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Freitag, 14. Januar 2011

DAS BEBEN DER METAPHYSIKER. Baader, Ensslin und die Zwergwerfer

Er:          „Nur Menschen erzeugen bleibenden Abscheu.“
Sie:          „Gefällt dir einer?“
Er:          „Sie sind widerlich. Ich mag nur die Zerstörer.“
Sie:          „Ich gebe dir einen: Baader, Andreas. Erinnerst du dich?“
Er:          „Wir können nicht vergessen.“
Sie:         „Zeit und Raum?“
Sie:         „Sicher.“

Die Metaphysiker schlugen in der pannonischen Tiefebene auf. In der Ferne schimmerten silbrig die westlichen Karpaten. „Das kommt uns gelegen...“, sagte er. „...die Zwergwerfer.“ Sie bewegten sich zügig auf die Bergkämme zu. „Lass uns Gestalt annehmen: Ich bin jung, groß und schön.“ Sie lachte: „Warum überrascht mich das nicht?“ Es wurde Nacht. Sie genossen die feuchte Kälte auf ihren frischen Häuten. Gegen Mittag des folgenden Tages erreichten sie das Dorf der Zwergwerfer. Vier Riesen begrüßten sie auf dem offenen Dorfanger. Knotigbraunen Baumstämmen gleich wuchsen ihre Beine aus dem Boden. „Und ihre Ohren“, sagte er, „sind spitz, wie die Mythen die Giganten beschreiben.“ „Sie sind, was wir uns unter dem Mythos vorstellen, weißt du.“„Ich weiß vorher nie, was ich mir vorstelle, bevor ich auf meine Vorstellung treffe.“ „Ach du....“ Die Zwergwerfer verbeugten sich synchron vor ihren zierlichen Besuchern.

Woher wussten wir, dass diese Giganten sich als Zwergwerfer verdingten? Die Verdinglichung der Zwerge zu Wurfobjekten, hatte der Königsberger diktiert, verletzte den kategorischen Imperativ.  Wie aber hatte er sich gestemmt gegen die Erfahrung Georg Forsters, dass auch der Neger ein vernunftbegabtes Wesen sei. Und: Was galt, wenn der Wurf mit  dem Einverständnis des Geworfenen erfolgte? Doch schweifen wir ab...

Einer der Riesen trat hervor: „Fremdlinge: Willkommen bei den Silberhändigen Azeroth, wie wir uns neuerdings nennen, nachdem wir mit Den Geheimen Drei fusioniert sind.“ Sie blickte ihren Gefährten ungläubig an: „Wie irre ist das denn?“ „Weiß nicht“, sagte er kleinlaut. „Kann sein, dass ich zu viele World of Warcraft gespielt habe.“ Der Zwergwerfer ignorierte das Gefasel: „Mein Name ist Ruut. Wie wir alle lehne ich jede Form von Rassismus ab, das möchte ich betonen. Wir nehmen dicke Zwerge, dünne Zwerge, blaue, gelbe, rote. Auch welche in Lederjacken, wie dich.“, stellte er fest, indem er auf ihn deutete. Sie stupste ihn in die Seite: „Da hast du´s.“ „...oder Blondinen wie dich.“, fuhr er fort. „Das ist gut. Wir wollen nämlich....“ „Gemach.“, unterbrach Ruut. „Bevor wir ins Geschäft kommen, müsst ihr uns erst einmal kennenlernen. Wie gesagt: Mein Name ist Ruut und ...“ „Ruut, du bist zu langatmig. Sie müssen nicht alles über uns wissen, damit wir sie werfen können...“, unterbrach ihn der Riese links neben ihm. Ruut schob beleidigt die Unterlippe vor. „Mein Name ist Manolete. Ich bin hier der Boss. Ich leite den Laden, weil ich die größten Taschen habe. Als Starfotograf verdiene ich auch sehr gut.“ „Das geht zu weit.“, schimpfte sie. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist.“, gab er sich unschuldig. „Wenn später noch ein paar Models dazukommen, könnte sich das als nützlich erweisen.“ „Ich schenke dir Baader und jetzt auch noch Models...“ „Dafür hast du die Zwergwerfer. Und was für welche. Die sind doch echt cool.“

Manolete ignorierte den Blödsinn. Stattdessen hob er ihr Kinn leicht an. Sie  kicherte unkontrolliert bei dieser Berührung. Vom Rande des Universums kündigte sich ein Beben an. „Fass sie nicht an, Manolete. Ich warne dich. Sie hat das nicht gern.“ Er zog sie an sich heran. Sie spürte das raue Leder seiner lächerlichen Jacke an ihrer Wange. Fast hätte sie dem Impuls nachgegeben, sich daran zu reiben. „Danke.“, flüsterte sie. Er antwortete nicht, verstärkte aber den Druck seiner Hand auf ihrer Schulter. Unmerklich lehnte sie sich noch ein wenig dichter an ihn. Manolete trat zurück. „Kein Problem, Bruder. Ich erwäge die Möglichkeiten. Ich bestehe nicht auf ihnen.“ Ein anderer Zwergwerfer, der schon die ganze Zeit über ungeduldig die Augen gerollt hatte, unterbrach ihn: „Mein Name ist Celtigar. Ihr seht, dass ich ein Trollschurke bin. Hier drüben steht Eufemia, unsere Hexenmeisterin.“ Eufemia lächelte die beiden freundlich an. „Ich sehe ein wenig gefährlich aus, aber das täuscht. Ich kuschele gerne mit Blutelfen.“ Sie löste sich empört von ihm. „Dass du immer noch einen drauf setzen musst.“ Das Beben verebbte. Celtigar lud die Besucher ein: „Darf ich euch bitten, Platz zu nehmen?“, sagte er und wies mit der Hand auf eine gigantische Sitzgruppe am Rande des Platzes, die sie bisher übersehen hatten. Sie bestand aus sechs klobigen Holzsitzen, die jeweils aus dem Stamm einer uralten Eiche gehauen und im Kreis aufgestellt waren.

Wieso dauert es so lange, bis Baader in der Geschichte auftaucht? Die Zwergwerfer sollten uns ins Jahr 1969 katapultieren, wo wir Baader zu treffen gedachten. Nun saßen wir fest in der pannonischen Tiefebene jenseits der Zeit. Wir verstanden allmählich, dass die Giganten nicht auf Abenteuer aus waren. Die Vorstellung, eine Geschichte anzufangen, war ihnen unbegreiflich. Sie lebten Geschichten, doch keine, die je von einem Anfang zum Ende fortschritt. Nichts drängte sie voranzukommen, denn sie kamen immer wieder an, wo sie schon waren. Und grämten sich nicht darum, wie wir...

„Wir sollen euch also ins Menschenjahr 1969 werfen...“, fasste Manolete die Verhandlungen zusammen. „Nun ja, nach christlicher Zeitrechnung.“, warf Ruut ein. „Gut, dass du mich erinnerst. Dort wollt ihr Andreas Baader treffen...“ „Ich will nach Paris.“, sagte sie. „Baader und Ensslin flohen im Winter 69 nach Paris, weißt du.“ „Jedes Mal willst du nach Paris.“, stöhnte er. „Ich bin dort immer glücklich gewesen.“ Sie sah ihn herausfordernd an. Um seinen Mund zuckte es. Nur mühsam gelang es beiden das neuerliche Beben, das sich ankündigte, ausgleiten zu lassen. Die Zwergwerfer indessen bemerkten davon nichts. „Also gut, nach Paris.“ Manolete zuckte die Achseln. „Uns ist das völlig gleich. Eines aber muss euch klar sein: Wenn wir euch werfen, begleiten wir euch selbstverständlich.“ „Warum denn?“, fragte sie. „Wir waren schon 1789 dort und früher...“ „Erinnere mich nicht.“, rief er und verzog angewidert das Gesicht. „Die Bartholomäusnacht...“ „Vergiss es.“ „Es geht nicht darum, was ihr dort anstellen könntet. Es läuft sowieso immer auf dasselbe hinaus.“ „Egal, wie ihr wollt. Ich hätte gerne einen VW-Bus, der mit Blumen bemalt ist und an dem hinten ein Schild angebracht wird, auf dem steht: Lach nicht, Papa, deine Tochter könnte hier drin liegen.“, verlangte er. „Oh mannomann.“, stöhnte sie. „Ein bisschen Spaß muss sein...“, sang er. Sie funkelten sich an. Diesmal war kein Beben zu spüren. „Das mit dem Bus ist kein Problem.“, beruhigte Manolete.„War´s das jetzt, geht´s jetzt endlich los?“ Er hüpfte ungeduldig von seinem gigantischen Sitz hinunter. „Hast du nicht auch noch was von Models gesagt?“, fragte Celtigar. „Doch ja, Andreas gefällt das bestimmt. Der steht auf langbeinige Frauen.“ „Wie du.“, sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Los jetzt. Das Gequassel nervt. Geschichte wird gemacht.“ „Oho.“

