Mittwoch, 21. Mai 2014

Ist Sex Care-Arbeit?

Antje Schrupp hat auf Facebook diese Frage gestellt – und sie lässt mich nicht mehr los, weil ich sie spontan und emotional klar mit "Nein" beantworte, es mir aber schwer fällt, dieses "Nein" argumentativ zu begründen.

Die erste Erinnerung, die hoch kommt, wie etwas Saures, das aufstößt, ist ein Gespräch mit einer guten Freundin, die beiläufig davon erzählte, wie sehr sie vom Sex mit ihrem Partner angenervt sei und dass sie manchmal wünsche, er ginge ins Bordell, um sich „zu versorgen.“ Ich reagierte schockiert, was wiederum sie gar nicht verstehen konnte. „Er braucht es halt.“, sagte sie. „Und du?“ „Mir liegt nix dran. Jedenfalls nicht mit ihm oder so, wie er es will.“ Das Gespräch war länger, als ich es hier wiedergeben mag. Aber mein Entsetzen ließ nicht nach. Es galt weniger den Praktiken, die ihr Liebhaber bevorzugte, als der Tatsache, dass sie ihn machen ließ, was wer wollte, ohne selbst die geringste Freude daran zu haben. Ich befragte später andere Frauen  zu dem Thema und lernte: Das kommt gar nicht so selten vor. Sehr viele hatten schon mal Sex gehabt, ohne selbst Lust darauf zu haben. Und viele begründeten ihr Einverständnis damit, dass der männliche Lebenspartner doch „ein Recht“ darauf habe, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden. Für mich blieb das auch nach diesen Gesprächen beinahe unvorstellbar: In Sex einzuwilligen, ohne selber Lust darauf zu haben. „Warum sollte ich?“, fragte ich einmal. Und bekam die Antwort: „Weil es dazu gehört.“ Sex also gehört in vielen (den meisten?) heterosexuellen Beziehungen zum Tauschgeschäft. Funktioniert das umgekehrt auch? Haben ebenso viele Männer Sex mit einer Frau, weil „es dazu gehört“, „weil sie es halt braucht“, ohne dass sie selbst Lust darauf haben? Ich habe das jedenfalls von Männern noch nicht so häufig gehört. Aber ich rede auch häufiger über Sex mit Frauen als mit Männern. (Ich habe es übrigens noch nie von lesbischen Frauen gehört.)

Care-Arbeit ist Fürsorge-Arbeit an und für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht voll für sich selbst sorgen können: Kinder, Alte, körperlich oder geistig Eingeschränkte. Und es ist Arbeit an und für jene, die zwar für sich selbst sorgen können, jedoch aus Zeitgründen einen Teil der Fürsorgearbeit für sich selbst (z.B. kochen, putzen, waschen...) an andere delegieren. Unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ist klar, dass beide Arten von Fürsorge-Arbeit nicht gleichgesetzt werden können. Während die Fürsorge für Menschen, die sich nicht selbst helfen können, ohne die Erwartung einer Gegenleistung erbracht wird, kann das für die Fürsorgearbeit an Menschen, die sich selbst helfen können, nicht gelten. Dabei muss die Gegenleistung nicht unbedingt in einem festen Geldbetrag bestehen oder immer jede Leistung und Handlung exakt gegengerechnet werden. Grundsätzlich ist aber klar: Es geht nicht an, dass jemand, der für sich selbst sorgen kann, eine/n andere/n diese Arbeiten dauerhaft erledigen lässt, ohne auch für diese/n etwas zu tun. Wie das unter partnerschaftlich einander verbundenen Menschen im Einzelnen geregelt ist, kann sehr unterschiedlich sein. Wenn eine solche Beziehung sehr einseitig wird, also nur noch der oder die eine etwas für den oder die andere tut und umgekehrt nichts zurückkommt, breitet sich Frust aus und die Beziehung wird über kurz oder lang kollabieren, wenn nicht  andere gesellschaftliche Machtfaktoren eine Rolle spielen. (In der Türkei, erzählte mir eine türkische Freundin, lassen sich in den großen Städten immer mehr berufstätige Frauen von ihren Männern scheiden. Die Paschas halten daran fest, dass Hausarbeit Frauensache sei, tragen aber keineswegs mehr den überwiegenden Anteil zum Haushaltseinkommen bei. Wenn dann der soziale Druck wegfällt, wie er in den Dörfern noch herrschen mag, sehen die Frauen über kurz oder lang keinen Sinn in der Aufrechterhaltung einer Beziehung, die ihnen einen 12-Stunden-Arbeitstag aufzwingt.)

