Samstag, 27. April 2013

BLESSED: Barbara Pym lesen (1)


Quelle: http://www.barbara-pym.org/Magnus_sofa_cropped.jpg
Als ihr erster Roman erscheint, ist Barbara Pym keine junge Frau mehr. 1950, da ist sie schon in ihren späten Dreißigern, wird ihr Debüt-Roman unter dem Titel „Some Tame Gazelle“ veröffentlicht, den sie schon als 20jährige geschrieben hatte. Im folgenden Jahrzehnt erscheinen sechs Romane von Barbara Pym, bescheidene Erfolge, mit denen sie sich ein eigenes, treues Publikum erschreibt. Dann kommt der Schock. Ihr siebter Roman wird vom Verleger abgelehnt. Sie findet auch keinen anderen Verlag für das Manuskript von „An Unsuitable Attachment“. Anderthalb Jahrzehnte wird Barbara Pym von nun an für die Schublade schreiben, verzweifelt, vergessen, überzeugt davon, dass die Zeit für jene Art von Romanen, den sie schreibt, vorüber ist. Und dennoch unbeirrt genau das weiter schreibend, was sie kann: Romane mit begrenzten Personal, angesiedelt in einer undramatischen, weitgehend gewaltfreien „kleinen Welt“ und bevölkert von Menschen, die in unambitionierten Bürojobs arbeiten, Kirchgänger, Kleriker, Anthropologen und Universitätsangestellte, alte Jungfern und gelangweilte Paare des englischen Mittelstandes, die in der ländlichen Provinz oder in Londoner Vororten leben, viel Tee trinken und mäßig essen. Über eine fest umrissene Welt starrer Regeln schreibt sie, in der eigensinnige Menschen sich schon durch mehr oder weniger „suit-ability“, durch geringfügige Abweichungen vom Erwartbaren und Erwarteten ausdrücken können.

Es passiert nicht viel in Barbara Pyms Romanen. Es gibt viele Möglichkeiten, Romane in Untergattungen oder Genres zu sortieren. Eine wäre jene in Romane mit einem aufwendig konstruierten „Plot“ und solche, die kaum einen haben. Dass ich eine besondere Vorliebe für die letzteren habe, jene Werke also, die darauf setzen, das Interesse der Leserin durch ihre Figuren und ihre Sprache allein zu gewinnen, während die Handlung entweder vorhersehbar oder belanglos ist, zeigt die Kollektion meiner Lieblingsautorinnen: Jane Austen, Virginia Woolf, Ivy Compton-Burnett, Janet Frame, Barbara Pym, Alice Munro. Mich interessieren kleine, überschaubare fiktive Welten, in denen sich die Dramatik weniger durch Handlungsverwicklungen ergibt, sondern durch Dialoge und die inneren Kämpfe der Figuren: „The heartbreaking silliness of everyday life wie Anne Tyler das in einer Lobeshymne auf Barbara Pym genannt hat. 

