Freitag, 3. Mai 2013

REHABILITATION DER REFERENZ: Hans Belting über "Echte Bilder und Falsche Körper. Irrtümer über die Zukunft des Menschen"

2004 erschien der Sammelband "Iconic Turn - Die neue Macht der Bilder", in dem die Vorträge der Vorlesungsreihe "Iconic Turn - Das Neue Bild der Welt" (LMU München), an der sich Kunsthistoriker_innnen, Hirnfoscher, Medienwissenschaftler, Künstler_innen, Regisseure und Philosophen beteiligten, veröffentlicht wurden. Bei allen Unterschieden der Zugänge, Analysemethoden und Deutungsvorschläge gehen doch alle Beiträger_innen des Bandes davon aus, dass sich einerseits der Gegenstandsbereich der "Bildwissenschaft" erheblich erweitert und andererseits die Bedeutung der Bilder und ihrer gesellschaftlichen Funktionen (die Macht der Bilder) zugenommen hat. Die Formulierung vom "iconic turn" greift dabei Richard Rortys "lingustic turn" auf, jedoch gerade um dessen Behauptung zu widersprechen, dass der Mensch sich nur im Rahmen der Sprache (selbst-)verständigen könne. Mit "iconic turn" sollte dagegen das Denken in Bildern aufgewertet werden. (Als Schlagwort ist der Begriff, wie so viele, seither auch missbraucht worden, um den jahrhundertelangen Krieg der Schriftgläubigen gegen die Gewalt der Bilder und die Macht der Schau diesmal von der Seite der Bilder-Denker her neu zu entfachen.)

Die Vorlesungen in München konnte ich nicht hören, aber ich verfolgte damals die Berichte in den Zeitungen zur Vorlesungsreihe aufmerksam, zumal ich einige der Vortragenden selbst während meines Studiums gehört hatte und von fast allen Texte gelesen habe. Während der Lektüre von Hans Beltings "Faces" habe ich den Band wieder einmal aus dem Regal gezogen, diesmal, um die Beiträge Hans Beltings, Horst Bredekamps/Franziska Brons, Martin Kemps und Willibald Sauerländers zur "Kunstgeschichte auf dem Weg zur Bildwissenschaft" noch mal nachzulesen. Der Titel von Hans Beltings Text in "Iconic Turn" lautet "ECHTE BILDER UND FALSCHE KÖPRER. IRRTÜMER ÜBER DIE ZUKUNFT DES MENSCHEN". 



Helena Almeida: Inside Me

Einmal mehr wird in diesem Beitrag das Interesse Beltings für die Funktion der Bilder in den historischen, gesellschaftlichen Kontexten, in denen sie produziert und in die sie gestellt werden, deutlich. Thema des Beitrags ist die Referenz zwischen Bild und Körper, die aus Beltings Sicht für die "menschliche Bildgeschichte eine zentrale (...) Rolle spielte". Belting tritt in diesem Beitrag, wie auch später in "Faces" der verbreiteten These entgegen, dass die "Referenz auf Körper inzwischen ausgefallen ist". Zwar entstehe gegenwärtig der Eindruck, dass die Analogie von Körper und Bild keine Rolle mehr spiele: "Wir vergöttern Bilder, die uns vom Körper erlösen, und beweisen dadurch, dass uns die alte Referenz von Bild und Körper aus dem Blick rückt." Belting führt diese Entwicklung auf die Dekonstruktion zurück, die Körper- und Bildbegriff erfahren hätten. Bilder würden auf visuelle Daten reduziert. Jedoch werde bei dieser Reduktion nicht berücksichtigt, dass die visuellen Daten erst durch den Betrachter in "innere Bilder" verwandelt würden, die ihm die Welt symbolisierten. Bilder ermöglichten auf diese Weise, jenseits der Debatte über ihren "Wahrheitsgehalt" (also ihre Abbild-Funktion),  Wahrnehmungserfahrungen zu machen und zu erweitern: "Bilder können beides: Sie können uns zu jener Freiheit und Autonomie ermutigen, über die wir nur in unserer Imagination verfügen, und sie können uns umgekehrt, auch die Imagination rauben, durch Manipulation und Illusionstechniken, gegen die wir wehrlos sind."

