein Haupt, lässt die Schultern fallen, zieht die Mundwinkel herab und hat eine Kränkung zu bieten. Besser zwei.

„Das wissen wir doch alle. Wie´s da zugeht.“
„Dir haben sie das auch angetan.“
„Das sieht man doch.“
„Ganz zerrupft.“
„Armer Kerl.“
„Ach...“

Lass dich schon nieder!

Die kosmologische Kränkung

Freitag, 14. Januar 2011

DAS BEBEN DER METAPHYSIKER. Baader, Ensslin und die Zwergwerfer

Er:          „Nur Menschen erzeugen bleibenden Abscheu.“
Sie:          „Gefällt dir einer?“
Er:          „Sie sind widerlich. Ich mag nur die Zerstörer.“
Sie:          „Ich gebe dir einen: Baader, Andreas. Erinnerst du dich?“
Er:          „Wir können nicht vergessen.“
Sie:         „Zeit und Raum?“
Sie:         „Sicher.“

Die Metaphysiker schlugen in der pannonischen Tiefebene auf. In der Ferne schimmerten silbrig die westlichen Karpaten. „Das kommt uns gelegen...“, sagte er. „...die Zwergwerfer.“ Sie bewegten sich zügig auf die Bergkämme zu. „Lass uns Gestalt annehmen: Ich bin jung, groß und schön.“ Sie lachte: „Warum überrascht mich das nicht?“ Es wurde Nacht. Sie genossen die feuchte Kälte auf ihren frischen Häuten. Gegen Mittag des folgenden Tages erreichten sie das Dorf der Zwergwerfer. Vier Riesen begrüßten sie auf dem offenen Dorfanger. Knotigbraunen Baumstämmen gleich wuchsen ihre Beine aus dem Boden. „Und ihre Ohren“, sagte er, „sind spitz, wie die Mythen die Giganten beschreiben.“ „Sie sind, was wir uns unter dem Mythos vorstellen, weißt du.“„Ich weiß vorher nie, was ich mir vorstelle, bevor ich auf meine Vorstellung treffe.“ „Ach du....“ Die Zwergwerfer verbeugten sich synchron vor ihren zierlichen Besuchern.

Woher wussten wir, dass diese Giganten sich als Zwergwerfer verdingten? Die Verdinglichung der Zwerge zu Wurfobjekten, hatte der Königsberger diktiert, verletzte den kategorischen Imperativ.  Wie aber hatte er sich gestemmt gegen die Erfahrung Georg Forsters, dass auch der Neger ein vernunftbegabtes Wesen sei. Und: Was galt, wenn der Wurf mit  dem Einverständnis des Geworfenen erfolgte? Doch schweifen wir ab...

Einer der Riesen trat hervor: „Fremdlinge: Willkommen bei den Silberhändigen Azeroth, wie wir uns neuerdings nennen, nachdem wir mit Den Geheimen Drei fusioniert sind.“ Sie blickte ihren Gefährten ungläubig an: „Wie irre ist das denn?“ „Weiß nicht“, sagte er kleinlaut. „Kann sein, dass ich zu viele World of Warcraft gespielt habe.“ Der Zwergwerfer ignorierte das Gefasel: „Mein Name ist Ruut. Wie wir alle lehne ich jede Form von Rassismus ab, das möchte ich betonen. Wir nehmen dicke Zwerge, dünne Zwerge, blaue, gelbe, rote. Auch welche in Lederjacken, wie dich.“, stellte er fest, indem er auf ihn deutete. Sie stupste ihn in die Seite: „Da hast du´s.“ „...oder Blondinen wie dich.“, fuhr er fort. „Das ist gut. Wir wollen nämlich....“ „Gemach.“, unterbrach Ruut. „Bevor wir ins Geschäft kommen, müsst ihr uns erst einmal kennenlernen. Wie gesagt: Mein Name ist Ruut und ...“ „Ruut, du bist zu langatmig. Sie müssen nicht alles über uns wissen, damit wir sie werfen können...“, unterbrach ihn der Riese links neben ihm. Ruut schob beleidigt die Unterlippe vor. „Mein Name ist Manolete. Ich bin hier der Boss. Ich leite den Laden, weil ich die größten Taschen habe. Als Starfotograf verdiene ich auch sehr gut.“ „Das geht zu weit.“, schimpfte sie. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist.“, gab er sich unschuldig. „Wenn später noch ein paar Models dazukommen, könnte sich das als nützlich erweisen.“ „Ich schenke dir Baader und jetzt auch noch Models...“ „Dafür hast du die Zwergwerfer. Und was für welche. Die sind doch echt cool.“