Barbara Pym muss in den Jahren, in denen sie keinen Roman mehr bei einem Verlag unterbringen konnte, befürchtet haben, dass ihr Schreiben völlig wirkungslos bleiben und die paar Romane, die sie in den 50er Jahren veröffentlich hatte, nie wieder aufgelegt werden würden. Langfristig aber scheint auch in ihrem Fall zu gelten, dass es für das Überleben eines literarischen Werkes wichtiger ist, wer es in welcher Weise schätzt, als von wie vielen es zum Zeitpunkt des ersten Erscheinens gelesen wird. Barbara Pym war, als 1977 das Times Literary Supplement englischsprachige Autorinnen und Autoren fragte, welche Schriftstellerinnen und Schrifsteller die am meisten unterschätzten des 20. Jahrhunderts seien, die einzige, die von den Kolleginnen und Kollegen zweimal genannt wurde, von ihrem langjährigen Freund Philip Larkin und von David Cecil. So scheint sich auch in ihrem Fall zu bewahrheiten, dass ein literarisches Werk dauerhaft tradiert wird, wenn es einerseits für diejenigen, die selber schreiben, von Bedeutung ist und andererseits, wenn es eine zwar möglicherweise kleine, aber außergewöhnlich treue Leserschaft gewinnen kann, die sich für dieses Werk einsetzt. Ganz offensichtlich spielt das, was für den Augenblickserfolg im zeitgenössischen Feuilleton häufig den Ausschlag gibt, nämlich die Aktualität der dargestellten Probleme und Verhältnisse dagegen auf Dauer überhaupt keine Rolle. Wie sich für Jane Austens Romane in jeder Generation junger Frauen eine begeisterte Leserschar gefunden hat, obwohl die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sich völlig verändert haben (oder verändert zu haben scheinen), so hat auch Barbara Pyms Gesamtwerk – in Wellenbewegungen – immer wieder neue junge Leserinnen gewinnen können. Ich lernte sie in den 80er Jahren während meines Studiums „kennen“ und lieben. Damals veröffentlichte der Piper Verlag im Zuge der Renaissance der Autorin in Großbritannien nach der Befragung im Times Literary Supplement einige ihrer Romane in deutschen Übersetzungen. Ich verschlang sie alle. An die englischsprachigen Originale wäre ich damals in der Provinz schwerlich gekommen. Wie wunderbar daher für mich die erneute Wiederentdeckung in Zeiten des ebooks, in denen es kein Problem mehr ist, die Originaltexte  herunterzuladen. Open Road Media und Virago Press Modern Classics haben jüngst die allermeisten der Romane von Barbara Pym in digitaler Form neu veröffentlicht und mir so nicht nur ein Wiederlesen, sondern eine echte Neuentdeckung möglich gemacht. Denn Barbara Pym auf Englisch – das ist  halt „the real McCoy“.

Die (Re-)Lektüre des Gesamtwerks von Barbara Pym hat mich durch die kalten und vergrippten Wintermonate gebracht. Auf „Gleisbauarbeiten“, ich habe es mehrfach betont, gibt es keine Verrisse. Stattdessen will ich meine Zeit darauf verwenden, für die Autorinnen und Autoren zu werben, deren Bücher mich begeistert, deren Erfindungen mich bereichert und belehrt, deren Figuren mich berührt haben, zum Lachen oder Weinen gebracht, zum Nach- und Umdenken. Eine solche Autorin ist für mich zweifellos und mehr noch als damals vor über 20 Jahren Barbara Pym. Ich möchte Ihnen hier im Blog in drei „Etappen“ ihr Werk vorstellen: zunächst jene sechs Romane, die vor der Ablehnung von „An Unsuitable Attachement“ erschienen, in der zweiten Folge dann jene Romane, an denen sie bis 1977 schrieb, obwohl sie die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals wieder publizieren zu können, zuletzt über das nach 1977 geschriebene „Alterswerk“, dessen literarisches Personal die Erfahrung des Altwerdens mit der Autorin teilt.