„Ruut, du begleitest mich.“, befahl Manolete. Ruut stand auf. Manolete hob sie hoch. „Geht es, wenn er dich anfasst?“, fragte er leise. „Für den Moment halte ich es aus.“ Nun hielt Manolete sie mit beiden Händen über den Kopf und Ruut nahm die gleiche Stellung mit ihm ein. Sie wuchsen ins Unermessliche. „Ich werfe uns...Jetzt.“ Sie stürzten durch Raum und Zeit, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. „Scottie, beam me up.“, rauschte es aus den Tiefen des Alls.

Dann saßen sie schon in einem Straßencafé in Paris Montparnasse. Vor jedem von ihnen stand ein Glas Pastis. Am Straßenrand parkte der VW-Bus mit eben jenem Schild, das er bestellt hatte. Jedoch war alles schwarzweiß. „Mir gefällt es.“, strahlte Manolete, „ich bin sowieso ein Freund der Schwarzweiß-Fotographie.“ Sie betrachteten ihn näher. Manolete hatte sich, ebenso wie Ruut, verwandelt. Immer noch waren sie außergewöhnlich groß und kräftig, jedoch keine Giganten mehr. Ihre struppige Haare waren ein wenig gestutzt. Sie trugen dunkle Anzüge und weiße Hemden, aber keine Krawatten. Ruut drehte sich eine Zigarette und lehnte sich  zurück, die Szenerie zu betrachten. Passanten blieben stehen, um den eigentümlichen Bus aus Deutschland zu bestaunen. „Wie schick die Pariserinnen sind...“, bewunderte sie. „Halt jetzt mal die Klappe. Schau lieber unauffällig da rüber. Das sitzen sie.“ „Wie sie ihn anhimmelt.“ „O ja, sexy Gudrun. Könntest du dir ein Beispiel dran nehmen.“ „Fuck you.“ Baader und Ensslin saßen zwei Tische weiter. Baader hatte sich leicht vom Tisch weggedreht, die Beine breit auf den Gehsteig hinausgeschoben, doch den Oberkörper Ensslin zugeneigt. Sie, die Haare dunkel gefärbt und zu einem schulterlangen Pagenkopf geschnitten, war weit über den Tisch gebeugt, zu ihm hin. Sie unterhielten sich lebhaft, lachten laut auf. Schließlich stellte er seinen rechten Fuß so aus, dass die Zehenspitzen ihren Fuß links unter dem Tisch erreichten.

Wir hatten selten ein Paar beobachtet, das so offensichtlich verliebt war wie diese beiden. Sie wirkten inmitten des Pariser Treibens so ganz und gar aufeinander bezogen. Wer immer sie betrachtete, spürte das Kraftfeld, das ihr Beisammensein erzeugte, die Energien, die sich verbanden und verstärkten, wenn sie einander berührten. Ein Beben vom Rande des Universums...

Quelle: http://www.hdg.de/lemo/objekte/pict/BiographieEnsslinGudrun_photoEnsslin/index.html
Copyright: Astrid Proll // Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deuschland
Im Bus ging es dann hoch her. Baader war zunächst verdrossen gewesen, dass er in einem solchen Gefährt reisen sollte. Zwar hatte er nie einen Führerschein besessen, war es jedoch gewohnt, schicke und schnelle Autos zu fahren. Durch Frankfurt war er in einem auberginefarbenen Porsche gebraust, die Reise nach Paris hatten er und Gudrun in einem weißen Mercedes angetreten. Den Bus empfand er als Abstieg. Er versöhnte sich jedoch damit, nachdem er festgestellt hatte, wie bequem er mit Gudrun auf dem Rücksitz fummeln konnte. Obwohl Ensslin und Baader in Paris jedem Fremden zunächst mit Misstrauen begegneten waren, schließlich befanden sie sich auf der Flucht, war es ihm gelungen, sehr schnell mit ihnen Freundschaft zu schließen. Baader erkannte in ihm den 1. Offizier, den er als Truppenführer brauchte und er übernahm diese Rolle vorerst gern. Manolete und Ruut hielten sich aus den Gesprächen heraus. Sie hatten Baader jedoch beeindruckt, indem sie ihre Jacken für einen Moment zurückschlugen und ihm einen Blick auf die Berettas gewährten, die sie lässig in den Hosenbund gestopften hatten. Sie fühlte sich jedoch  schon bald von Gudruns Gerede genervt. Wann immer Gudrun nicht mit Baader rummachte, sprach sie mit sich überschlagender Stimme auf sie ein. Es ging, natürlich, um Andreas: „Andreas ist das revolutionäre Subjekt. Das gilt auch – vor allem auch – für seine Arbeit als Fotomodell für Schwulenmagazine. Gerade das zeichnet Andreas als Antagonisten des Bürgertums aus. Der Rivale, absolute Feind, Staatsfeind: das kollektive Bewusstsein, die Moral der Erniedrigten und Beleidigten, des Metropolenproletariats - das ist Andreas.“ Sie verdrehte die Augen. Baader zog Ensslin zu sich heran, glitt mit der Hand in ihre Bluse, begann sie wild zu küssen und auf dem Sitz flachzulegen. Sie suchte seinen Blick. Er lachte nicht. Beide spürten, dass das Beben wieder eingesetzt hatte. Das Zusammensein mit Ensslin und Baader in dem engen Bus machte es fast unmöglich, es hinzuhalten. Seine Hände krampften um das Steuer. Sie wandte sich an Baader, um ihn und sich abzulenken. „Was ist der Plan?“ „Also vor allem brauchen wir Geld und Waffen. Geht ja nicht, dass nur die beiden stummen Kerle bewaffnet sind. Obwohl die Berettas klasse sind. Echt. Zeig noch mal.“ Manolete schob seine Jacke beiseite. „Geil.“ Baader wollte nach der Beretta greifen, aber ein Blick Manoletes genügte, dass er die Hand zurückzog. Vom Fahrersitz aus schlug er Baader vor: „Wir könnten in der Nähe von Bonn ein Bundeswehrfahrzeug anhalten. Die Waffen abgreifen. Vielleicht auch in die Kaserne eindringen.“  Der unausgegorene Plan entsprach genau Baaders Naturell. Ensslin schaute ein wenig bedrückt drein, sagte aber nichts.