Manolete ignorierte den Blödsinn. Stattdessen hob er ihr Kinn leicht an. Sie  kicherte unkontrolliert bei dieser Berührung. Vom Rande des Universums kündigte sich ein Beben an. „Fass sie nicht an, Manolete. Ich warne dich. Sie hat das nicht gern.“ Er zog sie an sich heran. Sie spürte das raue Leder seiner lächerlichen Jacke an ihrer Wange. Fast hätte sie dem Impuls nachgegeben, sich daran zu reiben. „Danke.“, flüsterte sie. Er antwortete nicht, verstärkte aber den Druck seiner Hand auf ihrer Schulter. Unmerklich lehnte sie sich noch ein wenig dichter an ihn. Manolete trat zurück. „Kein Problem, Bruder. Ich erwäge die Möglichkeiten. Ich bestehe nicht auf ihnen.“ Ein anderer Zwergwerfer, der schon die ganze Zeit über ungeduldig die Augen gerollt hatte, unterbrach ihn: „Mein Name ist Celtigar. Ihr seht, dass ich ein Trollschurke bin. Hier drüben steht Eufemia, unsere Hexenmeisterin.“ Eufemia lächelte die beiden freundlich an. „Ich sehe ein wenig gefährlich aus, aber das täuscht. Ich kuschele gerne mit Blutelfen.“ Sie löste sich empört von ihm. „Dass du immer noch einen drauf setzen musst.“ Das Beben verebbte. Celtigar lud die Besucher ein: „Darf ich euch bitten, Platz zu nehmen?“, sagte er und wies mit der Hand auf eine gigantische Sitzgruppe am Rande des Platzes, die sie bisher übersehen hatten. Sie bestand aus sechs klobigen Holzsitzen, die jeweils aus dem Stamm einer uralten Eiche gehauen und im Kreis aufgestellt waren.

Wieso dauert es so lange, bis Baader in der Geschichte auftaucht? Die Zwergwerfer sollten uns ins Jahr 1969 katapultieren, wo wir Baader zu treffen gedachten. Nun saßen wir fest in der pannonischen Tiefebene jenseits der Zeit. Wir verstanden allmählich, dass die Giganten nicht auf Abenteuer aus waren. Die Vorstellung, eine Geschichte anzufangen, war ihnen unbegreiflich. Sie lebten Geschichten, doch keine, die je von einem Anfang zum Ende fortschritt. Nichts drängte sie voranzukommen, denn sie kamen immer wieder an, wo sie schon waren. Und grämten sich nicht darum, wie wir...

„Wir sollen euch also ins Menschenjahr 1969 werfen...“, fasste Manolete die Verhandlungen zusammen. „Nun ja, nach christlicher Zeitrechnung.“, warf Ruut ein. „Gut, dass du mich erinnerst. Dort wollt ihr Andreas Baader treffen...“ „Ich will nach Paris.“, sagte sie. „Baader und Ensslin flohen im Winter 69 nach Paris, weißt du.“ „Jedes Mal willst du nach Paris.“, stöhnte er. „Ich bin dort immer glücklich gewesen.“ Sie sah ihn herausfordernd an. Um seinen Mund zuckte es. Nur mühsam gelang es beiden das neuerliche Beben, das sich ankündigte, ausgleiten zu lassen. Die Zwergwerfer indessen bemerkten davon nichts. „Also gut, nach Paris.“ Manolete zuckte die Achseln. „Uns ist das völlig gleich. Eines aber muss euch klar sein: Wenn wir euch werfen, begleiten wir euch selbstverständlich.“ „Warum denn?“, fragte sie. „Wir waren schon 1789 dort und früher...“ „Erinnere mich nicht.“, rief er und verzog angewidert das Gesicht. „Die Bartholomäusnacht...“ „Vergiss es.“ „Es geht nicht darum, was ihr dort anstellen könntet. Es läuft sowieso immer auf dasselbe hinaus.“ „Egal, wie ihr wollt. Ich hätte gerne einen VW-Bus, der mit Blumen bemalt ist und an dem hinten ein Schild angebracht wird, auf dem steht: Lach nicht, Papa, deine Tochter könnte hier drin liegen.“, verlangte er. „Oh mannomann.“, stöhnte sie. „Ein bisschen Spaß muss sein...“, sang er. Sie funkelten sich an. Diesmal war kein Beben zu spüren. „Das mit dem Bus ist kein Problem.“, beruhigte Manolete.„War´s das jetzt, geht´s jetzt endlich los?“ Er hüpfte ungeduldig von seinem gigantischen Sitz hinunter. „Hast du nicht auch noch was von Models gesagt?“, fragte Celtigar. „Doch ja, Andreas gefällt das bestimmt. Der steht auf langbeinige Frauen.“ „Wie du.“, sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Los jetzt. Das Gequassel nervt. Geschichte wird gemacht.“ „Oho.“

„Ruut, du begleitest mich.“, befahl Manolete. Ruut stand auf. Manolete hob sie hoch. „Geht es, wenn er dich anfasst?“, fragte er leise. „Für den Moment halte ich es aus.“ Nun hielt Manolete sie mit beiden Händen über den Kopf und Ruut nahm die gleiche Stellung mit ihm ein. Sie wuchsen ins Unermessliche. „Ich werfe uns...Jetzt.“ Sie stürzten durch Raum und Zeit, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. „Scottie, beam me up.“, rauschte es aus den Tiefen des Alls.

