Sonntag, 31. Dezember 2017

Jahresrückblick 2017 (random)

Reisen
Das Jahr begannen wir in Paris, kalt und schön. Liefen uns die Hacken ab im Nebel entlang der Seine, stritten uns in La Vilette, als ein Schiff nicht kam, schauten wieder einmal "An American in Paris" ("I got music..."), aßen üppig (Kartoffelbrei mit Käse!) in der "Ambassade d´Auvergne").

Im April fuhren wir nach BrüsselMorel fotografierte begeistert brutalistische Bauten und Comic Graffitis. Wir entdeckten das schönste Museum des Jahres, das mim (Museum für Musikinstrumente). Mir tat es die Hardangerfiedel an, ein mittelalterliches norwegisches Musikinstrument, das einer Geige ähnelt. Die alten Musikinstrumente werden im mim nicht nur ausgestellt, sondern man kann sie auch hören, an jedem Ausstellungskasten befinden sich Kopfhörer. Und außerdem natürlich: Rubens, Rubens, Rubens - der einfach der Geilste ist. Punkt. Dass Magritte so ein komischer + glücklicher Mensch gewesen ist, kann man im nach ihm benannten Museum erleben, besonders die Kurzfilme waren für mich neu und sehenswert. Wir tranken Himbeerbier (brr...), aßen Pommes (hmmm...) und fabelhafte Hausmannskost im "Les Brigittines". Bemerkenswertes Dessert: Karamellisierte Auberginen. 

Verregnet war der Sommer an der Ostsee, diesmal in Lübeck-Travemünde. (Morel meint: "Mit einem Rollator hätten wir besser ins Bild gepasst.") Sehenswert: Das Hansemuseum in Lübeck - wenig "echte" Ausstellungstücke, aber abwechslungs- und lehrreich präsentierte Handelsgeschichte. Ebenso spannend: Das Willy-Brandt-Haus, wo der Werdegang dieses mutigen, visionären, irrenden und schwierigen Menschen eindrucksvoll und mit vielen originalen Dokumenten (auch Ton und bewegtes Bild) nachvollzogen wird. (Von den Wahlkampagnen Willy Brandts könnte sich die SPD heutzutage auch strategisch und ästhetisch was abschauen.) In der Villa Mare aßen wir nicht, sondern speisten: U.a. Gänseleber 50 Grad mit Brioche. Großartig!

Ende des Jahres waren wir zu Besuch bei Mastermind, der in Berlin ein Praktikum absolviert. Wir sahen "Bella Figura", ein Stück von Yasmina Reza, geschrieben für die Schaubühne.  Brillante Schauspieler (u.a. Nina Hoss und Mark Waschke). Morel gefielen die existentialistischen Wortwechsel, Mastermind und ich konnten uns für die Figurenkonstellationen nicht erwärmen. Die Ausstellung "China und Ägypten. Wiegen der Welt" offenbarte mir vor allem meine Wissenslücken. Wir aßen zum Abschluss am Gendarmenmarkt im "Lutter und Wegner", Schnitzel halt. Normal, überteuert.

(Verkehrsmittel: Bahn.)


Lektüren 2017
(unerwähnt bleibt alles, was einen Verriss wert wäre, wenn ich Verrisse schriebe)

Ewald Frie: Die Geschichte der Welt
Asne Stierstadt: Zwei Schwestern
fortgesetzt: Emile Zola: Die Rougon-Marquart (z.Zt.: Ein Blatt Liebe)
Robert Forster: Grant and I
Edith Wharton: The Gods Arrive
Ronald Paulson: Sin and evil
Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht
G.R.R.Martin: A song of Ice and Fire
J.D. Vance: Hillbilly Elegy
Massum Faryar: Buskashi oder Der Teppich meiner Mutter
Fatma Aydemir: Ellbogen
Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen.
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Sabine Scholl: Die Füchsin spricht
Lyndal Roper: Luther
Edith Wharton: Das Haus am Hudson River
Edith Wharton: Der Prüfstein
Jasna Zajcek: Kaltland. Unter Syrern und Deutschen
Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege
Georgette Heyer: My Lord John
Hedwig Dohm: Schicksal einer Seele
Susanne Schröter: Gott näher als der eigenen Halsschlagader
Nora Bossong: Rotlicht
Cora Stephan: Ab heute heiße ich Margo
Alec Ash: Die Einzelkinder
Jami Attenberg: The Middlesteins
Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Irene Nemirovsky: Pariser Symphonie
Samuel Schirmbeck: Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
Barbara Beuys: Helene Scherjbeck. Malerin aus Finnland
Whit Stillman: Love and Friendship
Hubert Fichte: Ich beiße dich zum Abschied ganz zart
Christof Türcke: Lehrerdämmerung
Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde
Francoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
Karen Krüger: Eine Reise durch das islamische Deutschland
Celeste Ng: Everything I never told you
Emmanuel Carrere: Das Reich Gottes
Nancy Jo Sales: American Girls. Social media and the secret lives of teenagers
Christian Rudder: Inside Big Data
Bettina Stangneth: Böses Denken
Hillary Mantel: The Assassination of Margret Thatcher
Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel
Eva Ladipo: Wende
Hedwig Dohm: Die Mütter
Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz
Flannery O´Connor: The complete stories


Sonst so
Die Chiffre "Gott" hat für mich ausgedient. Die Mitgliedschaft in der Kirche wurde beendet. Es war der Abschluss eines Prozesses, der insgesamt ein Jahrzehnt umfasste, mit berufsbegleitenden theologischen Studien, einer vertieften Auseinandersetzung mit den abrahamitischen Religionen, Reflexionen zu meiner protestantischen Erziehung und Prägung, was letztlich - nach einem kurzen Aufflackern des alten "SchuldundSühne-Komplexes" - zu einer wachsenden Resignation gegenüber theologischen Fragestellungen und religiös begründeten Moralvorstellungen führte. Hinzu kam gelegentlich der Ärger über die geistige und geistliche Dürftigkeit des Denkens beim Führungspersonals "meiner" Kirche, z.B. Bedford-Strohm und Käßmann. Ich bleibe - selbstverständlich - "Kulturchristin". 