Und wie ist das jetzt mit dem Sex? Nicht alle Bedürfnisse, die jemand formuliert, können oder müssen befriedigt werden. Ganz offensichtlich kann es in einer Gesellschaft, die das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von Männern und Frauen anerkennt, kein Recht darauf geben, sich am Körper eines anderen/einer anderen zu befriedigen. Mit anderen Worten: Ein Recht, den Körper eines anderen/einer anderen zu penetrieren, kann es unter keinen Umständen geben (z.B., um es noch mal zu betonen, obwohl es inzwischen Gesetz ist: auch nicht in der Ehe), ebenso wenig wie ein Recht sexuelle Handlungen am Körper eines anderen/einer anderen zu vollziehen. Was bleibt? Wer sich sexuell befriedigen will, kann und darf sich selbst befriedigen. Ist ja klar. Dabei kann sich  also fast jede/r selbst helfen, d.h. es besteht für die Mehrzahl der Menschen keine Notwendigkeit der Fürsorgearbeit, weil sie keinen anderen/eine andere hierfür brauchen. Und deshalb kommt es selbstverständlich bei diesem Thema mit Blick auf die Care-Arbeit in fast allen Fällen auf die Reziprozität an. Da aber in Beziehungen nicht exakt „verrechnet“ wird, könnte die sexuelle Befriedigung des einen/der einen auch gegen etwas anderes für die andere/den anderen eingetauscht werden: Schneidest du die Hecke, hole ich dir einen runter??? Das wäre natürlich möglich. Oder es ist eben in einer konkreten Beziehungen so: Mal hat der eine keine Lust, mal die andere – und man hilft sich trotzdem gegenseitig.


Ich weiß auch nicht, warum mir das trotz allem so abstoßend vorkommt. Vielleicht, weil ich es wichtig finde, einen Bereich zu haben, in dem keine Tauschgeschäfte vorkommen. In dem die Unvernunft und die Leidenschaft herrscht statt dem Kalkül.  Sex nur bei beidseitiger Geilheit. 

Oder?

Kommentare:

  1. Biboy: ich lass IHN ran weill er's brauch. Das kenn ich im homosexuellen. Beziehungen nur von patriachen.... das die unterdrückten au h noch das was sie unterdrückt reproduzieren versteht' ich bei meinen Freundinnen nicht.

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  2. Kennst du den Film "The Sessions"? Der fiel mir spontan zum Thema ein.
    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Sessions_-_Wenn_Worte_ber%C3%BChren

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  3. jetzt erkennen wir erst was wir an unserer selbstständikeit so schätzen.

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  4. @Iris Den kenne ich nicht. Klingt interessant. Aber zunächst will ich die zweite Staffel von "Borgen" schauen, bevor ich noch mehr DVDs anschaffe. LG
    @rittiner gomez So ist es!

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  5. Naja, das Thema ist schwierig, das gebe ich gerne zu. Aber weshalb? Die Begründung Ihrer ablehnenden Antwort auf Schrupps Frage (die ich als gar nicht so abwegig sehe) ist Ihnen meiner Auffassung nach lückenlos und schlüssig gelungen. Dem hätte ich nichts Substanzielles hinzuzufügen.

    Was also ist die Schwierigkeit bei der Einordnung von im weitesten Sinne erkauftem Sex? Wenn Sie Sex aus dem rechtlichen Rahmen befreit sehen wollen - und der ist nach wie vor ausgesprochen rigid, wie Sie an einer Stelle zutreffend bemerkten (sofern ich Sie richtig interpretiere) - kann ich Ihre Sicht ohne Schwierigkeiten nachvollziehen. Nun will ich keineswegs spitzfindig erscheinen, wenn ich zu bedenken gebe, dass gelebte Sexualität auch als Teil intakter psychischer Gesundheit aufgefasst werden kann - nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar muss. Damit tritt aber ein interessantes Paradoxon zu Tage, da ein Recht auf Gesundheit allgemein bejaht wird. Wie anders wäre auch eine entsprechende Pflichtversicherung zu argumentieren? Sexualität aus dem gesundheitlichen Befinden auszuklammern kann vor dem Hintergrund der Unteilbarkeit des menschlichen Gesundheitsbedürfnisses nicht funktionieren.