Dann saßen sie schon in einem Straßencafé in Paris Montparnasse. Vor jedem von ihnen stand ein Glas Pastis. Am Straßenrand parkte der VW-Bus mit eben jenem Schild, das er bestellt hatte. Jedoch war alles schwarzweiß. „Mir gefällt es.“, strahlte Manolete, „ich bin sowieso ein Freund der Schwarzweiß-Fotographie.“ Sie betrachteten ihn näher. Manolete hatte sich, ebenso wie Ruut, verwandelt. Immer noch waren sie außergewöhnlich groß und kräftig, jedoch keine Giganten mehr. Ihre struppige Haare waren ein wenig gestutzt. Sie trugen dunkle Anzüge und weiße Hemden, aber keine Krawatten. Ruut drehte sich eine Zigarette und lehnte sich  zurück, die Szenerie zu betrachten. Passanten blieben stehen, um den eigentümlichen Bus aus Deutschland zu bestaunen. „Wie schick die Pariserinnen sind...“, bewunderte sie. „Halt jetzt mal die Klappe. Schau lieber unauffällig da rüber. Das sitzen sie.“ „Wie sie ihn anhimmelt.“ „O ja, sexy Gudrun. Könntest du dir ein Beispiel dran nehmen.“ „Fuck you.“ Baader und Ensslin saßen zwei Tische weiter. Baader hatte sich leicht vom Tisch weggedreht, die Beine breit auf den Gehsteig hinausgeschoben, doch den Oberkörper Ensslin zugeneigt. Sie, die Haare dunkel gefärbt und zu einem schulterlangen Pagenkopf geschnitten, war weit über den Tisch gebeugt, zu ihm hin. Sie unterhielten sich lebhaft, lachten laut auf. Schließlich stellte er seinen rechten Fuß so aus, dass die Zehenspitzen ihren Fuß links unter dem Tisch erreichten.

Wir hatten selten ein Paar beobachtet, das so offensichtlich verliebt war wie diese beiden. Sie wirkten inmitten des Pariser Treibens so ganz und gar aufeinander bezogen. Wer immer sie betrachtete, spürte das Kraftfeld, das ihr Beisammensein erzeugte, die Energien, die sich verbanden und verstärkten, wenn sie einander berührten. Ein Beben vom Rande des Universums...

Quelle: http://www.hdg.de/lemo/objekte/pict/BiographieEnsslinGudrun_photoEnsslin/index.html
Copyright: Astrid Proll // Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deuschland
Im Bus ging es dann hoch her. Baader war zunächst verdrossen gewesen, dass er in einem solchen Gefährt reisen sollte. Zwar hatte er nie einen Führerschein besessen, war es jedoch gewohnt, schicke und schnelle Autos zu fahren. Durch Frankfurt war er in einem auberginefarbenen Porsche gebraust, die Reise nach Paris hatten er und Gudrun in einem weißen Mercedes angetreten. Den Bus empfand er als Abstieg. Er versöhnte sich jedoch damit, nachdem er festgestellt hatte, wie bequem er mit Gudrun auf dem Rücksitz fummeln konnte. Obwohl Ensslin und Baader in Paris jedem Fremden zunächst mit Misstrauen begegneten waren, schließlich befanden sie sich auf der Flucht, war es ihm gelungen, sehr schnell mit ihnen Freundschaft zu schließen. Baader erkannte in ihm den 1. Offizier, den er als Truppenführer brauchte und er übernahm diese Rolle vorerst gern. Manolete und Ruut hielten sich aus den Gesprächen heraus. Sie hatten Baader jedoch beeindruckt, indem sie ihre Jacken für einen Moment zurückschlugen und ihm einen Blick auf die Berettas gewährten, die sie lässig in den Hosenbund gestopften hatten. Sie fühlte sich jedoch  schon bald von Gudruns Gerede genervt. Wann immer Gudrun nicht mit Baader rummachte, sprach sie mit sich überschlagender Stimme auf sie ein. Es ging, natürlich, um Andreas: „Andreas ist das revolutionäre Subjekt. Das gilt auch – vor allem auch – für seine Arbeit als Fotomodell für Schwulenmagazine. Gerade das zeichnet Andreas als Antagonisten des Bürgertums aus. Der Rivale, absolute Feind, Staatsfeind: das kollektive Bewusstsein, die Moral der Erniedrigten und Beleidigten, des Metropolenproletariats - das ist Andreas.“ Sie verdrehte die Augen. Baader zog Ensslin zu sich heran, glitt mit der Hand in ihre Bluse, begann sie wild zu küssen und auf dem Sitz flachzulegen. Sie suchte seinen Blick. Er lachte nicht. Beide spürten, dass das Beben wieder eingesetzt hatte. Das Zusammensein mit Ensslin und Baader in dem engen Bus machte es fast unmöglich, es hinzuhalten. Seine Hände krampften um das Steuer. Sie wandte sich an Baader, um ihn und sich abzulenken. „Was ist der Plan?“ „Also vor allem brauchen wir Geld und Waffen. Geht ja nicht, dass nur die beiden stummen Kerle bewaffnet sind. Obwohl die Berettas klasse sind. Echt. Zeig noch mal.“ Manolete schob seine Jacke beiseite. „Geil.“ Baader wollte nach der Beretta greifen, aber ein Blick Manoletes genügte, dass er die Hand zurückzog. Vom Fahrersitz aus schlug er Baader vor: „Wir könnten in der Nähe von Bonn ein Bundeswehrfahrzeug anhalten. Die Waffen abgreifen. Vielleicht auch in die Kaserne eindringen.“  Der unausgegorene Plan entsprach genau Baaders Naturell. Ensslin schaute ein wenig bedrückt drein, sagte aber nichts.