Ein Jahr beruflicher und gesundheitlicher Krisen war das auch, die einander mindestens beeinflussten, wahrscheinlich verstärkten. Der älter werdende Körper reagiert heftiger auf Infektionen und Entzündungen, alles heilt langsamer und weniger nachhaltig. 

Ich habe hier wenig geschrieben, vor allem, weil es von meiner Seite wenig zu sagen gab, mehr nachzudenken, abzuwägen, in Frage zu stellen. Denn die politischen Krisen der Zeit betrachte ich auch als die meinen, des Denkens und des Versagens jener Gruppierungen, denen ich mich - wie immer lose - zugehörig fühle, des von seinen Gegnern sogenannten "rotgrün-versifften Milieus". Der Aufstieg rechtsnationaler bzw. -radikaler Parteien und Personen, die schwierige und häufig auch scheiternde Integration von Migrantinnen und Migranten, der Umgang mit islamistischen Bestrebungen und islamistischem Terror haben in mir Zweifel an eigenen Überzeugungen und Strategien ausgelöst, anders als ich es in meinem Umfeld beobachte, wo ich einen rechthaberischen Trotz wahrnehme, eine moralisch übersteuerte Dauerempörung, kombiniert mit der Unlust Analysen und Überlegungen auch nur zu lesen, die das eigene Weltbild nicht bestätigen. Ich habe keine Antworten gegenwärtig, nur "random"-Fragen (zusammenhanglos, willkürlich, unausgegoren):
- Wie die theoretische Fokussierung der Gesellschaftsanalyse auf Diskursanalyse mit der Konjunktur des Postfaktischen zusammenhängt?
- Ob es eine neue Balance der Analyse von Symbolik und Materie braucht, eine Anstrengung von Natur- und Geisteswissenschaft, sich gegenseitig wieder stärker wahrzunehmen und auszutauschen? 
- Wie sehr "Intersektionalität" als Analyse- und Kampagneninstrument zu einer gefährlichen, Individuen und Individualität gefährdenden, "Identitätspolitik" beiträgt?
- Wieso Teile der feministischen Bewegung Politik für und von Frauen als Teil von Minderheitenpolitiken ansehen und in diese integrieren bzw. diesen unterordnen wollen? (Was teilweise m.E. zu unerträglichen Allianzen mit Israelfeindinnen oder zur unreflektierten Befürwortung der Einwanderung überwiegend junger Männer oder zur Begeisterung für "Modest Fashion" etc.pp. führt) und: Wie dagegen zu argumentieren und zu handeln ist, d.h. auch: welche Allianzen noch möglich sind, welche gebrochen werden müssen?
- Inwiefern eine Kritik des Subjektivismus Verantwortungslosigkeit befördert hat?

Das ist alles - selbst in Frageform - noch sehr vage formuliert. 

Am Ende dieses Jahres fühle ich mich so unsicher in meinen Überzeugungen und Haltungen wie zu Beginn. Aber sicherer darin, diese Verunsicherung fruchtbar machen zu können, langfristig. 

Amazing und Mastermind, unsere Söhne, deren Erwachsenwerden in diesem Blog auch begleitet wurde, haben am Ende dieses Jahres ein 1. Staatsexamen in Jura bzw. einen Bachelor-Abschluss in Psychologie erfolgreich bestanden. Das macht mich froh und stolz. Mastermind wird seine Studien fortsetzen, Amazing ist in unsere Nachbarschaft gezogen  (und damit auch zurück in seine Geburtsstadt) und wird sein Referendariat aufnehmen.

Ich schreibe wieder, bald vielleicht auch hier. Keine politischen Essays wahrscheinlich, sondern literarische Experimente. Ich schließe nichts ab und nichts aus. Ich lerne.

Offenbach, Alter Friedhof, Herbst 2017

Kommentare:

  1. Ihre "sonst so"-Einkreisungen kann ich ganz gut teilen. Schweigsame Zeiten, wenn schon allzu viel Andere resumieren und alltäglich lautstark einordnen (brüllen), wo es noch gar nichts einzuordnen gibt. Ich wünsch Ihnen mit Familie ein gutes und wunderbares neues Jahr!

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  2. Das Essen von Wiener Schnitzel, zu zwar hohem, aber doch, im Hinblick auf die Qualität angemessenem Preis, empfehle ich, wenn es denn schon im geliebten Wien nicht geht, das Plachutta ist übrigens arg überschätzt, dann wenigstens in Berlin im „Einstein“, und zwar in der Kurfürstenstraße. Köstlich und auch der Erdäfpelsalat dazu. Und fein ist das Ambiente und die Kellner sind höflich. Das ist für Berlin nicht selbstverständlich.

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