Wie im Traum fand er eine Auffahrt zu einer Kaserne in der Nähe von Bad Godesberg. „Los, stell dich ein bisschen hilflos an den Straßenrand.“ Sie klappten die Motorhaube auf. Die Männer versteckten sich im Bus, während Ensslin sich gegen den Kühler lehnte und eine Zigarette anzündete. Sie stellte sich neben das Fahrzeug, um nach Hilfe zu winken. Schon der erste Kastenwagen des Bundes hielt. Zwei junge Männer in Uniform stiegen aus. „Probleme, Süße?“, fragte der Größere von beiden und fasste sie dreist um die Hüfte. Zorn stieg gleich einer roten Welle in ihr auf, ein Grollen hob an, so furchterregend, dass es sogar der junge Mann zu bemerken schien, denn er zuckte zusammen, zog jedoch die Hand nicht zurück. Das war sein Fehler. Der Metaphysiker sprang aus dem Bus, setzte die Beretta, die kurzerhand Ruut entwunden hatte, am Kopf des Jungen an und drückte ab. Der fiel so günstig, dass kein Blutspritzer sie traf, wohl aber seinen Kameraden, der die Szene ungläubig beobachtet hatte und viel zu spät die Waffe zog, um einem zweiten Schuss zuvor zukommen. Baader war ganz aus dem Häuschen: „Genial. Erledigt. Zack bumm.“ Ensslins Hände zitterten ein bisschen, als sie sich die nächste Zigarette ansteckte. Manolete und Ruut zogen die Leichen ins Gebüsch. Sie stellte sich dicht zu ihm und legte die Hände auf seine Brust. Wieder wogte das All. „Es wird kein Entrinnen geben für die, nicht wahr?“ Er schüttelte den Kopf. „Willst du immer noch die Models...“ „Es wird dir eine Lektion sein.“

Wir waren versucht zu glauben, es gebe ein reines sonnenhaftes Schauen aus der Begehrlichkeit. Doch wurden wir in den ewigen Wirrwarr aus Wahn und Begierde gestoßen. Die Frage, ob wir kein Gewissen hatten, wenn wir uns die Körper verschafften, wohl wissend, dass am Ende unserer schleimigen Vereinigung Blut die Böden rot färben würde, ist ohne Sinn. Wir waren und sind das Gewissen: Wie könnten wir selbst eines haben? Und auch uns bleibt auf ewig verborgen warum wir so geschaffen wurden: reine Geister, doch Mann und Weib, sich nach einander verzehrend? Der verborgene Gott, den sie in uns suchen, er zeigt auch uns nicht sein Gesicht. Wir ahnen nicht einmal, warum es unseren Geist nach Verkörperung drängt – und nacheinander...

Von Ferne war Sirenenalarm zu hören. Fahrzeuge näherten sich in schnellem Tempo. Gudrun fluchte. Er nickte Manolete zu. Der fasste Gudrun unter die Schultern. Die schrie auf. „Spinnst du?“, schrie Andreas und wollte einen Hieb versetzen. Doch da hatte der Gigant ihn schon gepackt. Ein Sprung durch Raum und Zeit: Sie stürzten, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. „Scottie, beam me up.“, rauschte es aus den Tiefen des Alls.

Sie schlugen hart auf dieses Mal. Denn die Reise war kurz: Von Bonn-Bad Godesberg nach Hürth bei Köln in die Aufnahmestudios von „Germany´s next top model 2011“. Sie saßen im Publikum auf der harten Zuschauertribüne. Auf dem Laufsteg wurde einer langbeinigen jungen Frau mit herrlichen dunkelbraunen Haaren von zwei fetten Kerlen in Hawaihosen Mayonnaise über die halbentblößten Brüste geschmiert. Von einem Podest daneben herab gab eine Blondine mit ebenmäßigen Zügen Anweisungen: „Lächle, zeig, wer du bist. Du bist immer schön.“ Um die junge strahlend lächelnde Frau tanzten die Fotografen und entfesselten ein Blitzlichtgewitter. Die Menge johlte und applaudierte bei jeder lasziven Bewegung der Schönen. „Zeig was du kannst.“, schrie der blonde Teufel auf dem Podest. „Du kannst die Schönste sein. Wenn du nichts zurückhälts, wenn du ganz aufgehst in dem Willen...“ – eine Fanfare erklang – „...Germany´s next top model zu sein.“ Ein Kübel Jauche wurde von oben über die brünette Schönheit gegossen. Es stank. „Jetzt zeigt sich, ob du´s wirklich drauf hast.  Nur die Stärksten überleben. Nur wer sich völlig im Griff hat, kann“ – wieder die Fanfare – „Germany´s next top model“ werden.

Sie war sprachlos. Manolete hatte von irgendwo her eine Kamera bekommen und fotografierte eifrig. Ruut saß mit krummem Rücken und gefalteten Händen da und schien ein Mantra zu beten. Baader flüsterte immer wieder vor sich hin: „Geil. Geil. Geil.“ Gudrun war blaß vor Hass. „Da hast du es“, sagte er. „Das vollendete Böse.“ Sie starrte ihn an. „Das blonde Ungeheuer.“ „Gefällt sie dir?“, fragte sie. „Sie hat schöne Beine.“ „Willst du sie ficken?“ Er legte ihr die Hand aufs Knie. „Wie jeder. Sie ist ausgepreist. Ich könnte sie nehmen. Oder lassen. Es wäre nicht das, was wir... Außer, dass es dich fühlen ließe...“ „Was?“ „Dass ich es bin.“ Sie legte ihre Hand auf die seine. Es gab jetzt keinen Rückweg mehr. „Das Böse.“ Sie schaute noch einmal zu der Blonden hinüber, bevor sie sich erhob. Sie traten aus der Halle. Sie schob ihre Hand unter seine Lederjacke, lehnte ihr Gesicht an seine Brust. Das Beben schwoll an. In der Halle hatte Gudrun die Waffe aus dem Hosenbund gezogen. Sie riss Andreas vom Sitz. „Die Drecksau.“ Sie schoss der Blonden auf dem Podest mitten zwischen die blauen Augen. Andreas verstand nichts. Wild ballerte er um sich. Manolete und Ruut schlossen sich – etwas widerwillig – an. Sirenen heulten. Eine Panik brach aus. Menschen trampelten übereinander. Dunkles Blut verschwamm fast vollständig in den schwarzen Teppichböden der Kulissen. Nur auf der weißen Leinwand hinter der Brünetten, deren Leichnam von Jauche und Mayonaisse überzogen in schöner Streckung dalag, ergaben die Spritzer ein Gemälde wie von Jackson Pollock. Sie hob den Kopf an für einen Kuss. An dem die Welt zugrunde geht. Sie sanken nieder.


SIE: „Nur wir erregen bleibenden Abscheu.“
ER:  „Immer schon.“
SIE:  „War es wahr.“
ER:  „Wenn der Geist Körper wird.“
SIE:  „Sich die Flüssigkeiten austauschen.“
ER:   „Wie im Rausch“
SIE:   „Durch Raum und Zeit.“
ER:   „Mit Schleim und Sekret.“
SIE:   „Sich vereint.“
ER:   „Ich werde dich immer lieben.“

Es muss auch ohne uns Metaphysiker gehen. Wir verabschieden uns ohne Bedauern.

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Überarbeitete Fassung der 3-teiligen Version (siehe Label: Baader, Meinhof und die Zwergwerfer)



Freitag, 1. Oktober 2010

Baader, Meinhof und die Zwergwerfer, 3. Teil: Kein Friede auf Erden

 Dies ist der 3. Teil der Erzählung "Baader, Meinhof und die Zwergwerfer". Alles wird als Etikettenschwindel entlarvt. Frau Meinhof kommt gar nicht vor. Auch andere Versprechen werden nicht eingehalten. Ein Blutbad immerhin findet statt und eine (un-)endliche Vereinigung.

Wie es zu der Erzählung kam: Hier.






3. Teil:  Kein Friede auf Erden
Alles kommt ganz anders. Sie erreichen niemals Berlin. Frau Meinhof verschwindet aus der Geschichte, bevor sie auftritt. Das Böse ist blond und hat schöne Beine. Die Liebe der Metaphysiker endet im Blutbad. Noch einmal der Kategorische Imperativ in der Formulierung der Selbstzweckformel.