Wie im Traum fand er eine Auffahrt zu einer Kaserne in der Nähe von Bad Godesberg. „Los, stell dich ein bisschen hilflos an den Straßenrand.“ Sie klappten die Motorhaube auf. Die Männer versteckten sich im Bus, während Ensslin sich gegen den Kühler lehnte und eine Zigarette anzündete. Sie stellte sich neben das Fahrzeug, um nach Hilfe zu winken. Schon der erste Kastenwagen des Bundes hielt. Zwei junge Männer in Uniform stiegen aus. „Probleme, Süße?“, fragte der Größere von beiden und fasste sie dreist um die Hüfte. Zorn stieg gleich einer roten Welle in ihr auf, ein Grollen hob an, so furchterregend, dass es sogar der junge Mann zu bemerken schien, denn er zuckte zusammen, zog jedoch die Hand nicht zurück. Das war sein Fehler. Der Metaphysiker sprang aus dem Bus, setzte die Beretta, die kurzerhand Ruut entwunden hatte, am Kopf des Jungen an und drückte ab. Der fiel so günstig, dass kein Blutspritzer sie traf, wohl aber seinen Kameraden, der die Szene ungläubig beobachtet hatte und viel zu spät die Waffe zog, um einem zweiten Schuss zuvor zukommen. Baader war ganz aus dem Häuschen: „Genial. Erledigt. Zack bumm.“ Ensslins Hände zitterten ein bisschen, als sie sich die nächste Zigarette ansteckte. Manolete und Ruut zogen die Leichen ins Gebüsch. Sie stellte sich dicht zu ihm und legte die Hände auf seine Brust. Wieder wogte das All. „Es wird kein Entrinnen geben für die, nicht wahr?“ Er schüttelte den Kopf. „Willst du immer noch die Models...“ „Es wird dir eine Lektion sein.“

Wir waren versucht zu glauben, es gebe ein reines sonnenhaftes Schauen aus der Begehrlichkeit. Doch wurden wir in den ewigen Wirrwarr aus Wahn und Begierde gestoßen. Die Frage, ob wir kein Gewissen hatten, wenn wir uns die Körper verschafften, wohl wissend, dass am Ende unserer schleimigen Vereinigung Blut die Böden rot färben würde, ist ohne Sinn. Wir waren und sind das Gewissen: Wie könnten wir selbst eines haben? Und auch uns bleibt auf ewig verborgen warum wir so geschaffen wurden: reine Geister, doch Mann und Weib, sich nach einander verzehrend? Der verborgene Gott, den sie in uns suchen, er zeigt auch uns nicht sein Gesicht. Wir ahnen nicht einmal, warum es unseren Geist nach Verkörperung drängt – und nacheinander...

Von Ferne war Sirenenalarm zu hören. Fahrzeuge näherten sich in schnellem Tempo. Gudrun fluchte. Er nickte Manolete zu. Der fasste Gudrun unter die Schultern. Die schrie auf. „Spinnst du?“, schrie Andreas und wollte einen Hieb versetzen. Doch da hatte der Gigant ihn schon gepackt. Ein Sprung durch Raum und Zeit: Sie stürzten, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. „Scottie, beam me up.“, rauschte es aus den Tiefen des Alls.