    Nehmen wir Sex dennoch gedanklich aus dem rechtlich verbindlichen Rahmen heraus. Was ist mit dem moralischen Rahmen? Den gibt's dann doch immer noch? Was kann denn Moral anderes sein, als unkodifiziertes, gesellschaftlich verhandeltes Recht und Bestandteil einer Kultur? Diese Kultur befindet sich indes im Umbruch. Auch das räume ich ein. Allerdings stelle ich hier die kritische Frage, ob an der Neuverhandlung moralischer Prinzipien tatsächlich wenigstens eine einfache gesellschaftliche Mehrheit mitwirkt. In meiner Wahrnehmung ist das mitnichten der Fall.

    Die Beweggründe zu konsensualem Sex werden auf den Prüfstand geschnallt, einverstanden. Der sich aus einer berauschenden Ballnacht ergebende "one-night-stand" ginge da eben noch durch, wenn er auf wechselseitiger Geilheit dahin schlüpft. Sexarbeit hingegen findet im Diskurs keine Billigung, was sich europaweit an den zunehmenden Verboten verfolgen lässt. Man sehe aber, bitte schön, etwas genauer hin. In Ungnade fiel der "billige" Sex. Ausbeutung und Armutsprostitution müssen hier nicht gesondert verhandelt werden, weil es dazu keinen rational begründbaren Dissens geben kann. Wie aber steht's um den anderen Extrempol, die Edelprostitution, welche sich im vier- bis fünfstelligen Eurobereich ereignet? Käuflicher Sex nur für wirtschaftlich Privilegierte? Das kann's doch vernünftigerweise auch nicht sein, oder? Ist aber so.

    Mir läuft die allgemein geführte Diskussion um die materielle Seite von Sexualität schon aus rein logischen Gründen zuwider. Der andere Teil meines Unbehagens betrifft die vorgeschlagene Ausweichmöglichkeit im Wege der Selbstbefriedigung. Das kann nur eine zeitweilige Überbrückungsmöglichkeit sein. Sex kostet Kaufkraft, so oder so. Daran ist, nun verallgemeinert formuliert, in marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften nicht vernünftig zu rütteln. Und der Anteil jener, die vom Erleben gemeinschaftlicher Sexualität mangels hinreichender Kaufkraft durch Verbote ausgeschlossen werden, steigt beständig. Ich nenne das, durchaus provokant gemeint, einen reaktionären Wandel, den ich mit gefestigter Überzeugung ablehne.

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    1. Vielen Dank, lieber Kombinat, für ihre ausführliche Antwort, auf die ich nur ansatzweise eingehen kann, weniger (wenn auch ein wenig) aus Zeitgründen als deswegen, weil ich noch mittendrin im Nachdenken bin und also alles nur ganz vorläufig, ins "Unreine" gesprochen sozusagen, ist. (Andererseits stehe ich ja dafür - und ein! - , dass alles Gesagte und Geschriebene nur "ins Unreine" gesagt und geschrieben sein muss und sich also dem Zweifel, der Veränderung, dem Prozess aussetzt, ohne dass hinter den Bearbeitungen immer "Bereinigungsversuche" stecken müssten, sondern vielleicht: Kanalerweiterungen.)