Im Bus ging es hoch her. Baader war verdrossen gewesen, dass er sich in einem solchen Gefährt auf die Reise machen sollte. Zwar hatte er nie einen Führerschein besessen, war es jedoch gewohnt, schicke und schnelle Autos zu fahren. Durch Frankfurt war er in einem auberginefarbenen Porsche gebraust, die Reise nach Paris hatten er und Gudrun in einem weißen Mercedes angetreten. Den Bus empfand er als Abstieg. Er versöhnte sich jedoch damit, nachdem er festgestellt hatte, wie bequem er mit Gudrun auf dem Rücksitz fummeln konnte. Manolete hatte dafür gesorgt, dass der Bus mit einer Anlage ausgestattet war. Passenderweise schob er eine Casette mit Songs von Janis Joplin ein: „Try just a little bit harder.“

Obwohl Ensslin und Baader in Paris jedem Fremden zunächst mit Misstrauen begegneten waren, war es ihm gelungen, sehr schnell mit ihnen Freundschaft zu schließen. Baader erkannte in ihm sofort den 1. Offizier, den er sich zum Handlanger machen konnte und ER übernahm die Rolle, zumindest vorläufig, gern. Manolete und Ruut hielten sich aus den Gesprächen weitgehend heraus. Sie hatten Baader jedoch beeindruckt, indem sie ihre Jacken für einen Moment zurückschlugen und ihm einen Blick auf die Berettas gewährten, die sie lässig in den Hosenbund gestopften hatten.

Auch war es ihm nicht schwergefallen, Baader und Ensslin zur Rückkehr nach Berlin zu überreden. Obwohl Baader Ulrike Meinhof „eine Journalisten-Fotze“ nannte, konnte Ensslin ihn überzeugen, dass die Zusammenarbeit mit jemandem von Ulrikes Reputation in der Szene von Vorteil wäre. ER wollte vor allem schnell mit dem Bus losfahren. SIE fühlte sich schon bald von Gudruns Gerede genervt. Wann immer Gudrun nicht mit Baader rummachte, sprach sie mit sich überschlagender Stimme auf SIE ein: „Andreas ist das revolutionäre Subjekt. Das gilt auch – vor allem auch – für seine Arbeit als Fotomodell für Schwulenmagazine. Gerade das, was sie zur Denunziation nutzen, zeichnet Andreas als Antagonisten des Bürgertums aus. Der Rivale, absolute Feind, Staatsfeind: das kollektive Bewusstsein, die Moral der Erniedrigten und Beleidigten, des Metropolenproletariats - das ist Andreas.“ SIE verdrehte die Augen. Baader zog Ensslin zu sich heran, glitt mit der Hand in ihre Bluse, begann sie wild zu küssen und auf dem Sitz flachzulegen. SIE suchte seine Augen im Rückspiegel. ER lachte nicht. Sie spürten beide, dass das Beben wieder eingesetzt hatte. Das Zusammensein mit Ensslin und Baader in dem engen Bus machte es fast unmöglich, es hinzuhalten. Seine Hände krampften um das Steuer. SIE wandte sich an Baader, um ihn und sich abzulenken. „Was ist der Plan?“ „Also vor allem brauchen wir Geld und Waffen, das ist ja klar. Geht ja nicht, dass nur die beiden stummen Kerle bewaffnet sind. Obwohl die Berettas klasse sind. Echt. Zeig noch mal.“ Manolete schob seine Jacke beiseite. „Geil.“ Baader wollte nach der Beretta greifen, aber ein Blick Manoletes genügte, dass er die Hand zurückzog. ER schlug vor: „Wir könnten in der Nähe von Bonn vor einer Kaserne warten. Ein Fahrzeug anhalten. Die Waffen abgreifen. Vielleicht auch eindringen. Je nach Lage.“ SIE zischte: „Spinnst du jetzt total?“ „Baby, wir sind mit den Zwergwerfern hier. Schon vergessen?“ Baader war begeistert. Ensslin schaute ein wenig bedrückt drein, sagte aber nichts.

Wie im Traum fand ER eine Auffahrt zu einer Kaserne in der Nähe von Bad Godesberg. „Los, stell dich ein bisschen hilflos an den Straßenrand.“ Sie klappten den Motor auf. Die Männer versteckten sich im Bus, während Ensslin sich gegen die Kühlerhaube lehnte und eine Zigarette anzündete. SIE stellte sich neben das Fahrzeug, um nach Hilfe zu winken. Schon der erste Kastenwagen des Bundes hielt. Zwei junge Männer in Uniform stiegen aus. „Probleme, Süße?“, fragte der Größere von beiden und fasste SIE dreist um die Hüfte. Der Zorn stieg gleich einer roten Welle in ihr auf, vor ihren Augen wankte die Umgebung, ein Grollen hob an, so furchterregend, dass es sogar der junge Mann zu bemerken schien, denn er zuckte zusammen, zog jedoch die Hand nicht zurück. Das war sein Fehler. Aus dem Bus sprang ER, setzte die Beretta, die ER kurzerhand Ruut entwunden hatte, am Kopf an und schoss den Jungen nieder. Der fiel so günstig, dass kein Blutspritzer SIE traf, wohl aber seinen Kollegen, der die Szene ungläubig beobachtet hatte und viel zu spät die Waffe zog, um seinem zweiten Schuss zuvor zukommen. Baader war ganz aus dem Häuschen: „Genial. Erledigt. Einfach so. Zack bumm.“ Ensslins Hände zitterten ein bisschen, als sie sich die nächste Zigarette ansteckte. Aber sie gab sich ganz cool. Manolete und Ruut zogen die Leichen ins Gebüsch. ER wandte sich an SIE: „Er hat dir um die Hüfte gefasst.“ Es war keine Frage, trotzdem antwortete SIE: „Ja, mit der vollen Hand.“ SIE stellte sich dicht zu ihm. „Es wird kein Entrinnen geben für die, nicht wahr?“ ER schüttelte den Kopf. „Die Models...“ „Glaubst du daran?“ SIE legte beide Hände flach an seine Brust. „Nein, aber wir werden es dennoch versuchen.“

Baader hatte sich die Waffen der beiden Soldaten angeeignet und zeigte Gudrun, wie man sie bediente. Als ER sich zu ihnen herumdrehte, winkte Baader ihn aufgeregt herbei: „Das war schon mal ein Anfang. Wirklich beeindruckend.“ Baader mühte sich, wieder in die Rolle des Anführers zu schlüpfen. Gudrun unterstützte ihn. „Wie gehen wir jetzt weiter vor, Andreas?“ „Wir verschaffen uns noch mehr Waffen: Dynamit, Handgranaten, so Zeug halt. Mit dem Kastenwagen und den Uniformen schaffen wir es in die Kaserne.“ Gudrun schluckte. ER zeigte sich begeistert: „Super Idee, Andreas.“ Die Männer verschwanden im Gebüsch, wo sie die Leichen entkleideten und in die Uniformen wechselten. Für Manolete und Ruut fanden sie im Kastenwagen noch zwei Uniformen, die zwar etwas stramm saßen und in den die beiden Hochwasser hatten. Das würde man jedoch nicht sehen, wenn sie auf dem Rücksitz des Kastenwagens in die Kaserne fuhren. Gudrun begriff: „Und wir? Sollen hier auf euch warten? Verdammt, Andreas, so war das nicht ausgemacht. Ich will dabei sein.“ Andreas zog sie zu sich heran und küsste sie brutal. Sie keuchte. „Alles klar?“, fragte er. Gudrun nickte. ER und SIE wechselten Blicke. Wie deutlich sie das Beben nun spürten.