Sie schlugen hart auf dieses Mal. Denn die Reise war kurz: Von Bonn-Bad Godesberg nach Hürth bei Köln in die Aufnahmestudios von „Germany´s next top model 2011“. Sie saßen im Publikum auf der harten Zuschauertribüne. Auf dem Laufsteg wurde einer langbeinigen jungen Frau mit herrlichen dunkelbraunen Haaren von zwei fetten Kerlen in Hawaihosen Mayonnaise über die halbentblößten Brüste geschmiert. Von einem Podest daneben herab gab eine Blondine mit ebenmäßigen Zügen Anweisungen: „Lächle, zeig, wer du bist. Du bist immer schön.“ Um die junge strahlend lächelnde Frau tanzten die Fotografen und entfesselten ein Blitzlichtgewitter. Die Menge johlte und applaudierte bei jeder lasziven Bewegung der Schönen. „Zeig was du kannst.“, schrie der blonde Teufel auf dem Podest. „Du kannst die Schönste sein. Wenn du nichts zurückhälts, wenn du ganz aufgehst in dem Willen...“ – eine Fanfare erklang – „...Germany´s next top model zu sein.“ Ein Kübel Jauche wurde von oben über die brünette Schönheit gegossen. Es stank. „Jetzt zeigt sich, ob du´s wirklich drauf hast.  Nur die Stärksten überleben. Nur wer sich völlig im Griff hat, kann“ – wieder die Fanfare – „Germany´s next top model“ werden.

Sie war sprachlos. Manolete hatte von irgendwo her eine Kamera bekommen und fotografierte eifrig. Ruut saß mit krummem Rücken und gefalteten Händen da und schien ein Mantra zu beten. Baader flüsterte immer wieder vor sich hin: „Geil. Geil. Geil.“ Gudrun war blaß vor Hass. „Da hast du es“, sagte er. „Das vollendete Böse.“ Sie starrte ihn an. „Das blonde Ungeheuer.“ „Gefällt sie dir?“, fragte sie. „Sie hat schöne Beine.“ „Willst du sie ficken?“ Er legte ihr die Hand aufs Knie. „Wie jeder. Sie ist ausgepreist. Ich könnte sie nehmen. Oder lassen. Es wäre nicht das, was wir... Außer, dass es dich fühlen ließe...“ „Was?“ „Dass ich es bin.“ Sie legte ihre Hand auf die seine. Es gab jetzt keinen Rückweg mehr. „Das Böse.“ Sie schaute noch einmal zu der Blonden hinüber, bevor sie sich erhob. Sie traten aus der Halle. Sie schob ihre Hand unter seine Lederjacke, lehnte ihr Gesicht an seine Brust. Das Beben schwoll an. In der Halle hatte Gudrun die Waffe aus dem Hosenbund gezogen. Sie riss Andreas vom Sitz. „Die Drecksau.“ Sie schoss der Blonden auf dem Podest mitten zwischen die blauen Augen. Andreas verstand nichts. Wild ballerte er um sich. Manolete und Ruut schlossen sich – etwas widerwillig – an. Sirenen heulten. Eine Panik brach aus. Menschen trampelten übereinander. Dunkles Blut verschwamm fast vollständig in den schwarzen Teppichböden der Kulissen. Nur auf der weißen Leinwand hinter der Brünetten, deren Leichnam von Jauche und Mayonaisse überzogen in schöner Streckung dalag, ergaben die Spritzer ein Gemälde wie von Jackson Pollock. Sie hob den Kopf an für einen Kuss. An dem die Welt zugrunde geht. Sie sanken nieder.


SIE: „Nur wir erregen bleibenden Abscheu.“
ER:  „Immer schon.“
SIE:  „War es wahr.“
ER:  „Wenn der Geist Körper wird.“
SIE:  „Sich die Flüssigkeiten austauschen.“
ER:   „Wie im Rausch“
SIE:   „Durch Raum und Zeit.“
ER:   „Mit Schleim und Sekret.“
SIE:   „Sich vereint.“
ER:   „Ich werde dich immer lieben.“

Es muss auch ohne uns Metaphysiker gehen. Wir verabschieden uns ohne Bedauern.

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Überarbeitete Fassung der 3-teiligen Version (siehe Label: Baader, Meinhof und die Zwergwerfer)



Dienstag, 23. November 2010

PANI TAU

Er wird damit durchkommen. Niemand wird Andreas anklagen, seine kleine Gespielin erdrosselt zu haben. Das ist Dorit klar, als sie den Leichnam unter dem Laub findet. Sie sieht die Würgemale am Hals, doch sie weiß: Legte sie den kleinen Körper zum Beispiel Robert vor, räumte der allenfalls ein, dass er Petra ähnlich sähe, gewiss, aber das sei doch ansonsten völliger Quatsch und ermahnen würde er sie, solche Behauptungen für sich zu behalten, denn Dorit wolle sicher nicht, dass man sie selbst für wahnsinnig halte...Dorit hört Roberts Suada geradeso, als werde sie wirklich gehalten.