      Die Frage nach der Care-Arbeit beinhaltet ja ein anderes Verständnis von Ökonomie, als jenen eingeschränkten Begriff von "Wirtschaft", der gegenwärtig die Debatten bestimmt. Zugespitzt (oder eigentlich gar nicht; eher als Mindestanforderung): Eine ökonomische Theorie, die sich nicht oder nur am Rande mit Care-Arbeit beschäftigt, d.h. im wesentlichen auch mit Nicht-Erwerbsarbeit, kann aus meiner Perspektive ohnehin keinen Anspruch auf ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr mehr erheben. (Das war einmal. :-) ). Wenn dies also vorausgesetzt ist, dass menschliches Zusammenleben Arbeiten an und für Menschen erfordert, die nicht als Erwerbsarbeiten geleistet werden und auch nicht alle als solche geleistet werden können, dann stellt sich die Frage eben doch neu (und eben jenseits von all den Auseinandersetzung um Recht und Moral mit Blick auf Prostitution). Nämlich genau in jenem Kontext, den sie nennen: der (Gesundheits-)Fürsorge. Hieraus könnte hergeleitet werden, dass es einen Anspruch auf "gelebte Sexualität" gibt. ---Und dann kommt das "Aber"...
      Auch aus dieser Perspektive kann das Bedürfnis am oder im Körper einer/s Anderen sich zu befriedigen nicht in den Fürsorgebereich fallen. Es blieben also Fürsorgehandlungen, die am Körper des Bedürftigen zu verrichten wären. Und Sie werden einräumen: Gerade darauf Sexualität beschränken zu müssen, würden nun dennoch viele als Einschränkung ihrer "gelebten Sexualität", möglicherweise auch als gesundheitsschädigende einschätzen. Und so komme ich dazu, auch in dieser Frage noch einmal auf die Geschlechterdifferenz hinzuweisen: Während männliche Menschen (in der Mehrheit) in unserer Kultur die Benutzung eines anderen Körpers zu ihrer Befriedigung als ein "Recht" kennengelernt haben, als etwas, das sie (auch für die Gesundheit) brauchen, haben weibliche Menschen (in ihrer Mehrheit) keine solche Perspektive auf den Körper des Anderen, sondern sind (in ihrer Mehrheit) eher (immer noch) damit beschäftigt, sich vor einer solchen gesundheitsschädlichen Benutzung ihres Körpers gegen ihren Wunsch und Willen zu schützen.

      --Was Prostitution angeht: Verbote fordere ich nicht. Aus ethischer Perspektive lehne ich jedoch die Käuflichkeit von Manipulationen am oder im Körper eines Anderen (d.h. umgekehrt: Manipulationen am Körper des Käufers finde ich ethisch unbedenklich) kategorisch ab, genauso wie die Käuflichkeit von Organen zum Beispiel, egal zu welchem Preis.

      Aber, wie gesagt, alles vorläufig.

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  6. Ich für meinen Teil sehe hier, dass der Gedankengang "Sex als Care-Arbeit" aus zumindest zwei Aspekten besteht, die für mich selbst eine komplett unterschiedliche Bedeutung haben.

    Zum einen geht es um Sex innerhalb von Paarbeziehungen.
    Früher mal war es ja nicht ungewöhnlich, dass Frauen Sex nur erduldet haben. Es scheint sogar die Regel und nicht die Ausnahme gewesen zu sein, zumindest, wenn man älteren Frauen so zuhört.
    Allerdings dachte ich, dass wir im Jahre 2014 zumindest in Teilen Europas und Amerikas über diese Denkweise hinaus sind. Mir kam es nicht in den Sinn, dass Frauen das heute noch tun (oft, nicht nur dann und wann).
    Heute haben Frauen doch ganz andere Möglichkeiten, frau muss nicht mehr bei einem Mann bleiben, der sich daneben benimmt (trinken, Gewalttätigkeit, fremdgehen, das ganze Geld ausgeben, Frau zum Sex zwingen). Früher mussten Frauen das alles erdulden, weil sie abhängig waren. Die Abhängigkeit in diesem Ausmaß gibt es aber nicht mehr. Der Handel "Sex gegen materielle Versorgung" ist nicht mehr notwendig. Warum tun sich Frauen das dann immer noch an? Warum lassen sie sich nun emotional erpressen, nachdem der finanzielle Teil der Erpressung weggefallen ist? Ich denke auch nicht, dass man das überhaupt "Care Arbeit" nennen kann. Es ist nichts, als erduldeter Mißbrauch.

    Ob Sexarbeit Care-Arbeit ist, ist ein andere Frage. Surrogatpartnerschaft fällt wohl darunter (hat eindeutig einen helfenden Aspekt, die betroffene Person hat absolut keine andere Möglichkeit für sexuelle Interaktion mit einem anderen Menschen). Die gängige Art der Prostitution hat aber keinen therapeutischen, helfenden Aspekt. Im Normalfall findet der Kunde auch ohne Geld jemanden, der mit ihm Sex haben will.
    Das Argument der Gesundheitsfürsorge lasse ich nicht gelten. Es gibt weltweit genug Menschen, die zölibatär leben und trotzdem keine gesundheitlichen Probleme haben.