An Some Tame Gazelle, der Roman, der 1950 erstmals erschien, hatte Barbara Pym schon vor dem 2. Weltkrieg zu schreiben begonnen. Aber statt die Erfahrungen und Träume der jungen Frau zu spiegeln, die sie damals war, erzählt der Roman von zwei  ältlichen Schwestern, Belinda und Harriet Bede, die in einem kleinen Dorf in der englischen Provinz zusammenleben. Legendär ist der Anfangssatz dieses Romans geworden: „The new curate seemed quite a nice young man, but what a pity it was that his combinations showed, tucked carelessly into his socks.“  Die noch immer gutaussehende, wenn auch etwas kräftig-plumpe Harriet wird von einem  italienischen Adeligen und Gartenliebhaber verehrt und alle paar Monate mit einem Heiratsantrag beehrt, steigt aber lieber jungen Kuraten hinterher, die sie begluckt. Ihre Schwester Belinda, unscheinbarer, schüchterner und reflektierter als Harriet, ist seit Jahrzehnten in den verheirateten Archdeacon verliebt: „Belinda, having loved the Archdeacon when she was twenty and not having found anyone to replace him since, had naturally got into the habit of loving him, though with the years her passion had mellowed into a comfortable feeling, more like the cosiness of a winter evening by the fire than the uncertain rapture of a spring morning.“ Dem äußerlichen Gleichmaß der Tage in der Provinz, der Langweile der Teapartys und Gottesdienste, steht die innere Gefühlstiefe und die Stürme in den Herzen der Schwestern gegenüber. Zwei weitere unerwartete Heiratsanträge (einer von einem englischen Bischof, der in Afrika eine Mission leitet) führen die Krisis herbei, an deren Ausgang deutlich wird, dass beide nichts mehr fürchten, als voneinander getrennt zu werden: „And finally, who would change a comfortable life of spinsterhood in a country parish, which always had its pale curate to be cherished, for the unknown trials of matrimony?

Vielen gilt der zweite Roman „Exellent Women“ (1952)  als Meisterwerk der ersten Schaffensperiode der Barbara Pym. Mildred, eine mittelalte Jungfer mit einem uninteressanten Bürojob, wohnt in einer Mietwohnung und muss sich die Toilette mit den Nachbarn im Geschoss unter ihr teilen. Der Roman beginnt mit dem Einzug der neuen Nachbarn. Mildred beobachtet das junge Ehepaar, das offenbar eine Krise hat, und verguckt sich ein wenig in den gutaussehenden Ehemann. Die Ehefrau, eine Anthropologin hat sich in einen Kollegen, in Everett Bone, verliebt, während ihr Mann nach dem Krieg noch in Italien stationiert war. Mildred beobachtet die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Partnern und wird auch für diese, wie schon für den Pfarrer der Gemeinde und dessen Schwester, zu einem dieser vertrauenswürdigen, aber selbst völlig unbeachteten Menschen, dem alle ihr Herz ausschütten: eine „exzellente Frau“ eben. William, der Bruder einer Freundin von Mildred, bringt es bei einem Essen auf den Punkt: „We, my dear Mildred, are the observers of life. Let other people get married by all means, the more the merrier....Let Dora marry if she likes. She hasn´t your talent of observation.“ Mildred, die in Pyms Roman, die Ich-Erzählerin ist, stimmt William widerwillig, aber doch zu: „On the bus I began thinking that William had been right and I was annoyed to have to admit it. Mimosa did lose its first freshness too quickly to be worth buying and I must not allow myself to have feelings, but must only observe the effects of other people´s.“ So könnte es bleiben im Leben einer dieser „exzellenten Frauen“, aber weniger exzellente Männer bringen Einiges durcheinander, bis am Ende Mildred den Heiratsantrag Everett Bones annimmt, den sie herausragend abstoßend findet.