Dieselbe Hilflosigkeit hatte sie schon gefühlt an jenem Abend vor sieben Monaten, als Andreas den Saal betrat. Dabei war, Dorit hätte es geschworen, noch nicht einmal ein Blick gewechselt worden, als es um Petra schon geschehen war. Die Frau, die sich Andreas gegenüber aufstellte, damit Robert sie einander vorstellen konnte, das war nicht mehr die Petra, die zwei Stunden zuvor das Pailettenkleid übergestreift, sich den Mund nachgezogen und in die hochhakigen Sandalen geschlüpft war, nicht mehr die, die schließlich selbstbewusst den Festsaal des Interconti betreten hatte. Diese hier, wie sie vor Andreas stand, war nicht geschrumpft, da noch nicht, doch machte sie sich schon klein, in der Art, wie sie errötete und fahrig mit den Händen durch die Luft fuhr, wie sie aber bezaubernd wirkte zugleich, erregt und erregend, wie siebso dastand und in die Knie ging, die Augen aufriss, leuchtend wie nie. Wie hätte er, Andreas, widerstehen können, dieser rothaarigen Kindfrau, die so offensichtlich in ihm den Himmel sah. Es war als flutete ihre Gefühlswelle den ganzen Raum, selbst Robert, dachte Dorit, selbst Robert blieb davon nicht unberührt, auch er zuckte, als träfe ihn eine Woge, nur leicht freilich, an der Schulter. Er streifte das ab. Sie, Dorit, hatte das nicht gekonnt; sie hatte sich gefühlt, als gehe sie mit Petra unter. Erst ein Blick in Andreas Gesicht hatte Dorit wieder zu sich gebracht, denn da war nichts, absolut nichts, was das hier rechtfertigte. Er sah ganz gut aus, Andreas Tau, gewiss, charmant, markant, gewandt, mehr nicht. Das war viel, natürlich, wenn man auf der Suche war, dachte Dorit, aber Petra war doch nicht auf der Suche. Petra hatte einen; einen der gut für sie war. Dessen Platz in Petras Leben war aber schon fristlos gekündigt. Am nächsten Abend, wenn er die Wohnungstür aufschließen würde, säße Andreas auf dem Sofa, Petras Kopf in seinem Schoß und die schaute den an von dort, gerade noch ein wenig Mitleid aufbringend, um ihm zu sagen, dass sein Koffer gepackt im Flur stehe.

Andreas Tau ließ es geschehen, anders kann man das nicht sagen. Er genoss es, welcher Mann hätte das nicht, wie die sich in seine Hände begab, sich ihm öffnete, an seinen Lippen hing, nicht metaphorisch, sondern tatsächlich, sich an ihn drängte und ihn umschloss mit ihren Schenkeln, wie ihre Zähne sich in seine Schultern bohrten, wenn sie unter ihm verging. Das hatte er so noch nicht erlebt, auch wie die wieder zu sich kam und sich in ihn einrollte, wie mächtig er sich fühlte an ihr, als hebe sie ihn auf einen Thron. Das war neu für ihn und  ein wenig ungeheuer, auch da schon. Aber erst nach einigen Wochen ging er zum ersten Mal nicht direkt nach Hause zu ihr, sondern nahm mit den Kollegen einen Feierabendtrunk. Da erzählte er, - wirklich nichts, was sie herabgewürdigt hätte, - nur wie sehr ihn das überwältigte, die Unbedingtheit, mit der sie ihn liebte. Die Kollegen lachten, prosteten ihm zu und frotzelten, jetzt habe es ihn erwischt, letztlich doch, jetzt werde man wohl bald eine Hochzeitseinladung bekommen und herzliche Grüße an Frau Tau. Er freute sich darüber, da noch, ging beschwingt nach Hause und riss ihr schon in der Tür das Kleid vorne auf, hörte begierig, wie der dünne Stoff riss, ihr zaghaftes Protestieren, das gar keines war, dann war sie schon sein, sein, sein.