Wir waren versucht zu glauben, immer wieder zu glauben, es gebe ein reines sonnenhaftes Schauen aus der Begehrlichkeit. Doch wurden wir stets – und wussten es in Wahrheit längst – auf unsere Narrheit zurückgeworfen. Wir stürzten die Welt in den Wirrwarr aus Wahn und Begierde, weil wir den Grund nicht kannten und doch für ihn standen. Die Frage, ob wir kein Gewissen hatten, wenn wir uns die Körper verschafften, wohl wissend, das am Ende unserer schleimigen Vereinigung Blut die Böden rot färben würde, ist letztlich ohne Sinn. Wir waren und sind das Gewissen: Wie könnten wir selbst unter diesen Umständen eines haben? Und auch uns bleibt auf ewig verborgen warum wir so geschaffen wurden: reine Geister, doch Yin und Yang, Abend und Morgen, Mann und Weib, sich nach einander verzehrend? Der Gott, den sie in uns suchen, er zeigt auch uns nicht sein Gesicht. Wir ahnen nicht einmal, warum es unseren Geist nach Verkörperung drängt – und nacheinander.

Gudrun und SIE warteten beim Bus, nachdem sich Gudrun mit wilden Küssen von Andreas verabschiedet hatte, während SIE nur ihren Kopf für einen Moment gegen seine Brust drückte. In der Ferne hörten sie Detonationen. Gudruns Hände zitterten. Sie versuchte es zu verbergen, in dem sie heftig an der Zigarette zog. SIE dachte einen Moment darüber nach, ob SIE es Gudrun sagen sollte, ihr sagen, dass sie keine Furcht zu haben brauche, dass ihr Schicksal besiegelt sei, wie das eines jeden, dass sie ihren Tod finden würde in dieser Geschichte wie in jeder möglichen, dass sie jedoch das Glück haben werde, in jeder Erzählung, auch in dieser, gemeinsam mit ihm, mit Andreas zu sterben und sie daher nicht befürchten müsse, er werde jetzt, bei diesem Überfall auf die Kaserne ohne sie umkommen. Als sie aber den Kastenwagen heranrasen hörten, kletterte Gudrun hinter das Steuer, während SIE die Schiebetür aufriss. Die vier Männer sprangen heraus. Sie warfen einige Säcke in den Bus. SIE sprang als letzte hinein. Gudrun startete durch. Hinter ihnen surrten die Sirenen. Schüsse fielen. Gudrun fluchte. Andreas geriet außer sich: „Verdammte Scheiße.“ Er lud die Waffe durch und schoss aus dem Seitenfenster das Magazin leer auf die Verfolger. SIE hatte sich neben ihn gelehnt, ganz dicht jetzt, den Kopf an seiner Schulter, die Wange am Leder reibend. Es geschah, was geschehen sollte. SIE wollte ihn. So war das. ER wollte SIE. Die Models. Eine Lektion, die SIE lernen konnte. Die ER lernen wollte. ER nickte Manolete zu. Der fasste über den Fahrersitz Gudrun unter die Schultern. Die schrie auf. „Spinnst du?“, schrie Andreas und wollte ihm einen Hieb versetzen. „Sie fährt uns noch in den Graben.“ Genau das geschah. Manolete trug unter einem Arm Gudrun und unter dem anderem Andreas aus dem Buswrack. Längst schon hatte Ruut ihn und SIE in gleicher Weise aufgeladen. Ein Sprung durch Raum und Zeit: Sie stürzten, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. 

Sie schlugen hart auf dieses Mal. Denn weder in Zeit noch in Raum hatten sie eine weite Reise unternommen. Besonders im Hinblick auf den Raum waren sie nur einen Katzensprung von ihrem Abflugsort entfernt: von Bonn-Bad Godesberg nach Hürth bei Köln. In die Aufnahmestudios von „Germany´s next top model 2011“. Sie saßen im Publikum auf der harten Zuschauertribüne. Auf dem Laufsteg wurde einer schönen, langbeinigen jungen Frau mit herrlichen dunkelbraunen Haaren von zwei fetten Kerlen in Hawaihosen Mayonnaise über die halbentblößten Brüste geschmiert. Von einem Podest daneben herab gab eine Blondine mit ebenmäßigen Zügen Anweisungen: „Lächle, zeig die Zähne, mach dir klar, wer du bist. Du bist eine, die auch noch schön ist, wenn zwei Fettsäcke ihr Mayonnaise aufschmieren. Du bist schön.“ Um die junge strahlend lächelnde Frau tanzten die Fotografen und entfesselten ein Blitzlichtgewitter. Die Menge johlte und applaudierte bei jeder lasziven Bewegung der Schönen. „Zeig was du kannst. Zeig her.“, schrie der blonde Teufel auf dem Podest. „Du kannst die Schönste sein. Wenn du nichts zurückhältst, wenn du ganz aufgehst in dem Willen“ – eine Fanfare erklang – „Germany´s next top model zu sein.“ Ein Kübel Jauche wurde von oben über die brünette Schönheit gegossen. Es stank. „Das ist deine ultimative Herausforderung. Jetzt zeigt sich, ob du´s wirklich drauf hast. Zeig´s uns. Das Geschäft ist hart. Nur die Stärksten überleben. Nur wer sich völlig im Griff hat, kann“ – wieder die Fanfare – „Germany´s next top model“ werden.

SIE war völlig sprachlos. Manolete hatte von irgendwo her eine Kamera bekommen und fotografierte eifrig mit. Ruut saß mit krummem Rücken und gefalteten Händen da und schien ein Mantra zu beten. Baader flüsterte nur immer wieder vor sich hin: „Geil. Geil. Geil.“ Gudrun war blaß vor Hass. „Da hast du es“, sagte ER. „Das vollendete Böse.“ SIE starrte ihn an. „Das blonde Ungeheuer. Für sie hat alles einen Preis. Die perfekte Ware. Unübertroffen.“ „Gefällt sie dir?“, fragte SIE. „Sie hat schöne Beine.“ „Willst du sie ficken?“ ER legte ihr die Hand aufs Knie. „Wie jeder. Wie keiner. Sie ist ausgepreist. Ich könnte sie nehmen. Oder lassen. Es wäre nicht das, was wir... Außer, dass es dich fühlen ließe...“ „Was?“ „Dass ich es bin.“ SIE legte ihre Hand auf die seine. Es gab jetzt keinen Rückweg mehr. „Das Böse.“ Sie schaute noch einmal zu der Blonden hinüber, bevor SIE sich erhob. „Der Alte hat das Gute so bestimmt: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ „Sie ist kein Sklave.“ „Nein“ Sie waren unterdessen aus der Halle herausgetreten. Zwischen den Baracken wuchs ein wenig grünes Gras. SIE schob ihre Hand unter seine Lederjacke, lehnte ihr Gesicht an seine Brust. Einen Moment noch. Das Beben verstärkte sich. In der Halle hatte Gudrun die Waffe aus dem Hosenbund gezogen. Sie riss Andreas vom Sitz. „Die Drecksau.“ Sie schoss der Blonden auf dem Podest mitten zwischen die blauen Augen. Andreas verstand nichts. Außer zu schießen. Vom Schießen verstand er etwas. Wild ballerte er um sich. Manolete und Ruut schlossen sich – etwas widerwillig – an. Sirenen heulten. Panik brach aus. Menschen trampelten übereinander. Das Blut verschwamm fast in den schwarzen Teppichböden der Kulissen. Nur an der weißen Leinwand hinter der Brünetten, deren Leichnam von Jauche und Mayonaisse überzogen in schöner Streckung dalag, ergaben die Spritzer ein Gemälde wie von Jackson Pollock. SIE hob den Kopf. Ein Kuss. An dem die Welt zugrunde geht. Sie sanken nieder.


