Freitag, 4. März 2011

THE GO BETWEENS: MAGIC IN HERE

Mein Horoskop ist heute pessimistisch. „Am Nachmittag“, prophezeit es, „musst du erkennen, dass du nicht alles in der Hand hast. Es könnte sein, dass du einen Rückschlag hinnehmen musst.“ Meine Laune hat sich der Vorhersage bereits angepasst. Wann immer ich so fühle und meinen mp3-Player dabei habe, stöpsle ich die Stecker in die Ohren und höre die Go Betweens. Ich bin kein Fan-Typ, erst recht kein Groupie. Sogar als Fußball-Fan bin ich außerhalb des Stadions und jenseits der 90 Spielminuten überaus gemäßigt. Die Go Betweens aber betrachte ich so sehr als Teil meines Alltagslebens, dass man es schon mit der Verblendung von Fans vergleichen könnte, die sich für gute Freunde ihrer Idole halten. Mein musikalisches „Erweckungserlebnis“ hatte ich mit „The Velvet Underground“, Lou Reed, David Bowie, dann natürlich PUNK, PUNK, PUNK, später The Smith und The Fall. 

Die Go Betweens aber bedeuten mir mehr als alle anderen. In ihre Musik musste ich mich nie einhören. Sie war immer da, genau dort, wohin ich wollte oder musste oder schon war oder wo ich herkam. Natürlich spielte es auch eine Rolle, dass sie keine reine Jungs-Band waren, sondern Lindy Morisson die Drums spielte und Amanda Brown Geige. (Ein wenig spiegelt meine unreflektierte Freude an dieser Konstellation meine damalige Naivität in Bezug auf die eigene Situation. Als sie auseinander gingen, machten Grant McLennan und Robert Forster das unter sich aus. Morrison und Brown erfuhren erst nachträglich von der Entscheidung. Meine Freundin S. sagt: „So waren wir auch. Wir dachten wir spielen mit. Gleichberechtigt. In Wahrheit spielten wir ihre Lieder.“) Wahrscheinlich gab es immer eine Rivalität zwischen McLennan und Forster, beide begnadete Songwriter, fasziniert von Texten und Bildern, belesen, skurrill, hintergründig. Sie kreierten für die Go Betweens einen eingängigen Sound, der doch immer „on the edge“ blieb, bei aller Lässigkeit und melodischen Harmonie Schrägen und surreale Bilder enthielt.  Robert Forster kam dem Typ, von dem ich mich angezogen fühlte, viel näher: das Dunkle, Brütende. Aber es war eigenartiger Weise immer McLennans durch Heiterkeit getarnte Melancholie, aus der jene Songs entstanden, die mich am meisten berührten: Right Here.

Ich lese, dass sie als „one of the most underrated bands“ gelten. Nun, unter „uns“ waren sie das nicht. In den 80er Jahren waren die Go Betweens eine der wichtigsten Bands für fast alle, mit denen ich näher Kontakt hatte. „Spring Hill Fair“ (Five words) und „16 Lovers Lane“ (Streets of your town) waren Alben, die jede/r haben musste. Dass sie sich trennten, tat weh. Im Rückblick fällt diese Trennung einer Band, die ich liebte, am Ende des Jahres 1989 für mich mit einer scharfen Zäsur im eigenen Leben zusammen. Das ist natürlich Zufall. Oder auch nicht. 2000 brachten sie nach einem Jahrzehnt Pause wieder ein geniales Album heraus: „The Friends of Rachel Worth" (He lives my life). Forster hatte im tiefen Wald bei Regensburg gelebt (seit er mit der deutschen Musikerin Karin Bäumler zusammen war) , während Grant McLennan unter anderem „Easy come easy go“ zurück in Queensland aufgenommen hatte. „Oceans Apart“, das 2005 herauskam, wurde ihr letztes Album. Im  Mai 2006 fand man Grant tot in seinem Haus in Brisbane. Er wurde nur 48 Jahre alt.

An Tagen wie heute fühle ich besonders stark, wie sehr ich mir wünsche, Grant McLennan hätte noch einige Songs schreiben und einspielen können. Forster spielt, wie auch schon in 90er Jahren, Solo-Alben ein. „The Evangelist“ ist ein Album, das ich gut finde. Doch fehlt mir Grant McLennans leisere Stimme. Robert Forster war sicher immer der markantere, auffälligere. McLennan  konnte auf eine sehr zarte und zärtliche Weise Verletzlichkeit und Melancholie hörbar werden lassen, ohne so „sophisticated“ daher zu kommen, wie es bei Robert Forster manchmal der Fall ist. McLennan spielte mit sanfter Ironie, wo Forster auch schon mal sarkastisch wurde. Sie hatten es wahrscheinlich nicht immer leicht miteinander. Doch sie taten einander gut – und den Songs, die sie für uns spielten.  An Tagen wie diesem höre ich „Magic in here.“ Es wird nicht alles gut, aber es fühlt sich ein bisschen besser an.

Songzeilen von McLennan/Forster inspirieren jeden Text für  "Melusine featuring Armgard". 

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