So ging das eine Weile fort, er war zufrieden, nur ganz unmerklich wurde er etwas weniger zärtlich. Sie lebe doch nur noch für ihn, hatte sie gesagt. Dann begannen die Klagen. Sie verzweifelte an den Stunden, in denen sie nicht bei ihm war, ihre Haut trocknete aus, ihre Haare luden sich elektrisch auf, wenn sie durch den Laden strich, in dem sie arbeitete. Den ganzen Tag verzehrte sie sich nach ihm, zählte die Minuten, schließlich die Sekunden und dann die fürchterliche Enttäuschung, wenn er doch später kam, als sie berechnet hatte. An den Abenden flehte sie nun: „Ich will immer bei dir sein. Dein Püppchen. Deine Pani Tau.“ Sie wurde besessen davon. Natürlich kannte auch er Pan Tau, den Zauberer mit der Melone, der sich mit einem Griff an den Hut in eine handzahme Puppe verwandelte. „In deiner Brusttasche will ich wohnen“, sagte sie, „In jedem Hemd, in jedem Jackett kann ich mich einrichten, Sommer wie Winter bei dir sein. Ich störte dich auch nicht. Ganz still wäre ich. Ich bin ja stumm dann. Aber ich werde an deinem Herzen liegen und es schlagen hören.“ Er hörte sich das schweigend an, sogar ein klein wenig geschmeichelt. Das war alles Unsinn, dachte er. Aber dann lag sie nie mehr unter ihm oder saß auf ihm, ohne davon zu flüstern: „Ich will deine Pani Tau sein. Lass mich deine Pani Tau sein.“ Sie zeigte ihm den rosa Hut, den sie gekauft hatte.  Pani Tau, meinte sie, habe natürlich keine Melone, das passe nicht, Pani Tau, also sie, trage einen schicken Hut, der zu ihren pinkfarbenen Sandalen passe, jenen Sandalen, mit denen sie ins Interconti gestöckelt war. Selbstverständlich erinnerte er sich. Wie sie getanzt hatten miteinander und ihr Haar geleuchtet im Kronleuchterlicht und dass er sich gefühlt hatte, als sei er ein Gott durch die geradezu umwerfende Anschmiegsamkeit dieses schönen Geschöpfs, die ihn taumeln machte in unverdientem und ungeahntem Glück. Er ließ sich auf das Spiel ein: „Wenn du meine Pani Tau wärst und in meiner Brusttasche wohntest, könntest du nicht mehr arbeiten gehen.“ Das hatte sie schon überlegt. Als Pani Tau brauche sie fast nichts, ihre Kleidung bliebe in den Brusttaschen wie nagelneu und auch Nahrung müsse und könne sie nur noch in ganz kleinen Portionen zu sich nehmen. Unter diesen Umständen sei sein Gehalt doch mehr als ausreichend. Das konnte Andreas nicht widerlegen. Doch hatte er einen Punkt, von dem er dachte, er sei der ausschlaggebende, für ihn sowieso und für sie, da war sicher, so konnte er sich nicht täuschen, für sie doch wohl ebenso. Wie, fragte er sie, solle er mit einem winzigen Püppchen Sex haben, das müsse sie doch einsehen, dass dieser Verzicht unzumutbar sei. Doch auch daran hatte sie schon gedacht. Ganz wie Pan Tau werde und könne sie sich, wenn sie mit ihrem Besitzer allein sei, rückverwandeln in sein rothaariges Nymphchen: „Alles am richtigen Fleck und in der richtigen Größe.“, beruhigte sie und schob seine Hand unter ihre Bluse. Schon in ihren Armen hatte er gekeucht: „Na dann...“ Das hatte sie als Einverständnis genommen und als er am nächsten Tag aufwachte, saß sie in der Brusttasche seiner Anzugjacke.

So hatte das angefangen.  Zu Beginn hatte es ihm gefallen, das Püppchen an seiner Brust zu spüren. Obwohl es stumm war, meinte er zu hören, „Ich bin dein. Ich bin dein. Ich bin dein.“ Mit dem Püppchen in der Brusttasche gelang ihm beinahe alles. Als er sich mit Dorit und Robert zum Essen traf, erzählte er ihnen von seinen Erfolgen, aber auch, dass es zwischen Petra und ihm nichts geworden sei. Dorit hatte in den vergangenen Wochen immer wieder versucht Petra zu erreichen, diese jedoch hatte versucht sie abzuwimmeln, hatte ihr schließlich von ihren Pani-Tau-Phantasien erzählt. Als Dorit das andeutete, gab Andreas zu: Petra sei ein wenig merkwürdig gewesen in letzter Zeit, schließlich habe sie selbst eingesehen, dass sie Hilfe brauche und sich in eine Klinik einweisen lassen. Dorit wollte die Adresse wissen, aber Andreas behauptete, die habe sie auch ihm nicht genannt. Es habe ihn geschmerzt, selbstverständlich, aber er habe auch begriffen, dass gerade er ihr nicht helfen könne. Während Andreas sprach, wurde ihm klar, dass Petra mit jedem Wort, das er sagte, verschwand. Es würde sich herumsprechen, man würde warten, ob Nachrichten kämen und blieben die aus, so würde man Petra vergessen. Es wäre, als hätte sie nicht gelebt. Oder vielmehr: Es würde wahr werden, was sie gesagt hatte: „Ich lebe doch nur noch für dich.“