SIE: „Nur wir erregen bleibenden Abscheu.“
ER:  „Immer schon.“
SIE:  „War es wahr.“
ER:  „Wenn der Geist Körper wird.“
SIE:  „Sich die Flüssigkeiten vermischen.“
ER:   „Wie im Rausch“
SIE:   „Durch Raum und Zeit.“
ER:   „Mit Schleim und Sekret.“
SIE:   „Sich vereint.“
ER:   „Ich werde dich immer lieben.“


Es muss auch ohne Metaphysik gehen. Wir verabschieden uns ohne Bedauern.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Baader, Meinhof und die Zwergwerfer. 2. Lieferung:

Den ersten Teil der Erzählung finden Sie hier: 




2. Teil : Unter Zwergwerfern
Die Verhandlungen mit den Zwergwerfern ziehen sich in die Länge. Es bebt am Rande des Universums. Entgegen der erklärten Absicht wird Geschichte nicht gemacht. Außerdem: Über lineare und zyklische Geschichtsverläufe. Zum Schluss endlich der erste Auftritt Baaders, Paris 1969. Special guest: Gudrun Ensslin. (sex sells.)

Manolete ignorierte den unpassenden Dialog. Stattdessen hob er ihr Kinn leicht an. SIE kicherte unkontrolliert unter dieser Berührung. Von den Zwergwerfern noch unbemerkt kündigte sich ein Beben vom Rand des Universums an. „Fass sie bitte nicht an, Manolete. Sie hat das nicht gern.“ ER zog sie eng an sich heran, weg von dem Giganten. SIE spürte seine Hand schwer auf ihrer Schulter, das raue Leder seiner lächerlichen Jacke an ihrer Wange. Fast hätte SIE dem Impuls nachgegeben, sich daran zu reiben. Sie spürten beide wie das All in der Ferne erzitterte. SIE flüsterte: „Danke.“ ER antwortete nicht, verstärkte aber den Druck seiner Hand auf ihrer Schulter. Fast unmerklich lehnte SIE sich noch ein wenig dichter an ihn. Manolete trat zurück. „Kein Problem, Bruder. Ich erwäge die Möglichkeiten. Ich bestehe nicht auf ihnen.“ Ein anderer Zwergwerfer, der schon die ganze Zeit über ungeduldig die Augen gerollt hatte, unterbrach ihn: „Mein Name ist Celtigar. Ihr seht, dass ich ein Trollschurke bin. Man erkennt es an meiner offensichtlichen Verwandtschaft mit der immergrünen Kröte.“ Indem er dies sagte, rieb er sich über die Nase und tatsächlich erschien es den Beobachtern jetzt, als schimmere seine Haut unter der dichten Behaarung grünlich. „Hier drüben steht Eufemia, unsere Hexenmeisterin, die lilafarbene Flöhe hat.“ SIE löste sich empört von ihm. „Dass du immer noch einen drauf setzen musst.“ Das Beben verebbte. „Bitte, es ist deine Geschichte so gut wie meine. Wer weiß, ob die Flöhe mein Werk sind.“ Eufemia lächelte die beiden freundlich an.„Ich sehe ein wenig gefährlich aus, aber das täuscht. Ich kuschele gerne mit Blutelfen.“ Dabei schob sie trotzig die Unterlippe vor und sah zu Manolete hinüber. Dieser rang die Hände: „Eufemia, du weißt, dass du wegen deiner Techtelmechtel mit den Blutelfen für uns kaum mehr tragbar bist.“ „Ach ja“, erwiderte Eufemia sarkastisch, „aber dass die Geheimen Drei über Ruut lästern, er habe das Zeug zum Fernsehkoch, das lässt dich kalt.“ Ruut riss den Mund auf, um etwas zu entgegnen, doch Manolete hielt ihn am Arm zurück: „Lass sie doch reden, was sie wollen, die Versager. Wir wissen alle, dass sie sich mit der Herstellung von Eichhörnchen beschäftigen.“ Ruut spuckte angewidert auf den Boden. „Du aber, Eufemia, wirst so was nie mehr sagen, verstehst du mich?“ Alle Freundlichkeit war aus Manoletes Augen verschwunden. Sie erkannten im Grunde erst jetzt, dass er tatsächlich der Boss war. Celtigar bemühte sich, die Gereizheit, die in das Gespräch eingezogen war, zu besänftigen: „Eufemia, komm mit mir, Disteltee und Spinnenwurst holen. Nun ja, wir müssen unsere Besucher doch anständig bewirten.“ Manolete griff den Faden auf: „Darf ich euch bitten, Platz zu nehmen?“, sagte er und wies mit der Hand auf eine gigantische Sitzgruppe am Rande des Platzes, die sie bisher übersehen hatten. Sie bestand aus sieben klobigen Holzsitzen, die jeweils aus dem Stamm einer uralten Eiche gehauen und im Kreis aufgestellt waren. „Eufemia ist eine Meisterin der Distelteezubereitung und Celtigars Spinnenwurst...“, er schnalzte genießerisch mit der Zunge. SIE starrte ihn mit unverhohlener Wut an: „Das ist eklig.“ ER lachte: „Die Zwergwerfer gehen auf dein Konto, da bin ich sicher. Disteltee und Spinnenwurst passen da ausgezeichnet.“ Als sie schließlich im Kreis saßen: ER, SIE, Manolete, Ruut, Celtigar und Eufemia blieb nur ein Platz frei. Großzügig schenkte Eufemia Tee ein. Celtigar schnitt mit einem scharfen Dolch dicke Scheiben von einer schwarzen Wurst, die er den Gästen aufgespießt hinhielt. Mit spitzen Fingern nahm sie von der Wurst und probierte ein winziges Stück. Doch SIE wurde überrascht: Sie schmeckte wie das beste schwedische Lakritz, das SIE je gegessen hatte, ewig war es her. ER lachte in sich hinein. „Du solltest mir vertrauen, meine Liebe, immer.“ SIE berührte ganz leicht mit ihren Fingern seinen Handrücken. „Ja.“

Wieso dauere es so lange, bis Baader in der Geschichte auftauchte? Wir hatten das nicht geplant. Die Zwergwerfer sollten uns lediglich ins Jahr 1969 katapultieren, wo wir Baader zu treffen gedachten. Wir wollten beobachten, was die Kämpfenden antrieb und wie sie einander betrafen. Doch nun saßen wir fest in der pannonischen Tiefebene bei den Giganten jenseits der Zeit. Noch nicht einmal unser Anliegen hatten wir bisher vorbringen können. Denn es zeigte sich, dass – entgegen unseren Erwartungen – die mythischen Gestalten nicht wortkarg waren. Stattdessen bestanden sie auf der Einhaltung von Ritualen, waren sie kleinlich darauf fixiert, die Formen zu wahren. Wir verstanden allmählich, dass sie nicht auf Abenteuer aus waren. Sie waren bereit und in der Lage, sich in jede Situation einzupassen .Die Vorstellung, eine Geschichte anzufangen, war ihnen unbegreiflich. Sie lebten Geschichten, doch keine, die je linear von einem Anfang zum Ende fortschritt. Nichts drängte sie voranzukommen, denn sie kamen immer wieder an, wo sie schon waren. Und grämten sich nicht darum, wie wir...