"Jane and Prudence(1953) ist mein Favorit unter den Romanen der ersten „Periode“, weil im Mittelpunkt eine unwahrscheinliche und doch ganz nachvollziehbar beschriebene Freundschaft zweier ungleicher Frauen steht. Jane, die Frau eines Vikars, ist eine Rundumversagerin. Weder als Ehefrau und noch als Pfarrersfrau gelingt es ihr, den Ansprüchen gerecht zu werden. Ihre Küche bleibt öfter kalt, ihr Haushalt ist ungeordnet und zur ländlichen Gemeinde, die ihr Mann betreut, findet sie keinen rechten Draht. Ebenso wenig kann sie sich aufraffen, ihre Studien zur englischen Literatur, die sie in Oxford gelehrt hat, fortzusetzen. Vor ihrer Ehe unterrichtete Jane an einem College. Prudence war eine ihrer Schülerinnen. Die schöne Prudence hat, wie viele der weiblichen Figuren von Barbara Pym, einen langweiligen Bürojob in London und ein unschlagbares Talent, sich unglücklich zu verlieben. Beide machen sich Sorgen um die jeweils andere. Prudence glaubt, mit einem Ehemann wenig anfangen zu können, aber Jane sieht es anders: „Oh, but a husband was someone to tell one´s silly jokes to, to carry suitcases and do the tipping at hotels, thought Jane, with a rush. And although he certainly did these things, Nicholas was a great deal more than that.“ Es wird nicht alles gut am Ende in diesem Roman, weil in der Welt, die Barbara Pym erschreibt, die Verstimmungen, die kleinen Ticks und größeren Bosheiten, die Ängste und Missverständnisse, die Fremdheit im Vertrauten niemals völlig aufgelöst werden können, sondern höchsten, wie in „Jane und Prudencedie Protagonistinnen lernen können, ein wenig mehr Nachsicht mit sich und den anderen zu haben: „Prue could have this kind of life if she wanted it, one couldn´t go on having romantic love affairs indefinitely. One had to settle down sooner or later into comfortable spinster ort he contented or bored wife.

In Less than Angels“ (1955) hat eine meiner Lieblingsfiguren von Barbara Pym ihren ersten Auftritt: Esther Clovis, die in der Folge beinahe in jedem der Romane auftauchen wird. Esther Clovis wirkt in einem anthropologischen Institut als Herausgeberin von Festschriften und wissenschaftlichen Zeitschriften, als Sekretärin und Verwalterin, als Hausdrachen und Anstandsdame, bringt Karrieren voran und vernichtet andere, sorgt mit eiserner Disziplin für ordentliche Zitierregeln und funktionierende Zitierkartelle im anthropologischen Wissenschaftsbetrieb. In „Less than Angels“ ist, eher ungewöhnlich für Pyms Romanwelt, eine Autorin Hauptfigur, Catherine, die für Frauenzeitschriften Kurzgeschichten schreibt. Sie ist liiert mit einem gutaussehenden, etwas jüngeren Anthropologen namens Tom aus verarmtem Adel, der gerade von einer Expedition zurückkehrt ist und sich mit seiner Promotion quält. In ihn verliebt sich Deirdre, ein junges Mädchen aus einer spießigen Vorstadtfamilie. Tom gibt der Versuchung nach, trennt sich von Catherine, verlobt sich mit Deirdre, wird aber in Afrika bei Unruhen erschossen. Die Trauer verbindet die beiden ungleichen Frauen und schließt für eine kurze Weile die Lücke, die Catherine empfunden hatte, als Tom sie verließ: „Often she felt the lack of that cosy woman friend with whom she might spend an afternoon at a matineé, or shopping with a pleasant gossipy tea afterwards. She seemed to know more men than women and, delightful though their company was, she imagened that they were somehow less comforting than a woman would have been.“ Doch die Wege der beiden, die wenig gemeinsam haben, trennen sich, sobald die Erinnerung an Tom verblasst.

A Glass of Blessings“ (1958) wird von der Ich-Erzählerin Wilmet Forsyth erzählt, einer gelangweilten Ehefrau, die nach einem interessanten Objekt für eine Romanze sucht. Piers Longridge, schick und unkonventionell, ein bisschen verkommen und unausgewogen, der Bruder ihrer besten Freundin Rowena, reizt sie. Ihre Gedanken kreisen um ihn und sein Leben, während sie gleichzeitig versucht, ihren Tagen ein wenig Struktur zu geben, indem sie sich in das Gemeindeleben einbringt. Als sie sich mit Piers zu einem Spaziergang verabredet, hofft sie auf ein Bekenntnis. Stattdessen macht er sie mit seinem Lebensgefährten, einem gutaussehenden Strickwarenmodel mit Unterklasse-Herkunft bekannt. Aber Keith, wie Wilmet trotz ihrer Klassenvorurteile und sehr widerwillig feststellt, ist gut zu Piers und ein wirklich netter Kerl, den sie mögen muss. Am Ende unternimmt Wilmet mit ihrem Mann eine Sommerreise und das Paar kommt sich wieder näher. Eine zentrale Rolle im Roman spielt die Freundschaft zwischen Rowena und Wilmet, die auch nicht getrübt wird, als Rowenas Mann versucht, sich an Wilmet heranzumachen und Rowena es heraufindet: „We linked arms and went down to join the men. I reflected what a splendid and wonderful thing the friendship of really nice women was. It could surely be said that Rowena and I were fortunate in each other.