Die Sicherheit, die Andreas mit jedem Tag mehr fühlte, machte ihn grausam. Dass  Pani Tau ihm so völlig gehörte, sich ihm ausgeliefert hatte, nicht mehr existierte ohne ihn, verführte ihn dazu, sich alle Rechte ihr gegenüber herauszunehmen. Er begann mit anderen Frauen anzubändeln, während sie in seiner Brusttasche saß. Er nahm sie mit in die schäbigen Hotelzimmer, wo er diese Frauen beschlief. Die Vorstellung, dass sie aus seiner Brusttasche alles beobachtete, verlieh diesen beliebigen Gelegenheiten den Reiz, der ihnen ansonsten gefehlt hätte. Er hörte auch nicht auf, Pani Tau zu nehmen, wann es ihm passte. Sie fügte sich in alles. Wenn er sie fragte: „Macht dir das nichts aus?“, seufzte sie bloß. Nachts dagegen, wenn sie glaubte, er schlafe fest, hörte er sie manchmal schluchzen und eines Morgens, als er sich zu ihr umdrehte, fasste er in ihr Kissen, das völlig durchnässt war. Pani Tau schwieg nun meist auch dann, wenn sie sich in die Frau zurück verwandelt hatte, um ihm zu gehören. Ihre entschlossene Duldsamkeit steigerte seine Wut noch. Er begann sie zu schlagen. Sie duckte sich unter seinen Hieben. Aber sie unterdrückte den Schrei. Er fühlte sich durch diese Stummheit provoziert, wie kaum ein Wort es vermocht hätte. Ihm gefiel nicht, wie er sich verwandelte. Er begriff schließlich, dass er sie los werden musste. Einen ganzen Nachmittag spazierte er durch den Park, fingerte sie aus seiner Brusttasche, setzte sie auf eine Bank, ging davon, kehrte wieder zurück, nahm sie wieder an sich. Einmal warf er sie sogar in eine Mülltonne. Doch auch da zwang ihn etwas, sie wieder herauszufischen. Er suchte eine Bar auf, entschlossen sich zu betrinken. Zufällig traf er Dorit. Später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, was er ihr im Suff vorgelallt hatte. Er ahnte, dass er von Pani Tau gesprochen hatte. Vielleicht hatte er sie sogar aus der Brusttasche gezogen, um sie Dorit zu zeigen. Egal, dachte er. Sie wird geglaubt haben, ich hätte mir aus Liebeskummer ein Püppchen gekauft, das Petra ähnlich sieht.

Am nächste Morgen, noch verkatert, lehnte er die Puppe an seinen Kaffeepot und musterte sie. Eine billige Plastikpuppe. Das Ganze war, begriff er endlich, nur eine Wahnvorstellung. Er hatte sich nicht abfinden können mit der Trennung. Hatte Dorit nicht gesagt, dass es Petras Art war, so zu gehen, ohne jede Erklärung. Er war doch kein Betrüger und Schläger, kein Frauenquäler, er hatte sie doch geliebt, sehr geliebt sogar, mehr geliebt als je eine zuvor, zu seiner Frau hatte er sie machen wollen, mit den Kollegen schon über die Hochzeit gesprochen. Frau Tau hatte sie werden sollen, für immer und ewig, und dann hatte die sich einfach so davon gemacht. Es stimmte, er musste sie loswerden. Am besten zerstückeln, dass nichts von ihr übrig blieb. Er zog die Küchenschublade auf und holte ein Messer hervor. Lange saß er mit dem erhobenen Messer in der Hand vor der Puppe, doch er brachte es nicht fertig.

Schließlich nahm er eine Dusche, dann zog er sich ein frisches Hemd an, suchte ein feines  blaßrosa Tuch heraus für seine Brusttasche, auf das er sie bettete. Ihre grünen Augen, umgeben vom Wimpernstrahlenkranz funkelten ihn an, schön wie an jenem ersten Abend. „Lass mich dein Püppchen sein.“ Im Park steckte er sie um in seine Hosentasche. Wie schmal der kleine Hals war, viel schmaler als sein Daumen. Wenn er Zeigefinger und Daumen gegen den Hals presste, ließ der sich bis auf wenige Millimeter zusammendrücken. Er presste ganz fest, während er den Eremitenhügel hinauf lief. Als er oben ankam, war er völlig außer Atem. Aber es war erledigt. Er fühlte sie nicht mehr. Das ewige Singen war aus seinem Ohr verschwunden: „Dein.Dein.Dein.Dein.“ Er atmete durch, ließ die Puppe unauffällig ins Laub gleiten. Als er sie so da liegen sah, nackt hingestreckt auf dem Bauch, schob er mit dem Fuß ein einzelnes Laubblatt über ihre Blöße. Dazu musste er schon lächeln. Wie verrückt er sich benahm. Damit war jetzt aber Schluss. Er zündete sich eine Zigarette an und blies einen Kringel in die kalte Novemberluft. Auf dem Rückweg hinab traf er Dorit und grüßte sie freundlich. Er hat nichts zu verbergen.