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  7. Für's Nachdenken habe ich mir, liebe Melusine, nun auch einige Zeit genommen (und bin noch lange nicht fertig damit). Mir sind einige Punkte aufgefallen, die ich mal einbringen will.

    Die angeführte ethische Perspektive auf die Käuflichkeit eines Körpers ist eine zumindest zweischneidige Angelegenheit. Sie beinhaltet nämlich zwangsläufig die Unveräußerlichkeit des Gebrauchs des eigenen Körpers zum Zwecke der Befriedigung von Bedürfnissen anderer (z.B. Pharmazie, Medizin, etc.). Eingeschränkt auf Sex bedeutet das gleichzeitig die Beschneidung der Erwerbsfreiheit jener, die ohne vorausgehende Not Sexarbeit verrichten, um damit zeitweilig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich sehe da keine rationale Begründungsmöglichkeit der Ablehnung.

    Ihrer Schärfung folgend, dass 'Care-Arbeit' unter ein zur Marktwirtschaft alternatives ökonomisches Modell zu subsumieren sei, verneine ich die Frage "Ist Sex Care-Arbeit?" ohne einen Anflug von Zweifel. Dazu muss ich, meine Festlegung erläuternd, hinzufügen, dass mir Schrupps entsprechende Einlassung auf Facebook nicht zugänglich ist und ich daher ursprünglich eine andere Anregung verspürte. Die Begründung für meine Ablehnung findet sich vollständig in Ihren entsprechenden Beitragsausführungen wieder, denen ich, wie ich bereits oben erwähnte, nichts Substanzielles hinzuzufügen habe.

    Aus meiner Sicht hat sich die Angelegenheit nun allerdings auf ein sprachliches Problem reduziert: Bedürfnisbefriedigung ist nicht identisch mit Vorsorge ist nicht identisch mit Fürsorge. Sex als Gesundheitsbedürfnis zu begreifen und die Befriedigung dieses Bedürfnisses anzustreben, impliziert eben nicht, bewusste Vorsorge zu betreiben. Schließlich esse ich in der Regel auch nicht, weil ich nicht verhungern will.

    Wenn ich, die Aufdeckung des sprachlichen Problems weiterführend, Vorsorge für mein Alter treffe, indem ich mir eine oder mehrere Eigentumswohnungen zulege, deren Mieteinnahmen mir ein auskömmliches Dasein im Alter sichern sollen, hat das mit Fürsorge nichts zu tun. Vielmehr ist solches Verhalten Ausdruck egoistischen Sicherheitsstrebens. Der Fürsorgegedanke lebt - um bei der Analogie der Altersversorgung zu bleiben - noch im Umlageverfahren, welches mittlerweile aus blankem Unverstand allerdings nicht mehr mehrheitsfähig ist.

    Um auf den Punkt zu kommen: da ich in meiner Antwort oben von Gesundheitsbedürfnis spreche, ist Ihre Paraphrasierung mit dem Begriff 'Gesundheitsfürsorge' nicht zutreffend. Insofern behandeln wir also nicht denselben Aspekt des Verhandlungsgegenstandes.

    Ich will einen anderen Zugang versuchen: Dass Kooperation erfolgreicher ist als Wettbewerb, ergibt sich nicht zuletzt aus fundamentalen Erkenntnissen der Mengenlehre. Die Vereinigung von menschlichen Potenzialen vermag weit mehr hervorzubringen, als deren Wettbewerb, welcher auf das Ausdorren von Konkurrenz setzt. Sex kann durchaus als Form von Kooperation aufgefasst werden. Die Frage ist: Wie verhalte ich mich als soziales Wesen hinsichtlich Kooperation? Eine Antwortmöglichkeit wäre: verabredend. Und genau da will nun eine gesellschaftliche Strömung einschreiten, indem sie die Beweggründe zur Verabredung unterscheidet in zulässige und unzulässige. Dass sie dabei im Begriff ist, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten, muss der Vollständigkeit des Diskurses zuliebe ausdrücklich festgehalten werden.

    Nun will ich argumentativ zuspitzen: Kann Sexualität außerhalb eines verbindlichen Rahmens überhaupt sinnvoll verhandelt werden? Die Antwort lautet: Nein (ursächlich herzuleiten aus dem sozialen Druck, ohne den Überleben - damit meine ich nicht die Fortpflanzung - der Spezies nicht möglich wäre). Verbindlichkeit ohne sanktionierende Durchsetzungsmöglichkeit ist zudem nicht vorstellbar. Die unterschiedliche Ausgestaltung des verbindlichen Rahmens ist jeweils kulturelle Angelegenheit. Daraus ergeben sich schließlich konkrete Rechte und Pflichten.