Eine "paradoxe Fähigkeit der Bilder" sei es, "das zu verbergen, was sie darstellen wollen": "Wenn wir uns ihrer Wirkung überlassen, erfahren wir durch sie etwas, das wir nicht eigentlich sehen können, von dem wir aber wissen, dass es im Bild vorhanden ist. Man braucht aber nicht die Ästhetik oder gar die Metaphysik zu bemühen, um einem Vorgang auf die Spur zu kommen, der in menschlichen Natur selbst angelegt ist. Die Wahrnehmung, als eine symbolische Erfahrung, veranstaltet aus eigener Kraft dieses Schauspiel von Absenz und Präsenz, das wir in den Bildern nur deshalb wieder finden, weil wir es selbst körperlich erfahren." Belting rehabilitiert im folgenden Absatz den Begriff der "Analogie", den in einer digitalen Welt viele abwerteten: "Im Gegenzug dazu haben sich die digitalen Bilder von der Referenz auf das Reale befreit, um eine virtuelle Realität zu erfinden. Aber selbst dabei setzen sie, so sehr ihre Anhänger auch leugnen mögen, das alte Theater der Analogie fort, denn die Analogie konnte auch in der Unähnlichkeit mit dem Körper bestehen. Wer diesen Bezug leugnet, betreibt wiederum nur eine besondere Spielart von Referenz."

Entscheidend sei vielmehr, dass die Analogie zwischen Körper und Bild nie aufgehe und sich gerade dadurch im Bezug aufeinander immer wieder Offenheit ergebe. Trügerisch sei allein die Annahme, dass der Körper das Bild definiere. Vielmehr habe immer schon auch das Bild die Körper(erfahrung und -wahrnehmung) bestimmt: "Der Körper ist als Repräsentant des Menschen immer auch Ort von Repräsentation, was bedeutet, dass er auf jede beliebige Weise darstellungsfähig war, und sei es nur, indem er seine Körperlichkeit zugunsten seines Selbst, sei es Geist oder Seele, leugnete." Erst durch die Bilder sei der Körper allerdings "repräsentationsfähig" geworden durch Maske, Kleidung und Gestik: "In diesem Austausch zwischen Körper und Bild entstand die fragile Balance, in der Menschsein als Idee ausgehandelt wurde." Belting beschreibt, wie Literaturwissenschaftler und Künstler im 21. Jahrhundert diese Beziehung zwischen Körper und Bild aufzulösen suchen, indem sie Bilder schaffen, die keine Referenz mehr auf einen lebenden Körper haben oder Begriffe verwerfen, die auf die Körperlichkeit verweisen (wie Präsenz oder Sichtbarkeit). Diese Tendenz, die er als "spielerisches und relativ harmloses Verfahren" bezeichnet, solange sie im Raum der Kunst verbleibe, begreift Belting gesellschaftpolitisch als Gefahr. 

"Die Analogie von Körper und Bild wird heute an allen Fronten geleugnet, um die Bilder von der Referenz der Körper zu befreien. Eine solche Krise der Referenz ist in der Geschichte der Bilder nichts Neues und kann daher auch nicht allein der Faszination neuer Technologien zugeschrieben werden. Neu an der jetzigen Situation ist allerdings, dass die Krise auf Kosten des Körpers und nicht auf Kosten des Bildes geht. Es geht nicht mehr um die Analogie der Bilder mit dem Körper, sondern umgekehrt um die Analogie des Körpers mit den Bildern. Bilder machen uns die körperliche Welterfahrung streitig und drängen uns an ihrer Stelle die Bilderfahrung auf. Die Reaktionen auf diese Krise sind bekannt. Entweder akzeptieren wir, wenn es um Körperfragen geht, gar keine Bilder mehr, oder wir glauben nur noch an Bilder, vor allem an solche, in der wir wie in der virtuellen Realität die Erinnerung an unseren Körper los werden können."

Gegen diese Verwechslung von Körper und Bild und die Verfügbarkeit der Körper richtet sich Hans Beltings Beitrag in "Iconic Turn": "Die Zeitenwende, vor der wir stehen, zwingt uns zu einer Neubestimmung von Anthropologie. Wir müssen uns dabei von den meisten Varianten, die diesen Namen führen, verabschieden. Es kann sich nicht darum handeln, den konservativen Rettungsanker auszuwerfen und vom unwandelbaren Wesen des Menschen zu sprechen. Dieser Glaube ist durch die Geschichte ohnehin längst widerlegt. (...) Dabei kommen die Menschenbilder (wieder) ins Spiel. Nicht einmal die Posthuman-Debatte entkommt dem Menschenbild, das sie zwar vorne verabschiedet, aber durch die Hintertür wieder hereinholt. Die Menschenbilder sind gekommen und gegangen, doch der Körper blieb und hinterließ in diesem Kommen und Gehen seine Spur (...). Die begonnene Debatte um den Körper ist Anlass genug, ihn zum Thema einer neuen Anthropologie zu machen, die sich nicht mehr in humanistischen oder theologischen Idealen verliert, sondern aus gegebenem Anlass härter argumentiert. Es reicht nicht aus, für den Körper eilig den Grenzschutz von Ethikern und Juristen herbeizurufen. Es bedarf einer anthropologischen Basis, um nach einem Konsens zu suchen. Die Bildfrage, die mein Thema, war, stellt dabei nur einen Aspekt dar. Die Bilder, als Gegenpart des Körpers, lieferten Spiegel, die immer wieder gewechselt wurden, um den Körper neu zu sehen. Die Referenz zwischen Bild und Körper, die trotz aller Ausbruchversuche derzeit noch ungebrochen ist, war das Leitthema der ganzen Bildgeschichte, die ohne dieses Thema nur noch eine Erinnerung wert wäre."

Manche werden diese Bilder wollen, die keine Geschichte mehr haben, die erscheinen und verglühen, ohne sich um ihre Wirkung auf die Körper zu kümmern. Aber - Halt!: Es wird diese Körper, von denen Bilder als Bilder gesehen werden, dann nicht mehr geben und sie werden keiner Wirkung unterworfen sein, die wir noch mit den unseren, mit deren beschränkten und doch so imaginativen Möglichkeiten, erahnen können. Mag sein, dass die Geschichte der Bilder dann noch einer Erinnerung wert wäre, doch es wäre da keine und keiner, denen sie es wert wäre. Meine Prognose: Ohne die Körper, auf die sie sich beziehen, wird es auch keine Bilder geben: Denn Bilder sehen nur Menschen, die Körper sind

(Aber ich glaube nicht daran. Sondern an die Macht der Körper. Und: Den Eigensinn der Menschen.)


Kommentare:

  1. Ich muss sagen, dass mich der Kulturpessimismus, der aus Beltings Text spricht und den ich auch in "Faces" wiederfinde, abstößt. Bin daher froh, dass du das in Klammern klein drunter geschrieben hast. Beltings Texte sind immer faszinierend, gehen aber oft ein bisschen flapsig mit dem "Material" um. Darüber hatten wir in Bezug auf "Florenz und Bagdad" schon mal gesprochen, erinnerst du dich?
    HG S.A.

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    1. Kulturpessimismus - dazu sind wir wohl einer Meinung. Es gibt wenig, was ich mehr verachte und lächerlicher finde, als das Gejammer von Leuten, die ihre Felle davon schwimmen sehen, weil die Kulturtechniken, mit denen sie sich "kulturelles Kapital" geschaffen haben, im Wert sinken. Statt zu jammern, sollten sie was lernen. Außerdem reicht bei den meisten das angehäufte Kapital eh noch für die durchschnittliche Lebenserwartung, um sich im Kreise gleichgesinnter Altersgenossen einen darauf runterzuholen, dass "heutzutage" alle verblöden. Geschenkt!

      Ja, ich erinnere mich an die Diskussion zu "Florenz und Bagdad". Deine Einwände damals fand ich einleuchtend und mir ist auch klar, dass mir Hintergrundwissen fehlt, um Beltings Darlegungen zur Kultur des Orients kritisch hinterfragen zu können. Andererseits: Das Denken in Analogien ist immer "unsauber". Es sieht die Ähnlichkeiten und Beziehungen in die Dinge hinein, aber es setzt auch viele Produktivkräfte frei. Bei "Faces" geht es mir so wie dir damals mit "Florenz und Bagdad". Die Aussagen zu vielen einzelnen Werken/Werkgruppen finde ich oft wenig überzeugend. Dennoch halte ich das Buch für spannend. Mir gefällt vor allem auch, dass es ohne dauerndes name dropping auskommt, ohne diese erbärmlichen Scheingefechte in Texten, die bloß von anderen Texten handeln: Dingens hat gesagt..., wie schon ... feststellt,...anders als ...., blababla (und immer wieder die üblichen verdächtigen Deutschen und Franzosen, sonst kennen die ja nix.). Da ist mir der konsequente Bezug auf die Werke und kulturellen Praxen bei Belting viel lieber, auch wenn er gelegentlich ein wenig, wie schreibst du?, "flapsig" mit ihnen umgeht und nicht immer genau genug hinschaut.
      Liebe Grüße M./J.

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    2. Hier habe ich übrigens grade eine gute Kritik gelesen, die vielleicht einige deiner Zweifel/Einwände an dem Buch darstellt: LinkBeschreibung

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    3. Oh,blöd, ich habe vergessen, die LinkBeschreibung einzugeben: Neuere Texte zur Physiognomie von Claudia Schmölders. Entschuldigung!

      Zum ersten Absatz noch oben in meinem Kommentar: Klingt böser, als ich es wirklich meine. Ich sitze halt gar zu oft in Pädagogen-Runden, in denen auf die Jugend geschimpft wird, die angeblich immer dümmer wird. ;-) Du kennst das sicher.

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