„Wir sollen euch also ins Menschenjahr 1969 werfen...“, fasste Manolete die Verhandlungen zusammen. „Nun ja, nach christlicher Zeitrechnung.“, warf Ruut ein. „Ja, gut, dass du mich erinnerst. Dort wollt ihr Andreas Baader treffen, der auch so eine Lederjacke trägt wie du.“ ER grinste selbstgefällig. „Genau.“ „Ich will nach Paris.“, sagte SIE. „Baader und Ensslin flohen im Winter 69 nach Paris, weißt du.“ „Jedes Mal willst du nach Paris.“, stöhnte er. „Ich bin dort immer glücklich gewesen.“ SIE sah ihn herausfordernd an. Um seinen Mund zuckte es. Nur mühsam gelang es beiden das neuerliche Beben, das sich vom Rand des Universums ankündigte, ausgleiten zu lassen. Die Zwergwerfer indessen bemerkten davon nichts. „Also gut, nach Paris.“ Manolete zuckte die Achseln. „Uns ist das völlig gleich. Nun ja. Eines aber muss euch klar sein: Wir können euch nicht einfach dort hinwerfen, ganz ohne Begleitung, versteht ihr?“ „Wie meinst du das?“, fragte SIE. „Wir waren schon 1789 dort und früher...“ „Erinnere mich nicht.“, rief ER und verzog angewidert das Gesicht. „Die Bartholomäusnacht...“ „Vergiss es.“ „Es geht nicht darum, was ihr dort anstellen könntet. Das ist uns völlig gleichgültig. Es läuft sowieso immer auf dasselbe hinaus. Ihr glaubt nur, dass es anfängt und endet.“ „Also dann...“ „Für euch, meine Süße, nur für euch ist es von Bedeutung. Nun ja. Jemand muss mitkommen, um euch wieder herauszukatapultieren. Oder anders wohin.“ „Und wie soll das gehen...“, sie dachte schon weiter. „Der Werfer bleibt doch jeweils zurück und...“ „Sie ist schlau.“, sagte Ruut, „aber eben nur schlau, nicht weise. Wir sind immer hier. Versteht ihr? Es scheint nur, als wären wir woanders, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Nun ja. Wir Werfer werden immer hier sein.“ Eufemia konnte sich nicht zurückhalten: „Das glauben wir. Dessen waren wir sicher. Doch es sollen Zeiten kommen, in denen die Mythen nicht mehr...“ „Eufemia, solche Zeiten kommen und gehen. Wir sind vor der Zeit. Wir sind die Zeit.“ Ruut seufzte. „Sie nimmt immer alles persönlich. Fast wie die...“, er deutete auf die Besucher. „Das kommt von ihrem engen Umgang mit den Blutelfen.“ „Jetzt fang nicht schon wieder damit an.“, wies ihn Celtigar zurecht. „Ich hätte gerne einen VW-Bus, der mit Blumen bemalt ist und an dem hinten ein Schild angebracht wird, auf dem steht: Lach nicht, Papa, deine Tochter könnte hier drin liegen.“, verlangte er kindisch. „Oh mannomann.“, stöhnte sie. „Ein bisschen Spaß muss sein...“, sang er. „Gleich schlag ich dich.“ „Komm schon.“ ER hielt ihren Arm fest. SIE funkelten sich an. Diesmal war kein Beben zu spüren. „Das mit dem Bus ist kein Problem.“, beruhigte Manolete. „Obgleich ich glaube, dass er ein bisschen zu früh kommt; diese Busse fuhren erst ein paar Jahre später über die bundesdeutschen Autobahnen. Aber macht nichts.“ „War´s das jetzt, geht´s jetzt endlich los?“ ER hüpfte ungeduldig von seinem gigantischen Sitz hinunter, was wirklich albern aussah. „Hast du nicht auch noch was von Models gesagt?“, fragte Celtigar. „Doch ja, Andreas gefällt das bestimmt. Der steht auf langbeinige Frauen.“ „Wie du.“, SIE schüttelte tadelnd den Kopf. „Och, ich mag auch die Kleinen, Kleine.“ „Komm jetzt wirst du albern.“ Wie zuvor ignorierten die Zwergwerfer diesen Blödsinn. Manolete hielt fest: „Ihr wollt also, dass wir auch Baader werfen?“ „Schaun wir mal“, rief ER. „Los jetzt. Das Gequassel nervt. Geschichte wird gemacht.“ „Oho.“

„Ruut, du begleitest mich und die beiden Süßen.“, forderte Manolete. Ruut stand auf. Manolete hob SIE hoch. „Geht es, wenn er dich anfasst?“, fragte ER leise. „Für den Moment halte ich es aus.“ Nun hielt Manolete SIE mit beiden Händen wie einen Ball über den Kopf und Ruut nahm die gleiche Stellung mit ihm ein. Sie wuchsen ins Unvermessliche. „Ich werfe euch, alle, und mich...Jetzt.“ Sie stürzten durch Raum und Zeit, ein Wirbel umschlang sie mit silbernen Fäden, ein Sog spülte sie hinab in gleißendes Gold, sie zerstoben in aschgraue Krümel und bildeten kristallene weiße Sterne. „Scottie, beam me up.“, rauschte es aus den Tiefen des Alls.

Dann saßen sie schon in einem Straßencafé in Paris Montparnasse. Vor jedem von ihnen stand ein Glas Pastis. Am Straßenrand parkte der VW-Bus mit eben jenem Schild, das ER bestellt hatte. Jedoch war alles schwarzweiß. „Mir gefällt es.“, strahlte Manolete, „ich bin sowieso ein Freund der Schwarzweiß-Fotographie.“ Sie betrachteten ihn näher. Manolete hatte sich, ebenso wie Ruut, verwandelt. Immer noch waren sie außergewöhnlich groß und kräftig, jedoch keine Giganten mehr, auch konnte, wer darauf achtete, unter ihren struppigen Haarschöpfen noch die spitzen Ohren erkennen. Doch waren ihre Haare nun ein wenig gestutzt, sahen aus, als habe ein Friseur ihnen vor Wochen einen ordentlichen Schnitt verpasst, der jetzt zipfelig ausgewachsen war. Sie trugen Lederjacken wie ER, dazu dunkle Stoffhosen, darüber weiße Hemden. Ein wenig erinnerten sie an Variationen des jungen Jean-Paul Belmondo. Ruut drehte sich eine Zigarette und lehnte sich  zurück, die Szenerie zu betrachten. Passanten blieben stehen, um den eigentümlichen Bus aus Deutschland zu bestaunen.“ „Wie schick die Pariserinnen sind...“, bewunderte SIE.  „Kann ich bei Chanel vorbei gehen?“ „Deshalb sind wir nicht hier. Alberne Puppe.“, schimpfte ER. „Aha, der Herr hat schon den Baader-Ton angenommen.“ „Halt jetzt mal die Klappe. Schau lieber unauffällig da rüber. Das sitzen sie.“ „Wer? Baader und Meinhof?“ „Quatsch, Meinhof ist doch noch Journalistin, ist doch noch gar nicht im Untergrund, hat bloß Ensslin in der Haft interviewt und...“ „Wie sie ihn anhimmelt.“ „O ja, sexy Gudrun. Könntest du dir ein Beispiel dran nehmen.“ „Fuck you.“ „He, das passt jetzt gar nicht in den Kontext.“ „Stimmt.“

Baader und Ensslin saßen zwei Tische weiter. Baader hatte sich leicht vom Tisch weggedreht, die Beine breit auf den Gehsteig hinausgeschoben, doch den Oberkörper Ensslin zugeneigt. Sie, die Haare dunkel gefärbt und zu einem schulterlangen Pagenkopf geschnitten, war weit über den Tisch gebeugt, zu ihm hin. Sie unterhielten sich lebhaft, lachten laut auf. Ensslins Hände flatterten in der Luft, um ihre Aussagen zu unterstreichen und immer wieder zu Baader hin, ihn hauchzart an der Wange berührend. Schließlich stellte er den rechten Fuß so aus, dass seine Spitze die ihres Fußes links unter dem Tisch erreichte.

Wir hatten selten ein Paar beobachtet, das so offensichtlich verliebt war wie diese beiden. Sie wirkten inmitten des Pariser Treibens so ganz und gar aufeinander bezogen. Wer immer sie betrachtete, spürte das Kraftfeld, das ihr Beisammensein erzeugte, die Energien, die sich verbanden und verstärkten, wenn sie einander berührten. Ein Beben vom Rande des Universums...

Sonntag, 6. Juni 2010

Baader, Meinhof und die Zwergwerfer (1. Lieferung)




Baader, Meinhof und die Zwergwerfer

Für T.B.