No Fond Return of Love“ (1961) ist letzte dieser sechs Romane. Er erzählt von Dulcie Mainwaring, einer weiteren „exzellenten Frau“ und beginnt damit, dass diese sich von ihrem Liebeskummer bei einem Kongress erholen will: „There are various ways of mending a broken heart, but perhaps going to a learned conference is one of the more unusual.“ Wider Erwarten funktioniert die Kur, denn bei der Veranstaltung lernt Dulcie einen Mann kennen, der ihr Interesse fesselt und sie vollkommen von ihrem Kummer ablenkt. In den folgenden Monaten wird sie das Leben dieses Mannes, seine Liebes- und Verwandtschaftsverhältnisse auskundschaften, in der Pension seiner Mutter am Meer absteigen und seine Ex-Geliebte bei sich als Untermieterin aufnehmen. Dulcie ist eine zurückhaltende, respektvolle und praktisch unsichtbare „Stalkerin“. Am Ende hat sie ein sehr klares und keineswegs besonders schmeichelhaftes Bild von dem Literaturwissenschaftler, dem sie so hartnäckig gefolgt ist. Das "Happy End" des Romans entbehrt jeder Romantik, obwohl der Umworbene die Vorzüge der so lange übersehenen exzellenten Frau zuletzt erkennt: „As for his apparent change of heart, he had suddenly remembered the end of Mansfield Park, and how Edmund fell out of love with Mary Crawford and came to care for Fanny. Dulcie must surely know the novel well, and would understand how such things hapen. What a surprise it would be, not least to his familiy and Dulcie herself, who had so often urged him to make a suitable marriage, if, when he was free, this very marriage should come about.“

Anders als bei ihrer großen Vorgängerin Jane Austen, mit deren Romanen Pyms Werke häufig verglichen worden sind, ist in den Romanen Barbara Pyms keineswegs sicher, dass „sie sich kriegen“ werden. Die Leserin ist sich häufig nicht einmal klar darüber, wer „sich kriegen“ sollte. Während Austen ein einfaches, wiederkehrendes Schema (ein paar Familien auf dem Land, heiratsfähige junge Männer und – notgedrungen - heiratswillige junge Frauen begegnen sich, um schließlich die passenden Paare zu bilden) nutzt, um in diesem Rahmen ihre präzisen und nicht selten entlarvenden Konversationsstücke aufzuführen, durch die gleichermaßen die Lächerlichkeit der geltenden Konventionen, aber auch der Schutzraum, den sie den Machtlosen bieten, deutlich wird, zeigt Pym moderne Menschen, die entwurzelt sind, entfremdet von ihren Familien und Herkunftsorten, aber weiterhin die Formen aufrecht erhaltend, die nun, in einer sich verändernden Welt, von ihnen selbst nur noch als künstliche erfahren werden können. Wer Austen liest, lernt zwischen den Zeilen zu lesen, aufmerksam auf das Unausgesprochene zu lauschen und den „fruchtbaren Moment“ zu erkennen, in dem das Wesentliche zur Sprache gebracht werden muss, damit das Leben gelingen kann. Bei Pym dagegen wird offenbar, was Austen nicht ausspricht oder aussprechen lässt: Dass nämlich die „suitable marriage“ keineswegs für jede Frau (und jeden Mann) der Schlüssel zu einem gelingenden Leben ist. Jane Austen, die – anders als ihre Heroinen – unverheiratet blieb, wusste das wohl und führte es an den älteren Ehepaaren, die sie erschrieb, auf zum Teil wahrhaft boshafte Weise vor. Der andere Lebensentwurf indessen, derjenige der „alten Jungfer“, der „Tante Jane“, den sie im Leben wählte, war einerseits ihrer Leserschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts als „Happy End“ wohl noch nicht vermittelbar und andererseits auch tatsächlich keine Lösung für das Problem, das neben der Liebe in Jane Austens Romanen zentral ist: die ökonomische Sicherung der Existenz. An ein Leben als berufstätige Frau, als freie Schriftstellerin gar, war für eine „gentlewoman“ noch im Traum nicht zu denken. Wer Pym liest, kann dagegen lernen, wie in einer modernen Welt, in der alles in Frage gestellt werden kann, die (im Grunde beliebige) Form zur Haltung wird, die einzig noch Halt gibt. 

Auch weiterhin, allerdings,  kann selbstverständlich nicht alles jederzeit gesagt werden. In dieser Ein-Bildung wähnen sich aber in Pyms Romanen die männlichen Amts- und Würdenträger, Wissenschaftler und Pfarrer zumeist, Herren, die sich der Bedeutsamkeit ihrer eigenen Existenz und ihrer Deutungsansprüche sicher sind, während sie der Leben der Anderen nicht einmal ansatzweise gewahr werden, eingekerkert in den Panzer ihrer sorgfältig konstruierten verwinkelten Theorien über abgelegene Kulturen, Literatur oder Theologie und sich niemals auf die Niederungen des Alltags einlassend. Der Blickwinkel der Frauen, die für diesen (die "Dreckarbeit" also) zuständig sind oder gemacht werden, ist es jedoch, den Pym schreibend einnimmt und sie schlägt nicht wenig Funken aus der Analogie zwischen anthropologischen Studien in Afrika und ihren Erzählungen über das merkwürdige Verhalten englischer Mittelstandsmänner und – frauen. 

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich dann eben auch kaum mehr auf die Aussprache (zwischen den Geschlechtern), auf das Liebesgeständnis also, zu warten. Was Männer als „Liebesgeständnis“ Frauen zu sagen haben könnten, ist längst aus-gesagt und enttarnt als ewig-endliche Leimrute, mit der sich eine Haushälterin eingefangen wird, die dafür zu sorgen hat, dass weiterhin Bedeutsames herausposaunt, aufgeschrieben und in „learned societies“ besprochen werden kann. In den Pausen gibt es heißen Tee, für den „die Anderen“ zu sorgen haben, jene unsichtbaren, unbeachteten „exzellenten Frauen“. Pyms Romane beschreiben unbestechlich, beinahe wissenschaftlich sezierend die Verhältnisse, ohne jemals mit Empörung zu reagieren. Die absurde und abscheuliche Welt der „bedeutenden“ Männer zu „erobern“, erscheint hier eben gerade nicht als ein erstrebenswerter Ausweg aus dieser Konstellation. 

Aus dieser Einsicht und den messerscharfen Dialogen und präzise geschilderten Beobachtungen menschlicher Unsicherheiten, Ängste, Sehnsüchte, die durch Etikette und Haltung verborgen, aber auch beschützt werden, beziehen die Romane Barbara Pyms, die Verhältnisse und Verhaltensweisen schildern, die unseren, in Deutschland, im 21. Jahrhundert so wenig gleichen (oder zu gleichen scheinen) ihre Faszination für Leserinnen, geradeso wie sich auch für Jane Austens scheinbar so ereignisarme, immer gleiche Plots Jahr für Jahr neue Leserinnen finden.

Lesen Sie Barbara Pym!


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