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  8. Kann es also kulturbedingt ein Recht auf Penetration geben? Die Antwort ist - damit widerspreche ich Ihnen ausdrücklich - unzweifelhaft: Ja. Dann nämlich, wenn dieses Recht verabredungsgemäß eingeräumt wurde. Gibt es ein Recht, Penetration zu verweigern? Auch hier lautet die Antwort eindeutig: Ja. Darüber hinaus besteht aber die durchsetzbare Verpflichtung, die Verweigerung zu respektieren.

    Aus dem Dargelegten erhebt sich die essentielle Frage, weshalb in unserer Kultur so große Schwierigkeiten mit dem Wort "Nein" im sexuellen Kontext bestehen. Von meinem Standpunkt aus betrachtet wäre gerade darüber weiter nachzudenken, um das Fundament der Selbstbestimmung zu stärken. Irgendetwas geht da noch nicht zusammen. Habe ich etwas übersehen?

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    1. (Auch ich brauchte Zeit.)
      Nein.
      Doppelt. Warum "Nein" im sexuellen Kontext, wie Sie schreiben, so "große Schwierigkeiten" bereitet? Ich finde die Frage euphemistisch. Sie ist gestellt, als ginge es um Verständigungsprobleme. Und: Als handele es sich um reziproke "Schwierigkeiten". Was nicht der Fall ist. Wenn Sie es als eine Frage des Rechts betrachten wollen: Vergewaltigung ist ein "männliches" Delikt (an Frauen und Männern) und in unserer Kultur trägt das Opfer doppelten Schaden davon. Denn es ist Opfer eines Gewaltaktes und zugleich "geschändet". Vergewaltigungen werden häufig nicht geahndet, obwohl jede/r, den Sie fragen, es "ganz schrecklich" findet, zeigen Richter doch immer wieder Verständnis für die "Interpretationsprobleme" (Schwierigkeiten) der männlichen Täter. Bis vor kurzem sicherte eine Ehe übrigens in unserem Land dem Täter sogar immer noch Straffreiheit zu. Ich finde die Frage zwar essentiell, aber nicht schwer zu beantworten. In einer patriarchalen Gesellschaft (besonders effektiv geprägt über Jahrtausende durch die monotheistischen, patriarchalen Religionen und den sich auf sie berufenden Sittenkodex) ist das "normal". Wir leben zwar im Postpatriarchat :-), aber das haben eben nicht alle schon gemerkt. (Es gibt eben neben den Blitz-Merkern auch viele "Zurückgebliebene" und ihre Inszenierungen als solche neuen "Opfer" sind ja in den Kommentarspalten der Männer-Magazine á la SPIEGEl etc. täglich nachzuvollziehen.)
      Aber, Polemik beiseite: Nein, ich widerspreche Ihnen ausdrücklich darin, dass es ein verabredunggemäßes "Recht" auf Penetration geben kann/soll. So wenig, wie einen Vertrag über die Lieferung eines Organs gegen Geld. Auch das ist Teil jenes anderen Denkens, für das ich mich einsetze und das die Bezogenheit zwischen Menschen nicht (wie der Liberalismus) auf "Rechte" reduziert. Manches ist eben nicht einklagbar (im Sinne eines Rechtes) und kann auch nicht rechtsförmig "erworben" werden. Daran hängt, was das Grundgesetz in seiner, wie Navid Kermani so richtig sagte, paradoxen Formulierung von der Würde des Menschen, die zugleich unantastbar und zu schützen ist. Den eigenen Körper einem/einer anderen überlassen, das darf aus meiner Perspektive niemals als "Rechtsakt" (oder in Form eines solchen geschehen) (weswegen eben auch ein solches Verständnis der bürgerlichen Ehe seit je der Menschenwürde widerspricht), sondern nur als Gabe . Manches kann nicht dem Tauschprinzip unterworfen werden, ohne die Würde des Menschen substantiell zu verletzen. Darunter fällt auch die Beziehung zum eigenen Körper und dessen Unverfügbarkeit.

      Zumindest sehe ich das so.

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  9. Haben Sie vielen Dank für die Mühe

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