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1. Teil: In den Karpaten
Die Metaphysiker entscheiden sich für ein Spiel mit Andreas Baader. Sie landen in der pannonischen Tiefebene und treffen auf die Zwergwerfer aus der Gilde der SilberhändigenAzeroth. Außerdem: der Kategorische Imperativ, Zwergwurf und Kants Briefwechsel mit Georg Forster. 

Er:          „Nur Menschen erzeugen bleibenden Abscheu.“
Sie:          „Du wiederholst dich.“
Er:          „Weil es wahr ist.“
Sie:          „Immerhin sind sie interessant.“
Er:          „Lass uns spielen.“
Sie:          „Gefällt dir einer?“
Er:          „Sie sind alle widerlich. Ich mag nur die Zerstörer.“
Sie:          „Ich gebe dir einen: Baader, Andreas. Erinnerst du dich?“
Er:          „Wir können nicht vergessen. Du ebenso wenig.“
Sie:         „Lass uns würfeln.“
Er:          „Zeit und Raum?“
Sie:         „Sicher.“

Sie schlugen in der pannonischen Tiefebene auf. Als sie sich umschauten, erkannten sie, dass sie in der Zeit vor der Zeit eingetroffen waren. Die Sonne schob sich rot glühend in den Horizont wie auf einer Wandtapete. In der Ferne schimmerten silbrig die westlichen Karpaten. „Das kommt uns gelegen...“, sagte ER. „...die Zwergwerfer...“, ergänzte SIE. „Ich hatte nicht an sie gedacht, doch...“ Sie bewegten sich auf die Bergzüge zu. „Lass uns Gestalt annehmen: Ich bin jung, groß und schön.“ SIE lachte: „Warum überrascht mich das nicht?“ Zügig schritten sie aus. Es wurde Nacht. Eine feuchte Kälte überzog ihre Häute. Sie genossen es. Es wurde Tag. Die Strahlen über den Bergen begannen den Tau, der sie umfing, zu trocknen. „Wie ich es genieße, einen Körper zu haben.“ „Weil du ihn auswechseln kannst. Stell dir vor, du wärst alt und schrumpelig.“ „Ich? Nie.“ „Das ist ein bedeutungsloses Wort.“ „Sei nicht so streng.“

Gegen Mittag erreichten sie das Dorf der Zwergwerfer. Die Hütten aus Stroh und Lehm krönten kegelförmige Dächer. „Schau. Hier wirkst du klein.“ „Wir bleiben nicht lange. Ich möchte nicht dauernd den Körper wechseln. Wenn wir nachher Andreas ...“ „Wie vertraut du von ihm sprichst.“ „Warum nicht?“ 

Vier gigantische Zwergwerfer hatten sich inzwischen um die Besucher versammelt, die ihr Zwiegespräch in der Mitte eines Platzes führten, um den sich die Hütten gruppierten. Wenn man kein Auge dafür hatte, sahen die Riesen alle gleich aus. Knotigbraunen Baumstämmen gleich wuchsen ihre Beine aus dem Boden; zotig behaart waren sie, als hätten sie ihre Wurzeln gerade erst aus der Erde gezerrt. „Und die Ohren“, sagte ER, „sind spitz, wie die Mythen die Giganten beschreiben.“  Am ganzen Körper waren die Riesen dicht behaart, mit einem Bewuchs, der weniger menschlichem Haar glich, als pflanzlichen Fasern. „Sie sind, was wir uns unter dem Mythos vorstellen, weißt du.“„Ich weiß vorher nie, was ich mir vorstelle, bevor ich auf meine Vorstellung treffe.“ „Ach du....“ Die Zwergwerfer verbeugten sich synchron vor den zierlich wirkenden Besuchern.

Woher wussten wir, dass diese Giganten sich als Zwergwerfer verdingten? Wussten wir es? Rumänien war uns erstanden: die Tiefebene, die Karpaten, die Hügelbauten. Der Zwergwurf als philosophisches Problem war uns präsent: die Verdinglichung der Zwerge als Sinnbild für die Verletzung des kategorischen Imperativs. Was aber, wenn Zwerge und Riesen von gänzlich unterschiedlicher Art wären, wie Ziegen und Wölfe? Vernunftbegabte Wesen, hatte der Königsberger festgehalten, geadelt durch die Freiheit des Willens, durften nicht zu Wurfobjekten werden. Wie aber hatte er sich gestemmt gegen die Erfahrung Georg Forsters, dass auch der Neger ein Mensch sei. Und: Was aber, wenn der Wurf mit  Einverständnis des Geworfenen erfolgte? Andererseits: Wir belustigten uns von Zeit zu Zeit über den Alten. Wie er letztlich nicht ausgekommen war ohne SIE: die Metaphysik, ohne uns. Und hatte doch keine Ahnung. Verschloss sich gar dem Ahnen als Unvernünftigem. So hielten wir uns an die Zwergwerfer. Diesmal, ein andermal mochte es anders sein: in Königsberg, mit Blick auf die Baltische See: Quallen. Doch schweifen wir ab...

Die Zwergwerfer richteten sich so synchron, wie sie sich gebeugt hatten, auf. Grüßend hoben sie ein jeder und eine jede die rechte Hand und zeigten ihre silbernen Handflächen. „Seid gegrüßt“, sprachen sie im Chor. Einer trat hervor: „Fremdlinge: Willkommen bei den Silberhändigen Azeroths, wie wir uns neuerdings nennen, nachdem wir mit Den Geheimen Drei fusioniert sind. Nun ja, das muss euch nicht beunruhigen. Seither haben die Blutrünstigen Bestien der Dunkelheit, die dort in den Bergen Quartiere eingerichtet haben, sich nicht mehr bei uns sehen lassen.“ SIE schaute ihren Gefährten ungläubig an: „Wie irre ist das denn?“ „Weiß nicht“, sagte ER kleinlaut. „Kann sein, dass ich zu viele WorldofWarcraft gespielt habe.“

Der Zwergwerfer ignorierte das Gefasel: „Mein Name ist Ruut. Ich bin ein untoter Priester. Nun ja. Wie wir alle lehne ich jede Form von Rassismus ab, das möchte ich gleich betonen. Wir nehmen dicke Zwerge, dünne Zwerge, Zwerge mit doofen Füßen, Zwerge mit doofen Händen, blaue, gelbe, rote. Auch welche in Lederjacken, wie dich.“, stellte er fest, indem er auf ihn deutete. SIE schubste ihn in die Seite: „Da hast du´s.“ „...oder Blondinen, wie dich.“, fuhr er fort. „Das kommt uns wie gerufen. Wir wollen nämlich....“ „Gemach. Gemach.“, unterbrach SIE Ruut. „Bevor wir ins Geschäft kommen, müsst ihr uns erst einmal richtig kennenlernen. Wie gesagt: Mein Name ist Ruut. Als untot gelte ich insofern....“ „Ruut, du bist zu langatmig. Sie müssen nicht alles über uns wissen, damit wir sie werfen können...“, unterbrach ihn der Riese links daneben. Ruut schob beleidigt die Unterlippe vor. „Mein Name ist Manolete. Ich bin, nun ja (wir stellten unterdessen fest, dass es unter den Zwergwerfern eine Manie war, an Dreh-und Angelpunkten der Unterhaltung: „nun ja“ zu sagen), hier der Boss. Ich leite den Laden, weil ich die größten Taschen habe. Als Starfotograf, selbstverständlich, verdiene ich auch sehr gut.“ „Das geht zu weit.“, schimpfte SIE. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist.“, gab er sich unschuldig. „Wenn später noch ein paar Models in den Bus steigen, könnte sich das aber als nützlich erweisen.“ „Ach, darum geht es. Ich schenke dir Baader, nehme dafür vielleicht die dröge Ulrike in Kauf und jetzt auch noch Models...“ „Dafür hast du die Zwergwerfer. Und was für welche. Die sind doch echt cool.“

Fortsetzung folgt.


Eine andere Lösung der Aufgabe, eine Story mit diesem Personal zu schreiben: